Interview mit SEBASTIAN DIERKSMEIER

Es geht nicht um Paranoia oder Verschwörungstheorien, sondern um den Blick nach innen; um eine dringend benötigte Bestandsaufnahme

 

Zur Person:

Sebastian Dierksmeier, Jahrgang 1983, studierte Fotodesign an der FH Dortmund, schon früh wurden seine Werke ausgezeichnet. Für besondere Aufmerksamkeit sorgt Dierksmeiers Arbeit „Warum hast du mich belogen?“ zurzeit zu sehen in der Galerie Bildfläche, Eichstätt und auf Mboni.com

 

Herr Dierksmeier, eigentlich wollte ich Sie fragen, wo Ihr fotografischer Schwerpunkt liegt, aber ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass Sie gar nicht nur auf die Kamera festgelegt sind? Können wir also bald auch Installationen, Skulpturen, oder Videokunst von Ihnen erwarten?

 

Ich glaube ich bleibe vorerst bei der Arbeit mit der Kamera. Die Audio-Slideshows sind zwar schon recht nah an Videokunst, aber durch meinen Hintergrund in „klassischer” Fotografie fühle ich mich dem Standbild, in welcher Präsentationsform auch immer, recht verbunden. Eine mögliche Entwicklung gäbe es vielleicht in Richtung Film, allerdings müsste dazu erst irgendwie ein Budget erscheinen.

Georg Bergjohann

Womit konkret beschäftigt sich Ihre Arbeit "Warum hast du mich belogen?"

 

„Warum hast Du mich belogen?” möchte eine Abrechnung mit den gut gemeinten Lügen der Eltern, der Lehrer, der Regierungen und der Medien sein. Und vor allem mit den Lügen die wir uns selbst erzählen. Es geht nicht um Paranoia oder Verschwörungstheorien, sondern um den Blick nach innen; um eine dringend benötigte Bestandsaufnahme.

Was wurde aus meinen und unseren Kindheitsträumen? Wie viel haben wir aufgegeben oder verdrängt, was haben wir verwirklicht? Weshalb glauben wir so leichtfertig den Scheinautoritäten um uns? Wann haben wir aufgehört nachzufragen? Und warum?

Ich behaupte nicht, Antworten auf diese meiner Meinung nach wichtigen Fragen zu haben, aber ich wundere mich, warum sie so selten gestellt werden.

Kann Sie als Gegenstück zum American Dream verstanden werden?

 

Auf eine seltsame, zugegeben ziemlich naive Art, glaube ich noch immer an den Traum und daran, das „alles gut wird”. Ich finde es sehr interessant wie unterschiedlich die Arbeit rezipiert wird. Einige halten sie für depressiv und zynisch, andere sehen einen hoffnungsvollen Neustart nach einer harten Analyse. Ich rede mir gern ein, das jeder aus der Arbeit mitnehmen kann, was er oder sie möchte; ich gebe keine Richtung vor, sondern liefere (hoffentlich) nur einen Ansatz zu eigenen Überlegungen.

Warum haben Sie sich für eine fiktive Dokumentation entschieden?

 

Die Frage warum wir immer noch an Bilder glauben beschäftigt mich schon sehr lange. Egal ob es um die Photoshop-Chimären der Werbeindustrie oder um meinungsbildendes „Beweismaterial” im demokratischen Prozess geht: Bilder sind mächtig. Wir hinterfragen die Oberfläche zu selten, auch wenn wir uns das Gegenteil einreden und uns für kritisch denkende, aufgeklärte Bildkonsumenten halten. Wir leben in einer Zeit, in der mit unscharfen Luftaufnahmen von irgendwelchen Lagerhallen Kriege begründet werden; wir können uns hirnloses Anstarren und Akzeptieren nicht mehr leisten.

Ich versuche, in einem kleinen, intim wirkenden Rahmen die Mechanismen der emotionalen Manipulation zu untersuchen und zu demonstrieren.

 

Ein zentrales Thema von "Warum hast du mich belogen?" sind die Konsequenzen von getroffenen Entscheidungen. Viele wichtige Wahlentscheidungen scheinen jeden einzelnen gleichzeitig vor die Wahl zwischen Ratio und Herz zu stellen. Dabei ist die scheinbar so nüchtern errechnete Ratio auch nur ein sich unterschwellig veränderndes subjektives Konstrukt unserer Wahrnehmung. Ist es so gesehen nicht sinnvoller sich grundsätzlich gegen die Vernunft zu entscheiden, um glücklich zu sein?

 

Auf diese Frage wird wohl jeder seine eigene Antwort finden müssen. Persönlich versuche ich Hirn und Herz irgendwie in ein Gleichgewicht zu bekommen, obwohl sich die beiden scheinbar oft gegenseitig bekämpfen.

Als konkretes Beispiel und auf meine Arbeit bezogen: Der traurige Astronaut hätte nicht so tief stürzen können, wenn er nicht vorher so hoch geflogen wäre, was wiederum nur möglich war, weil sehr intelligente Menschen die Technologie erschaffen haben, was aber natürlich nur (finanziell) wegen dem Propagandarennen des Kalten Kriegs geschah. So entstand am Ende aus politisch motivierter Angst ein durch rationale Wissenschaft verwirklichter globaler Moment der Hoffnung, der 50 Jahre später scheinbar bedeutungslos und vergessen ist. Es bleibt am Ende die Frage ob es das alles wert war und ob es sich lohnt weiter vorwärts und aufwärts zu schauen. Ich bin mir nicht sicher ob man im Zeitalter der Wirtschaftskrise, des Terrors und all der anderen gigantischen Probleme noch Raumschiffe bauen darf, aber ich würde so gern die Marslandung noch erleben dürfe

Was war Ihr Berufswunsch, als Sie ein Kind waren?

 

Ich wollte - wie unzählige andere - Astronaut werden. Ich möchte eigentlich immer noch Astronaut werden, habe nur bisher meine Startrampe nicht gefunden.

Interview mit Severin  Koller

„Auch wenn man jeden Tag denselben Weg nimmt, ist die Konstellation der Dinge und Menschen nie die gleiche“

 

Herr Koller, ich habe mir gerade Ihre neuesten Bilder auf http://severinkoller.at/blog/ angeschaut. Sind Sie jetzt auch auf Digitalfotografie umgestiegen?

Diesmal sind ein paar digitale Fotos dabei. In den nächsten Einträgen wird man jedoch wie gewohnt analoge schwarz-weiß Fotos sehen.

Zu den digitalen Fotos kam es, als ich von Chris Weeks, einem befreundeten Fotografen, in Los Angeles eine Leica M9 ausgeborgt habe um mit dieser ein paar Tage zu fotografieren. Ich wollte sehen, ob eine 5000 Euro Digitalkamera mit den Negativscans einer analogen Kamera mithalten kann.

Es interessiert mich herauszufinden, ob ich für meine persönliche Arbeit eine digitale Kamera verwenden würde. Für Aufträge von KundInnen verwende ich bereits seit Jahren digitale Canons, da suche ich gerade nicht nach einem Ersatz. Manche Aufträge schieße ich dann aber doch lieber auf Mittelformat. Es ist zwar mehr Aufwand aber es zahlt sich meiner Meinung nach aus.

Ich werde so lange analog fotografieren bis es eine adäquate Möglichkeit gibt, im Digitalen auf ähnliche Art in Schwarz-Weiß zu arbeiten wie im Analogen. Ich rechne allerdings nicht damit, dass ich das noch erleben werde. Es geht dabei weniger um technische Möglichkeiten, als um eine bestimme Denk- und Arbeitsweise und den Spaß am Fotografieren.

 

Sie stehen ja noch selbst in der Dunkelkammer und entwickeln Ihre Filme, warum fotografieren Sie analog? Was sind die Vorteile?


Es ist viel aufregender, Filme zu entwickeln und zu scannen als das Bild gleich am Display zu sehen, nachdem man es gerade geschossen hat. Wenn ich Film fotografiere, dann ist das Foto gemacht und ich kann mich schon wieder auf den nächsten Moment konzentrieren ohne dass mich die Möglichkeit der ständigen Kontrolle ablenkt. Film-Fotografie ist puristischer und mehr darauf ausgelegt, bereits fertige Bilder zu produzieren. Digitale Fotos benötigen eine viel intensivere Nachbearbeitung, damit sie einen eigenen Charakter bekommen. Analoge Filme besitzen ein Eigenleben, das ist ihr großer Vorteil.

Außerdem ist es leider so, dass die Qualität der Schwarz-Weiß Filmentwicklung in Laboren meinen Ansprüchen häufig nicht genügt. Daher bleibt mir nur, meine Filme selbst zu entwickeln. Ich verstehe aber auch, dass man für eine qualitative Entwicklung 15 bis 20€ pro Film verlangen müsste. Im Vergleich dazu rangieren die Materialkosten der Selbstentwicklung in einem Bereich zwischen 1und 2€.

 

Was fasziniert Sie an Street Photography?


Mich fasziniert, dass es täglich Neues zu entdecken gibt. Man muss nichts anderes machen, als mit der Kamera um den Hals auf die Straße zu gehen. Auch wenn man jeden Tag denselben Weg nimmt, ist die Konstellation der Dinge und Menschen nie die gleiche.

Es braucht jedoch mehr als das bloße Festhalten eines Motivs. Es sind die Momente, die den meisten Menschen verborgen bleiben. Solche Szenen festzuhalten und sichtbar werden zu lassen macht meiner Ansicht nach ein gutes Street-Foto aus.

Sie fotografieren viel in Wien, was ist Ihrer Meinung nach typisch wienerisch?


Das sind wohl Würstelstand, Fiaker und eine Melange, auf dem Silbertablett serviert.

Wenn ich an das typisch Wienerische denke, dann sind das nicht gerade die Motive die mich für meine Arbeit interessieren. Alte Menschen mit ihrem "Wau wau" oder nächtliche Gestalten am Würstelstand sind nicht meine Motive. Gut, ich gebe zu, wenn sie mir vor die Linse laufen, löse ich ab und an mal aus, aber in der endgültigen Auswahl bleiben jene Bilder übrig, in denen Momenten und Konstellationen eingefangen wurden, die außergewöhnlich sind. Darin sehe ich die Herausforderung – gerade als Wiener Fotograf in Wien.

Ist Wien ein Street-Fotografie Eldorado? Es scheinen viele Fotografen fasziniert von der Stadt zu sein, Kay von Aspern beispielsweise sagte in einem Interview, dass die Szene dort groß ist im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Städten, wie Hamburg, woran liegt das?

Bei Street gibt es ein weites Spektrum an Herangehensweisen. Ob es Portraits sind, Stilleben, Situationen, konzeptuelle Arbeiten - es sind kaum Grenzen gesetzt. Hier also von einem Eldorado zu sprechen kommt ganz darauf an wonach man auf der Suche ist. Im Vergleich zu Städten wie New York, Istanbul oder Tokio hat Wien bei Weitem nicht das gleiche Potential an Skurrilität und urbanem Leben zu bieten. Auch hinsichtlich Portraits ist Wien kein so einfaches Pflaster, da die Spontaneität und das Interesse gegenüber Fremden nicht mit anderen Metropolen vergleichbar ist. Das ist eine Frage der Mentalität. Der Geist einer Stadt spiegelt sich eben auch in Street-Fotos wieder und in Wien war dieser immer schon etwas morbide.

 

Ob die Szene an Street Fotografen in Wien aktiver ist als in anderen Städten, kann ich als Einheimischer schwer beurteilen. Klar, dass ich hier einige kenne, aber ich würde Wien nicht an die erste Stelle reihen. Ich merke, dass zum Beispiel London hinsichtlich Publikationen und Plattformen viel aktiver ist. Auf den deutschsprachigen Raum bezogen sind wir in Wien im Vergleich jedoch wohl recht aktiv.

Wir haben gute FotografInnen in Wien aber es gibt keinen Markt oder zu wenig gesellschaftliches Interesse an dieser Kunstform. Die staatliche Kunstförderung ist viel zu oft verstrickt mit politischen Parteien und Netzwerken und da kommt es immer wieder vor, dass die Gesellschaftstauglichkeit einer künstlerischen Arbeit über kritische Inhalte gestellt wird.

Worin unterscheidet sich Ihre Schwarz-Weiß-Fotografie von Ihrer Farbfotografie?

Ich achte selten auf die Farben eines Motivs. Mein Blick sucht eher nach Kontrasten. Wenn ich also Street-Fotos mache, dann konzentriere ich mich auf Licht, Schatten, Formen und Strukturen. Es fällt mir in schwarzweiß leichter den Fokus auf eine Situation oder Person zu legen als in Farbe. Farben ziehen die Aufmerksamkeit oft auf Objekte die mir in meinen Fotos nicht so wichtig sind.

Schwarzweiß ist zeitlos und erleichtert es, die Essenz eines Moments festzuhalten.

Sie reisen viel, beispielsweise hat Sie das LFI-Magazin in den USA zusammen mit Chris Weeks, Frank Jackson und Mario Anzuoni begleitet. ( “Documenting the human condition”, zu sehen unter http://www.lfi-online.de/ ) Was sind Ihre Lieblingsorte?

Das LFI hat über einen Film von Chris Weeks zu Street-Fotografie berichtet. Ich war durch Zufall zum richtigen Zeitpunkt in Los Angeles und so hatte ich das Glück, Teil dieses Projekts zu sein.

Ein Großteil meiner Reisen ist auftragsbedingt. Oft steige ich ins Taxi zum Flughafen, komme im Hotel an, fahre zum Auftrag, dann wieder zurück ins Hotel und zum Flughafen. Da bleibt also leider nicht viel Zeit um ein Gefühl für den Ort zu bekommen.

Für meine künstlerische Arbeit ist New York mein persönliches Mekka. Wenn ich zwei Wochen dort gewesen bin brauche ich aber eine Pause vom Fotografieren, weil es so intensiv ist. Ich fotografiere dort in etwa dieselbe Menge an Fotos in zwei Wochen wie sonst in einem halben Jahr.

Sind es neue fotografische Eindrücke, die Sie besonders am Reisen interessieren? Und kennen Sie in diesem Kontext auch die Suche nach der Utopie- dem perfekten Bild.

An neue Orte zu reisen ist für mich als Fotograf natürlich reizvoller als immer an den ohnehin bekannten zu bleiben. Den selben Platz wieder aufzusuchen um zu fotografieren macht für mich nur dann Sinn, wenn ich glaube, das Potential dort noch nicht ausgeschöpft zu haben.

Ich habe lange Zeit nach dem perfekten Bild und der Perfektionierung der Technik gesucht. Als ich gemerkt habe, dass es mich in meiner künstlerischen Freiheit hemmt, habe ich mich wieder mehr auf die Inhalte konzentriert. Es ist ein ständiges Abwägen. Wichtig ist mir, selbstkritisch zu bleiben und neue Ziele und Herangehensweisen zu verfolgen.

Georg Bergjohann