Aktuell Kritisch Unabhängig

Empfehlungen/Bewertungen/Rezensionen von Neuerscheinungen und Büchern, die wir für interessant halten

 

Mary Ann Shaffer / Annie Barrows

Deine Juliet

Roman
Erschienen 2009 als Taschenbuch bei Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg,
ISBN 978 3 499 24593 o

Umschlag und Innenseite verheißen einen bezaubernden Roman, romantisch, Platz 1 der „New York Times - Bestsellerliste" - muss man's also lesen?
Es ist ein Briefroman, der uns vielschichtige Ebenen erfahren lässt. Kurz nach dem zweiten Weltkrieg kommt die Protagonistin des Romans, die 32-jährige im zerbombten London lebende Schriftstellerin Juliet in Kontakt mit Bewohnern der Kanalinsel Guernsey und den Mitgliedern eines literarischen Zirkels mit dem Namen „Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf". Wir lernen auf den ersten ca. 50 Seiten die bisherige Welt von Juliet kennen - und wie es dazu kommt, dass sie sich für die Menschen auf Guernsey zu interessieren beginnt. Sie erhält und schreibt Briefe an viele, sehr unterschiedliche Menschen. Auf diese Weise entsteht für den Leser allmählich das Bild einer jungen Frau und ihrer Entwicklung, er erfährt aber zugleich auch sehr viel über die Zeit der Besatzung durch die deutschen Truppen, von Kollaborateuren, von Not und Unrecht, aber auch von gegenseitigem Verständnis, Mut, Achtung und Zusammenhalt in schwerer Zeit. Wir erleben unmittelbar Situationen mit, die Weinen machen, und Situationen, die urkomisch sind. Mary Ann Shaffer lässt uns Menschen kennenlernen mit allen ihren Stärken und Schwächen; sie erzählt von den Gründen, die Eltern damals veranlasst haben, ihre Kinder ins (hoffentlich) sichere England zu schicken, aber auch davon, wie einfache Menschen mit Literatur in Berührung kommen und lässt uns teilhaben an deren handfesten und von natürlicher Intelligenz geprägten Urteilen, und eben nicht zuletzt auch an der Geschichte von Juliet.
Ein kurzweiliges Buch, Lesevergnügen pur - einmummeln und ein Glas Rotwein dazu!

Gisela Baumann-Wagner

 

Am Anfang war die Nachtmusik - Alissa Walser - Roman

19,90 Euro, Piper Verlag

 

  • ISBN-10: 3492053610
  • ISBN-13: 978-3492053617
  • Empfehlung, Besprechung folgt

David Nicholls: ZWEI AN EINEM TAG

Verlag: Kein & Aber, 22,90 €.

Der 15. Juli bestimmt den neuen Roman des britischen Autors David Nicholls. An diesem Tag im Jahr 1988 begegnen sich zwei Menschen, die von diesem Zeitpunkt in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt werden. Im Laufe der Geschichte wird der 15. Juli der folgenden Jahre im Leben von Emma und Dexter beleuchtet. Die beiden wären das ideale Paar, es scheint aber ihr Schicksal zu sein, dass sich ihre Wege unaufhörlich Jahr für Jahr wieder trennen.

Nach den Vorgängerromanen „Keine weiteren Fragen" und „Ewig Zweiter" ist dies das dritte Buch des ehemaligen Bühnenschauspielers Nicholls. Er erzählt mit viel Gefühl, das sofort auch den Leser infiziert. Auch wenn „Zwei an einem Tag" überwiegend von Gefühl inspiriert ist, so steckt doch hinter dieser Liebesgeschichte eine zum Nachdenken anregende Idee. Diese Königskinder-Geschichte ist auf der Bestenliste des vergangenen Jahres in jedem Fall auf einem der besten Plätze einzuordnen. Wer sie noch bis jetzt noch nicht gelesen hat, sollte dies in diesem Jahr nachholen.(B-A)

 

ANGRIFF AUF DIE FREIHEIT

Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte

Sind wir auf dem Weg in einen Überwachungsstaat?

 

Ilija Trojanow und Julie Zeh beschäftigten sich in ihrem Buch mit einer Gefahr die uns allen droht. Wir werden zu einem gläsernen Menschen. Die Autoren warnen vor dem Abbau der bürgerlichen Rechte in einer Zeit, wo Meldungen über grausame Tötungsdelikte uns Tag für Tag aufschrecken und wir angesichts territoaler Bedrohung bereit sind, unsere Freiheit mehr und mehr einschränken zu lassen. Der Sicherheitswahn vieler Menschen führt dazu, dass sie Belauschung und Bespitzelung als Normalität ansehen. Besondere Bedeutung wird in diesem Zusammenhang dem Internet beigemessen. Allzu sorglos hinterlassen hier viele User ihre Daten. Auch Jugendliche sind davon betroffen. Über die Konsequenzen der Nutzung sind sich die Internetbesucher oft nicht im Klaren. Daten können missbräuchlich verwendet werden oder den Nutzern Nachteile bringen, beispielsweise bei Bewerbungen. (Ha-K)

Ilija Trojanow, Juli Zeh, Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte, Hanser Verlag 2009, 14,90,

  • ISBN-10: 3446234187
  • ISBN-13: 978-3446234185

DAS GLÜCK IN GLÜCKSFERNEN ZEITEN

Wilhelm Genazino
Roman, 158 S.
Hanser Verlag München 2009
ISBN 978-3-446-23265-5


Der Roman handelt von Gerhard Warlich. Nach äußeren Kriterien lebt er in guten Verhältnissen. Er hat sich zum Geschäftsführer einer Großwäscherei hochgearbeitet, hat eine Partnerin, die zu ihm hält, ihn zu verstehen sucht und auf ihn eingeht. Es will sich allerdings trotzdem keine Lebenszufriedenheit einstellen. Er hat über Heidegger promoviert und seine ursprünglichen Vorstellungen über seine beruflichen Möglichkeiten nach und nach begraben. Geblieben sind ihm seine analytischen Fähigkeiten, die alltägliche Umgebung wahrzunehmen und sein aus der akademischen Ausbildung erwachsenes Anspruchsdenken an sich selbst, dem er aber nicht gerecht werden kann. So analysiert er sich fortwährend selbst ohne eine Möglichkeit zur Problemlösung zu sehen: „….Leute, die ihre Konflikte nicht lösen können, tragen diese in unbearbeiteter Form weiter mit sich herum, als eine Art metaphysische Bestürzung. Seit wenigen Augenblicken weiß ich, dass ich zu diesen bestürzten Menschen gehöre.“ Als seine mitten im Leben stehende Partnerin ihm ihren Kinderwunsch eröffnet, kollidieren seine diffusen Vorstellungen mit der Wirklichkeit. Auch als ihm zudem sein Job gekündigt wird, schafft er es nicht, ihr seine innere Zerrissenheit deutlich zu machen: „Das lebensgeschichtlich tief sitzende Unbehagen, dass ich mich von der Philosophie, der Bildung und meiner Eitelkeit habe narren lassen, ist bis heute zwischen Traudel und mir nicht besprochen worden. Das noch viel tiefer sitzende Problem, dass ich inzwischen von meiner peinigenden Selbstüberschätzung weiß, ist praktisch unaussprechlich.“ So driftet sein Leben immer mehr an den Rand von Normalität. Er wird schließlich von seiner Umgebung als Fall für die Psychiatrie wahrgenommen – für ihn selbst letztlich keine Katastrophe: „Es beruhigt mich, Details zu entdecken, die zwischen mir und den anderen liegen. In der Wahrnehmung dieser Differenz lebt mein Ich.“
Warlichs Geschichte nimmt einen für ihn persönlich versöhnlichen Ausgang; der Leser als Beobachter seines inneren Werdegangs erfährt viel über menschliche/männliche Befindlichkeiten und tiefe, nachvollziehbare Einsichten. Sie sind manchmal auch entgegen den gängigen, oft sehr trivialen Vorstellungen formuliert, aber sie treffen den Leser unmittelbar: „Wer einmal geliebt hat und immer noch liebt, der weiß auch, wie lange es gedauert hat, sich für die Liebe überhaupt geeignet zu machen. Diese Liebesarbeit ist es, von der man im Schmerz bemerkt, dass man sie nicht so einfach wiederholen kann.“
So entwickelt Genazino das Psychogramm eines Mannes, der sich zwar bemüht, sich in der Realität zurechtzufinden, dem aber sein Anspruch an sich selbst im Wege steht. Zu welcher Erkenntnis wird er letztlich kommen?
Ein Buch für Leser, die es genießen, wenn sich Sprache zu wunderbaren Bildern wandelt.  (Gisela Baumann-Wagner)

 

Anmerkung der Redaktion

11. Februar 2010

Wie gestern bekannt wurde, erhält Wilhelm Genazino den mit € 10.000 dotierten Rinke-Sprachpreis für seinen Roman. Für sein Werk wurden ihm bereits der Georg-Büchner-Preis und der Kleist-Preis zugesprochen.

 

JOHN BOYNE - DER JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA

JOHN BOYNE 

Es gibt viele Bücher, die das so genannte 3. Reich beschreiben. Dieses ist eines, das jeden berührt, der es liest, auch wenn es eher ein Jugendbuch ist. Wir sollten nicht aufhören, uns damit zu beschäftigen, was diese Zeit ausmachte. Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der in diesen Tagen seinen 90. Geburtstag feiert, hat in einer Gedenkrede, die er am 23. November 1977 im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz hielt, uns allen den Grund genannt:
„Wir heutigen Deutschen sind als Personen nicht schuldig, aber wir haben die politische Erbschaft der Schuldigen zu tragen, hierin liegt unsere Verantwortung. Aus ihr erwächst der Auftrag, die Zukunft nicht dem Zufall zu überlassen, sondern sie mit Mut, mit Umsicht zu gestalten." Dies gilt für uns und für unsere Kinder. Sie müssen die Möglichkeit haben, nicht nur durch Faktenwissen einen Einblick in die Zeit zu gewinnen, sondern sollten auch einen emotionalen Zugang gewinnen. Das bietet dieses Buch.
Bruno ist 9 Jahre alt und lebt mit seiner älteren Schwester und den Eltern in einem herrschaftlichen Haus in Berlin. Sein Vater ist ein wichtiger Mann und wird eines Tages nach „Aus-Wisch" versetzt. Die Familie muss mit. Bruno registriert mit dem klaren, unbestechlichen Blick des 9-jährigen die Vorgänge um ihn herum, ohne sie wirklich einordnen zu können. Entsprechend dem Erziehungsstil der Zeit wird mit den Kindern wenig oder gar nicht geredet. Bruno ist auf sich gestellt, denn die ältere Schwester ist keine wirkliche Gesprächspartnerin für ihn. Unterricht erhalten die Kinder vom Hauslehrer. Schließlich findet er aber doch einen Freund; nur lebt der leider jenseits des merkwürdigen Zauns, hinter dem eine Kolonie von eigenartigen Menschen wohnt, die alle eben jene gestreiften Anzüge tragen. Spielen können sie nicht zusammen, aber reden. Die Geschichte spitzt sich zu, man mag das Buch nicht mehr aus der Hand legen.
Bevor Sie dieses Buch verschenken, lesen Sie es selbst. Sie werden erschüttert sein.

(Gisela Baumann-Wagner)