REZENSIONEN
„So was von da“ von Tino Hanekamp
Kiepenheuer & Witsch, 14,99 Euro
Loser aufgepasst: Superman, James Bond und Asterix sind out. Die Zeit ist reif für Antihelden!
Oskar Wrobel ist der Antiheld in Tino Hanekamps Erstlingswerk „So was von da“. Er ist der klassische Verlierer: Freundin weg, ein Haufen Schulden und Kiez Kalle im Nacken, der seine 10.000 Euro zurückhaben will, möglichst sofort. Wie der Autor selbst, ist auch sein Antiheld Oskar Nachtclubbetreiber in Hamburg (Hanekamp betreibt das Uebel&Gefährlich).
„So was von da“ ist die Hommage an eine Nacht. Es ist Silvester und die letzte Nacht vor Abriss des Clubs. Es ist die Party vor dem Abgrund. Es ist eine große Portion Leben. Die Protagonisten lassen sich durch eine Nacht voller Überraschungen treiben und genießen jede Pointe, die ihnen diese Nacht entgegenstellt.
Und da jede gute Geschichte auch eine Moral braucht, sei diese hier kurz angerissen: Es ist nicht wichtig, wie häufig man auf die Schnauze fällt. Wichtig ist allein der Rausch des Lebens.
„So was von da“ ist Scheitern mit Stil. Tino Hanekamp ist Schriftsteller mit Beobachtungsgabe. Dieses Buch sollte man unbedingt lesen: Die Protagonisten wachsen einem schon von der ersten Seite an ans Herz und jeder Neue ist willkommen auf der Party im Herzen des Lesers. Die Geschichte ist ein Überraschungseffekt auf 285 Seiten. Schnell, witzig und nie, wirklich nie langweilig. Und morgen ist ein neues Jahr.
Komödie des Alterns
Michael Scharang
Suhrkamp Verlag Berlin 2010
ISBN-Nr. 978-3-518-42135-2
Man muss sich nicht selbst wiederfinden in diesem meisterhaft geschriebenen Roman, um ihn zu genießen. Das Interesse ist aber sehr schnell bereits im Prolog geweckt: er erzählt über den abgrundtiefen Hass, den zwei Männer im Alter von ca. 60 Jahren einander entgegenbringen – und dies nach einer fast lebenslangen, ebenso tiefen Freundschaft. Wie können zwei Menschen in eine solche Situation geraten?
Die zwei Männer sind Zacharias Sarani, der Ägypter, und der österreichische Schriftsteller Heinrich Freudensprung. Gegensätzliche Charaktere, völlig unterschiedliche Lebensweise und –Wege und doch durch tiefe gemeinsame Interessen verbunden pflegen sie 40 Jahre lang freundschaftlichen Kontakt, der plötzlich abbricht – bedingt durch die Entfernung (Sarani lebt in Ägypten, Freudensprung in USA), aber auch durch die Rückschlüsse, die aus den zutage getretenen Sachverhalten gezogen werden. Jeder sieht sich in einem zentralen Punkt seines Lebens verletzt und doch ist genau dieser Umstand dem anderen nicht bekannt. Dennoch: die lange Verbundenheit bewirkt ein „letztes“ Treffen, in dem jeder dem anderen seine Wut und Enttäuschung entgegen schleudern will und nicht zuletzt auch die Schuld am eigenen schlechten Gesundheitszustand dem anderen zuschiebt. Während des Fluges von New York nach Kairo einerseits und dem Warten auf den Ankommenden andererseits wird in langsamen, eindringlichen Schilderungen – quasi in Slowmotion – die wechselseitige Sichtweise entwickelt. Wir nehmen Einblick in den Charakter der beiden Hauptfiguren, wir entdecken ihre verbindenden Ansichten und damit in „linke“ Lebenseinstellungen, ihre gemeinsame Liebe zur Musik und zur deutschen Sprache, etwa wenn der Ägypter über die Windstille sinniert: “jene deutsche Sprache, die er im Alter von zehn Jahren zu lernen begonnen hatte …. wollte offenbar, dass auch die Stille herrscht.“ Wir lesen Betrachtungen über Baukunst und lernen etwas über ägyptische Lebenseinstellungen und politische Verhältnisse. Philosophische Einflechtungen „…wenn er davon sprach, dass Menschen, die unter unerträglichen Bedingungen leben, selbst unerträglich werden…“ (ist das so?) lassen auch innehalten beim Lesen und geben Raum zum Nachdenken.
Trotz aller Ernsthaftigkeit ist das alles mit einem Augenzwinkern erzählt und erweist sich letztlich doch als Komödie des Lebens.
17.9.10/GBW
Im Meer schwimmen Krokodile
Fabio Geda
Im Meer schwimmen Krokodile
Eine wahre Geschichte
aus dem Italienischen übersetzt von Christiane Burckhardt
erschienen 2010 im Albrecht Knaus Verlag, München, 187 S.
ISBN 978-3-8135-0404-0
Enaiat ist ca. 10 Jahre alt, als ihn seine Mutter aus dem afghanischen Kriegsgebiet nach Quetta/Pakistan bringt und dort allein zurücklässt. Seine Familie gehört zur Volksgruppe der Hazara, die von den Taliban und den Paschtunen bedroht werden, so dass seine Mutter für Enaiat keinen anderen Ausweg sieht, als ihn außer Landes zu bringen. Einfache Leitsätze, die sie ihm mit auf den Weg gibt, sind sein innerer Kompass, denn er muss fortan für sich selbst sorgen. So beginnt eine unglaubliche Geschichte: Enaiat schafft es nicht nur, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen, sondern begibt sich auf die Suche nach dem lebenswerten Leben. Auf dieser Reise muss er die Grausamkeit eines Lebens auf der Flucht erfahren, Hunger und Durst, Verachtung und Ausbeutung der Unterprivilegierten; es gibt aber auch die glücklichen Momente der Begegnung mit Menschen guten Willens. Er nimmt jede Arbeit an, die sich bietet, lernt Menschen einzuschätzen. Nach Jahren erreicht er schließlich Italien, wo er endlich eine Ausbildung erhält, aber auch darum kämpfen muss, als politisch Verfolgter anerkannt zu werden.
Der italienische Schriftsteller Fabio Geda ist 1972 in Turin geboren. Er lernt den jungen Afghanen Enaiatollah Akbari durch seine Arbeit mit Flüchtlingsfamilien kennen. Gemeinsam erzählen sie Enaiats Lebensgeschichte, die auch davon handelt, wie ein Mensch trotz ungünstigster Startbedingungen seine Würde bewahrt und dass es sich lohnt, daran zu glauben, dass das Leben immer wieder positive Überraschungen bereit hält, „wenn man immer einen Wunsch vor Augen hat, wie ein Esel eine Karotte, und dass uns erst der Wille, unsere Wünsche wahr zu machen die Kraft gibt, morgens aufzustehen, ja, dass es das Leben lebenswert macht, wenn man nur immer schön seinen Wunsch im Kopf behält“.
10.8.11/GBW
Marie-Sabine Roger: Das Labyrinth der Wörter.
Hoffmann und Campe, 208 Seiten.
ISBN: 3455402542
Germain und Margueritte – zwei Charaktere, deren Leben sich im Park kreuzen. Sie zählt Tauben, er auch. Aber das ist auch mitunter die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden. Margueritte ist eine gebildete alte Dame, Germain dagegen ist nicht gerade der Schlaueste. Dennoch freunden sich die beiden an. Treffen sich immer wieder. Margueritte liest Germain vor und gewinnt ihn so für die Welt der Wörter. Doch auch für Germain bietet sich die Möglichkeit, Margueritte zu helfen…
Marie Sabine Roger brachte eine Geschichte mit viel Herz auf’s Papier. Leicht und warmherzig erzählt, ist „das Labyrinth der Wörter“ die geeignete Lektüre für einen Nachmittag am Strand – oder am heimischen Baggersee. Genau das Richtige um mal wieder die Seele baumeln zu lassen – und ganz nebenbei ein Loblied auf das Lesen anzustimmen. (Be-A)
Bereits 1998 erschienen, aber immer wieder lesenswert:
Pascal Mercier
Der Klavierstimmer
Roman, 509 Seiten, bei btb-Verlag, München,
ISBN 978-3-442-72654-7
Ein unbegreifliches Ereignis ist der Grund für ein Wiedersehen der Familie: der Vater, ein anerkannter Klavierstimmer und erfolgloser Opernkomponist, wird als Mörder eines gefeierten Tenors verhaftet. Die erwachsenen Zwillinge eilen nach Berlin zur Mutter. Patricia war vor 6 Jahren nach Paris geflohen, Patrice lebte in Santiago de Chile. Beide flohen vor einer inzestuösen Liebe und begannen jeder für sich ein neues Leben. Sie begegnen sich als inzwischen Erwachsene; die Sprachlosigkeit der früheren Jahre droht sich fortzusetzen, aber in dem Wunsch, sie zu überwinden versuchen sie durch schriftliche Aufzeichnungen über das persönliche Erleben der Kindheits- und Jugendjahre und die neue Sicht auf ihr Leben das Geschehene aufzuarbeiten.
Der Leser erfährt durch das wechselseitige Lesen dieser Aufzeichnungen die weit verzweigte Familiengeschichte und die persönliche Entwicklung der Zwillinge. Er erkennt den Einfluss der teilweise lange zurückliegenden Geschehnisse auf das Leben der Familienmitglieder. Die Tat ist der Kulminationspunkt aller Einflüsse, aber dennoch geht auch danach das Leben weiter.
Das alles ist spannend zu lesen, geschrieben in der einfachen und doch von hoher Bildung zeugenden Sprache Merciers. Er hat einen großen Fankreis, insbesondere durch sein 2004 erschienenes Buch „Nachtzug nach Lissabon“. Seine analytischen Fähigkeiten beruhen auf seiner Ausbildung und Tätigkeit als Philosoph mit den Forschungsschwerpunkten Philosophische Psychologie, Erkenntnistheorie und Moralphilosophie. Nur sein literarisches Werk wird unter dem Namen Pascal Mercier veröffentlicht. In seinen Romanen wird immer wieder geradezu akribisch beschrieben, wie die einzelnen Charaktere sich entwickeln und verändern, warum sie sich zu bestimmten Handlungsweisen entschieden haben und wie die handelnden Personen sich gegenseitig beeinflussen. Das alles entspringt einer tiefen Kenntnis über die menschliche Psyche. Dazu gesellt sich das Talent, die Handlungen dramatisch aufzubauen. Das macht auch das vorliegende Buch zu einem großen Leseerlebnis.
8.6.10 / (GBW)
Das war ich nicht
Kristof Magnusson: Das war ich nicht – 283 Seiten, 19,90 Euro – ISBN 978-3888975820 – Kunstmann-Verlag
Ein international erfolgreicher Autor, eine Literaturübersetzerin und ein junger Banker – das sind die Zutaten des Romans „Das war ich nicht“. Und diese geben dem Lesestoff die richtige Würze. Jasper Lüdemann kommt aus Bochum, naja eigentlich kommt er aus Sprockhövel – aber so genau will das doch keiner wissen. Er ist aus dem Back Office in den Händlersaal bei Rutherford & Gold aufgestiegen – und somit auf dem besten Weg Karriere zu machen. Sentimentalitäten kann er sich dabei nicht leisten, sein Privatleben beschränkt sich auf ein Minimum: Schach im Internet. Henry LaMarck ist ein weltberühmter Schriftsteller und steht kurz vor seinem zweiten Pulitzerpreis. Doch eine Schreibblockade hindert ihn, seinen Jahrhundertroman zu beginnen. Er ist einsam und ihm fehlt die Inspiration bis er eines Tages ein Bild von einem jungen, verzweifelt wirkenden Banker in der Zeitung sieht. Meike Urbanski ist Übersetzerin. Mit den Romanen von Henry LaMarck verdient sie ihren Lebensunterhalt. Mit einem leeren Konto erwartet sie seinen versprochenen Jahrhundertroman. Doch LaMarck liefert nicht. Kurz entschlossen kratzt sie ihr letztes Geld zusammen, um den untergetauchten Schriftsteller in Chicago zu suchen und ihn zur Abgabe des Manuskriptes zu bewegen. Und genau in dieser Stadt kreuzen sich die Lebenswege der drei. Grundverschieden sind sie, doch was alle verbindet: Sie halten den Schein eines gelungenen Lebens aufrecht, obwohl sie sich doch alle längst auf der Flucht vor diesem befinden.
Witzig und klug geschrieben verstrickt Kristof Magnusson in seinem zweiten Roman die Lebenswege dreier grundverschiedener Charaktere. Er erzählt von einem Börsencrash, ausgelöst durch den kleinen Bochumer Banker Jasper Lüdemann – Magnusson geht dieses Thema auf eine erfrischende Art entspannt und komisch an. Kurzweilig ist seine Geschichte und sie vermittelt, dass auch jede große Bankenkrise irgendwann vorbei geht und neue Chancen eröffnet. Am Anfang Verzweiflung – am Ende wird alles gut. Zugegeben, zeitweise sind die Zufälle in „Das war ich nicht“ doch sehr kurios, doch Magnusson erzählt diese so charmant, dass man ihm diese ohne zu hinterfragen abnimmt.
SCHWIMMEN
Nicole Keegan: Schwimmen
rowohlt, ISBN 9783498035419
19,95€, 480 Seiten
Mit neun Monaten beginnt die Schwimmkarriere von Philomena. Mit den Worten ihrer allerersten Schwimmlehrerin „Lassen wir sie einfach rein. Das wird ihr Leben verändern" hat sie zum ersten Mal Kontakt mit dem flüssigen Element. Anfangs nur eine Notmaßnahme der Eltern, das unruhige und anstrengende Kind zu beruhigen, entwickelt sich das Wasser zu Philomenas Element. Damals ahnt sie noch nichts von ihrer verrückten Familie und von den Schicksalsschlägen, die noch auf sie warten werden, doch sie spürt zu diesem Zeitpunkt schon, dass sie das Schwimmen von nun an begleiten wird; sie sogar bis zur Olympiade führen und sie zu einer achtmaligen Goldmedaillengewinnerin machen wird. Schwimmen zeigte ihr von diesem ersten Augenblick an einen Weg raus aus Kansas, weg von ihrer verkorksten Familie, weg von der Nonnenschule; einen Weg auf dem sie ihre Liebe entdecken wird.
„Schwimmen" ist geprägt von Todesfällen, von Schicksalsschlägen und natürlich vom Schwimmen.
Keegan beschreibt lebhaft und eindrucksvoll die Laufbahn einer Schwimmerin. Die Kämpfe, die es dabei auszutragen gilt, sei es im Training oder in Wettkämpfen werden spannend und wortgewandt aus der Sicht Philomenas erzählt. Leider muten die Leidenswege der Familie, zählt man sie auf, ein bisschen dick aufgetragen an: Schwere Krankheit, Selbstmord, Depression, Drogenprobleme - alles vereint sich in dem Cluster dieser Familie. „Das Leben hat bewiesen, dass ein Unglück nur selten allein kommt". Philomenas Zitat entsprechend ist das Buch somit auch voll Trauer, zeigt aber auch immer wieder Auswege und die Lebensfreude, die man in diesen Auswegen finden kann.
Alles in allem ist „Schwimmen" ein sehr lesenswertes und phantasievolles Buch, das man nicht missen möchte und das den Drang auslöst, immer weiter zu schwimmen. Entschuldigung zu lesen.
PLÖTZLICH SHAKESPEARE
David Safier: Plötzlich Shakespeare
Kindler, ISBN 978-3463405537
320 Seiten, 17,95€
Sonntag Nachmittag, aus der Hand legen kann man es nicht: „Plötzlich Shakespeare" von David Safier. Mit der Warnung an den Leser „Dieses Buch ist in historischer Hinsicht beeindruckend
unfundiert" beginnt die Zeitreise von Rosa, 32 Jahre alt, wohnhaft in Düsseldorf. Der Anfang mutet an wie ein Ildiko von Kürthy-Abklatsch: Mann verliebt sich in eine andere, Frau ist am Boden
zerstört und flüchtet sich in Schokolade und Alkohol. Doch nach einem verpassten One-Night-Stand-Versuch, gelangt Rosa in die Finger eines Hypnotiseurs, der ihr mit einer Reise in einen früheren
Körper, den ihre Seele bewohnt hat, helfen will, die wahre Liebe zu finden. Leider handelt es sich aber bei diesem Körper um den eines Mannes, genauer um den William Shakespeares. Nach
anfänglichen Startschwierigkeiten der beiden Charaktere, entwickelt sich eine von Safier wirklich gelungen beschriebene Symbiose zwischen Shakespeare und Rosa. Gemeinsam schreiben sie Sonette,
überwinden nicht verarbeitete Lebensphasen und machen ganz nebenbei noch so einige Nahtoderfahrungen.
Mit immer neuen klugen und unerwarteten Wendungen versteht es Safier den Leser in seinen Bann zu ziehen. „Plötzlich Shakespeare" steht seinen zwei Vorgängern „Mieses Karma" und „Jesus liebt mich"
in nichts nach. Eigentlich muten die Geschichten Safiers immer wieder aufs Neue so absurd an, das man nicht glauben möchte, dass es funktioniert. Aber genau das tut es. Der im März erschienene
Roman „Plötzlich Shakespeare" sollte ebenfalls mit Leichtigkeit die Bestsellerlisten erobern können. Und somit sollte sich die Frage „Lesen oder nicht lesen?" gar nicht erst stellen.
AM ANFANG WAR DIE NACHT MUSIK
Alissa Walser
Am Anfang war die Nacht Musik
Roman, erschienen bei Piper Verlag GmbH, München 2010
ISBN 978-3-492-05361-7
Alissa Walser hat drei Jahre an ihrem Romandebüt gearbeitet. Historisch verbürgte Fakten bilden den Handlungsrahmen, trotzdem ist es kein im eigentlichen Sinne historischer Roman. Im Zentrum stehen Franz Anton Mesmer, ein im ausgehenden 18. Jh. berühmt gewordener Arzt, und seine Patientin Maria Theresia von Paradis, Pianistin und Sängerin, als erblindetes Wunderkind ebenfalls berühmt geworden. In der letzten Hoffnung auf Heilung wird sie von ihren Eltern zu Mesmer gebracht, der mit seinen neuen Heilmethoden des Magnetismus Erfolge verzeichnen kann. Beide sind schon oft in der Literatur erwähnt worden. Was könnte also Alissa Walser bewogen haben, diesen Stoff ebenfalls zu verarbeiten?
Bereits 1996 hat sie geäußert, dass ihr Interesse den menschlichen Beziehungen gilt, ihren Entwicklungsmöglichkeiten und Widersprüchen; sie möchte bei ihren Lesern emotional etwas auslösen. Und
das gelingt ihr mit diesem Roman: beide, der Arzt und seine Patientin, sind Ausnahmetalente, denen es schwerfällt, ihre Einsichten und Entwicklungen für andere begreiflich zu machen oder gar
durchzusetzen. Mit großem Einfühlungsvermögen schildert Alissa Walser die handelnden Personen und den Zeitgeist, der eigenständig denkenden Wissenschaftlern wenig Freiraum lässt und Frauen durch
mangelnde Bildung nur geringe Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Neues und Ungewöhnliches findet schnell Gegner, ganz besonders dann, wenn - wie im Fall des Arztes Mesmer - die Methoden für
wissenschaftliche Erklärungen von den etablierten Größen als ungenügend angesehen werden und erste Erfolge Neid hervorrufen oder wenn - wie im Fall der jungen Künstlerin - der ersehnte Erfolg nur
um den Preis des von der Gesellschaft gewünschten Habitus erreichbar scheint. Wie gehen sie mit ihrer Situation um? Was bewegt diese Menschen? Werden sie sich anpassen, ihre Ziele ändern? Diesen
Fragen, die auch in heutigen Zeiten gestellt werden, geht Alissa Walser in einer vorsichtigen, elliptischen Sprache nach. Sie lässt uns an den Gedanken der handelnden Personen sehr lebendig
teilhaben in einer Sprache, die „das Kino im Kopf" abruft.
(Gisela Baumann-Wagner)
DEINE JULIET
Mary Ann Shaffer / Annie Barrows
Roman
Erschienen 2009 als Taschenbuch bei Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg,
ISBN 978 3 499 24593 o
Umschlag und Innenseite verheißen einen bezaubernden Roman, romantisch, Platz 1 der „New York Times - Bestsellerliste" - muss man's also lesen?
Es ist ein Briefroman, der uns vielschichtige Ebenen erfahren lässt. Kurz nach dem zweiten Weltkrieg kommt die Protagonistin des Romans, die 32-jährige im zerbombten London lebende
Schriftstellerin Juliet in Kontakt mit Bewohnern der Kanalinsel Guernsey und den Mitgliedern eines literarischen Zirkels mit dem Namen „Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf". Wir
lernen auf den ersten ca. 50 Seiten die bisherige Welt von Juliet kennen - und wie es dazu kommt, dass sie sich für die Menschen auf Guernsey zu interessieren beginnt. Sie erhält und schreibt
Briefe an viele, sehr unterschiedliche Menschen. Auf diese Weise entsteht für den Leser allmählich das Bild einer jungen Frau und ihrer Entwicklung, er erfährt aber zugleich auch sehr viel über
die Zeit der Besatzung durch die deutschen Truppen, von Kollaborateuren, von Not und Unrecht, aber auch von gegenseitigem Verständnis, Mut, Achtung und Zusammenhalt in schwerer Zeit. Wir erleben
unmittelbar Situationen mit, die Weinen machen, und Situationen, die urkomisch sind. Mary Ann Shaffer lässt uns Menschen kennenlernen mit allen ihren Stärken und Schwächen; sie erzählt von den
Gründen, die Eltern damals veranlasst haben, ihre Kinder ins (hoffentlich) sichere England zu schicken, aber auch davon, wie einfache Menschen mit Literatur in Berührung kommen und lässt uns
teilhaben an deren handfesten und von natürlicher Intelligenz geprägten Urteilen, und eben nicht zuletzt auch an der Geschichte von Juliet.
Ein kurzweiliges Buch, Lesevergnügen pur - einmummeln und ein Glas Rotwein dazu!
Gisela Baumann-Wagner
David Nicholls: ZWEI AN EINEM TAG
Verlag: Kein & Aber, 22,90 €.
Der 15. Juli bestimmt den neuen Roman des britischen Autors David Nicholls. An diesem Tag im Jahr 1988 begegnen sich zwei Menschen, die von diesem Zeitpunkt in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt werden. Im Laufe der Geschichte wird der 15. Juli der folgenden Jahre im Leben von Emma und Dexter beleuchtet. Die beiden wären das ideale Paar, es scheint aber ihr Schicksal zu sein, dass sich ihre Wege unaufhörlich Jahr für Jahr wieder trennen.
Nach den Vorgängerromanen „Keine weiteren Fragen" und „Ewig Zweiter" ist dies das dritte Buch des ehemaligen Bühnenschauspielers Nicholls. Er erzählt mit viel Gefühl, das sofort auch den Leser infiziert. Auch wenn „Zwei an einem Tag" überwiegend von Gefühl inspiriert ist, so steckt doch hinter dieser Liebesgeschichte eine zum Nachdenken anregende Idee. Diese Königskinder-Geschichte ist auf der Bestenliste des vergangenen Jahres in jedem Fall auf einem der besten Plätze einzuordnen. Wer sie noch bis jetzt noch nicht gelesen hat, sollte dies in diesem Jahr nachholen.(B-A)
ANGRIFF AUF DIE FREIHEIT
Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte
Sind wir auf dem Weg in einen Überwachungsstaat?
Ilija Trojanow und Julie Zeh beschäftigten sich in ihrem Buch mit einer Gefahr die uns allen droht. Wir werden zu einem gläsernen Menschen. Die Autoren warnen vor dem Abbau der bürgerlichen Rechte in einer Zeit, wo Meldungen über grausame Tötungsdelikte uns Tag für Tag aufschrecken und wir angesichts territoaler Bedrohung bereit sind, unsere Freiheit mehr und mehr einschränken zu lassen. Der Sicherheitswahn vieler Menschen führt dazu, dass sie Belauschung und Bespitzelung als Normalität ansehen. Besondere Bedeutung wird in diesem Zusammenhang dem Internet beigemessen. Allzu sorglos hinterlassen hier viele User ihre Daten. Auch Jugendliche sind davon betroffen. Über die Konsequenzen der Nutzung sind sich die Internetbesucher oft nicht im Klaren. Daten können missbräuchlich verwendet werden oder den Nutzern Nachteile bringen, beispielsweise bei Bewerbungen. (Ha-K)
Ilija Trojanow, Juli Zeh, Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte, Hanser Verlag 2009,
14,90,
- ISBN-10: 3446234187
- ISBN-13: 978-3446234185
DAS GLÜCK IN GLÜCKSFERNEN ZEITEN
Wilhelm Genazino
Roman, 158 S.
Hanser Verlag München 2009
ISBN 978-3-446-23265-5
Der Roman handelt von Gerhard Warlich. Nach äußeren Kriterien lebt er in guten Verhältnissen. Er hat sich zum Geschäftsführer einer Großwäscherei hochgearbeitet, hat eine Partnerin, die zu ihm
hält, ihn zu verstehen sucht und auf ihn eingeht. Es will sich allerdings trotzdem keine Lebenszufriedenheit einstellen. Er hat über Heidegger promoviert und seine ursprünglichen Vorstellungen
über seine beruflichen Möglichkeiten nach und nach begraben. Geblieben sind ihm seine analytischen Fähigkeiten, die alltägliche Umgebung wahrzunehmen und sein aus der akademischen Ausbildung
erwachsenes Anspruchsdenken an sich selbst, dem er aber nicht gerecht werden kann. So analysiert er sich fortwährend selbst ohne eine Möglichkeit zur Problemlösung zu sehen: „….Leute, die ihre
Konflikte nicht lösen können, tragen diese in unbearbeiteter Form weiter mit sich herum, als eine Art metaphysische Bestürzung. Seit wenigen Augenblicken weiß ich, dass ich zu diesen bestürzten
Menschen gehöre.“ Als seine mitten im Leben stehende Partnerin ihm ihren Kinderwunsch eröffnet, kollidieren seine diffusen Vorstellungen mit der Wirklichkeit. Auch als ihm zudem sein Job
gekündigt wird, schafft er es nicht, ihr seine innere Zerrissenheit deutlich zu machen: „Das lebensgeschichtlich tief sitzende Unbehagen, dass ich mich von der Philosophie, der Bildung und meiner
Eitelkeit habe narren lassen, ist bis heute zwischen Traudel und mir nicht besprochen worden. Das noch viel tiefer sitzende Problem, dass ich inzwischen von meiner peinigenden Selbstüberschätzung
weiß, ist praktisch unaussprechlich.“ So driftet sein Leben immer mehr an den Rand von Normalität. Er wird schließlich von seiner Umgebung als Fall für die Psychiatrie wahrgenommen – für ihn
selbst letztlich keine Katastrophe: „Es beruhigt mich, Details zu entdecken, die zwischen mir und den anderen liegen. In der Wahrnehmung dieser Differenz lebt mein Ich.“
Warlichs Geschichte nimmt einen für ihn persönlich versöhnlichen Ausgang; der Leser als Beobachter seines inneren Werdegangs erfährt viel über menschliche/männliche Befindlichkeiten und tiefe,
nachvollziehbare Einsichten. Sie sind manchmal auch entgegen den gängigen, oft sehr trivialen Vorstellungen formuliert, aber sie treffen den Leser unmittelbar: „Wer einmal geliebt hat und immer
noch liebt, der weiß auch, wie lange es gedauert hat, sich für die Liebe überhaupt geeignet zu machen. Diese Liebesarbeit ist es, von der man im Schmerz bemerkt, dass man sie nicht so einfach
wiederholen kann.“
So entwickelt Genazino das Psychogramm eines Mannes, der sich zwar bemüht, sich in der Realität zurechtzufinden, dem aber sein Anspruch an sich selbst im Wege steht. Zu welcher Erkenntnis wird er
letztlich kommen?
Ein Buch für Leser, die es genießen, wenn sich Sprache zu wunderbaren Bildern wandelt. (Gisela Baumann-Wagner)
Anmerkung der Redaktion
11. Februar 2010
Wie gestern bekannt wurde, erhält Wilhelm Genazino den mit € 10.000 dotierten Rinke-Sprachpreis für seinen Roman. Für sein Werk wurden ihm bereits der Georg-Büchner-Preis und der Kleist-Preis zugesprochen.
JOHN BOYNE - DER JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA
JOHN BOYNE
Es gibt viele Bücher, die das so genannte 3. Reich beschreiben. Dieses ist eines, das jeden berührt, der es liest, auch wenn es eher ein Jugendbuch ist. Wir sollten nicht aufhören, uns damit zu
beschäftigen, was diese Zeit ausmachte. Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der in diesen Tagen seinen 90. Geburtstag feiert, hat in einer Gedenkrede, die er am 23. November 1977 im ehemaligen
Konzentrationslager Auschwitz hielt, uns allen den Grund genannt:
„Wir heutigen Deutschen sind als Personen nicht schuldig, aber wir haben die politische Erbschaft der Schuldigen zu tragen, hierin liegt unsere Verantwortung. Aus ihr erwächst der Auftrag, die
Zukunft nicht dem Zufall zu überlassen, sondern sie mit Mut, mit Umsicht zu gestalten." Dies gilt für uns und für unsere Kinder. Sie müssen die Möglichkeit haben, nicht nur durch Faktenwissen
einen Einblick in die Zeit zu gewinnen, sondern sollten auch einen emotionalen Zugang gewinnen. Das bietet dieses Buch.
Bruno ist 9 Jahre alt und lebt mit seiner älteren Schwester und den Eltern in einem herrschaftlichen Haus in Berlin. Sein Vater ist ein wichtiger Mann und wird eines Tages nach „Aus-Wisch"
versetzt. Die Familie muss mit. Bruno registriert mit dem klaren, unbestechlichen Blick des 9-jährigen die Vorgänge um ihn herum, ohne sie wirklich einordnen zu können. Entsprechend dem
Erziehungsstil der Zeit wird mit den Kindern wenig oder gar nicht geredet. Bruno ist auf sich gestellt, denn die ältere Schwester ist keine wirkliche Gesprächspartnerin für ihn. Unterricht
erhalten die Kinder vom Hauslehrer. Schließlich findet er aber doch einen Freund; nur lebt der leider jenseits des merkwürdigen Zauns, hinter dem eine Kolonie von eigenartigen Menschen wohnt, die
alle eben jene gestreiften Anzüge tragen. Spielen können sie nicht zusammen, aber reden. Die Geschichte spitzt sich zu, man mag das Buch nicht mehr aus der Hand legen.
Bevor Sie dieses Buch verschenken, lesen Sie es selbst. Sie werden erschüttert sein.
(Gisela Baumann-Wagner)
Informativ Kritisch Unabhängig
