Aktuell Kritisch Unabhängig

 

 

LICHBLICKE

 

Lichtblicke - Aalto Theater - Premiere - 13. Februar - 19:00 Uhr

Am Samstag arrangierte das Aalto-Theater in Essen die zweite Ballettpremiere der Saison 2009/2010. Unter dem Motto „Lichtblicke" inszenierten die Choreographen Patrick Delcroix und Edward Clug zwei Stücke im zeitgenössischen Design. Beide beschäftigen sich, gänzlich ohne Handlung, mit Liebe, Trennung, Verlust und Tod. Inspiriert wurden Delcroix und Clug von eigenen, persönlichen Erfahrungen, die wohl auch jeder von uns in der einen oder anderen Art erlebt hat und erleben wird.

Eindrucksvoll in beiden Inszenierungen ist die Musik, intoniert von den Bochumer Symphonikern und gesungen vom Opernchor des Aalto-Theaters. Sie unterstreicht unaufdringlich die Botschaften der beiden Stücke. In „Cherché, trouvé, perdu" (Delcroix) unterstützen die Kompositionen „Fratres" und „Tabula rasa" des Esten Arvo Pärt die einfache Grundidee Delcroix‘: Jemanden suchen, jemanden finden, jemanden verlieren. Clug vereinigt in seiner Choreographie von „Architecture of Silence" die Requiem-Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart und dem polnischen Komponisten Zbigniew Preisner. Diese verdeutlichen die Stille, die auch der Tanz übermitteln soll. Delcroix verwendet keine Requisiten und kein Bühnenbild, sondern beschränkt sich auf das gekonnte Spiel mit dem Licht und auf schlichte, aber aussagekräftige Kostüme. Clugs Inszenierung wirkt kälter, härter und unruhiger. Er bringt anders als Delcroix Requisiten in seine Choreographie mit ein, die geschickt sein Thema veranschaulichen. Aber auch bei ihm ist Licht ein grundlegendes Requisit - Lichtblicke eben.

„Lichtblicke" ist  für alle Ballettbegeisterten geeignet, ganz besonders jedoch für "Ballettneulinge" da es, auch dank der Interpretationsfreiheit, leicht zu verstehen ist. Die Tänzer des Aalto Ballett Theaters setzten die Choreographie hervorragend um und trugen so zu einem wirklich gelungenen Abend bei. Das Publikum war  begeistert. (B-A)

Werner Henze
„DER JUNGE LORD"
Komische Oper in zwei Akten
Uraufführung am 7.April 1965 an der Deutschen Oper Berlin
Neuinszenierung im Opernhaus Dortmund am 17. Mai 2009

Inszenierung: Christine Milietz



Im Kulturhauptstadtjahr 2010 haben sich 40 Partner der Metropole Ruhr zusammengeschlossen und bringen das Gesamtwerk von Werner Henze auf die Bühne. Dortmund eröffnete am Freitag (15. Januar) mit der komischen Oper „der junge Lord" den Henze Zyklus.


Henze, der bekannteste Komponist unserer Zeit, begann 1963 in Berlin mit den Arbeiten zu der Oper, „der junge Lord." Zwei Jahr später wurde das Werk mit großem Erfolg an der deutschen Oper in Berlin uraufgeführt. Ingeborg Bachmann hatte das Libretto geschrieben. Mit der bekannten Lyrikerin verband Henze eine enge menschliche und künstlerische Beziehung. Die Parabel „Der Affe als Mensch" aus der Märchensammlung „Der Scheik von Alexandria und seine Sklavin," von Wilhelm Hauff bildete die Vorlage für die Buffo Oper. Bachmann baute eine Liebesgeschichte mit ein. Luise, das reichste Mädchen der Stadt, verliebt sich in den Studenten Wilhelm.


In der Oper ist die Affinität zu anderen Komponisten unüberhörbar. An Mozart und Rossini, Verdis „Falstaff" und Lortzings „Zar und Zimmermann" fühlt man sich erinnert. In zahlreichen Szenen glaubt man auch Strawinsky zu hören.


Der junge Lord ist eine bösartige Satire. Die Bewohner einer Kleinstadt werden zu Versuchskaninchen für den reichen, englischen Gelehrten Sir Edgar. Er stellt mit den braven Bürgern von Gotha-Hülsdorf ein Experiment an, ohne dass sie merken, was mit ihnen geschieht. Sir Edgar beobachtet die Menschen aus der Distanz heraus, sieht ihre Schwächen, bemerkt ihre Oberflächlichkeit, ihr Verlangen nach gesellschaftlicher Anerkennung, ihren Hunger nach Liebe, ihr inbrünstiges Sehnen nach einer Welt, die anders ist, als die Ihrige. Eine konkrete Vorstellung, wie diese aussehen könnte, haben sie aber nicht. Ihre Neugierde auf Sir Edgar ist riesengroß. Umso schlimmer ist ihre Enttäuschung, als er sich von ihnen distanziert. Sie fühlen sich brüskiert und ihre Eitelkeit ist verletzt. Sir Edgar ist Wissenschaftler und Rationalist. Nicht nur die Bürger werden Opfer seines Experimentes, auch sein angeblicher Neffe, Lord Baratt, muss dran glauben. Wie das Experiment enden wird, ist dem Gelehrten schon vorab klar.. Von den Schreien des dressierten Neffen schrecken die Bewohner auf. Die bemitleidenswerte Kreatur, so stellt es sich am Ende heraus, ist kein Mensch, sondern eine Affe. Das ist die Pointe.


Die Inszenierung von Christine Milietz ist spannend und abwechslungsreich. Sie versteht es mit großartigen Bildern sowohl romantische Stimmungen, als auch Action auf die Bühne zu bringen. Den Auftakt bildet das Stadtbild von Gotha-Hülsdorf. Es skizziert die Kleinstadt in warmen Farben und lässt noch nicht erahnen, welches Drama sich hier bald abspielen wird. Sanft herabfallende Schneeflocken symbolisieren den Beginn einer romantischen Beziehung zwischen Luise und Wilhelm. Die Regisseurin arbeitet mit moderner Lasertechnik und fokussiert damit den Blick der Zuschauer auf ungewöhnliche Ereignisse. Der Laserstrahl zeichnet eine Stretchlimousine auf die Wand. Sir Edgars imposantes Fahrzeug charakterisiert den Gelehrten als sehr wohlhabend. Und seine exotisch anmutende Dienerschaft verstärkt noch den Eindruck des Extravaganten. Witzig die Idee mit dem Bananenröckchen, das Köchin Begonia trägt. Ihr Aussehen und ihre Gestik erinnern an Josefine Baker. Auf der Bühne ist ständig Bewegung. Manchmal tummeln sich dort so viele Menschen, dass man leicht den Überblick verlieren könnte. Doch die Regisseurin versteht es glänzend jeder Figur eine Individualität zu geben. Wie Milietz die Honoratioren der Stadt vorführen lässt, ist in höchstem Maß amüsant. Da stolzieren die Stadtväter über die Bühne und versuchen die Manieren des jungen Lord zu kopieren. Die Damen tragen phantasievolle Hutkreationen und trippeln mit kleinen lächerlich anmutenden Schritten auf und ab. Gerade so als flanierten sie über den schönsten Boulevard der Welt.
Ein Paradebeispiel für das Groteske in der Oper gibt die unglückliche Luise ab. Milietz steckt sie in ein Tortenkleid. Bewegungsunfähig muss sie über die Bühne geschoben werden. In Konventionen erstarrt, scheint ihr ein selbstbestimmtes Leben nicht möglich zu sein. Kontrastierend dazu Wilhelm, der von seiner Lebensgestaltung eine andere Vorstellung zu haben scheint und als sichtbares Zeichen von Lebendigkeit das Fahrrad mit sich trägt. Die Inszenierung endet mit einer starken Schlussszene, Der wilde Tanz von Lord Barrat, hervorragend choreographiert von Justo Moret Ruiz, endet in einer bitteren Erkenntnis.


Henze wäre nicht Henze, besäße sein Werk nicht größte Aktualität. Als die Oper geschrieben wurde, suchte das Nachkriegsdeutschland noch verzweifelt nach einer neuen Identität, heute sind es die Auswirkungen der Globalisierung, die weltweit zu großen Veränderungen und Problemen geführt hat .Der moderne Mensch steckt in einem Dilemma. Bedroht von Arbeitslosigkeit und Existenzängsten, verliert er zunehmend seine Individualität und damit den Zugang zu seinem eigentlichen Selbst. Verlangt wird Anpassung, für Kreativität bleibt wenig Platz. Den Eindruck fremdbestimmt zu sein, nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein, sich zum Affen gemacht zu haben, um eines Vorteils willen, oder weil man nur auf eine bestimmte Art und Weise, Dinge erreichen konnte, dieses Gefühl kennen mittlerweile viele Menschen. Henze hat all diese Probleme gesehen. Er hält der Gesellschaft einen Spiegel vor, reinschauen müssen wir selber.


Der junge Lord ist im Stile einer traditionellen Opera Buffa komponiert. Das Klangbild passt sich der Dramatik an, wobei es immer wieder zu atonaler Verfremdung kommt. Die Sänger präsentieren sich auf höchstem Niveau, überzeugen mit Klangschönheit und Textverständlichkeit. Großes Lob ist dem Opern-Kinderchor und Opernchor, sowie den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Jac von Steen zu zollen.


Viel Begeisterung und langanhaltender Beifall vor leider nicht ganz ausverkauftem Haus. (Ha-K)






Duisburg

Deutsche Oper am Rhein

22. September 2009

"Salome" (Richard Strauß)

Musikdrama in einem Aufzug

Nach dem Drama „Salome“ von Oscar Wilde

Regie: Tatjana Gürbaca

Musikalische Leitung: Michael Boder

 

Die neue Intendanz der Rheinoper stellte sich dem Publikum in Duisburg mit „Salome“ von Richard Strauß vor. Kein leichtes Werk, eher eines, das dem Publikum einiges abverlangt. Denn die Oper culminiert auf ein schauerliches Ende hin. Salome löscht ihre gesamte Familie aus und richtet sich selbst zum Schluss mit einer Pistole.

Regisseurin Tatjana Gürbaca, vielfach ausgezeichnet und erstmalig für die deutsche Oper am Rhein tätig, lässt die Handlung in einer spießbürgerlich anmutenden Atmosphäre spielen. In der Wohnzimmeridylle mit Blümchentapete deutet zunächst nichts auf das Horrorszenarium am Schluss hin. Herodes feiert mit seinen Gästen. Darunter ist auch Tochter Salome, die Herodes Feste hasst und nicht nur die, auch die begehrlichen Blicke ihres Stiefvaters verabscheut sie. Sie erfährt, dass Herodes den Propheten Jochanaan, der als Staatsfeind gilt, gefangen hält und besteht darauf ihn zu sehen. Salome ist fasziniert von ihm, doch Jochanaan zeigt ihr nicht nur die kalte Schulter, er verflucht sie zudem mit dem Hinweis auf das lasterhafte Leben ihrer Mutter. Die Zurückweisung erträgt Salome nicht, sie sinnt auf Rache. Herodes bittet sie, für ihn zu tanzen und will ihr dafür jeden Wunsch erfüllen. Salome fordert als Belohnung den Kopf des Propheten.

Regisseurin Tatjana Gürbaca geht dramaturgisch geschickt vor und erarbeitet  mit starken Kontrasten ein Psychogramm der Titelfigur. Sie lenkt die Blicke des Publikums zunächst auf eine Idylle, die nur vorgetäuscht ist, die wie sich schnell herausstellt, es so nicht gibt. Hinter der schönen Fassade brodelt es. Zwar ist Salome die vielumschwärmte Prinzessin, um die sich im Haus alles zu drehen scheint, doch wird schnell deutlich, sie ist zutiefst unglücklich und ihr Unglück hat eine Geschichte.

Morenike Fadayomi in der Titelrolle der Salome steht im Zentrum der Inszenierung. Ihre Ausdruckskraft und ihr kraftvoller Sopran faszinieren, sie nimmt das Publikum mit auf eine Reise, die brutal in Angst, Grauen und einer Blutorgie endet. Warum Salome Amok läuft, lässt die Regie offen, ihre Motive können nur erahnt werden. Der Regisseurin mögen die schrecklichen Amokläufe in der Vergangenheit vor Augen gestanden haben, die nicht nur fassungslos machen, für die es scheinbar auch keine Gründe gibt. Die Inszenierung macht Salomes innere Zerrissenheit nicht transparent. Das scheint bewusst so gewollt. Rückschlüsse auf ihre seelischen Befindlichkeiten können nur durch ihren Tanz gewonnen werden. Ihm wird deshalb neben der Musik, die als bestimmende Kraft wirkt, eine Schlüsselfunktion in der Inszenierung zugeordnet. Der Tanz offenbart die Familiengeschichte, Bilder werden sichtbar, die Salome bisher in ihrem Innersten verschlossen hat. Die Musik dagegen gibt das ganze Spektrum ihrer Stimmungen auf grandiose Weise wieder. Salome singt die schönsten Liebesarien, während sie gleichzeitig mordet. So gelingt letztendlich eine Form der Darstellung, die Dramatik und atemberaubende Beklemmung entwickelt und dabei die verschiedenen Elemente, Gestik, Musik und Szene verbindet. Die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Michael Boder entwickeln dafür viel Fingerspitzengefühl, begleiten exzellent die Solisten. Regisseurin Gürbaca läßt den Protagonisten eine Menge Spielraum, gibt ihnen gestalterische Freiheit in der Umsetzung ihrer Rollen. Wolfgang Schmitt als Herodes tritt solistisch besonders hervor, Renèe Morloc mimt die grausame, kalte, nur auf ihren Vorteil bedachte Herodias hervorragend und auch Markus Marquardt beeindruckt durch seine Bühnenpräsenz und emotionale Stimmkultur. Bravorufe und viel Beifall für das gesamte Ensemble.

(Ha-K)

 

 

 

EVITA

Theater Dortmund

Premiere: 12. September 2009

 

Am 26. Juli 1952 stirbt Evita im Alter von 33 Jahren an einem Krebsleiden - ganz Argentinien wird in tiefe Trauer gestürzt. Mit der dramatischen Inszenierung des Todes und der Beisetzung Eva Duarte de Pérons beginnt dieses Musical und erzählt rückblickend ihren Aufstieg von einem unehelichen Kind zur First Lady von Argentinien. Evita wurde vom Volk geliebt, weil sie eine von ihnen war und dabei gleichzeitig Glanz und Glamour ausstrahlte.

Am Samstag, den 12. September 2009 fand im Theater Dortmund vor fast ausverkauftem Haus die Premiere von „Evita" statt. Das geschickt konstruierte sowie ansprechende Bühnenbild (Harald B. Thor) und die im entsprechenden Stil gestalteten Kostüme (Susanne Hubrich) lassen den Zuschauer in das Flair der 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts eintauchen. Die dramatische Musik unter Leitung von Kai Tietje komplettiert schließlich den Rahmen dieser Aufführung eines von Extremen geprägten Lebens. Trotz tontechnischer Schwierigkeiten gelang es den Darstellern, das Publikum zu überzeugen. Ann Mandrella, eine hochgewachsene Frau, verkörpert intensiv die stolze Evita. Die männlichen Hauptakteure Hannes Brock (Juan Péron) und Markus Schneider (Augustin Magaldi) stehen ihr nichts nach. Doch vor allem Serkan Kaya, der in der Rolle des Che Evitas Tun kritisch betrachtet, hinterlässt einen bleibenden Eindruck beim Publikum, was sich in den stürmischen Beifallsbekundungen widerspiegelte.

Insgesamt entspricht diese Aufführung nicht der eines „Standardmusicals", sondern trägt mitunter opernhafte Züge. Dennoch oder gerade deswegen kann man von einer gelungenen Premiere sprechen, bei der es von Seiten des Publikums stehende Ovationen gab.

(Lisa Wettlaufer)

 

Termine weiterer Vorstellungen: 17. und 25. September; 2., 11., 18., 21. und 31. Oktober; 6., 13. und 29. November; 23. und 25. Dezember

www.theaterdo.de

Nabucco (Giuseppe Verdi)

Nabucco (Giuseppe Verdi)
Oper in 4 Teilen
Libretto von Temisstocle Solera
Premiere: 11. April 2009
Musikalische Leitung: Noam Zur
Inszenierung: Andreas Baesler


Die Opern Verdis erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit beim Publikum. Steht eines der bekannten Werke auf dem Spielplan ist die Begeisterung besonders deutlich zu spüren. Die Aufführungen sind in der Regel schnell ausverkauft. Das war auch Samstag der Fall. Vor ausverkauftem Haus hatte „Nabucco“ im Aalto Theater Premiere. Inszeniert wurde die Oper von Andreas Baesler. Die musikalische Leitung hatte Noam Zur. Für das Ensemble gab es viel Beifall.

Freiheitsdrang, religiöser Fanatismus, hinreißende Chöre und aufwühlende Bilder werden mit Nabucco in Zusammenhang gebracht. Im Zentrum der Handlung steht einerseits das hebräische Volk, dass von den Babyloniern unterworfen und verschleppt wurde und sich aus der babylonischen Gefangenschaft befreien will, andererseits der König der Babylonier, Nabucco, der dem Wahnsinn verfällt, weil er sich selbst zu Gott machen will. Berühmt geworden ist Nabucco durch den Gefangenchor. Die Sehnsucht des Volkes nach seiner Heimat wird in den Worten „Va', pensiero, sull'ali dorate“, Flieg, Gedanke, getragen von Sehnsucht, deutlich

Andreas Baesler setzt mit seinem Inszenierungskonzept im Aalto neue Akzente. Er karrikakiert, gestaltet mit Farbsymbolik, dort wo Farbe mehr als Worte ausdrücken kann, arbeitet gezielt mit Licht und Schatten, charakterisiert mit Komplementärfarben Personen und Objekte. Abigaille, rothaarig, temperamentvoll, dominant von der ersten Minute an, erscheint im ersten Teil als Rekrut mit Pistole im Gurt, im zweiten Teil tritt sie verführerisch im leuchtend rotem Kleid auf, während Fenena, die Zurückhaltende, dezent in grünem Dress gekleidet ist. Überdimensionale Schatten werden an die Wand geworfen, wenn patrollierende Soldaten auf und ab marschieren. Ein dramaturgisches Mittel um Ängste und permanente Bedrohung sichtbar werden zu lassen. Das Bühnenbild: Eine Drehbühne mit einem grauen Gebäudekomplex aus Beton und eingelassenen unterschiedlichen Öffnungen. Sie assoziieren verschiedene Schauplätze auf der Welt, in denen das Leben pulsiert, kriegerische Auseinandersetzungen entstehen können und Versöhnungen zwischen den Völkern möglich sind.
Regisseur Baesler geht es um den aktuellen Zeitbezug, vermutet man, nicht so sehr um den biblischen Mythos, der scheint in der Inszenierung nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Das lässt die Personenführung erkennen. Nur Abigaill und Zaccaria fallen als starke Persönlichkeiten auf.
Babylon, das schließt man aus dem Konzept Baeslers, ist nicht auf einen bestimmten geographischern Ort festgelegt. Babylon als Topos ist überall möglich. Die Regie überträgt dem Zuschauer die Rolle des Voyeurs. Er kann aus der Distanz heraus einen Blick auf die unterschiedlichsten Schauplätze in der Welt werfen. Die Akteure präsentieren sich dort und sind so transparent als säßen sie hinter Schaufenstern.
Diese Distanz wird aber rasch aufgehoben, sobald Abigaille erscheint.
Mit unglaublicher Bühnenpräsenz, mit Dramatik und Emotionalität in der Stimme zieht sie das Publikum sogleich in ihren Bann. Damit stiehlt sie Nabucco buchstäblich die Show, sowohl darstellerisch als auch stimmlich. Ihre Stimme spiegelt das volle Spektrum emotionaler Befindlichkeiten. Der von Verdi eigens kreierte Stimmtypus soprano drammatico d’agilità fordert jede Sängerin heraus. Francesca Patané meistert diese schwierige Aufgabe mit kleinen Einschränkungen bravourös, ist ganz Primadonna. In den Mitteltönen wirkt sie manchmal etwas verhalten, in den Spitzentönen irritiert ihre Stimme ab und zu durch zuviel Härte. Marco Chingari in der Rolle des Titelhelden erfüllt die Erwartungen nicht. Er hat deutliche Konditionsschwächen. Anders sieht es bei Michail Ryssov als Zaccaria aus. Er ist die Idealbesetzung für die Rolle und begeistert mit seiner enormen Ausstrahlung und seinem wohlklingenden Bass. Auch Bea Robein als Fenea singt mit klangschöner Stimme, ohne irgendwelche Beanstandungen. Felipe Rojas Velozo als Ismaele wünscht man sich schon etwas feuriger. Warum Abigaille und Fenea ausgerechnet auf ihn fliegen, müsste tiefenpsychologisch ergründet werden. Dem Chor wird in Nabucco eine zentrale Rolle zugewiesen. Er ist immer präsent, so wollte es schon Verdi. Auch wenn Dramatik und Theatralik ausdrückt werden, ist seine überwiegend statische Führung vorgesehen. Daran orientiert sich auch Baeslers Inszenierung. Die Hebräer sind bei ihm, getreu seinem Konzept, zeitgemäß gekleidet, während die Babylonier eher an die Antike erinnern, da sie von Alfred Mayerhofer mit Orientalischen Gewändern kostümiert wurden.
Chor und Extrachor unter der Einstudierung von Alexander Eberle verdienen ein dickes Lob. Ebenso die Essener Philharmoniker unter der Leitung von Noam Zur

 

Viel Beifall und Bravorufe zum Schluss

Samson et Dalila

Am 2. April im Großen Haus des Musiktheaters im Revier
Auf ein Bühnenbild und Kostüme wurde bei der Inszenierung dieser Oper verzichtet. Anders als bei anderen konzertanten Aufführungen spielt das Orchester jedoch die ganze Oper, sodass der Zuschauer die gesamte Handlung mitverfolgen kann. Es wäre auch schade, etwas von dieser Komposition zu kürzen. Die neue Philharmonie Westfalen, an diesem Abend unter der Leitung von Christopher Ward, hat besonders zu Beginn des dritten Aktes einen grandiosen Solo-Auftritt.

Anna Agathonos singt die Rolle der Dalila mit ihrer schönen Mezzosopranstimme und vermag es mit Mimik und Gestik den wechselnden Gefühlen zwischen Liebe und Hass Ausdruck zu verleihen. Auch Ricardo Tamura als Samson nimmt man die Schwermut im Herzen ab. Der Opernchor und der Extrachor des Musiktheaters rundet diese sehenswerte Inszenierung ab. Damit dem Zuschauer auch wirklich nichts entgeht, wird der französische Text in deutscher Übersetzung an die Wand gestrahlt. Dass es gelungen ist, das Publikum auch ohne aufwendiges Bühnenbild und Kostüme zu begeistern, beweist der Applaus unter „Bravo“ – Rufen nach wunderbaren zwei Stunden und zwanzig Minuten. (Anna Dettmer)

Giselle


Ballett von Bernd Schindowski

Nach dem Libretto von Théophile Gautier und Jules Verny

Musik von Adolphe Adam

Musiktheater im Revier

Gelsenkirchen

An eines der „überragenden, unverlierbaren Stücke des ewigen Tanzrepertoires“ hat sich das Ballett Schindowski herangewagt. „Giselle“ gilt als der Inbegriff des romantischen Tanzes schlechthin. Als Vorbild gilt das Ballett „La Sylphide“ (1832), das von der tragischen Liebe eines schottischen Edelmannes zu einem Elfenwesen handelt. Aber die eigentliche Idee wurde bei Théophile Gautier durch Heinrich Heines „De l`Allemagne“ erweckt, das 1835 in Paris erschien. Darin enthalten ist die Geschichte „Die Wilis“. Diese sind Bräute, die vor der Hochzeit gestorben sind und in ihren Gräbern keine Ruhe finden. Um Mitternacht steigen sie empor und tanzen im Mondenschein wie die Elfen. Sie geben ihrer Tanzlust nach, die vor ihrem Tod nicht ausgelebt werden konnte. Wen sie treffen, den tanzen sie zu Tode. In diesem Ballett sind sie auf Rache aus.

Im ersten Akt befindet sich Giselle in einer Art Traumwelt, wunderbar dargestellt durch die Kulissen von Manfred Dorra. Sie ähneln ein wenig den Hundertwasser-Häusern und bilden eine bunte, farbenfrohe Phantasiewelt. Giselle tanzt verspielt, bis sie durch Herzog Albrecht verführt wird, dem es gelingt in ihre Welt einzudringen. Er führt sie in seine reale und kalte Welt und missbraucht ihr Vertrauen. Auch dies wird hervorragend  in Szene gesetzt,  indem sich die Tür eines grauen Hauses öffnet. Nun kann Giselle die Grenzen zwischen Realität und Traum nur schwer unterscheiden. Eine Festgesellschaft erscheint ihr als surreale Familie des Herzogs. Als übermäßig dicke Leute sehen  sie total komisch aus. Hier ist die Inszenierung so witzig, lebhaft und jung, dass man lachen muss. Kostümbildner Andreas Meyer hat sehr viel Liebe zum Detail entwickelt. Eine Schlüsselrolle in der Inszenierung spielt mit Sicherheit die Szene, in der Giselle dem Wahnsinn verfällt, weil ihre Liebe zum Herzog aussichtslos ist. Priscilla Fiuza gelingt es hinreißend, allen Facetten Giselles tänzerisch Ausdruck zu verleihen.

Im zweiten Akt wird die bunte Phantasiewelt durch das Schattenreich der Wilis abgelöst. Dieser Kontrast erscheint nicht zuletzt durch das fulminante Bühnenbild. Lediglich stählerne Stehlen hängen von der Decke, die vor dem schwarzen Hintergrund beängstigend wirken. Die Schattenmänner sind nur mit schwarzer Farbe bekleidet, was wieder einen modernen Moment bildet. Eindeutig als klassisches Ballett erkennbar sind die Wilis, ausgestattet mit Tüll tanzen sie sich die Seele aus dem Leib. Myrta sieht aus wie eine Maikönigin, nur nicht strahlend, sondern leichenblass in einem weißen Kleid. Sie ist die Königin der Wilis und wirkt sehr majestätisch.

Schindowski verleiht allen dramatischen und surrealen Momenten so gekonnt Ausdruck, dass man enttäuscht ist, als am Ende der Vorhang fällt. Große Kunst.(Anna Dettmer)

Die Zauberflöte (Wolfgang Amadeus Mozart)

Die Königin Die Königin
Papageno Papageno

Die Zauberflöte

Musiktheater in Dortmund

Premiere: 13. Dezember 2008

„Die Zauberflöte" gilt in Fachkreisen als uninszenierbar. Bruno Klimek hat es gewagt, Mozarts populärste Oper in Dortmund erneut auf die Bühne zu bringen. 1791 in Wien uraufgeführt, hat sie seitdem zahlreiche Interpretationen über sich ergehen lassen müssen. Doch bei der Zauberflöte freut man sich in erster Linie auf die Musik, die zum Glück zu hören war - dank des nicht streikenden Orchesters. Die Bühne ist ein weiß beleuchteter Kasten, hier spielen sich die Szenarien um die Königin der Nacht und Sarastro ab. Vor diesem hellen Hintergrund kommt die dunkle Seite der Oper noch mehr zur Geltung, wenn die Königin der Nacht (hinreißend: Christina Rümann) ihre Arie singt. Sie und die drei Damen tragen schwarze Kleider, es ist insgesamt keine farbenfrohe Inszenierung. Doch auch die komischen Seiten der Oper werden gezeigt, wenn Papageno (super besetzt durch Brian Dore) Fleischwurst essend auf der Bühne sitzt oder englisch sprechend durch die Publikumsreihen läuft. Er bemäkelt ironisch die Regieanweisungen, wodurch Publikumsnähe entsteht. Bevor er sich erhängen kann, weil seine Papagena wieder verschwunden ist, retten ihn die drei Knaben. Die Sänger des Knabenchores der Chorakademie Dortmund entzücken nicht nur das ältere Publikum, wenn sie überraschend vom Rang aus ihre Stimmen erklingen lassen. Papagena und Papageno sind zum Schluss wieder vereint und bilden ein flippiges Paar. Doch so manch einem gefällt diese moderne Inszenierung nicht und man vernimmt Buhrufe aus dem Publikum. Aber da ja das ästhetische Empfinden sehr unterschiedlich ist, erntet das Ensemble trotzdem großen Applaus und vereinzelt Standing Ovations.
(Anna Dettmer)

Info: www.musiktheaterdo.de

 

YNGVE GASOY-ROMDAL – LISTEN TO MY SONG… with a little touch of Christmas

Andreas Luketa & Markus Tüpker present: MUSICALStARS in Concert (30.11.08)

Oberhausen

Ebertbad

(Anna Dettmer)

Es ist schön, wieder hier zu sein“, verkündet Yngve Gasoy-Romdal zu Beginn seines Konzerts. Und wirklich: Am ersten Advent entsteht im Ebertbad eine heimelige Atmosphäre. Die Nähe zum Publikum ist aber nicht nur ein räumlicher Faktor. Durch persönliche Ansprachen versteht es der Sänger, die Sympathien des Publikums zu gewinnen. Er weckt Vertrauen und wirkt sehr menschlich, wenn er von seiner Tochter und seinen ersten Engagements in Oslo erzählt. Dort hat er am Konservatorium seine Gesangsausbildung absolviert. Es sind auch norwegische Lieder im Programm. Gasoy singt „Skinnvengbrev“ zweisprachig: Deutsch und Norwegisch. Mit seiner beeindruckenden Tenorstimme, über die man nur Staunen kann, gibt er Musicalhits zum Besten. Dabei wird er nur vom Klavier begleitet. Wer soviel Charisma hat, braucht keine Band oder Backgroundsänger. Ein wenig schauspielert er bei „Dies ist die Stunde“ aus Jekyll & Hyde oder „Sunset Boulevard“. Bei dem Lied vom hässlichen Entlein zieht er Grimassen und beweist, dass er nicht nur singen sondern auch quaken kann. Nicht nur hier hat das Publikum Spaß. Gasoy vermittelt solch eine Freude, die auf das Publikum überstrahlt. Ein Höhepunkt des Abends ist es, als Leah Delos Santos, seine Partnerin aus „Die Schöne und das Biest“, die Bühne betritt. Schon als die ersten zwei Töne des gleichnamigen Songs angespielt werden, geht ein Seufzen durch das Publikum. Auch in Weihnachtskostümen bilden sie ein schönes Paar, wenn sie Lieder wie „Holy Night“ und „Rudolph the Rednoised Reindeer“ singen. Nach vollen zwei Stunden meisterlicher Gesangsdarbietung gibt es Standing Ovations und einige Zugaben. Ein wirklich schöner Abend im Ebertbad

www.musicalinconcert.de

 

 

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Fotos aus: Die Afrikanerin (MiR) Gelsenkirchen

                  Im weissen Rössl (Musiktheater Dortmund)

 

Candide

AMERICAN OPERETTA VON LEONARD BERNSTEIN
BUCH NACH VOLTAIRE VON HUGH WHEELER

PREMIERE
12. OKTOBER 2008

MUSIKALISCHE LEITUNG
RASMUS BAUMANN
INSZENIERUNG
GIL MEHMERT
BÜHNE
ALISSA KOLBUSCH

 

Vom Suchen und Finden

Zum Auftakt der neuen Spielsaison ging man im Musiktheater in Gelsenkirchen zunächst auf „Suche". Nichts Geringeres als „Die beste aller möglichen Welten sollte gefunden werden". Keine leichte Aufgabe, davon konnte sich das Publikum am Sonntag bei der Premiere von „Candide" überzeugen.

Voltaire, der große Aufklärer, Spötter und Wegbereiter der französischen Revolution lieferte den Stoff für Candide. Es ist ein grandioser Roman und ein Werk, das einerseits die vorrevolutionäre aristokratische Weltordnung in Frage stellt, andererseits auch Gott als Schöpfer der Weltordnung an den Pranger stellt. Voltaire rechnet mit Staat, Gesellschaft und Kirche ab.

Der Held im Roman ist Optimist. Unerschüttlich glaubt er an die These, Gott habe die beste aller möglichen Welten geschaffen. Die Suche nach seiner geliebten „Cunigunde" führt ihn kreuz und quer durch die Welt. Dabei bekommt er hautnah die Realität des Lebens zu spüren. Er wird mit Armut, Krankheit, Krieg und Tod konfrontiert.

In den 50er Jahren entdeckte Leonard Bernstein den Roman für sich. Zeitlebens beschäftigte er sich damit. Bernstein, der selber ein Freigeist war, fühlte sich den Ideen Voltaires sehr verbunden. 1956 brachte er „Candide als American Operetta" an den Broadway. Später ergänzte er sie mit immer neuen Lied- und Textfassungen, war aber nie wirklich zufrieden damit. Zuletzt brachte er in London eine konzertante Aufführung auf die Bühne (1989).

In Gelsenkirchen wagte sich Regisseur Mehmet Gil an das Werk heran. Wohl wissend, welche Problematik auf ihn wartet. Denn nicht nur die vielen verschiedenen Schauplätze, auch der absurde, ionische und trockene Wortwitz in Voltaires Roman stellen eine große Herausforderung da.

Alissa Kohlbusch konzipiert eine Variete Bühne mit Glitzervorhang für die skurrile Handlung mit Showcharakter. Die Variete Bühne wird auf der Bühne platziert und verdeutlicht als "Bühne auf der Bühne" den revueartige Charakter des Stückes. Sie dient als Projektionsfläche für Candids Abenteuer rund um den Globus. Die Inszenierung zeigt die Vielzahl der Schauplätze, die der Titelheld auf der Suche nach der besten aller möglichen Welten aufsucht. Damit die Story übersichtlich bleibt, präsentiert die Regie neben Voltaire, auch noch zwei Begleiter, die das Geschehen begleiten. Sozusagen als ordnende Hand des Ganzen..

Die Bemühungen des Ensembles dem großen „Voltaire" und auch „Bernstein" gerecht zu werden, sind durchaus lobenswert. Doch trotz visueller Reize (farbenprächtige Kostüme), Comiczeichnungen, technischen Gags (Flugzeug) und sarkastischer Spitzfindigkeiten in den Dialogen, will der Funke einfach nicht überspringen. Der Inszenierung fehlt es an Tiefe, Spannung und an Charisma. Stellenweise kommt sogar Langweile auf. Woran mag es liegen? An der ideologischen Überfrachtung? An den Klischees, die nicht mehr zum Nachdenken anregen oder iegt es einfach daran, dass mangels fehlender Verfremdung des Stoffs der Fantasie wenig Raum gegeben wird.

Wenig inspirierendes kommt von den Solisten. Diana Petrova als Cunigunde enttäuscht. Sie singt mit dünner Stimme, nur bei den Koloraturen vermag sie zu glänzen. Ariane Arcoja in der Rolle der alten Lady hört sich kraftlos an und Lars Rühl beeindruckt als Candide nur gelegentlich, es fehlt ihm an Charisma.

Die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Erasmus Baumann spielt die Partitur präzise und hat ein gutes Gespür für die musikalischen Visionen Bernsteins.

Das Premierenpublikum honoriert die Inszenierung mit sehr viel Wohlwollen.

Alles in allem hätte man der neuen Intendanz einen besseren Start gewünscht.

 

Düsseldorf

Deutsche Oper am Rhein

Premiere: "Giocasta" (Hugo Wilderer)

Dramma per Musica

(21.09.08)

Regie, Bühne, Kostüme: Pet Halmen

 


Zu Ehren des 350. Geburtstages des Kurfürsten Johann Wilhelm II. von Pfalz Neuburg, brachte die Rheinoper Hugo Wilderes Barockoper auf die Bühne. Nach der Premiere der Oper im Jahr 1669, im ersten Opernhaus Düsseldorfs in der Mühlenstrasse, wurde das Werk nur noch wenige Male aufgeführt. Nach fast 300 Jahren gab es nun eine Neuinszenierung zu sehen. Darüber freuten sich ganz besonders die Freunde der Barockmusik. Neun Sänger und die Neue Düsseldorfer Hofmusik präsentierten das Dramma per Musica nach dem Vorbild Monteverdis im Schumannsaal.

Pet Halmen inszenierte Giocasta für die Rheinoper. Und er ließ es sich nicht nehmen, den Düsseldorfer Stadtpatron „Kurfürst Jan Wellem" direkt in das Geschehen auf der Bühne mit ein zu binden. Die Besucher der Barockrarität schmunzelten doch sehr, als sie das „Reiterdenkmals Jan Wellems" auf der Bühne erkannten. Pet Halmen hatte eine Kopie anfertigen lassen und es auf der Bühne platziert. Hoch zu Ross beobachtet der Herrscher und Kunstliebhaber das Treiben seiner „Untertanen." Was gibt es zu sehen? Die schöne armenische Königin Giocasta, ist zu erkennen, deren Reich bedroht wird von dem Assyrerkönig Cirene. Dieser ist verheiratet, will aber Giocasta erobern. Seine Frau Irene hat er verstoßen, weil er sie der Untreue verdächtigt. Giocasta verbündet sich mit Irene, wendet aber eine List an, um ihr Reich und die Ehe von Cirene und Irene zu retten. Zum Schluss wird aber doch noch alles gut

In Szene gesetzt wird der antike mythologische Stoff höchst humorvoll mit neckischen Späßen und possenhaften Momenten. Die Inszenierung bringt viel Abwechslung, verwöhnt das Auge mit phantasievollen Kostümen und einem interessanten Bühnenbild. Da fällt es dann auch nicht gar so schwer, der manchmal etwas verworrenen Handlung zu folgen. Die Musik klingt überwiegend einschmeichelnd und wohl temperiert, ebenso passend zur gepflegten Unterhaltung größerer Tischgesellschaften wie zu einem Opernabend. Sie fesselt, wenn Dramatik und Leidenschaft mit im Spiel ist. Beispielsweise wenn Irene (Netta Or) in hoch dramatischen Tönen ihr Leid artikuliert.

Dirigent Andreas Stoehr versucht aus der Partitur herauszuholen, was irgendwie möglich ist, um Dramatik und Spannung aufzubauen. Stimmlich gut aufgestellt sind die Solisten. Vortrefflich verstehen sie es, den Figuren Profil zu geben. Laura Nykänen (Giocasta) Würde, Durchsetzungskraft, Irene (Netta Or), Unsicherheit, Verzweiflung, Virgil Hartlinger (Cirene) Eifersucht, Herrschsucht.
Das Orchester Neue Hofmusik spielt mit viel Inbrunst und Präzision. Es besticht durch das perfekte Zusammenspiel der Instrumente. Viel Beifall vom Publikum!


Dortmund


„Im Weißen Rössl"

 
Uraufführung: 8. November 1930

Musik von Ralph Benatzky
Singspiel von Hans Müller und Eric Charell
(frei nach dem Lustspiel von Blumenthal und Kadelburg)
mit musikalischen Einlagen von Robert Stolz, Bruno Granichstaedten,

Robert Gilbert und Hans Frankowski

Neuinszenierung

Musiktheater Dortmund
Premiere 6. September 2008
Musikalische Leitung: Ralf Lange
Inszenierung: Markus Kupferblum
Dramaturgie: Verena Harzer
Kostüme Ingrid Leibezeder
Choreinstudierung Ramseh Nair

 

Dortmunder Publikum huldigt

„Kaiser Franz"


„Das weiße Rössl" feierte am Samstag (06.09.08) in Dortmund Premiere.
Nicht erst seit Kohls Zeiten ist der Wolfgangsee ein bekanntes und beliebtes Urlaubsziel für viele Erholungssuchende und gestresste Touristen. Der See und „das „Gasthaus zum weißen Rössl sind durch die Operette eng miteinander verwoben und bilden in den Köpfen vieler Menschen eine unverkennbare Einheit.
Ohrwürmer, wie „Es muss was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden" oder "was kann der Sigismund dafür, dass er schön ist", haben sich ihnen fest eingeprägt.

Die Rezeptionsgeschichte der Operette verlief wechselartig. Denn mit dem „weißen Rössl" verbinden sich auch der Begriff der „Heimatschnulze" und ein „Österreichbild", welches mit der Realität wenig übereinstimmt. Diese Assoziationen entstanden durch eine Kategorie von Filmen, „den Heimatfilmen", die sich in den Nachkriegsjahren größter Beliebtheit erfreuten. Ideologisch thematisierten sie eine heile Welt und waren mit Klischees überfrachtet. Die Verfilmung des weißen Rössl mit Peter Alexander und Waltraud Haas fällt in dieses Genre. Der Film war ein Publikumsmagnet und Anfang der 60er Jahre sehr erfolgreich.

Regisseur Kupferblums Intention ist es, an die Ursprungsform der Operette von Eric Charell anzuknüpfen. Charell war Ende der 1920er Jahre einer der erfolgreichsten Revue- Produzenten in Berlin. Er inszenierte das Singspiel 1930 als eine Art Revue Operette nach Broadway Vorbild mit ironisch-frivolen Charakter.

Markus Kupferblums Inszenierung konfrontiert das Publikum mit „Menschentypen", denen er Charaktereigenschaften zuordnet, die uns im Alltag ständig begegnen und mit denen eine Identifikation relativ leicht zu sein scheint.
Dabei werden satirisch-kabarettistische Persönlichkeitsmerkmale bloß gelegt, die sowohl große Heiterkeit als auch tiefe Nachdenklichkeit auslösen können. Primär ist die Geschichte um den verliebten Kellner Leopold banal. Erst durch die Gegenüberstellung von Urlaubskarten-Genre mit Heimatidylle, Dirndlromantik, Lederhosen und Schuhplattlertanz und der Problematik des Massentourismus in Verbindung mit Kapitalistischen Auswüchsen und Wirtschaftskriminalität entsteht Spannung und ein schwungvolles Spiel wird möglich. Zum Ende hin wendet sich alles zum Guten und die Welt ist wieder in Ordnung.


Mit der Wahl des Ensembles hat der Regisseur das große Los gezogen. Obwohl die Dialoge und Pointen nicht neu sind und insofern auch keine Überraschungseffekte bei den Besuchern auszulösen vermögen, vermitteln sie doch große Heiterkeit.

Denn die Darsteller verstehen es meisterhaft, sie witzig und umwerfend komisch vorzutragen. Steffen Scheumann als ständig nörgelnder Hosenfabrikant Giesecke hat augenscheinlich seine Paraderolle gefunden. Mit koddriger Ausdrucksweise und Berliner Schnauze residiert er samt charmanter Tochter im weißen Rössl und wütet gegen seinen Kontrahenten.

Hans Borck als verliebter Dr. Siedler, seines Zeichen Jurist und kühl taktierend, kommt mit Taucherflossen daher. Er meistert seine Rolle mit Bravour. Martina Schilling als Ottilie ist ganz mondäne Tochter, die sich immer wieder bemüht den cholerischen Vater auf Kurs zu bringen. Schmunzeln kann man über den „sparsamen Professor Hinzelmann", der so gerne mit Tochter Klärchen (Julia Giebel) auf Reisen geht. Die Rolle schein Edgar Schäfer auf den Leib geschnitten zu sein. Jürgen Zäther parodiert glänzend den „jungen Sülzheimer. Die Figur des schönen Sigismund ist für ewig in die Annalen eingegangen. Das lispelnde Klärchen (Julia Giebel) und der schöne Sigismund (Jürgen Zäther) sind ein umwerfend komisches Paar.
Cordula Schuster als Josepha Vogelhuber gibt eine resolute Wirtin ab, die trotz Verliebtheit den Durchblick nicht verliert. Jeff Martin singt mit dahinschmelzendem Tenor, einfach wunderbar. Und Kathi, die Briefträgerin" gibt der Revue den perfekten Rahmen, weil sie so überaus schön jodeln kann.

Ralf Lange und die Philharmoniker spielen präzise und in gewohnter Harmonie.

Chor, Kinderchor und das Ballett erfreuen immer wieder mit Einlagen und Gags. Selbst das Publikum bleibt nicht verschont und wird in die Handlung mit eingebunden. Stehend und mit viel Enthusiasmus singt es die Hymne für Kaiser Franz.

Fazit: Ein begeistertes Publikum mit Standing Ovation für beste dreistündige Unterhaltung mit einem hinreißendem Ensemble und einer farbenfrohen, abwechslungsreichen und phantasievollen Choreographie.

Gelsenkirchen

 

L`Áfricaine (Die Afrikanerin)
Grand opèra von Giacomo Meyerbeer

Premiere: 20.04.08

Tod durch betörenden Duft

Selika entscheidet sich für den Freitod und legt sich unter den Manzanillobaum, dessen Zweige einen tödlichen Duft ausströmen. „Die Afrikanerin", von Giacomo Meyerbeer feierte im Musiktheater in Gelsenkirchen Premiere.Meyerbeer gehörte im 19 Jahrhundert zu den bedeutendsten Opern-Komponisten. Gemeinsam mit Eugen Scribe, seinem Librettisten schuf er vier Opern, darunter auch die 1865 entstandene Afrikanerin und wurde damit zum führenden Vertreter der Grand Opèra. Im 20 Jahrhundert verschwanden Meyerbeers Werke vom Spielplan. Erst ab 1980 waren sie vereinzelt wieder auf der Bühne zu sehen .Die Entstehung der Afrikanerin hat eine Vorgeschichte. Denn schon 1837 hatte Scribe, Meyerbeer einen Entwurf für die Oper vorgelegt. Doch Meyerbeer fehlte es wohl zunächst an Inspiration um dieses Werk in Angriff zu nehmen. Erst nach der Premiere von Le Prophète fing er an sich mit dem Abenteurer „Vasco da Gama" auseinanderzusetzen. Ab März 1861 arbeitete er konsequent an seiner Komposition. 1865 wurde die Oper uraufgeführt und war ein grandioser Erfolg. Meyerbeer war kurz zuvor verstorben.

Der historische Hintergrund der Oper ist in der Entdeckung des Seeweges nach Indien zu sehen. Im 19 Jahrhundert, in der tiefsten Kolonialzeit, spielt sich die Dreiecksgeschichte zwischen Vasco da Gama, Ines und Selika ab. Selika ist eine indische Königin und nicht wie man fälschlicherweise vom Titel der Oper her annehmen könnte, eine Afrikanerin. Die Handlung verläuft oft erwartungsgemäß und spiegelt die gesellschaftlichen Zusammenhänge der damaligen Zeit. Die Charakterisierung der Protagonisten sind zum Teil oberflächlich. Passend zur Handlung komponierte Meyerbeer eine epische Musik, dieElemente von Exotik und Fremdartigkeit enthält..

Die Inszenierung von Regisseur Baesler spannt den Bogen von der Zeit des Kolonialismus bis in unsere heutige Globalisierte Welt. Die Protagonisten verfrachtet er auf ein Schiff. Die Idee dazu kam ihm, als er sich mit der „Great Eastern", dem größten Schiff im 19. Jahrhundert beschäftigte. Es diente dazu, Telegraphenverbindungen zwischen der Neuen und der Alten Welt herzustellen. Ein riesiger, runder Teller als Metapher für eine globalisierte Welt, in der alles verkabelt und vernetzt ist, dreht sich auf der Bühne unentwegt. Die Technik macht es möglich gemacht und die Musik ist das Medium, mit der sich die Kulturen begegnen und auch ohne viele Worte verständigen können.

Den Inhalt des Stückes neu in den Blick zu bekommen und einen Bezug zu unserer Zeit herzustellen, hatte sich Regisseur Baesler zur Aufgabe gemacht.Sein Konzept scheint nicht so leicht umzusetzen zu sein. In den beiden ersten Akten, geht es ziemlich langatmig zu, ohne besondere Höhen und Tiefen. Überwiegend ist es der Chor, der Spannung in das Geschehen bringt. Erst im 4. und 5. Akt wendet sich das Blatt. Da ist etwas zu spüren vom einstigen Glanz der Grand Opèra. Das märchenhafte Bühnenbild und die farbenprächtigen Kostüme lassen die faszinierende Welt fremder Kulturen als Vision unmittelbar erscheinen. Die beiden Rivalinnen, Ines (Lea Gordon) und Selika (Hrachuhì Bassénz) dominieren die Handlung und bezaubern mit hinreißenden Gesang und großer Ausstrahlungskraft.
Lea Gordon singt die Ines mit herausragender klangschöner Stimme, fein differenziert bis in die höchsten Spitzen und Hrachuhì Bassènz als ihre Gegenspielerin Selika, steht ihr in nichts nach und meistert die Koloraturen mit ausgefeilter Technik und dunklem Timbre.
Geradezu feierlich wird die Szenerie, wenn beide Frauen aufeinander zuschreiten und sich die Hände reichen. Eine der schönsten Szenen überhaupt. Christopher Lincoln in der Rolle des Vasco da Gama ist nicht gerade der „Idealtypus eines Helden", wie man ihn sich üblicherweise vorstellt. Es fehlt ihm an Charisma. Es mag sein, dass Baesler sich hier streng an Meyerbeers Vorgabe orientiert, der seinem Helden „menschliche Züge" verlieh und ihn nicht so kräftig konturierte, wie beispielsweise Nelusko. Mit der „deutschen Heldenauffassung" konnte Meyerbeer sich stets nur sehr wenig anfreunden. Auch gesanglich überzeugt Lincoln nicht durchgängig. In den Höhen verliert er an Ausdruckskraft und wird einige Male vom Orchester übertönt.
Die Musik ist tief ergreifend und feinsinnig. Die Neue Philharmonie Westfalen reagiert unter der bewährten Leitung von Samuel Bächli flexibel auf die Sänger, variiert Tempo und Dynamik. Der Chor ist bestens präpariert, steigert sich von leisen Tönen zu einer elementaren, explosionsartigen Kraft, wenn die Dynamik der Handlung es erfordert.

Nach 3 ½ Stunden „Gran Opèra ist die Begeisterung im Publikum groß und es gibt viel Beifall für das gesamte Ensemble.

 

Gelsenkirchen

L'incoronazione di Poppea (Die Krönung der Poppea)
Oper von Claudio Monteverdi
Favola regis per musica in einem Prolog und 3 Akten.
Text von Giovanni Francesco Busenello
Uraufführung: 1642 in Venedig, Teatro Santi Giovanni e Paolo

Premiere: 09.03.08
Musikalische Leitung: Samuel Bächli
Inszenierung: Bettina Lell/Andreas Baesler

Poppea will Kaiserin von Rom werden. Nero ist fasziniert von Poppea und bereit ihren Wunsch zu erfüllen. Er verstößt Ottavia, seine Frau. Als Nero Seneca seinen Heiratswunsch mitteilt, versucht dieser vergeblich ihn davon abzubringen. Poppea spinnt daraufhin eine Intrige und Nero drängt Seneca zum Selbstmord. Für Poppea ist der Weg zum Thron nun frei. In Claudio Monteverdis Oper von 1642 geht es um Macht, Intrigen und Leidenschaften. Im 17 Jahrhundert wurde die Oper mehrfach gespielt. Die erste modernisierte Aufführung fand 1905 in konzertanter Form statt. Monteverdis sah die Musik als ein Medium an, um den Ausdruck der menschlichen Seele, das ganze Spektrum menschlicher Affekte und Leidenschaften zu transportieren. Deshalb ordnete er jeder seiner Figuren eine eigene musikalische Sprache zu, Genauso wie die Musik die Charaktere der verschiedenen Figuren beschreibt, verkörpern die vielfältig verschiedenen Klänge der Musikinstrumente die Szenerien in der Oper. So können Blockflöten die Erinnerung an die freie Natur erklingen lassen, Posaunen und Pauken wecken Assoziationen von Bedrohungen. Das korrupte alte Rom, als Schauplatz menschlicher Leidenschaften und Intrigen benutzte Monteverdi zur Provokation und für eine eiskalte Abrechnung mit seiner Zeit. Keine seiner Hauptfiguren handelt untadelig, Diener und Herrscher scheinen auf einer Ebene zu stehen, Klassenunterschiede nicht mehr zu existieren. Regisseurin Bell siedelt die Oper in der Gegenwart an und entwickelt das Drama um Liebe, Freiheit und Leidenschaften mit viel Sensibilität und Liebe zum Detail. Statt antiker Gemäuer und luxuriösem Ambiente bieten variable, farbige Wände mit unterschiedlich großen Lichtquellen den Spielraum für differenzierte Handlungen. Die agierenden Personen werden in ein Sozialsystem eingepasst und durch die Verwendung verschiedener Sprachen: Italienisch für die Privilegierten, Latein für die Gebildeten und Deutsch für die Normalbürger, klassifiziert. Neben Nero und Poppea ist es Amor, dem die Regisseurin dramaturgisch besondere Aufmerksamkeit widmet. Amor im Glitzerdress hält alle Fäden zusammen und ist der eigentliche Imperator im Reich der Intrigen und großen Leidenschaften. Anke Sieloff meistert die Rolle als Nero hervorragend. Claudia Braun als Poppea, stimmlich ohne Tadel, gelingt es glaubhaft, die taktierende Persönlichkeit der Edelhure darzustellen. Altus Matthias Lucht in der Rolle des betrogenen Ottone singt mit Inbrunst seine Partie. Noriko Ogawa-Yatake als Ottavia besticht durch viel Ausstrahlung und beherrscht sängerisch brillant ihre Rolle. Christian Helmer beeindruckt als Stoiker mit viel Würde. Leah Gordon fällt wieder einmal durch ihre wunderbar klangschöne Stimme auf. William Saetre als Arnalta, amüsiert als Amme die den „Durchblick" hat.
Samuel Bächli begeisterte mit seiner Kammermusikgruppe von 22 Musikern, die Instrumente, wie z.B. Blockflöten, Laute, Truhenorgel, aber auch Klarinetten, Klavier, Akkordeon und Posaunen beherrschen. Viel Zustimmung für die musikalische Leistung und Beifall für das gesamte Ensemble.

 

Düsseldorf

Deutsche Oper am Rhein
"La Fermosa" ( Die Jüdin von Toledo)
Ballett von Youri Vàmos
Musik Irmin Schmidt, Hans Pfitzner

Premiere: 01.03.08
Die Idee zu dem Ballett kam Youri Vàmos als er den Roman von Lion Feuchtwanger „Die Jüdin von Toledo" las. Die tragische Liebesgeschichte zwischen dem kastilianischen König Alfonso VIII. und der schönen Jüdin Rahel hatte über Jahrhunderte die Phantasie der Menschen beflügelt. Neben Grillparzers Tragödie „Die Jüdin von Toledo" von 1848, ist Feuchtwangers Roman aus dem Jahr 1955 wohl am bekanntesten geworden. Feuchtwanger ging es nicht nur um die Darstellung der Liebesgeschichte, sondern auch um den historischen Kontext, um das Zusammenleben von Mauren, Christen und Moslems im Spanien des 13 Jahrhundert. Wesentlich in seinem Stück ist der Toleranzgedanke. Youri Vàmos hat ihn als zentrales Element aufgegriffen und in seine Choreographie für das Ballett „La Fermosa" eingebaut
Die Handlung beginnt in einem Kinosaal der 50er Jahre im maurischen Stil zur Zeit des Franco Regimes in Toledo. Elegant gekleidete Menschen, unterschiedlicher Religionsgemeinschaft angehörend, nehmen dort Platz um sich den Film " La Fermosa", die Jüdin von Toledo anzusehen. Darunter sind auch Arno, seine Frau Laura und Graf de Lara. Auf der Leinwand sieht man die Entstehung der Weltreligionen und das Entflammen von Konflikten zwischen den Anhängern der verschiedenen Gemeinschaften. Vàmos macht schon zu Beginn der Inszenierung deutlich, worauf es ihm ankommt. Er lässt die Handlung auf verschiedenen Ebenen und zu verschiedenen Zeiten spielen.
Die Personen im Kinosaal und die Akteure auf der Leinwand werden sogleich in die Handlung mit eingebunden. Des Weiteren arbeitet Vàmos mit Symbolen und Kontrasten. Der Gestaltung des märchenhaften Bühnenbildes, der stimmungsvollen Beleuchtung und der sorgfältigen Wahl der Kostümierung steht die brutale Handlung in dem Ballett gegenüber. Die Szenerie im Mittelalter ist beispielsweise überwiegend in eine düstere Atmosphäre getaucht, während der Kinosaal in der Gegenwart, durch hell gekleidete Menschen und eine freundliche Möblierung gekennzeichnet ist. Orientalischen Charakter hat nicht nur das Bühnenbild, sondern auch die Bekleidung Ramazas.
Mit einem lila Schleier verhüllt umgarnt sie Arno geheimnisvoll. Der hinterhältige Graf de Lara (Armen Hakobyan) dagegen, in schwarzer Garderobe weckt Assoziationen an den personifizierten Teufel.
Vàmos arbeitet mit 2 Erzählebenen. Den Pas de deux tanzen Alfonsa und Rahel, die Liebenden aus der Legende und Arno und Ramaza, das aktuelle Liebespaar. Bei dem ständigen Wechsel der zeitlichen und kulturellen Ebenen verwischen Raum und Zeit. Mal tanzen schwarz gekleidete Juden im Mittelalter um einen siebenarmigen Leuchter, ein anderes Mal sind es fanatische Christen, die sich versammeln, um zu den blutigen Kreuzzügen aufzubrechen, dann wiederum reflektieren einige der Kinobesucher über ihre eigene Geschichte. Der Zeitenwechsel wird angedeutet durch eine große Uhr, die sich mittig an der Bühnendecke befindet und meistens rückwärts läuft. Um dies alles richtig interpretieren zu können, ist es hilfreich, sich im Vorfeld über das Werk zu informieren, denn Vamos geht mit seinen Inszenierungen immer wieder neue, experimentelle Wege.
Zwei Jahre hat er mit sehr viel Enthusiasmus an „La Fermosa" gearbeitet. Dass klassische Ballett dient ihm dabei als Ausgangspunkt für die Realisierung zeitnaher Themen und Konfliktstoffe. Die Protagonisten in „La Fermosa" transportieren mit ihrem Tanz auf faszinierende Weise, Konflikte und große Gefühle, die so alt sind, wie die Menschheit selber es ist. Hin- und hergerissen zwischen großer Liebe und Fremdheit, zwischen Nähe und Distanz wird die Problematik unterschiedlicher Herkunft und Religion anhand der beiden Liebenden sichtbar gemacht. Der unendlich traurige, wunderbar ausdrucksvoll getanzte Pas de deux am Ende des 2. Aktes von Valerio Mangianti (Arno) und Kaori Morito (Ramaza) verdeutlicht noch einmal die Tragik der Handlung.
Die Musik zu dem dramatischen Geschehen auf der Bühne hat Irmin Schmidt komponiert. Er ist Gründer der legendären Rockgruppe „Can". Einige Liebeszenen sind mit Cello Einlagen von Pfitzner gefühlvoll untermalt worden. Schmidts Musik setzt überall dort starke Akzente, wo es die Gefühlslage der Protagonisten erfordert. Seine Musik zeichnet sich durch häufigen Taktwechsel und durch Rhytmusverschiebungen, wie sie von Strawinsky bekannt sind, aus.
Besonderen Wert legte er auf Klangschönheit des Orchesters. Die Symphoniker spielten mit viel Elan, Koen Schoots lässt sie die unterschiedlichen Emotionen ausdrücken und erzeugt mit den Instrumenten einen differenzierten Klang. Großer Jubel und laute Bravo Rufe für das gesamte Ensemble vom Publikum bei der Uraufführung.

Termine: 3., 8., 11., 13., 16., März. Karten: Tel: 0211/ 8925 21

 

 

Duisburg

L`elisir d`amore (Der Liebestrank)

Opera buffa in zwei Aufzügen

Musik: Gaetano Donizetti

Premiere am 9. Februar 2008

In der Deutschen Oper am Rhein in Duisburg feierte Donizettis L`elisir d`amore (Der Liebestrank) Premiere. Donizetti komponierte die Oper in nur 14 Tagen, bevor er sie 1832 am Theatro della Canobbiana in Mailand vorstellte. Die Oper enthält nicht nur die berühmte Arie „Una furtiva lagrima", sondern auch auffallend viele melodische Quartette und Duette. Mit besonderem Feingefühl gestaltete Donizetti die Figuren in seinem Werk. Die Oper wurde zu einer seiner größten Erfolge und bereits in der ersten Spielzeit 33-mal aufgeführt. Die Begeisterung für L`elisir d`amore merkte man auch dem Duisburger Publikum an. Es belohnte nicht nur Andrej Dunaev (Nemorino), der die Arie „Una furtiva lagrima" klangschön und kraftvoll sang, sondern auch Netta Or mit lang anhaltendem Applaus und Bravorufen, da sie in der Rolle der kratzbürstigen Adina eine hervorragende Leistung bot. Dass sie wegen eines Infektes ihre Stimme schonen müsse, hatte Tobias Richter bereits vor Beginn der Aufführung angekündigt. Netta Or agierte nach der Pause nur noch darstellerisch auf der Bühne. Als adäquater Ersatz sprang Ekaterina Morozova ein und sang mit dunkler, timbrierter, lyrische Stimme den Part der Adina. Perfekt besetzte Regisseur Andràs Friscay Kali Son die Rolle des zwielichtigen Scharlatans Dulcamara (Bruno Ballmelli), der stimmlich alle Facetten seines zweifelhaften Charakters offen legte und die des Offiziers Belacanto, der als Rivale Nemorinos authentisch wirkte, dabei aber durchaus sympathische Züge entwickelte. Einen guten Eindruck hinterließ auch die junge Sopranistin Iryna Vakula, die mit viel Feinsinn die Rolle der Gianetta ausfüllte.
Am Erfolg der Inszenierung hatten das Bühnenbild und die farbenprächtigen Kostüme des Chors maßgeblichen Anteil. Eine malerische Bergwelt mit vielen kleinen Details diente als Kulisse für das Beziehungsgeflecht zwischen dem naiven Bauernsohn Nemorino, seiner Angebeteten, der koketten Gutsherrentochter Adnina, sowie dem feschen Sergeanten Belcore, der ebenfalls ein Auge auf sie geworfen hat. Die Protagonisten des Stückes leben beschaulich in einer dörflichen Umgebung. Die kleine Welt von Adina und Nemorino scheint in Ordnung zu sein, wäre da nicht die überproportional große barbusige Frau, die einen kleinen Stier mit einer Sonnenscheibe in der Hand hält. Von einem erhöhten Standpunkt aus lässt der Regisseur sie auf die Szenerie blicken.
Der Stier weckt die Assoziation an Apis, den heiligen Stier der Stadt Memphis (Ägypten), der als Verkörperung des Gottes Ptah verehrt wurde. Die Zeugungskraft des Stieres galt in Ägypten als Sinnbild der zyklischen Erneuerung. Ob damit auf die komplizierte Beziehung zwischen Adina und Nemorino angespielt werden soll, ist zumindest eine Überlegung wert.
Unter der musikalischen Leitung von Pierre Dominique Ponnelle spielten die Duisburger Philharmoniker mit viel Dynamik auf und setzen dabei kräftige Akzente. Das Publikum zeigte sich mit der Inszenierung überaus zufrieden und spendete dem gesamten Ensemble viel Beifall