Anselm Weber (Intendant) und mit ihm viele Schauspieler verlassen zum Ende dieser Saison das Grillo Theater und damit auch ihre Fan-Gemeinde in Essen.
Ein Abschiedsfest war für den 3.7.2010 angesagt, und es wurde, trotz einer kurzzeitigen Regenunterbrechung ein tolles Fest.
Geboten wurde ein abwechslungsreiches Programm im Grillo-Theater, in der Kassenhalle, im Café Central, in der Heldenbar, im Rangfoyer und natürlich auf der Außenbühne. Es ist fast unmöglich, alle Programmpunkte aufzuzählen. Nur einige wenige Punkte sollen hervorgehoben werden, die aber die Qualität der nicht erwähnten, nicht schmälern sollen. So gab es Gugge-Musik aus dem Pott, Lieder aus Europa, ein buntes Programm aus italienischen, georgischen, deutschen, russischen und Roma-Liedern. Auf der Außenbühne wurden Kostüme und Requisiten versteigert, die durch die lustigen Kommentare und Anekdoten zu den verschiedenen Inszenierungen mit launigen Worten und in professioneller Weise von den Schauspielern Sarah Viktoria Frick und Florian Lange an den Mann bzw. die Frau gebracht wurden. Parallel dazu standen in der Kassenhalle die Profi-Maskenbildnerinnen aus dem Schauspiel zum Kinderschminken parat.
Darüber hinaus konnte man im Kassenraum T-Shirts, Poster, Programmhefte u.v.a. aus den Jahren 2005 - 2010 erwerben und sich persönlich von dem scheidenden Intendanten während einer Signierstunde verabschieden. Auch ein Currywurststand fehlte nicht.
Um 16. Uhr gabs dann bei fast unerträglichen Außentemperaturen, kostenlos im klimatisierten Grillo-Theater, Public Viewing des WM-Viertelfinalspiels Deutschland - Argentinien, das selbst eingefleischte Fußballgegner vom Hocker riss.
Für 20 Uhr war zur großen Abschiedsshow geladen worden. In zweieinhalb Stunden wurden Szenen, Lieder und Gespräche aus fünf Jahren Schauspiel zu einem bunten Mixed zusammengefügt. Als Anselm Weber dann noch sehr persönlich gehaltene und berührende Abschiedsworte sprach, die auch eine Portion Selbstkritik enthielten, war ihm und auch dem scheidenden Ensemble lang anhaltender Applaus sicher.
Das Abschiedsfest insgesamt war eine rundum gelungene Veranstaltung und wird sowohl den Künstlern und Theaterleuten, als auch dem Publikum in guter Erinnerung bleiben. Wobei sich der tatsächliche Abschied von Essen vielleicht doch bei einigen noch um einige Wochen verschiebt, da das sich anschließende internationale Festival " Theater der Welt", eine großartige Zusammenarbeit des Theaters an der Ruhr in Mülheim und des Grillo-Theaters in Essen im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010, mit einer Vielzahl von Uraufführungen, für viele der scheidenden Künstler eine erweiterte Sicht auf die internationale Theaterlandschaft und damit verbundene internationale Kontakte bietet, die sonst in solcher Breite kaum zu erreichen sind. Kontaktmöglichkeiten gab es dann nach der Abschiedsshow auf einer Party im Café Central (Ende offen).
Dem Intendanten und allen scheidenden Künstlern und Theaterleuten wünschen wir auch von hier aus viel Glück und Erfolg für die Zukunft und vielleicht einmal ein Wiedersehen im Grillo-Theater oder auf einer anderen Theaterbühne in Essen. (E-KLA)
DER BESUCHER - Wolfgang Borchert Theater - Münster
8. April 2010
Siegmund Freuds Wiener Wohnung im Jahr 1938. Es ist der Abend des 22. März. Wien ist von den Nazis besetzt.
Vor diesem Hintergrund spielt „Der Besucher" von Éric-Emmanuel Schmitt. Anlässlich des 70. Todestages von Siegmund Freud wird das Stück zurzeit im Wolfgang Borchert Theater Münster aufgeführt. Seit 2006 werden die Werke von Éric-Emmanuel Schmitt vom Borchert Theater in Münster immer wieder inszeniert, so ist „Der Besucher" schon das fünfte Stück des französischen Theaterautors, dass hier gezeigt wird. Dem Dramatiker gelang 1993 damit der internationale Durchbruch. Ausgezeichnet wurde das Theaterstück mit dem „Prix Molière". Meinhard Zanger führte in Münster Regie..
Von Beginn an wird der Zuschauer vom Geschehen auf der Bühne gefangen genommen. Schauplatz ist die Wohnung Siegmund Freuds, in der Freud (Andreas Weißert) und seine Tochter Anna (Sabrina vor der Sielhorst) sich aufhalten. Ein großer Bücherberg liegt auf dem Boden. Freud hebt die verstreuten Bücher lauf und stellt sie langsam wieder zurück in das Regal. Man merkt ihm das Alter und seine Krankheit an. Trotzdem könnte die Szene fast idyllisch sein, wären da nicht die Nazilieder, die durch das Fenster in die Wohnung dringen. Wer den Ernst der Lage nocht nicht erahnt, wird spätestens durch die schweren Stiefelschritte, die aus dem Treppenhaus zu hören sind, eines besseren belehrt. Ein Mann der Gestapo (Jens Ulrich Seffen) betritt die Bühne. Es wird deutlich, dass er Freud regelmäßig besucht und ihn erpresst. So ist es auch diesesmal. Anna, Freuds Tochter, kann es nicht mehr mit ansehen, wie ihr Vater unter Druck gesetzt wird. Sie provoziert den Gestapomann und muss deshalb zum Verhör auf die Wache. Bevor sie geht, bittet sie ihren Vater noch die Formulare für die Emigration zu unterschreiben.
Siegmund Freud bleibt alleine zurück. Ein alter Mann, der voller Sorge um seine Tochter ist. Darum entschließt er sich die Papiere zu unterzeichnen und bescheinigt damit, immer gut von den Nazis behandelt worden zu sein. In diesem Moment taucht der Besucher (Sven Heiß) auf. Zunächst bedroht Freud ihn noch mit einer Pistole, aber nach und nach gewinnt der Unbekannte das Vertrauen des berühmten Psychoanalytikers. Der Besucher weiß Dinge über ihn, die Freud nie jemandem erzählt hat. "Wer ist er, ist er vielleicht Gott"? Warum sucht er aber dann den Atheisten Freud auf. Viele Fragen tauchen auf. Plötzlich werden die beiden gestört. Der Nazi kommt zurück. Er erpresst Freud mit dessen Testament, aus dem hervorgeht, dass Siegmund Freud Konten im Ausland hat. Das Geld will der Erpresser haben.
Als Freud und der Besucher wieder alleine sind, weiß der Unbekannte genau, was mit Anna auf der Wache der Gestapo passiert. Diese Ungeheuerlichkeit veranlaßt den Atheisten Freud über sein Verhältnis zu Gott und zum Glauben nachzudenken. Doch nach wie vor hat er Zweifel an der Existenz Gottes.
Der Mann der Gestapo, bestärkt ihn darin, denn er behauptet, der Besucher sei ein Verrückter, der von ihm gesucht werde.
Der Zuschauer sitzt staunend da und weiß selbst nicht mehr, was er von allem halten soll. Ist der Besucher Gott? Ist er es nicht? Die Verwirrung ist komplett.
Während der Aufführung fiebert der Zuschauer mit Siegmund
Freud mit. Kann es sein, dass Gott wirklich zu Besuch kommt, einfach so? Leidet Gott an der Welt? Verzweifelt er an den Menschen? Was wird aus der Welt, wenn es wirklich nur der Mensch ist, der für sie verantwortlich ist? Themen, die die gesamte Menschheit betreffen, werden von Freud und dem unbekannten Besucher heftig diskutiert. Die Verantwortung eines jeden Menschen für die Welt rückt in den Fokus der Überlegungen Freuds und des fremden Besuchers. Fragen, auf die sich keine schnellen Antworten finden lassen, die auch dem Publikum Rätsel aufgeben. Es wurde mit ihnen nachhause entlassen. (LA-S)
BEN HUR- Premiere- 21. Februar 2010 Stadttheater Münster
Komödie von Rob Ballard
Deutsch von Frank Sahlberger
Regie: Dirk Böhling.
Theater, oder vielleicht doch Kino? Schon in der Ankündigung wurde der Zuschauer im Unklaren gelassen, was ihn da erwarten würde. Theater vor der Leinwand? Ein Kinofilm ganz anders? Und dann auch noch ein Epos wie Ben Hur? Dieses Wagnis gingen die Städtischen Bühnen Münster ein und so feierte die Komödie Ben Hur des Briten Rob Ballard im Cineplex Münster Premiere. Regie führte Dirk Böhling.
Ben Hur ist ein Stück im Stück. Die Süßigkeitenverkäuferin Susi, der Filmvorführer Thorsten und ihr Kollege Tom stehen vor einem großen Problem, die Filmrolle ist zu alt. Ben Hur kann nicht gezeigt werden. Was nun? Thorsten bietet dem Publikum an, dass es sein Geld zurückerhalten kann, aber da hat er nicht mit Peter Stippkugel gerechnet. Der erhebt sich aus dem Publikum und ist mit dem Vorschlag gar nicht einverstanden. Schließlich hat er den Kinobesuch für seine Ju Jutsu-Gruppe geplant und ist zudem mit dem Chef des Kinos befreundet, den er auch gleich anruft und sein Recht einfordert. Was bleibt den drei Kinoangestellten übrig, als den Film in ein Theaterstück umzuwandeln. Da Herr Stippkugel der Einzige ist, der den Film wirklich kennt, muss er mit auf die Bühne.
Und schon geht es los. Aus allem, was das Kino zu bieten hat, werden Kostüme gebastelt. So trägt der römische Soldat Messala einen rosa Fahrradhelm und die Sklaven der Galeere rudern mit Wischmöppen. Aber es kommt noch besser: Da keinem der Männer die kleinen Sandalen passen, wird aus Ben Hur eine Frau, was aber niemand außer Messala und der Familie Hur weiß. So wird die Schwester Tirzah auch kurzerhand durch den Bruder Bill ersetzt. Nach und nach gerät die Geschichte um Judah Ben Hur mehr und mehr in den Hintergrund, denn das Publikum wird ganz in den Sog der Geschichte um die Kinoangestellten gezogen, die versuchen den Abend zu retten. Dabei wird es auch immer wieder zur Mithilfe aufgefordert und ist den ganzen Abend aktiv dabei. Die Geschichte des Judah Ben Hur endet schließlich ganz abrupt, denn Susi, oder auch Prinzessin Ben Hur, möchte nicht mehr am Wagenrennen teilnehmen, sondern viel lieber Liebesszenen spielen. Das bringt Peter Stippkugel völlig aus der Fassung, so dass sie das Projekt Ben Hur aufgeben.
Die vier Schauspieler Carolin M. Wirth, Tim Mackenbrock, Frank-Peter Dettmann und Ilja Harjes überzeugten voll und ganz. Ob Messala, Ben Hur oder doch Susi und Tom, die Schauspieler beherrschen ihr Rollen perfekt und treiben das Publikum von einer Lachsalve zur Nächsten. Wer schon immer mal im Theater Popcorn naschen wollte, viel lachen will und aus Kino und Theater ein gemeinsames Erlebnis machen möchte, der sollte sich Ben Hur auf keine Fall entgehen lassen. (LA-S)
Bochum
Schauspielhaus
"ALICE"
Eröffnet wird die Spielzeit am 01. Oktober mit der Suche des kleinen Mädchens „Alice“ zu sich selbst, die sie in die Sphären der Phantasie und Literatur führt. Die Adaption der berühmten Bücher von Lewis Carroll „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ wird von der jungen Regisseurin Anna Bergmann inszeniert, die bereits in der laufenden Spielzeit mit „Menschen im Hotel“ das Publikum verzauberte.
www.schauspiel-bochum.de
LULU
eine Monstertragödie von Frank Wedekind
Premiere am 17. April im Essener Grillo Theater
Wer ist Lulu? – Vermutlich weiß sie es selber nicht. Von der Straße geholt wurde sie von ihrem Ziehvater, dem Chefredakteur Schöning, und ist nun die bürgerliche Ehefrau des Obermedizinalrats Dr.
Goll. Dem Maler Schwarz steht sie Modell. Für Schwarz ist sie eine „Eva“ – er sieht in ihr die Reinheit einer Frau. Das hindert ihn nicht daran, über sie herzufallen. Als Dr. Goll die beiden
erwischt, erleidet er einen Herzinfarkt und stirbt. Anschließend heiratet sie zunächst Schwarz, um nach seinem Selbstmord wegen ihres Verhältnisses mit Dr. Schöning denselbigen zu ehelichen.
Schöning betrügt sie mit dessen Sohn.
Lulu dient den Männern als Projektionsfläche für ihre Weiblichkeitsphantasien. Ob sie emanzipiert ist, weil sie mehrere Männerbekanntschaften hat oder ein Symbol für Frauenverachtung, bleibt
jedem Interpreten selbst überlassen. Fest steht, dass Lulu am Ende vom Frauenmörder Jack the Ripper ermordet wird – kein sehr emanzipiertes, eher ein tragisches Ende. Fest steht auch, dass die
Männer verrückt nach ihr sind. Die Klischeebilder sind austauschbar. Lulu, lebhaft gespielt von Barbara Hirt, kokettiert mit diesen Klischees. Mal wirkt sie kindisch wie ein kleines Mädchen, dann
wieder hart und unnahbar wie eine Femme fatale. Die verschiedenen Namen, die ihr von den Männern gegeben werden, stehen für Rollenwechsel, die Lulu aufgezwungen werden. Ob Heilige oder Hure – der
Schwindel, den dieser schnelle Wechsel erzeugt, wird auf der Bühne durch eine Drehscheibe dargestellt. Nach der Pause wirkt die Inszenierung etwas hektisch und überfrachtet. Der Monolog der
Gräfin von Geschwitz, gespielt von Bettina Engelhardt, gerät etwas zu langatmig, obwohl auch sie ihrer Anbetung für Lulu angemessen Ausdruck verleiht. Dr. Schöning wird herausragend von Andreas
Grothar gespielt, mit Sinn für die komischen Elemente der Inszenierung.
Wer eine moderne Inszenierung sehen und über die Rolle der Frau nachdenken möchte, dem sei „Lulu“ – inszeniert von Schirin Khodadadian – empfohlen. Sie stiftet auf jeden Fall Verwirrung.
(Anna Dettmer)
KRANKHEIT DER JUGEND
(Ferdinand Bruckner)
Im Essener Grillo-Theater zu sehen am 11. und 18. 2. sowie am 13.03, 20. 3. und 09.04.2009
Regie Nuran David Calis
Bühne Irina Schicketanz
Kostüme Silke Rekort
Musik Vivan Bhatti
Video Karnik Gregorian
Unter dem Pseudonym Ferdinand Bruckner schrieb Theodor Tagger 1926 dieses Schauspiel unter dem Eindruck der damaligen Zeit. Nuran David Calis hat die handelnden Charaktere grundsätzlich nicht verändert, aber Umgebung und Sprachstil in bemerkenswerter Weise unserer Zeit angepasst. Er übernimmt nur teilweise Bruckners Text, deutet mit modernisierter Sprache die Situation der heutigen jungen Erwachsenen.
Wir erleben Selbstfindungsprozesse von 7 jungen Menschen, zumeist Studierende. Sie sind geprägt durch Herkunft und Umwelt und müssen sich den Fragen von Ethik und Moral, des eigenen Standpunkts und Werts stellen. Da ist die realistisch denkende Marie, die begabte Desiree, die alles probiert, aber keinen Halt findet; Irene, ehrgeizig und zielsicher, aber fast menschenscheu; der empfindsame Schriftsteller Petrell; der an seinen Moralvorstellungen gescheiterte Arzt Alt; der intelligente, aber Verantwortung scheuende Freder und die von ihm skrupellos manipulierte einfache Lucy, die Putz- und Servierdienste leistet. Sie treffen auf einer Geburtstagsparty aufeinander und zeigen uns ihre Suche nach Liebe und Erfolg in ihren verschiedenen Ausprägungen, die Versuche, andere zu manipulieren in der verzweifelten Hoffnung auf eigenes Glück. Die Dialoge münden in dramatische Wendungen. Auf schmalem Grat befindlich kann sich das Schicksal für den Einzelnen zur einen oder anderen Seite neigen
Die jungen Schauspieler bringen die Charaktere glaubwürdig auf die Bühne und zeigen eine geschlossene Ensemble-Leistung - sie erhalten zu Recht starken Beifall. Das in kühlem Weiß gehaltene Bühnenbild unterstreicht sehr gut die unpersönliche Atmosphäre der Campus-Umgebung. Als Zuschauer verlässt man das Theater mit der Frage nach den Ursachen der aufgezeigten Zustände.
(Baumann-Wagner)