"LACHBODEN " - GOP - ESSEN

LACHBODEN IM GOP
DAS NEUE PROGRAMM
bis zum 2. Mai 2010
in Essen
Wie geheimnisvoll ein Dachboden sein kann, dass weiß wohl jeder noch aus seiner Kindheit, aber auch als Erwachsener kann so mancher Schatz entdeckt werden. Die Schätze und Geheimnisse des Dachbodens des GOP Varieté-Theaters Essen werden in dem neuen Programm „Lachboden" enthüllt. Der Besucher wurde während der Premiere am 4. März 2010 ganz in die Welt des Dachbodens aufgenommen und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Natürlich braucht ein Theaterdachboden auch einen geheimen Bewohner. Herr Steil hat es sich in einem alten Schrank richtig gemütlich gemacht und hat dort alles was er braucht. Und so führt er den Zuschauern seine Habseligkeiten vor, und was da nicht alles zum Vorschein kommt, unter anderem eine alte Plattensammelung. Aber Andi Steil kann noch mehr, so singt er und musiziert mit einem Wok.
Ein Radio aus Omas Zeiten spielt Manuel Muertes Lied und lockt ihn so zusammen mit seiner Assistentin Silvana Busoni auf die Bühne. Der Zauberkünstler ist mit einer blonden Perücke bekleidet und ruft immer wieder den Schlachtruf „Las Vegas" ins das Mikrophone. So ist es hervorragend gelungen einen Zauberkünstler zu karrikieren, der seinen besten Jahre schon hinter sich zu haben scheint. Umso mehr begeistert er das Publikum mit seinen Tricks. Da zaubert er Goldfischgläser, oder verliert seine Hand. Leiden muss allerdings seine Assistentin unter ihm. Sie wird während eines Zaubertricks ausversehen von einem Dolch aufgespießt.
Doch der Dachboden hat natürlich noch mehr zu bieten. Catch me if you can, Stefan Sing und Phillip Meyhöfer lassen Bälle fliegen und scheinen fast eine Einheit mit diesen zu bilden. Aber auch beim Beatboxing zeigen sie was sie können. Valeriy Yemets und Evgeniy Schukin schweben als Duo Valery durch die Luft. Fast schwerelos scheinen sie sich in der Kulisse des Dachbodens zu bewegen. Ein geheimes Liebespaar verbirgt der Dachboden auch. Das heimliche Treffen der Liebenden zeigt das Duo La Brise. Oleg Kolesnichenko und Olga Miekhova überzeugen durch Präzision und Dynamik. Hier konnten auch technische Probleme zu Beginn des Auftritts der Show keinen Abbruch tun.
Und was verbirgt ein Dachboden noch? Richtig, kein Dachboden ohne Spinne. In diese verwandelt sich Katrina und der Zuschauer meint eine wirkliche Spinne zu sehen. Sehr graziös bewegt sie sich in ihrem Netz. Durch den Abend führt der Kabarettist und Moderator Thomas Philipzen mit viel Witz und Musik.
„Lachboden" ist ein rundum gelungenes Programm. Der Zuschauer kann Staunen , Lachen oder einfach die Show genießen. Das Programm wird noch bis zum 2. Mai 2010 in Essen gezeigt. (LA-S)
Marigold - Schauspiel Bochum - 21. Februar 2010
Wer eine ansruchsvolle Handlung und tiefsinnige Dialoge erwartet, der ist hier fehl am Platz. Das Musical will amüsieren und mit bekannten Songs der Beatles erfreuen. Mal wieder auf der Nostalgiewelle schwimmen, scheint die Devise zu sein. Das Publikum, darunter viele Beatlesfans, feierten begeistert das hervorragende Ensemble.
Am Moskauer Flughafen treffen der Amerikaner Chris, die Studentin Katharina und die Freunde Pawel und Iwan aufeinander. Der Bus mit dem sie in die Stadt fahren wollten, muss repariert werden und sie befragen den Busfahrer, wann es endlich weiter geht. Draussen ist es bitterkalt, bis der Bus startklar für die Magical Mystery Tour ist, wird es noch Stunden dauern.
Die Wodkaflasche macht die Runde und Chris fängt an zu erzählen. Er sucht nach Jana, seiner großen Liebe, die er vor drei Jahren in Moskau kennengelernt hat und die seine schriftstellerischen
Ergüsse aufbewahrt. Jana hat inzwischen den mächtigen Filmboss Semjon geheiratet. Bei einem Talentwettbewerb ist dieser ganz hingerissen von Katharina. Er gibt ihr die Hauptrolle in seinem Film
„Marigold". Bald kommt heraus, dass die Idee zu dem Film nicht von ihm stammt. Und auch sonst reißen die Turbulenzen nicht ab, die tollen Beatles Songs von Back in the USSR, über Help, Michelle
und I am a Walrus zum Glück auch nicht.
Fuliminant spielt Felix Vörtler den cholerischen Fimboss Semjon und auch als "Wahlrusse" ist er eine Wucht. Auch die anderen Darsteller sind großartig. Zum Schluss gibt es noch Zugaben. Bei der tänzerischen Akrobatik von Christoph Pütthoff kommt das Publikum so richtig in Fahrt.
DIE ZIEGE ODER WER IST SYLVIA? – Premiere – Grillo-Theater – 05.12.2009 – 19:30 Uhr
Aufgrund einer Erkrankung der Regisseurin Lisa Nielebock feierte am 05.12.2009 statt dem für dieses Datum vorgesehene Stück „Nathan der Weise“ „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“. im Grillo-Theater Premiere. Auch in diesem Stück spielt das neue Mitglied des Grillo-Ensembles Jürgen Hartmann, der auch den Nathan spielen wird, die Hauptrolle. Der Stararchitekt Martin Gray führt seit vielen Jahren eine glückliche Ehe mit Stevie, verliebt sich aber eines Tages in Sylvia. Plötzlich ist alles anders. Es folgt ein Beziehungskrieg, der durch die Frage „Wer ist Sylvia?“ entbrennt.
Vier Jahrzehnte nach „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ erzählt Edward Allbee erneut vom Zerbrechen einer Ehe. Martin und Stevie stehen vor dem Scherbenhaufen ihrer eigentlich glücklichen Ehe. Und auch im Grillo trugen Scherben, in Form von zerschmetterten Vasen und Tischen, zu einem immer größer werdenden Chaos auf der Bühne bei. Bettina Engelhardt und Jürgen Hartmann spielen diesen Ehekrieg mit viel Herzblut. Eine Tragikomödie soll dieses Stück sein und in der Tat ist dem Zuschauer nicht ganz klar, in was für ein Genre er da geraten ist. „Die Ziege oder Wer ist Sylvia“ präsentiert sich in einigen Momenten ernst, an der Grenze zur Tragödie. In anderen Momenten wiederum ist es geprägt von witzigen Szenarien und humorvollen Details, die hauptsächlich durch eine Fokussierung auf Sprache und durch die brillante Spielweise aller Darsteller entstehen. Gut gewählte Musikeinschübe lockern das zum Nachdenken anregende Stück stellenweise zusätzlich auf. Die Inszenierung von Henner Kallmeyer ist in jeder Hinsicht gelungen. Das Premieren-Publikum bestätigte dies mit lang anhaltendem Applaus (Bernadette Ahmann)
Lewis Carroll: „ALICE“ im Bochumer Schauspielhaus
Aufführung vom 25. 10.2009 um 19 Uhr (Premiere am 1.10.2009)
Anna Bergmann hat die Alice-Romane von Lewis Caroll „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ inszeniert, und zwar für Erwachsene. Alice – apathisch und verzweifelt dargestellt von Maja Beckmann - steht inmitten einer verkorksten Familie. Die Mutter – stets krankhaft lächelnd – hat mehrfach abgetrieben und wirft ihrer Tochter vor, ihr ihre Jugend gestohlen zu haben. Dieser Mutter-Tochter-Konflikt wird bis zum Schluss nicht gelöst. Der Vater trinkt, bemitleidet sich und hält sich aus allem raus, während die Brüder überdreht und verrückt wirken – jeder auf seine eigene Weise. Man möchte meinen, Bergmann habe Rebecca Millers „Pippa Lee“ gelesen. In diesem Buch schildert die Tochter Arthur Millers eine ähnlich gestörte Familiensituation.
In der Inszenierung von Anna Bergmann schlüpfen die Darsteller phasenweise in die Rollen der Figuren aus den Alice – Romanen. Die Mutter, gespielt von Martina Eitner-Acheampong, ist auch die Herzkönigin sowie die Schwarze Königin. Als liebevolle und am Ende verzweifelte Mutter kommen an einer Stelle im Stück ihre Aggressionen durch. Es scheint, als könne sie diese erst in der Rolle der despotischen Herrscherin - „Hackt ihr den Kopf ab!“ ausleben. Gewalt ist ein Thema in den Alice-Romanen, das von Bergmann auf die Familie überträgen wird. Gewalt in der Familie also – sehr bedrückend, düster und wahrhaft nichts für Kinder. Aufheiterung bieten die Songs, die von den Schaupielern gesungen werden, wie „Walking on Air“ von Martina Eitner-Acheampong. Sehr gut ist die Darstellung der Puppenspieler, die beispielsweise die Schmeichelkatze und Alice als Kind gekonnt in die Handlung miteinbeziehen. Ablenkung von der bedrückenden, psychisch fordernden Aufführung bietet die Bühne, die als sich drehender Würfel verschiedene Bilder zeigt. In der Mitte befinden sich die Spiegel, in der Küche der Familie läuft im Fernseher die Verfilmung von „Alice im Wunderland“. Doch die dauert keine zwei Stunden – im Stück gibt es keine Pause – und am Ende zeigt der Bildschirm nur Schnee. Ein klares Bild kann auch die Inszenierung im Schaupielhaus nicht verschaffen, eher eine deprimierende Stimmung. (Anna Dettmer)
Termine im November: 8., 14. und 22. November 2009
Essen
Grillo Theater
22.10.09
Alles könnte passiert sein, aber ebenso auch gar nichts. „Dunkel lockende Welt“ beginnt in der blitzblank geputzten Wohnung von Dr. Corinna Schneider, die ihrem Freund nach Peru folgen will. Corinna unterhält sich mit Vermieter Joachim Hufschmied, der sie nicht gehen lassen will. Nach einiger Zeit findet Joachim einen menschlichen Zeh, übersehen beim Putzen. Was macht dieser in der Wohnung? Ist Corinnas Freund vielleicht doch nicht in Peru? Eins ist auf jeden Fall klar: Corinna fährt nicht zu ihm, sondern zu ihrer Mutter Mechtild nach München. Diese soll für ihre Tochter den Zeh holen. In Leipzig bei Joachim angekommen, behauptet die Biologin, dass ihre Tochter gestorben sei. Joachim und Mechtild kommen sich näher und stellen fest, dass sie sich eigentlich schon kannten.
Händl Klaus entwirft eine Welt, in der viel Platz für die eigene Fantasie bleibt. Die dunkel lockenden Abgründe der Personen können nur erahnt werden. Das Stück ist etwas bizarr und bestückt mit langen und auch wiederkehrenden Dia- und Monologen. Grundvoraussetzung für den Zuschauer ist Fantasie, da viele Fragen ungeklärt bleiben.
(Bernadette Ahmann)
Bochum
Schauspielhaus
Das weite Land (Arthur Schnitzler)
Im Schauspielhaus Bochum
Samstag, 4. April 2009
Regie: Dieter Giesing
Mit dieser „Tragikomödie“, wie Schnitzler sein Stück selbst bezeichnet, erlangt er internationalen Ruhm. Es wird 1911 gleichzeitig an neun bedeutenden deutschsprachigen Bühnen uraufgeführt. In seinem
gesamten Werk richtet er sein Augenmerk immer wieder auf den Widerspruch zwischen Verstand und Gefühl, so auch hier. Die Auswirkungen des gesellschaftlichen Zustands auf das Individuum werden mit
psychologischer Genauigkeit betrachtet. Wir erleben in „Das weite Land“ eine Gesellschaft, die sehr weitgehend nach außen hin den noch gültigen Konventionen folgt, aber keinerlei Wertvorstellungen
damit verbindet. Ehebruch ist gängige Praxis, wird anscheinend allseits toleriert. Die individuellen Vorstellungen darüber, wer sich in welcher Situation aber wie zu verhalten hat, gehen weit
auseinander. So unterstellt der Protagonist – Fabrikant Hofreiter, autoritärer Macher und Machtmensch – seiner Frau Genia, sie habe Schuld am Selbstmord des Künstlers Korsakow, weil sie ihn nicht als
Geliebten nahm, sondern ihm treu blieb. Der Gedanke scheint unerträglich für ihn, er selbst nimmt sich jedes Recht, Frauen zu nehmen und fallen zu lassen, wie es ihm beliebt. So nimmt er auch sofort
die Gelegenheit wahr, seinen Freund Dr. Mauer in die Berge zu begleiten, schließlich trifft man dort auch auf die blutjunge Erna, die seit Kindesbeinen für ihn schwärmt, sich aber ansonsten einen
modernen Touch gibt. Dr. Mauer macht sich Hoffnungen auf Erna, aber Hofreiter nutzt rücksichtslos die Gelegenheit, sich Erna zu nähern. In einem Gespräch zwischen dem Hoteldirektor Aigner und
Hofreiter über die emotionalen Erfahrungen des Ehebruchs, die im Falle Aigner zur sofortigen Trennung von der geliebten Frau und dem Sohn führten, wird deutlich, wie fremd ihm solche seelischen
Befindlichkeiten sind (Burkhard Klaußner als Hofreiter mit großartiger Mimik). Die Seele ist für Aigner ein „weites Land“, für Hofreiter aber haben Menschen zu funktionieren – nach seinen
Vorstellungen. Dass aber auch er Emotionen unterliegt, erweist sich im Gespräch mit dem Bankier Natter (Nomen est omen) und seiner verzweifelten Reaktion nach dem Duell-Mord an dem jungen Liebhaber
seiner Frau, als er erkennt, dass er zwar die äußeren Verhältnisse manipulieren kann, nicht aber die inneren.
Wir sehen in Bochum eine Inszenierung, die sich weitgehend an der Originalfassung orientiert. Das Ensemble vermag durchgängig, die Charaktere des Wiener Großbürgertums um 1910 glaubhaft darzustellen.
Besonders hervorgehoben werden müssen die beiden Hauptdarsteller Burkhard Klaußner als Hofreiter und Catrin Striebeck als seine Frau Genia, denn sie verstehen es emotionale Entwicklungen glaubhaft zu
verkörpern. Marc Boysen als empfindsamer und zurückhaltender Dr. Mauer und Johann von Bülow als unterwürfiger, bauernschlauer Bankier Natter überzeugen mit ihrer Darstellung. Das Bühnenbild ist
modern und schlicht, dabei auch zweckmäßig, denn es bildet stets den geeigneten Rahmen für die Handlung. Die Aufführung ist, was sie sein soll: tragisch und komisch.
Insgesamt für Theaterfreaks eine Empfehlung!
(Gisela Baumann-Wagner)
Düsseldorf
Schauspielhaus Düsseldorf
„Josef und seine Brüder" nach Thomas Mann
von John von Düffel
Inszenierung: Wolfgang Engel
Thomas Manns Monumentalwerk „Josef und seine Brüder" auf die Bühne zu bringen, stellt eine ziemliche Herausforderung dar. Denn das vierbändige Epos Thomas Manns ist alles andere als eine leichte
Kost. Nach den Buddenbrooks nahm sich John von Düffel, der als Dramaturg am Thalia Theater in Hamburg tätig ist, nun auch dieses umfangreiche Werk vor. Für das Schauspielhaus in Düsseldorf
schrieb er eine Bühnenfassung. Wolfgang Engel inszenierte die Erzählung.
Die Theaterbesucher haben sich an diesem Samstag auf einen langen Abend eingestellt. Bereits der Auftakt ist ungewöhnlich und mutet abenteuerlich an. Labyrinthartige Gange führen zur Bühne.
Vorsichtig setzen die Zuschauer Fuß vor Fuß bis sie zu ihren Plätzen gelangen.
Die Bühne hat die Form eines Quadrates mit Podesten, die sich heben und senken lassen. Nur ein Mast mit einem einzigen Scheinwerfer ist dort aufgestellt, ansonsten ist sie kahl und ohne
schmückendes Beiwerk. Das Publikum kann von vier Tribünen aus auf die Bühne herabblicken. Für die Darsteller gibt es keine Rückzugsmöglichkeiten, jede Handlung, jede Geste wird sichtbar. Nichts
bleibt den Zuschauern verborgen. Mit der Offenheit der Bühne soll die Offenheit der Geschichte und die Schutzlosigkeit des Individuums assoziiert werden. Der Mensch wird in das Leben geworfen und
ist für sich verantwortlich. Die vier Seitenwände des Quadrats symbolisieren die vier Himmelsrichtungen, innerhalb derer spielt sich das Leben ab, gibt es Orientierung. Der Blick von oben auf die
Bühne des Lebens wird dieses Mal den Theaterbesuchern gewährt, nicht wie sonst üblich ist er Gott vorbehalten.
Ähnlich wie schon in Thomas Manns „Buddenbrooks" geht es auch in „Josef und seine Brüder" um die großen Themen der Menschheitsgeschichte, die uns nicht nur im Alltag, sondern auch in der Weltliteratur immer wieder begegnen: Liebe, Hass, Eifersucht, Betrug, Rache und Täuschung.
Die Handlung beginnt mit dem Auffahren der Darsteller aus der Tiefe auf die Bühne. Die Inszenierung legt damit gleich den Fokus auf ein zentrales Element des biblischen Mythos. Auf den tiefen
Brunnen, in dem Josef von seinen Brüdern geworfen wurde.
Die alttestamentarische Familiengeschichte wird in zwei Teilen von acht Darstellern, sieben Männern und einer Frau erzählt. Gleich zu Beginn der Aufführung gerät man ins Staunen, als die Brüder
ein Streitgespräch beginnen. Die Worte fliegen nur nur so hin und her zwischen den Erzählern, sie steigern sich in Wortgefechte, werden immer schneller und schneller und enden schließlich in
einem Stimmengewirr. Bereits hier zeigt es sich, wie wunderbar Thomas Mann mit dem Wort umgehen konnte, seine sprachliche Vielfalt und die Virtuosität seiner Sprache.
Der erste Teil endet mit dem vermeintlichen Tod Josefs. Jakob wird das blutgetränkte Hemd seines Lieblingssohnes gebracht. Der zweite Teil spielt in Ägypten. Josef lebt im Haus des Potiphars und
wird schnell dessen Vertrauter. Mut, Potiphars Frau, verliebt sich in ihn und stellt ihm nach. Josef, absolut gottesfürchtig und loyal gegenüber seinem Herrn widersteht ihren vehementen
Verführungskünsten. Welche Kraft ihn das kostet, macht Michele Cucioffo durch sein hervorragendes Spiel klar. Denn Potiphars Frau, beeindruckend dargestellt von Janina Sachau ist eine schöne,
leidenschaftliche Frau die alle Register zieht um Josef herumzukriegen. Sukzessive verliert sie dabei immer mehr den Boden unter den Füßen.
An dieser Stelle gibt die Inszenierung den Exzessen der Mut zuviel Raum, weniger wäre da mehr gewesen. Auf Umwegen kommt Josef schließlich an den Hof des Pharao. Seine außergewöhnlichen
Fähigkeiten machen ihn dort schon bald unentbehrlich. Er gelangt zu Macht und Ansehen.
Die Schauspieler schlüpfen gleich in mehrere Rollen, auch in Frauenrollen. Feststehende Identitäten, das will die Inszenierung deutlich machen, gibt es nicht. Menschen verändern sich und mit
ihnen die Geschichte. Bei Thomas Mann sind es nicht nur die Menschen, die Geschichte schreiben, sondern es sind auch die Werke selber.
Für seine Verkörperung des Josef wird Michele Cucioffo stürmisch gefeiert. Er überzeugt als unbekümmerter Jüngling, der anfangs naiv durch das Leben stolpert, genauso, wie als gebildeter Sklave
und erfolgreicher Geschäftsmann. Am Schluss sind seine Haare ergraut. Das Leben hat Spuren hinterlassen. Doch der Protagonist ist über sich hinausgewachsen. Durchtrennt hat er die Kette von Hass,
Betrug und Rache.
Damit öffnen sich die Augen für ein neues Humanitätsideal, womit wir dann wieder ganz nah bei Thomas Mann sind.
Das großartige Ensemble erhält viel Beifall. Nach Fünfstunden ist manch ein Zuschauer an seine Grenzen gestoßen. Die Schauspieler sind es nicht. Sie wirken auch nach der langen Spieldauer weder müde noch abgespannt. (Ha-K)
Krankheit der Jugend
Krankheit der Jugend
von Ferdinand Bruckner
Im Essener Grillo-Theater zu sehen am 11. und 18. 2. am 13. und 20. 3., sowie am 09.04.2009
Regie Nuran David Calis
Bühne Irina Schicketanz
Kostüme Silke Rekort
Musik Vivan Bhatti
Video Karnik Gregorian
Unter dem Pseudonym Ferdinand Bruckner schrieb Theodor Tagger 1926 dieses Schauspiel unter dem Eindruck der damaligen Zeit. Nuran David Calis hat die handelnden Charaktere grundsätzlich nicht verändert, aber Umgebung und Sprachstil in bemerkenswerter Weise unserer Zeit angepasst. Er übernimmt nur teilweise Bruckners Text, deutet mit modernisierter Sprache die Situation der heutigen jungen Erwachsenen.
Wir erleben Selbstfindungsprozesse von sieben jungen Menschen, zumeist Studierende. Sie sind geprägt durch Herkunft und Umwelt und müssen sich den Fragen von Ethik und Moral, des eigenen Standpunkts und Werts stellen. Da ist die realistisch denkende Marie, die begabte Desiree, die alles probiert, aber keinen Halt findet; Irene, ehrgeizig und zielsicher, aber fast menschenscheu; der empfindsame Schriftsteller Petrell; der an seinen Moralvorstellungen gescheiterte Arzt Alt; der intelligente, aber Verantwortung scheuende Freder und die von ihm skrupellos manipulierte einfache Lucy, die Putz- und Servierdienste leistet. Sie treffen auf einer Geburtstagsparty aufeinander und zeigen uns ihre Suche nach Liebe und Erfolg in ihren verschiedenen Ausprägungen, die Versuche, andere zu manipulieren in der verzweifelten Hoffnung auf eigenes Glück. Die Dialoge münden in dramatische Wendungen. Auf schmalem Grat befindlich kann sich das Schicksal für den Einzelnen zur einen oder anderen Seite neigen
Die jungen Schauspieler bringen die Charaktere
glaubwürdig auf die Bühne und zeigen eine geschlossene Ensemble-Leistung - sie erhalten zu Recht starken Beifall. Das in kühlem Weiß gehaltene Bühnenbild unterstreicht sehr gut die unpersönliche Atmosphäre der Campus-Umgebung. Als Zuschauer verlässt man das Theater mit der Frage nach den Ursachen der aufgezeigten Zustände.
(Gisela Baumann-Wagner)
Der Tod eines Handlungsreisenden- Arthur Miller
Grillo Theater
Essen
(19.01.09)
1949 in New York uraufgeführt, thematisiert dieses Stück den „American Dream“ und das Scheitern daran. Willy Loman hat sich sein ganzes Leben darum bemüht, den Erwartungen seiner Umgebung zu entsprechen. Er hat stets viel gearbeitet, um das Haus seiner Familie abzubezahlen. Doch es wird eine hohe Versicherungssumme fällig und zudem verliert er seinen Job. Letztendlich zerbricht er nicht nur an seinem Scheitern, sondern an dem Lügengerüst, das er um sich herum aufgebaut hat.
Brandaktuell ist dieses Stück, besonders, vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise betrachtet. Amerikaner müssen ihre Häuser aufgeben und in Zelten leben.
Eine karge Inszenierung bietet das Grillo. Lediglich ein Herd in der Mitte der Bühne suggeriert das traute Heim der Familie Loman. Ein zentraler Punkt der Handlung fehlt: Lomans Sohn Biff verschweigt, dass er seinen Vater in den Armen einer anderen Frau gefunden hat, als er ihm sein Versagen im Abitur gestehen wollte. Dies ist der Grund dafür, dass Biff nicht das Leben seines Vaters leben möchte und in dessen Augen ein Versager ist. „In diesem Haus wurde niemals die Wahrheit gesagt“, wirft Biff seinem Vater vor. Durch das Fehlen des Seitensprungs in der Inszenierung wirkt Biff die ganze Zeit wie ein verwöhntes Jüngelchen, man versteht seine Beweggründe nicht. Wenn er mit seinem Bruder Happy kindisch im Pyjama rumtollt und die Mutter im Bademantel ihren Mann empfängt, wird deutlich wer der Tüchtige in der Familie ist: Willy Loman im Anzug.
Ehrlich kommt es rüber, wenn er seine Mutter vor der Abfälligkeit Willy Lomans beschützt „Er hat dich doch immer nur wie einen Putzlappen behandelt“. Hier wirkt sie aber nicht wie einer, Linda Loman möchte ihrem Mann helfen, kämpft wie eine Löwin auch gegen ihre Söhne.
Gelungene Regieeinfälle wie ein Glitterregen über Willy Loman, als er von einem Sportereignis träumt oder die Stimme seines erfolgreicheren Bruders durch ein Mikro hört, verstärken die Modernität der Inszenierung. Mit dem Klischee, dass jeder Mann ein Haus bauen und einen Baum pflanzen soll, wird durch die verworrene Gartenarbeit Willy Lomans mit einem Kübel Erde aufgeräumt. Witzig sind die großen Sessel, die aussehen wie Muffins. Sehenswert ist auch die Leistung der Schauspieler, witzig und tragisch zugleich. Wer Angst vor dem Ernst des Stückes hat, sei entwarnt, die Realität ist momentan viel ernster. (Anna Dettmer)
"Don Carlos" von Friedrich Schiller
Essen
Grillo Theater
"Don Carlos"
(11. Dezember 2008)
„Geben Sie Gedankenfreiheit". Dieser Satz aus „Don Carlos" war 1781 als Schillers Drama entstand ganz ungewöhnlich. Denn noch hielten Adel und Klerus das Zepter der Macht fest in ihren
Händen.
Doch das folgenreichste europäische Ereignis der Neuzeit stand schon vor der Tür. Die französische Revolution resultierte aus der Unfähigkeit des Ancien Régimes auf die geistigen, politischen und
wirtschaftlichen Herausforderungen im Land zu reagieren. Sie führte zu weitreichenden Veränderungen, von denen fast ganz Europa betroffen war.
Schiller schrieb „Don Carlos" im Spannungsfeld des Zeitalters von Absolutismus und der Periode von Sturm und Drang. Das Drama enthält viel Zündstoff und genauso viele
Interpretationsmöglichkeiten. Dem Dichter geht es um die Selbstbestimmung des Menschen und um den uneingeschränkten Gebrauch der eigenen Vernunft. Marquis von Posa in "Don Carlos" ist eine
Figur, die die Idee der Gedankenfreiheit in die Menschheit transportieren soll.
Wie geht nun Anselm Weber den komplexen Dramenstoff an? Der erfolgsgewohnte Regisseur des Grillo Theaters inszeniert „Don Carlos" in moderner Fassung mit Videoprojektionen. Er kreiert einen
Überwachungsstaat, indem die Protagonisten in einem Netz von Intrigen, Verschwörungen und Misstrauen sich gegenseitig nicht trauen können. Wie dieser Staat funktioniert zeigen die
Videoeinspielungen. Kameras spionieren das Leben der Menschen aus, folgen ihnen in Privaträume, zeigen leere Flure oder labyrinntartige Gänge.
Des Weiteren ist der Großinquisitor über alles was im Reich passiert unterrichtet. Jedes Individuum kann lückenlos beschattet werden.
Die Inszenierung zeigt die Konsequenzen der Überwachung. Die Falle schnappt am Ende zu. Es gibt kein Entrinnen, nicht für Carlos und nicht für den Marquis, der sich für seinen Freund
geopfert hat.
Die perfekte Überwachung zeigt auf bedrückende Art und Weise, welche verheerenden Auswirkungen Intrigen, Bespitzelungen und Misstrauen im sozialen Gefüge der Menschen haben. Dort wo sie an der Tagesordnung sind, gibt es kein Vertrauen und nur selten wahre Freundschaft. Parallelen zur Stasi drängen sich auf, selbst enge Familienmitglieder wurden ausspioniert und der Willkür politischer Machthaber ausgeliefert. Auch in einer funktionierenden Demokratie wird der einzelne mehr und mehr zu einem gläsernen Mensch und hat mit Nachteilen zu rechnen, wenn seine Daten nicht der Norm entsprechen. In Don Carlos ist es der eigene Vater, der den Sohn ausspionieren läßt, der ihm die Geliebte ausspannt und und ihn ans Messer liefert, als er nach Flandern fliehen will. Das Ideendrama zeigt anhand dieser Problematik, aus welchen Motiven die handelnden Personen ihren Hass, verschmähte Liebe, Verzweiflung oder Freiheitsdrang ableiten oder in ihnen verstrickt sind. Auch ohne Vorkenntnisse des Werkes, kann die Inszenierung leicht nachvollzogen werden.
Mit Sicherheit liegt es auch an den hervorragenden Schauspielern,
dass die Aufführung so brilliant ist. Nicola Mastroberardino (Carlos) kann man sich nicht entziehen. Mit unglaublicher Bühnenpräsenz verkörpert er den jugendlichen, schlaksigen und
unkonventionellen Regenten, bei dem man die üblicherweise vermuteten Attribute eines Monarchen vergeblich sucht.
Der Identifikation mit seinem Seelenzustand kann man sich nur schwer entziehen, so beeindruckend drückt sich sein emotionales Spiel in wütenden Artikulationen und wild gestikulierenden Gesten
aus. Die innere Wandlung und der Verzicht auf das individuelle Glück, als sich "Carlos" in den Dienst des Freiheitsideals stellt, setzt Nicola Mastroberadino absolut authentisch
um.
Barbara Hirt gibt der Elisabeth ein klares Profil. Es beinhaltet königliche Würde und Handeln aus Pflichtgefühl.
Roland Riebeling interpretiert überzeugend den Charakter des Marquis von Posa, der in der Gestalt des Idealisten auftritt und bereit ist einer übergeordneten Idee zuliebe, die eigene
Wahrhaftigkeit zu opfern.
Andreas Grothgar versteht es vortrefflich der Gestalt Philipp des II. Kontur zu geben. Markante Wesenzüge des Herrschers, wie Angst, Eifersucht und Misstrauen macht er transparent.
Philipp beobachtet seine kleine Tochter per Videokamera während des
Spielens. Ein interessanter Einfall der Regie, der mehr als Worte sagt und die Unnahbarkeit seines Wesens überaus deutlich macht.
Am Ende des Dramas kriecht der Herrscher winselnd über den Boden. Ob es Gewissenbisse sind, die ihn zu Boden werfen, bleibt offen..
So recht ins Bild passt diese Vermutung bei seinem Persönlichkeitsprofil allerdings nicht.
Begeisterung und lang anhaltender Applaus
(U. Harms.Krupp)
Alice im Wunderland
Alice im Wunderland begeisterte schon viele Kinder in der ganzen Welt Selbst Oscar Wilde war von der Erzählung sehr angetan und auch Königin Viktoria soll ihre Freude daran gehabt haben. Die Box in Essen zeigt die Erzählung jetzt als Puppenspiel.
Am Samstag war Premiere. Unter den Zuschauern waren auffallend viele kleine Gäste, die mit ihren Großeltern gekommen waren. Gebannt verfolgten groß und klein die zauberhafte Geschichte, in der
Alice auf allerhand skurille Gestalten trifft.
Nach der gut einstündigen Vorstellung durften die Kinder die selbstgefertigten Puppen aus der Nähe betrachten. Das Staunen war groß, denn die Puppen sind mit viel Liebe zum Detail vom
Puppenspieler Dieter Malzacher hergestellt worden, so dass Kinder und Erwachsene gleichermaßen ihre Freude daran hatten.
Effie Briest
Grillo Theater
Premiere 7. 11.2008
Theodor Fontane wandte sich in seinen Romanen und Novellen gegen die starren Konventionen seiner Zeit im ausgehenden 19. Jh. Wir haben diese Zeiten längst überwunden und andere Probleme zu
bewältigen. Was also kann uns die Geschichte der Ehebrecherin Effi Briest heute noch sagen?
Effi ist ganz ein Kind ihrer Zeit und ihrer Schicht. Sie hält Wohlstand und gesellschaftliche Stellung für Lebensglück und akzeptiert 17-jährig einen Ehemann, der ihr dies zu garantieren scheint. Obwohl dieser sehr viel älter ist als sie selbst. Ihr Mann und weitere Personen, die in ihrem Leben eine Rolle spielen, fühlen sich an die gelernten Konventionen eng gebunden.
So ist es unvermeidbar, dass das Schicksal seinen Lauf nimmt. Ihr Ehemann erschießt ihren Liebhaber im Duell, obwohl der von ihm zufällig entdeckte Ehebruch mehr als 6 Jahre zurückliegt. Der mahnende Einwand von Freund und Sekundant Wüllersdorf: „Wenn Sie den Liebhaber totschießen, ist Ihr Lebensglück sozusagen doppelt hin, und zu dem Schmerz über empfangenes Leid kommt noch der Schmerz über getanes Leid." verfehlt zwar nicht seine Wirkung, doch letztendlich rückt Effis Ehemann nicht ab von seinem Vorhaben. Schließlich geht es um seine Ehre und um seine Wahrnehmung, die ihn nicht anders handeln lassen kann. „Man ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört dem Ganzen an, und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen, wir sind durchaus abhängig von ihm."
Cilli Drexel und Olaf Kröck zeigen die Geschichte in einer modern inszenierten Bühnenfassung, die die wesentlichen Elemente der literarischen Vorlage wiedergibt, teilweise in Prosa. Dem Ensemble gelingt es hervorragend die einzelnen Figuren des Stückes zu charakterisieren. Die sparsame Bühnenausstattung findet schöne, symbolische Bilder, die das Geschehen deutlich machen. Sehr subtil stellt Nadja Robinè die Wandlung von der glücklichen Kindfrau zur unglücklichen Ehefrau dar, die an den gesellschaftlichen Konventionen zerbricht. Zu Beginn der Inszenierung verbringt sie noch unbeschwerte Kindertage unter dem voll in Blüte stehenden Apfelbaum. Doch mit dem Abschütteln der rosa Blüten ist auch das Ende für Effi gekommen. Die heile Welt ist für immer dahin.
Die Welt der „Effi Briest" kann nur erahnt werden, denn die Protagonisten des Stückes sprechen wenig über ihr Seelenleben. Nur durch Beobachtung von Mimik und Gestik gelingt ein Annähern an die Personen. Pedantisch rückt Baron von Innstetten die Sessel zurecht und verwindet es kaum, dass Effi den Kaffee verschüttet. Werner Strenger verkörpert sehr authentisch die Rolle des übergenauen Ehemanns. Effi hat ein inniges, vertrauensvolles Verhältnis zu ihrer Mutter und auch diese scheint ihrer Tochter sehr zugetan. Vorsichtig bereitet sie Effi auf das zukünftige Leben vor. Ihren Andeutungen kann man entnehmen, dass es keines falls so rosig aussehen wird, wie ihr bisheriges. Judith von der Werff zeigt die Mutter-Tochter-Beziehung äußerst differenziert.
Die seelische Erstarrung der Handelnden, ihr Verharren in gesellschaftlichen Konventionen arbeitet die Inszenierung sehr deutlich heraus. Die Verwendung von Masken als sichtbares Zeichen für eine Welt, in der das eigene Selbst versteckt und verhüllt wird um dem gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen, kann als weiteres Indiz zur Darstellung gesellschaftlichen Zustände gewertet werden. Effi ist zur Außenseiterin geworden, von der Gesellschaft geächtet. Zum Schluss hebt sie die letzten zartrosa Blüten auf. Der Baum steht nur noch als Gerippe dar.
Besser hätte man es nicht ausdrücken können.
Ein lohnender Theaterabend! Lang anhaltender Beifall für das großartige Ensemble
"Was ihr wollt"
von William Shakespeare
Regie: David Bösch
Premiere: 10.10.2008
Illyrien in Essen (Anna Dettmer)
Das Leben ist eine Baustelle
"Illyrien", ein Schauplatz großer Liebessehnsüchte in Shakespeares „Was ihr wollt", wird gerade umgebaut. Warum? Regisseur David Bösch verrät es nicht.
Den Ort „Illyrien" inszeniert David Bösch symbolisch als eine große Welle, die einen mitreißt, so wie die Liebe, wenn sie einen plötzlich und unerwartet trifft. Patricia Talacko und Dirk Thiele illustrieren dieses Bild wunderschön auf der Bühne. Eine Welle spült Viola, herzerweichend gespielt von Sarah Victoria Frick, an den Ort, an dem Herzog Orsino seit langem seiner unerwiderten Liebe zur Gräfin Olivia frönt. Wenn er den Bühnenmeister auffordert, sein Liebeslied noch einmal zu spielen, scheint es, als genieße er seinen Zustand der Hoffnung, des Wartens und der Verzweiflung.
Mit seinen langen Haaren erinnert er an einen Hippie auf einer einsamen Insel, der das Motto „Peace, Love and Harmony" perfektioniert hat. Der Narr, glänzend in Szene gesetzt von Günter Franzmeier, sieht dem Herzog ähnlich. Die Allegorie reizt zum Nachdenken: Ist der ein Narr, der ewig auf die unerreichbare Liebe hofft? Olivia, die um ihren toten Bruder trauert, wird erst wieder durch die Liebe zu Viola, alias Cesario, zum Leben erweckt. Verzweifelt, weil auch diese Liebe unerwidert bleibt, sucht sie die Schuld typisch weiblich in ihrem Aussehen. Grandios, wie sie mit einem Lippenstift die Vorarbeit eines Schönheitschirurgen an ihrem Körper vollzieht.
Regisseur David Bösch hat Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" als einfallsreiche, bunte und junge Inszenierung nach der Übersetzung von Thomas Brasch auf die Bühne gebracht. 2 ½ Stunden produziert die Inszenierung nicht nur jede Menge Gags und Einfälle, sondern auch viel Komik und jede Menge bissigen Humor. Dabei gibt es immer wieder Kabarettistische Einlagen und Effekte zu sehen, in denen Elemente der modernen Welt identifizierbar sind.
In der zeitlosen Aufführung spielt das gesamte Ensemble hervorragend, insbesondere Sarah Viktoria Frick als Viola bringt Schwung in die Handlung und begeistert mit ihrer Darstellung.
Karsten Riedel. vermag es, mit seiner Musik die tragikomischen Momente eindrucksvoll zu unterstreichen.
Wieder ein großer Erfolg. für Regisseur David Bösch und das Ensemble des Grillo.
Tosender Applaus.
Essen:
Grillo Theater
Die „Orestie" von Aischylos
Regie : Roger Vontobel
Bühne: Claudia Rohner
Kostüme: Nadine Grellinger
Video: Immanuel Heidrich
Premiere: 13.09.08
Jugend in der Revolte
Die »Orestie« des Aischylos ist die einzige vollständig erhaltene Trilogie des antiken griechischen Theaters und gilt als eines der berühmtesten Dramen der Antike. Erzählt wird die Geschichte der
Atriden. Der siegreiche König Agamemnon kehrt aus Troja zurück. Mitgebracht hat er Kassandra, die Seherin, als Kriegsbeute. Klytaimestra, Gattin Agamemnons, inzwischen mit Ägisth liiert, plant
dessen Ermordung. Elektra und Orest rächen den Tod Argamemnons. Kassandras düstere Prophezeiungen sind eingetroffen.
Roger Vontobel, der bereits erfolgreich Grillparzers „Das goldene Vlies" und „Eldorado" von Marius von Mayenburg in Essen inszenierte, brachte nun die „Die Orestie" im Essener Grillo Theater auf
die Bühne. Die Inszenierung in moderner Fassung und mit einem jungen Ensemble wurde vom Publikum sehr positiv aufgenommen.
Dröhnende Rockmusik zum Auftakt und ein Orest, der unaufhörlich rennt, dabei aber auf der Stelle tritt, stolpert, fällt und dann keuchend auf der Bühne liegen bleibt. Schließlich taucht er ab in
den Zuschauerraum. Der Chor tritt auf und hämmert die Worte: tun, leiden, lernen, vehement und sich ständig in der Lautstärke steigend in Richtung Zuschauerraum. Die zentrale Bedeutung dieses
Slogans als ein Leitmotiv des Stücks wird schnell deutlich, denn im Laufe der gut dreistündigen Aufführung wird er häufig wiederholt.
Die Protagonisten präsentieren sich im modernen Outfit und einer leicht verständlichen Sprache. Vontobel orientierte sich an der modernen Übersetzung von Peter Stein, wobei er im 2.Teil
zusätzlich Texte aus Sophokles „Elektra" (deutsch von Peter Krumme) verwendet. Das Bühnenbild ist nüchtern, in grau bis schwarz gehalten. Weißes Papier vom Boden bis zur Decke hinreichend
markiert den Eingang in den Palast. Moderne Videotechnik und Applausverstärker aus der Retorte werden eingesetzt.
Thematisch geht es in der Inszenierung um Krieg, Kindermord, Gattenmord, Muttermord, Rache, Heuchelei, Täuschung, Lüge und blindem Hass. Damit wurde nicht nur der Mensch in der Antike
konfrontiert, auch in der Lebenswelt des modernen Menschen finden sich genügend Beispiele für Affekte, gibt es Exzesse und Gräueltaten.
Aischylos Tragödien spiegeln die historische Zeit und zeigen das Leben der Menschen zwischen dem Glauben an die Götter und der eigenen Bewältigung des Daseins. Der Tragödiendichter kämpfte selber
gegen die Perser und erlebte die Reformation Athens zur Demokratie mit.
Roger Vontobel geht mit seiner Inszenierung neue Wege. Der klassische Stoff der Orestie wird im modernen Gewand präsentiert und problematisiert „Bindungslosigkeit, jugendliche Rebellion und
Blutrache". Aussehen und Charakter der Figuren stimmen mit der herkömmlichen Vorstellung antiker Tragikfiguren nur bedingt überein. Agamemnon (Werner Strenger) tritt als gebrochener Mann in
Erscheinung, wie ein strahlender Held wirkt er nicht. Der Regisseur verleiht ihm „menschliche Züge", vermutlich trägt er schwer an seiner Schuld, die Schlacht hat ihn gekennzeichnet, Blut ist in
Strömen geflossen und er opferte seine Tochter, „Ipheginie" für den Sieg in Troja. Nadja Robinè in der Rolle der Kassandra wirkt liebenswürdig und schutzbedürftig.
Klytaimestra, (Judith von der Werff) legt sich bei Agamemnons Rückkehr mächtig ins Zeug und verfasst Lobeshymnen auf ihren Gatten, die voller Phrasen und Heuchelei sind. Obgleich sie seine
Ermordung schon lange beschlossen hat. Judith von der Werff wirkt in ihrer Darstellung so authentisch, dass Assoziationen an Ereignisse unserer Zeit sich spontan aufdrängen. Jonas Gruber in der
Rolle ihres rücksichtslosen Geliebten Aigisth, kann man sich sehr gut als einen eiskalt berechnenden Buisnessmann vorstellen.
Und schließlich Elektra (Barbara Hirt). Würde strahlt sie nicht gerade aus, eher iist sie emotionsgeladen, jugendlich unbesonnen, draufgängerisch und starrköpfig. Barbara Hirt zeigt jedoch
hervorragend, wie der Rachegedanke mehr und mehr von ihr Besitz nimmt und sie keinen Argumenten mehr zugänglich ist. Sie rebelliert gegen alles und jedens Wütend schlägt sie gegen die weiße
Papierwand, die sie selber mit „Welcome Agamemnon" beschriftet hat. Dahinter vergnügen sich nun Klytaimestra imd Aigisth. Draußen vor dem Tor des Palastes hausend, sieht Elektra in der Mutter nur
noch die Herrscherin und sinnt unaufhörlich auf Rache, die sie aber Orest überläßt. Jegliche Kommunikation zwischen Mutter und Tochter scheint abgebrochen. Orest ist der einzige, zudem Elektra
noch eine Bindung hat. Den Verlust der Eltern kann er ihr aber nicht ersetzten. Sie benutzt ihn, um die Mutter zu töten. Ihre Worte: tun, leiden, lernen klingen wie Peitschenhiebe, als sie ihm
die Axt zur Tötung der Mutter reicht. Mathias Eberle versteht es ausgezeichnet den Orest gleichermaßen jugendlich, unbekümmert, hilflos, ratlos aber auch rebellisch darzustellen.
Mit Blut wird nicht gespart. Tote treten als blutbeschmierte Rachegötter "Eumeniden" auf und werden zu Richtern über Orest. Die Gerichtsverhandlung ist eine Farce, soll aber die Einmaligkeit des
Geschehens verdeutlichen. Denn Orest wird als Muttermörder angeklagt, der Lenkung der Staatsgeschäfte unwürdig. Erstmals ist damit das antike Rechtverständnis ein anderes geworden und hat den
Rachegedanken als einen nie endenden Prozess in der Kette von Gewalt und Vergeltung unterbrochen. Damit entstehen neue Dimensionen, die eine Gesetzgebung möglich machen. Ein weltliches Gericht
hat Recht gesprochen, eine von der menschlichen Gesellschaft eingesetzte objektive Instanz, Götter werden nicht mehr benötigt.
Ob Orest etwas gelernt hat- oder noch immer auf der Stelle tritt und auf der Suche nach sich selber ist, bleibt ungewiss. Er entschwindet in die Dunkelheit, alleine mit seiner Schuld.
Die Rachetriologie lässt den Schluss offen, ein „Lernprozess" nicht unbedingt in Sicht. Doch eines scheint sicher, nur im Diesseits kann der Mensch Hilfe erwarten, können Antworten auf
existentielle Fragen gefunden werden. Das Jenseits verweigert sie.
Karten: 0201-8122 200
tickets@theater-essen.de
Oberhausen
Die Ratten (11.04.2008)
Tragikomödie von Gerhardt Hauptmann
Theater in Oberhausen
Inszenierung: Johannes Lepper
Selbst im Himmel gibt es keine Gerechtigkeit
Gerhardt Hauptmanns Tragödie „Die Ratten" hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Uraufgeführt wurden die „Ratten" 1911 im Lessing Theater in Berlin. Das Stück wurde damals mit Unverständnis
aufgenommen, denn es war seiner Zeit weit voraus. In Oberhausen wurde die Tragikömodie von Johannes Lepper inszeniert. Im Zentrum der Handlung steht Frau John, deren Sohn an einer Krankheit
gestorben ist Sie lernt Pauline kennen, ein schwangeres, einfältiges Mädchen, die ihr Kind nicht haben will und alles daran setzt es loszuwerden. Frau John macht einen Deal mit ihr und gibt
Paulines Kind als ihr eigenes aus. Als Pauline ihr Kind zurückhaben will, kommt es zur Auseinandersetzung und die Tragödie nimmt ihren Lauf. Vordergründig ist es das tragische Schicksal der Frau
John, die sich nimmt, was ihr nicht gehört und daran zugrunde geht. Doch Hauptmann ging es um viel mehr. Es sind komplexe gesellschaftliche Konflikte, die sich am Handlungsort abspielen. Der
liegt in einer alten, schäbigen Mietskaserne, duzende Familien hausen hier. Auch Frau John und der Theaterdirektor Hassenreuter haben hier ihre Wohnungen. Die beiden repräsentieren zwei soziale
Welten. Es sind die Welt der Herrschenden und Besitzenden und die Welt der Proletarier und der Besitzlosen.
Im 19 Jahrhundert kam es zu gewaltigen Umbrüchen in der Gesellschaft. Industrialisierung und Verstädterung zogen Elend und Armut in weiten Kreisen der Bevölkerung nach sich. In seinen Stücken
prangert Hauptmann Missstände an und zeigt die Dekadenz der Gesellschaft. Das Rattenmotiv erfüllt von daher eine doppelte Funktion, da es auf das tatsächliche Vorhandensein der Ratten im maroden
Gebäude hinweist und gleichzeitig die innere Gegensätzlichkeit des menschlichen Daseins versinnbildlicht.
Die Protagonisten in Leppers Inszenierung zeigen Verhaltensmuster und Verstrickungen, für die Lebenslüge, Egoismus und Beziehungslosigkeit bezeichnend sind. Sie sind nicht in der Lage miteinander
zu kommunizieren. Das Versagen der sprachlichen Kommunikation weist auf die Vereinsamung des vollkommen isolierten Individuums hin. Ein weiterer auffallender Aspekt ist die Interesselosigkeit,
mit denen die Figuren auf der Bühne ihre Umwelt wahrnehmen. Sie erkennen nicht, welche Tragödie sich direkt vor ihren Augen abspielt. Parallelen zur heutigen Zeit sind somit unverkennbar. Alle
Rollen im Stück sind hervorragend besetzt. Otto Schnelling als Harro Hassenreuter überzeugt als ehemaliger Theaterdirektor mit einer Mischung von Arroganz und Imponiergehabe, Klaus Zweck ist der
ahnungslose Ehemann Paul John, der nur ganz allmählich spürt, dass etwas Dunkles, Verhängnisvolles sich anbahnt. Claudia Fritzsche beruft sich auf Gottes Gerechtigkeit und fordert als
diskriminiertes Dienstmädchen Pauline Piperkarcka ihr Kind von Frau John zurück. Dass die Idee der Gerechtigkeit nicht im Himmel anzusiedeln ist, macht Frau John ihr an dieser Stelle aber ganz
deutlich klar. Marek Jera charakterisiert die Figur des unheimlichen und abstoßenden Bruno vortrefflich, Obwohl es schwierig ist ihn akustisch zu verstehen, kann man leicht nachvollziehen, was er
verbal sagen möchte.
Ein ganz großes Lob gehört Sabine Wegmann. Wie sie in die Rolle der Henriette John schlüpft und sich deren Charakter in Sprache und Gestik zu eigen macht, ist schlichtweg brillant. Ihr
Ausdrucksvermögen fesselt von der ersten bis zur letzten Minute. Viele Zuschauer kommentieren es mit Bedauern, dass sie nicht noch einmal alleine auf die Bühne kommt, um den Beifall des Publikums
entgegenzunehmen.
Das gesamte Ensemble wird mit viel Beifall bedacht.
Grillo Theater
ANTIGONE
von Sophokles
Premiere am 29.03.2008
Nach der sehr erfolgreichen „Woyzeck" Inszenierung wartete nun mit „ Antigone" eine neue Herausforderung auf Regisseur David Bösch. Antigone ist vermutlich im Jahr 442 (v.Ch.) zum ersten Mal in Athen aufgeführt worden und seitdem in zahlreichen Inszenierungen auf der Bühne zu sehen gewesen. Dabei wurden interschiedliche Akzente gesetzt, politisch motivierte Aufführungen waren ebenso zu sehen, wie Inszenierungen, die den Geschlechterkampf in den Mittelpunkt stellten. Wie nähert sich Bösch nun der antiken Tragödie? Bei ihm heißt es zunächst Verzicht auf ein opulent ausgestattetes Bühnenbild, stattdessen der Einsatz einer Videoinstallation. Nicht nur die Kindergesichter von Eteokles, Polineykes, Ismene und Antigone werden auf die Leinwand projiziert, sondern auch einstige Idole, wie beispielsweise Janice Joplin oder James Dean. Dröhnende Rockmusik tönt in den Zuschauerraum. Auf der rot ausgelegten Bühne räsoniert Kreon über Theben und Antigone brüllt ihm unter den Zuschauern sitzend Propaganda, Propaganda entgegen. Was ist geschehen? Eteokles und Polineykes, beide Brüder der Antigone regieren in Theben und geraten in Streit. Sie erschlagen sich gegenseitig mit dem Schwert. Kreon, Antigones Onkel und Schwager des Ödipus übernimmt daraufhin die Herrschaft in Theben. Antigone will Polineykes begraben, doch Kreon verbietet es kategorisch. Sie akzeptiert sein Verbot nicht und übertritt damit das Gesetz. Kreon lässt sie ins Verlies werfen. Durch Sigmund Freud wurde die Ödipus Sage berühmt. Sie stellt genau betrachtet aber nur einen Ausschnitt aus einem größeren mythologischen Erzählzusammenhang über das Geschlecht der Labdakiden, dessen Stammvater Lapdakos war, dar. Mehrfach brüstet sich Antigone: „Ich bin Antigone, aus dem Geschlecht der Lapdakiden." Das Duo Lukas Graser und Nikola Mastroberadino, beide Mitglieder des Ensembles am Essener Grillo Theater, übernehmen gleich mehrere Rollen in der Tragödie und sind darin fulminant. Sie fungieren als Erzähler, klären das Publikum über die Oedipus Geschichte auf und übernehmen den Part der (toten) Brüder Eteokles und Polineykes. Sprachlich brillant und In eindrucksvollen Dialogen wird die Handlung vorangetrieben und die Konflikte der Protagonisten vorgeführt. Kreon und Antigone schenken sich nichts. Zwar versucht Kreon zunächst mäßigend auf Antigone einzuwirken, verpasst ihr dann aber doch eine Ohrfeige als sie respektlos los schreit und ihn mehrfach anspuckt. Holger Kunkel als Kreon läuft hier zur Höchstform auf und ist rhetorisch und mimisch ein absolut ebenbürtiger Kontrahent für Sarah Viktoria Frick (Antigone). Böschs Antigone ist nicht so sehr als Heldin konzipiert, eher vermag man eine Rebellin in ihr sehen. Sie wendet sich mit ihrem Handeln gegen den Staat und verstößt gegen rechtsstaatliche Prinzipien Die Regie lässt sie ein Pappschild mit den Worten „Politisch Gefangene seit 2 Tagen" präsentieren.Erinnerungen an die Schleyer Entführung und die Periode der RAF Bedrohung stehen ganz plötzlich wieder im Raum.
Sarah Viktoria Frick ist eine unglaublich wandlungsfähige Antigone. Kindlich trotzig und mit einer ungeheuren Bühnenpräsenz opponiert sie in den verschiedensten Posen gegen ihren Widersacher
Kreon. Die mahnenden Worten von Schwester Ismene schlägt sie in den Wind. Dramaturgisch geschickt stattet Bösch die Schwestern mit ganz unterschiedlichen Charaktereigenschaften aus. Auch in der
Figur des Kreon legt er neue Maßstäbe an. Kreon entspricht sogar nicht dem Bild eines Tyrannen, Aussehen und Gestik erinnern eher an einen linientreuen Parteifunktionär. Sein Pferdeschwanz, ein
Relikt aus der Vergangenheit soll wohl die Wandlung seines Charakters vortäuschen. Schließlich war auch er einmal jung und modern. Kreons Geisteshaltung offenbart sich in der Auseinandersetzung
mit Haimon (Martin Vischer), seinem Sohn. Kompromisslos beharrt er auf seinem Standpunkt, selbst um den Preis, den eigenen Sohn dadurch zu verlieren. Bösch Inszenierung thematisiert aktuelle
Konflikte in der Gesellschaft Mit Kinderzeichnungen und spielerischen Einlagen spricht er auf das Drama des Erwachsenenwerdens an und weist auf den Konflikt zwischen den Generationen hin.
Antigone, wie auch Kreon, glauben das Recht auf ihrer Seite zu haben. Ignorant sind beide, denn einer wie der andere verschließt sich einer Überprüfung ihrer starren Positionen. Sie erkennen
nicht, dass das Leben als ein fortschreitender Prozess zu begreifen ist, bei dem nichts bleibt, wie es ist, sondern notwendigerweise die Weichen für das Miteinander immer wieder neu gestellt
werden müssen.
Zum Schluss betrauert Kreon seinen Sohn. Von Polinykes und Etokles in die Mitte genommen tanzen die drei den Sirtaki. Der „große Grieche" ist auf einmal ganz klein und einsam geworden.
Auch für Antigone ist das Glück unbeschwerter Kindertage endgültig dahin. Die Zukunft sieht düster aus,
denn ihr Leben hängt an einem seidenen Faden. Ismene (Barbara Hirt) hat es ihr orakelt.
Irgendwann einmal wird man von ihrer Story hören , vielleicht sogar einen Film daraus machen.
Die Regie führt dann aber ein anderer (Bernd Eichinger , Guido Knopp) und nicht mehr David Bösch.
Viel Beifall für das gesamte Ensemble. Auffallend viele junge Leute verfolgten mit großem Interesse und Begeisterung das Geschehen auf der Bühne.
Essen:
Grillo Theater
Premiere: (1.11.07)
Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter
Inszenierung: Kaschig, Mathias
Am 14.11.2007 hätte Astrid Lindgren ihren 100 Geburtstag gefeiert (sie starb 2002). In Essen wurde jetzt die Premiere von „Ronja Räubertochter" gefeiert. Viele kleine Zuschauer kamen ins Grillo Theater und freuten sich über die mutige, tapfere und liebenswerte Ronja, bravourös gespielt von Barbara Hirt.
In einer stürmischen Gewitternacht kommt Ronja zur Welt. Ihre Eltern leben auf der Mattisburg und sind Räuber. Mattis (Werner Strenger), ihr Vater, ist dort sogar der Räuberhauptmann. Er liebt seine Tochter heiß und innig, verstößt sie aber dennoch als er merkt, dass sie sich mit Birk (Lukas Graser), Borkas Sohn und seinem Erzfeind trifft. Ronja und Birk gehen gemeinsam weg und hausen im Wald, in einer Bärenhöhle, wo sie viele Abenteuer bestehen müssen. Beispielsweise begegnen sie dort auch dem unheimlichen Wilddruden.
Die phantasievolle Inszenierung von Mathias Kaschig kam beim Publikum sehr gut an. Barbara Hirt als Ronja ist sicher eine Glücksbesetzung. Wie sie mit großen Sätzen über den Abgrund springt, mutig allen Gefahren trotzt und dabei auch noch ihrem Vater den moralischen Finger zeigt, ist höchst sehenswert. Aber auch die übrigen Rollen sind bestens besetzt, den Schauspielern ist anzumerken, wie viel Freude ihnen das Spiel bereitet. Wunderschöne Kostüme, ein abwechslungsreiches Bühnenbild, Musik, die das Ganze gekonnt unterstreicht und viele lustige Gags runden die vergnügliche Aufführung ab.
Georg Büchner „Woyzeck"
Inszeniert von David Bösch
Mit Spannung wurde im Essener Grillo Theater die Premiere von Büchners „Woyzeck" unter der Regie von David Bösch erwartet. Seit der Spielzeit 2005/2006 ist Bösch als Regisseur in Essen verpflichtet. Zuletzt inszenierte er mit großem Erfolg „Liliom" von Franz Molnàr.Büchner starb 1837 mit nur 23 Jahren an Typhus. Die Story um „Woyzeck" geht auf einentatsächlich stattgefundenen Mordfall in Leipzig zurück. Das Dramenfragment wurde von Büchner in nur 5 Wochen geschrieben.
Woyzeck und Marie haben ein gemeinsames Kind, sind jedoch nicht verheiratet. Um den kargen Verdienst aufzubessern, stellt sich Woyzeck für medizinische Experimente zur Verfügung und darf sich über einen längeren Zeitraum nur von Erbsen ernähren. Daneben pflegt er noch einen verkrüppelten Hauptmann, der einen bösartigen und zynischen Charakter hat und ihm moralische Vorhaltungen macht, weil Woyzeck ein uneheliches Kind hat. Als Marie sich in den Tambourmajor verliebt und mit ihm ein Verhältnis beginnt, gerät Woyzecks Welt völlig aus den Fugen. Er wird von dem Doktor und dem Hauptmann verspottet und der Tambourmajor schlägt ihn brutal zusammen. Immer stärker wird er von inneren Stimmen heimgesucht, die ihm befehlen er solle Marie töten.
Dass es ein großer Theaterabend werden würde, bereits der Auftakt ließ es vermuten. Eine große männliche Gestalt, die eine Lichterkette um den Körper geschlungen hat, bläst Zigarettenrauch in den Zuschauerraum mit den Worten: "Meine Herren! Sehen Sie die Kreatur, wie sie Gott gemacht." Woyzeck, verkabelt und bekleidet mit einem silbrig glänzenden Overall, der die Assoziation eines Astronauten weckt, steht im Zentrum der Bühne. Sierk Radzei spielt den Woyzeck und ist in der Rolle überragend. Er ist die erbarmungswürdige Kreatur, die dem Zynismus und den Perversitäten des Experimentators gnadenlos ausgeliefert ist. ("Woyzeck, er hat die schönste aberratio mentalis partialis, zweite Species, sehr schön ausgeprägt. Woyzeck, er kriegt Zulage.")
Düstere Erinnerungen werden geweckt, Parallelen zu den menschenverachtenden, grausamen Experimenten des KZ Arztes Mengele, während des Nazi Regimes können gezogen werden..
Bösch konstruiert seinen Titelheld als einen Menschen mit liebenswürdiger und warmherziger Ausstrahlung und fast kindlicher Naivität. Maries Abwendung von ihm, stürzt beide in die Katastrophe. Nicht 30 Silberlinge sind es, für den sie ihn verrät, sondern sie betrügt Woyzeck für ein Paar glitzernde Ohrringe mit dem glatzköpfigen, gewalttätigen und gefühlslosen Tambourmajor (Nicoloa Mastroberadino). Nadja Robin ist als Marie absolut überzeugend und anrührend. Perfekt in Mimik und Gestik, besonders glaubhaft sind ihre Bemühungen dem Tambourmajor Zärtlichkeit beibringen zu wollen.
Woyzeck ist immer wieder wegen seiner Modernität gelobt worden. Das Stück zeigt das Leiden des Menschen in einer unmenschlich gewordenen Welt und weist hin auf eine Wirklichkeit, die von der fundamentalen Einsamkeit des modernen Menschen gekennzeichnet ist. Um dies zu verdeutlichen, schafft der Regisseur eindrucksvolle Bilder, z.B. das Sterntaler Märchen. Kann sich der Mensch aus Isolation und Trostlosigkeit befreien? Sonne, Mond und Sterne als metaphysische Trostspender werden jedenfalls als Illusion entlarvt.
Das gesamte Ensemble bietet eine hervorragende Leistung und wird vom Publikum mit lang anhaltendem Beifall bedacht.
Tennessee Williams,
„Endstation Sehnsucht"
Essen, Premiere:
Grillo Theater,
7.09.07
Das Grillo Theater in Essen eröffnete mit der Premiere des Dramas „Endstation Sehnsucht" von Tennessee Williams jetzt seine neue Spielzeit. Das Stück wurde 1947 uraufgeführt und brachte den endgültigen Durchbruch für den Schriftsteller. Bis zu diesem Zeitpunkt hielt sich Williams, der sein Studium der Publizistik und Theaterwissenschaft abgebrochen hatte, mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. International bekannte wurde er mit seinen Stücken „Endstation Sehnsucht" und „Die Katze auf dem heißen Blechdach." Für diese Werke wurde er mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet.
In Endstation Sehnsucht geht es um das Scheitern einer menschlichen Existenz, um Weltanschauungen und Lebensentwürfe, die mit der Realität nicht übereinstimmen. Schirin Khodadadian inszenierte das Sozialdrama in Essen und ließ es in der Jetztzeit spielen. Nach 10 Jahren besucht Blanche (Julia von der Werft) ihre Schwester Stella (Katharina Lindner) und sucht Zuflucht bei ihr. „Belrev", der Familienbesitz der beiden Schwestern ist wirtschaftlich ruiniert und Blanche hofft bei ihrer Schwester einen Neuanfang machen zu können. Stella lebt in einer engen, bescheidenen Wohnung und ist inzwischen mit Stanley, einem ungebildeten polnischen Einwanderer verheiratet. Von Anfang an kommt es zu Spannungen zwischen Blanche und ihm. Er misstraut seiner Schwägerin und verabscheut ihr vornehmes Getue. Blanche wiederum zeigt offen ihre Abneigung gegen den groben, zur Gewalt neigenden Mann, der ihre Schwester schlägt. Als sich Mitch, Stanleys Pokerfreund in Blanche verliebt, zieht er Erkundigungen über sie ein und zerstört die Verbindung der Beiden.
Wie die Regisseurin, die unterschiedlichen sozialen Welten, die zunehmende Spannungen zwischen den einzelnen Figuren, ihre Hoffnungslosigkeit und Entfremdungen in Szene setzen würde, darüber herrschte gespannte Erwartung.
Khodadadian versetzt die Handlung in die Jetztzeit und lässt Stanley im unverkennbaren Ruhrpottslang agieren. Das Bühnenbild: eine Wohnung mit Podesten und großen Fenstern, die den Blick offenhält auf die Personen und eine geschmacklose Einrichtung, ein Sammelsurium von Polstermöbeln mit zahlreichen Lampen und kitschigen Dekorationen.
Julia von der Werft gibt dem zunächst nur Andeutungsweisen Bild von Blanche im Laufe der Handlung immer schärfere Konturen. Sie liefert sich nicht nur mit Stanley, sondern auch mit Stella spannungsgeladene Dialoge und macht mit Sprache und Gestik deutlich, was es heißt in alten Traditionen verwurzelt zu sein und sich nicht auf die Wirklichkeit einstellen zu können. Andreas Grothgar als Ruhrgebietspole ist in der Rolle des Stanleys absolut authentisch. Er demonstriert Blanche, wie es ist, einen Kowalski zum Gegner zu haben. In der Auseinandersetzung mit ihr wächst er über sich hinaus, steigert seinen Hass gegen den Eindringling und motiviert seine Schritte gegen sie. Dabei gelingt es Grothgar vortrefflich die Charakterzüge des „Macho Stanley" und dessen Ambivalenz in emotionalen Dingen herauszuarbeiten. Tennessee Williams ordnet ihm durchaus auch positive Eigenschaften zu.
Stella wird von (Katharina Lindner) bestens dargestellt. Glaubhaft stellt sie deren Zufriedenheit in einem Milieu da, welches bei ihrer Schwester nur blankes Entsetzen hervorruft. Bei Khodadadian ist Stella kein abhängiges „Weibchen" sondern weiß was sie will, zeigt nur da Schwäche, wo sie der Brutalität des Mannes unmittelbar unterliegt. Werner Strenger als Mitch reflektiert perfekt das Bild des in Konventionen steckenden Menschen und dessen Entlarvung als Muttersöhnchen, der seine Heiratsabsichten aufgibt.
Mit viel Beifall wurde diese gelungene Inszenierung vom Publikum belohnt.
Essen: Grillo Theater
Premiere: 11.05.07
Henri Ibsen: Hedda Gabler
Henrik Ibsen (1828-1903), ist einer der ganz Großen der Weltliteratur und wird als Vater des modernen Dramas betrachtet. Seine Dramen thematisieren Alltagssituationen und besitzen auch heute noch
große Aktualität. Dabei wirft Ibsen einen kritischen Blick auf die bürgerliche Gesellschaft, greift Tabus auf und stellt moralische Werte zur Disposition.
1890 schrieb er in München das psychoanalytische Drama „Hedda Gabler." In Essen wurde jetzt die Produktion des Schauspiels Hannover unter der Regie von Christina Paulhofer aufgeführt.
Paulhofer konstruiert Hedda Gabler als eine vielschichtige Persönlichkeit, als eine Frau; die nicht wirklich weiß, was sie will und was sie kann. Als Tochter eines Generals übernimmt sie Wertvorstellungen und Konventionen einer privilegierten Gesellschaftsschicht und scheut jeden Skandal. Als Ehefrau des Wissenschaftlers Jorgen Tesmann wird sie mit der kleinbürgerlichen Welt konfrontiert, die sie aber strikt ablehnt. Genauso hält sie es mit familiären Bindungen. Als Merkmal seiner Kleinbürgerlichkeit zeigt die Inszenierung Tesmanns bestickte Pantoffel, die seine Tante ihm nach Hause bringt. Auch Tante Jule ist in die Kategorie „Spießbürgerlichkeit" einzuordnen. Selbst der moderne Hut ändert da nichts dran. Hedda hält Distanz zu ihr, will sie auch nicht duzen.
Die Abhängigkeit vom Vater lässt die Regisseurin auf verschiedene Weise deutlich werden, Hedda spielt mit Pistolen (wichtiges dramaturgisches Requisit), sie marschiert in der Generalsjacke auf und ab und handelt strategisch, als es um die Zerstörung des Verhältnisses von Thea und Levborg geht. Mit ihrem provokanten Tun assoziiert sie ihren Machtwillen. Sie will Macht über ein Menschenschicksal haben und sie will Levborg als Sieger sehen: „Mit Weinlaub im Haar."Als ihr dies nicht gelingt erschießt sie sich. „Sie will in Schönheit sterben."
Heddas Welt ist eine Glitzerwelt, in der sie sich langweilt und auf der Suche nach Identität ist. Das Bühnenbild zeigt einen modernen Showraum mit hellen Sitzkissen, einem beleuchteten, weißen Baldachin, einem überproportionalen großen Leuchtspiegel und einem Kleiderständer mit Exklusiv Garderobe. Es sind Statussymbole, die in einer modernen Gesellschaft anzutreffen sind, in der es um die Devise mehr „Schein als Sein" geht.
Die Inszenierung arbeitet Ibsens Figurenkonstellation und die Typisierungen der Charaktere detailgetreu heraus und zeigt auch die Widersprüche in Heddas Charakter sehr deutlich.
Hedda als gescheitete, aristokratische Ästhetizistin, Tesmann, als ehrgeiziger Wissenschaftler, der aber durchaus über positivistische Eigenschaften verfügt, sein Gegenspieler Levborg, für den Normen und Konventionen keine Rolle spielen und Thea Elvsted, die zunächst hausbacken wirkt, dann aber emanzipiert ihren Weg geht. Richter Brack, ein kalter Zyniker, der Hedda erpresst, weil sie seine Vorstellung einer Dreiecksgeschichte nicht teilt.
Die Regie lässt sich zum Schluss etwas Besonderes einfallen. Merry Christmas Klänge für die blutbesudelte Hedda, die im Leben nicht lieben konnte, wie übrigens auch die anderen Figuren des Stückes zu keiner Liebe fähig sind. Hedda ist nun angekommen und ein neues (geistiges) Kind wird geboren, das Buch von Thea und Levborg.
Das vollkommene Desinteresse an Heddas Tod, lässt auf bedrückende Weise, Parallelen zu aktuellen Ereignissen in unserer Gesellschaft wach werden.
Die Rollen sind hervorragend besetzt und arbeiten die Charaktere der Figuren in ihrer Abstimmung aufeinander bis in die kleinste Nuance exakt heraus, so dass man keinen Darsteller besonders herausgreifen möchte.
Das Publikum dankt dem Ensemble mit lang anhaltendem Beifall
Premiere: „My Fair Lady” nach Bernhard Shaws “Pygmalion”
01.09.07
Musik: Frederik Loewe
Deutsch von Robert Gilbert
Theater: Dortmund
Vor fast ausverkauftem Haus feierte die Neuinszenierung von My fair Lady in
Dortmund Premiere. Das Erfolgsstück schrieben Frederick Lowe (Musik) und Alan Jay Lerner (Text) nach der Romanvorlage „Pygmalion“ von George Bernhard Shaw. Unter der Regie von Herman Levin fand 1956 die Uraufführung am Broadway statt.
Mit über 2717 Vorführungen in nur fünf Jahren brach das Musical alle Rekorde.
Die Verfilmung 1964 mit Audrey Hepburn und Rex Harrrison in den Hauptrollen
machte „My fair Lady“ weltweit bekannt. Das Werk erhielt zahlreiche Preise,
darunter alleine acht Oskars. Was macht nun die Faszination dieses Musicals aus? Es ist die Mischung von Unterhaltung und Satire in Verbindung mit den hinreißenden Songs, die fast jeder kennt, weil er sie schon
einmal gehört oder mitgesungen hat.
Die Sprache formt den Menschen, die Herkunft macht es nicht. So lautet die
These von Prof. Higgins, dem eingefleischten, frauenfeindlichen Junggesellen, der sich mit Phonetik beschäftigt.
Mit Eliza, einem einfachen Blumenmädchen mit vulgärer Sprache und Berliner Dialekt wagt er ein Experiment. In nur 6 Monaten will er sie zu einer Lady ausbilden, die akzentfrei spricht und sich in der aristokratischen Gesellschaft sicher bewegen kann. Rücksichtslos und unerbittlich paukt er mit ihr die Lektionen. Als der Erfolg auf sich warten lässt, verhält er sich wenig kultiviert.
Er traktiert sein "Objekt" mit Schimpfworten und behandelt sie würdelos. Schließlich macht Eliza doch Fortschritte und wird in die Gesellschaft eingeführt. Glänzend besteht sie die Probe.Doch Lob erhält sie nicht, die Lorbeeren ernten Higgins und Pickering. Der temperamentvollen, überwiegend klassischen Inszenierung von Michael Jurgons fehlt es nicht an sozialkritischen Bezügen. Die hervorragende Besetzung der Rollen lässt die
Tiefe der Figuren mit den unterschiedlichen Charakteren begreifen, lässt deren
Distanz und Einsamkeit aufspüren. Martina Schilling als Eliza besticht durch ihre klare, natürliche Stimme, perfekt ist sie in der Wandlung vom schnoddrig sprechenden Blumenmädchen zur bezaubernden, gebildeten Lady der upper class. Jürgen Uter interpretiert absolut überzeugend, die Charakterzüge des Professor Higgins: Selbstüberheblichkeit, emotionale Kälte, aber
auch Hilflosigkeit. Vortrefflich ins Genre passt Andreas Becker als Vater Dolittle. Beim Anstimmen des Hochzeitsliedes gerät er richtig in Fahrt und animiert das Publikum zum Mitklatschen. Helga Uthmann als "Higgins Mutter“, die ihrem Sohn elegant Paroli bietet, ist die Grande Dame
schlechthin und Tansel Azeybek als glühender Verehrer und Drahtseilakrobat „Freddy“ singt mit soviel Inbrunst und schöner Stimme für die Angebetete, dass ihm sogar Flügel dabei wachsen.
Begeisterung beim Publikum mit Standing Ovation und Zugaberufe für ein hervorragendes Ensemble und die Dortmunder Philharmoniker.
Premiere
Schauspiel Essen, 21.04.07
Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
Von Edward Albee
Nicht Angst, sondern Begeisterung für "Virginia Woolf
Das 1962 entstandene Stück von Edward Albee zählt bis heute zu den meistgespielten Klassikern der Nachkriegszeit und hat auch fast 4 Jahrzehnte nach der Uraufführung nichts an Brisanz verloren. Weltberühmt wurde „Wer hat Angst vor Virginia Woolf" durch die Verfilmung mit Elisabeth Taylor und Richard Burton.
In Essen feierte das Stück jetzt eine viel umjubelte Premiere. Das Publikum verfolgte fasziniert den gnadenlosen Beziehungskampf zwischen Martha und George, die am laufenden Band Bosheiten, Gemeinheiten und schlimmste Demütigungen produzieren. Mit einem nicht enden wollenden verbalen Schlagabtausch demonstrieren sie die Abgründe ihrer zerrütteten Ehe, die von Einsamkeit, existentieller Abhängigkeit und gegenseitigen Lebenslügen geprägt ist. Das ganze Ausmaß des Elends wird deutlich als Martha zum Schluss des Stückes sagt: „Ich wäre so gerne glücklich, kann es aber nicht sein."
Die Inszenierung von Anselm Weber zeigt ein sparsames Bühnenbild. Rechts und links außen ein blauer Sessel, ein Teppich und im Zentrum der Bühne ein Kühlschrank, gefüllt mit Flaschen voller Alkohol. George und Martha trinken viel und fast ununterbrochen, auch noch um 2 Uhr morgens als sie Besuch von Putzi und Nick, dem jungen Biologiedozenten bekommen. Sabine Orleans als Martha ist ein Vollblutweib, von der ersten Minute an Raumfüllend und im Gegensatz zur superschlanken Putzi, (Barbara Hirt), hüftstark. Ihrem Spiel kann man sich bis zum Schluss nicht entziehen, denn sie dominiert als Martha die Handlung auf der Bühne, kommandiert und schikaniert George und macht ihm unmissverständlich klar, wie es mit seiner Rolle in der Ehe bestellt ist.
Der einstige Kronprinz ihres Vaters ist in ihren Augen tief gefallen, ein elender Versager, der nach ihrer Pfeife zu tanzen hat und den sie am Boden liegen sehen will. Vor einigen Jahren hat sie ihn bereits während eines privaten
Boxkampfes mit einer Linken zu Boden gestreckt. Und dort soll er auch bleiben.
Andreas Grothgar versteht es phantastisch den Charakter Georges mit all seinen Facetten bloßzulegen. Überaus sehenswert sein Versuch, Martha zu stoppen, um den Unausweichlichem zu entgehen und einen letzten Rest von Selbstwertgefühl zu behalten. Auch Putzi und Nick werden Opfer des grausamen Treiben ihrer Gastgeber .
Ihre scheinbar heile Welt zerbröckelt schnell. Schritt für Schritt werden sie demaskiert .Barbara Hirt spielt die naive, zickige Putzi absolut überzeugend, Dominic Oley als Nick offenbart die Wandlung vom zunächst farblosen Wissenschaftler zum rücksichtlosen Karrieremenschen auf exzellente Weise.
Nach fast 3 Stunden ist der Alptraum zu Ende. Das Spiel ist aus.
Nichts mehr ist so, wie es war. Oder doch?
Wuppertaler Schauspielhaus, 30.03.07
Mathias Richling.
Kabarettist Mathias Richling als Einstein mit Perücke und Kittel wendet die Relativitätstheorie an, um zu neuen Erkenntnisse über das politische Leben in unserem bundesdeutschen Staat zu gelangen. Die Bühne als globale Baustelle: schwarz, rot, gelbe Zäune, im Gerüst hängt ein silbrig glänzender Globus, eine Schubkarre mit Gartenzwergen, eine Sitzecke mit Tisch, eine Mülltonne, die als Rednerpult für Politiker dient.
Von der ersten Minute an fesselt Richling das Publikum mit seiner überzeugenden Bühnenpräsenz und schießt mit scharfer Munition auf die Politik in unserem Land. Er kommentiert, parodiert und wechselt ständig die Rollen. Parteien und Politiker kriegen gleichermaßen ihr Fett weg. Allen voran Angela Merkel, die auf Dr. Freuds Couch landet und eine tiefenpsychologische Analyse über sich ergehen lassen muss.
Natürlich sind auch Müntefering, Kurt Beck und Stoiber mit von der Partie. Beck als Verlegenheitslösung der Partei redet während des Interviews viel, sagt aber wenig. Stoiber gefällt sich in Eigenlob und gibt einen politischen Tatenbericht ab. Peer Steinbrück wird als „Das neue Ungeheuer von Loch Berlin" bezeichnet.
Ulla Schmid, die mit Gipsfuß über die Bühne humpelt, gibt uns einen heißen Tipp, wie wir bei der Praxisgebühr sparen können. Rational damit umgehen ist ihre Devise: „Erst dann den Beinbruch behandeln lassen, wenn der Herzinfarkt hinzu gekommen ist". Zur Höchstform läuft Richling auf, als er Ursula von der Leyen als schwangeres „Schneewittchen der großen Koalition" parodiert und als Dolmetscher Wladimir Putins fungiert, der mit einem unaufhörlichen Redeschwall deutlich macht, wie man in der Politik auf höchstem Niveau aneinander vorbeireden kann. Der bedauernswerte Zustand der SPD wird ebenso zum Thema, wie der politische Werdegang der Grünen. „Ach, wer war denn gleich Joschka Fischer"?
Aber auch das Publikum kommt nicht ungeschoren bei Richling weg, denn auch wir haben betrogen. Wir haben nämlich die Politiker gewählt, obwohl wir wussten, dass sie lügen. Nach knapp 2 Stunden ist die Analyse der politischen Gegenwart beendet. Ein überragender Richling, der seine satirischen Beiträge sprachlich brillant und in einer pausenlosen Abfolge punktgenau platziert, reißt das Publikum immer wieder zu Beifallsbekundungen hin. Trotz des spaßigen Abends: Wir haben sie gehört, die mahnenden Worte über unser "armes Deutschland"
Essen
Grillo Theater
"Liliom" (Franz Molnàr)
Premiere (17.03.07)
Liliom, ein Hallodri und Taugenichts arbeitet auf einem Rummelplatz und verliebt sich in die junge, hübsche Julie. Frau Muskat, die resolute Chefin des Rummelplatzes und Besitzerin des Ringelspiels ist darüber äußerst erbost, denn sie hat selber ein Auge auf ihn geworfen. Verärgert wirft sie Liliom hinaus. Das stört Liliom zunächst nicht, denn er hat ja seine Träume. Träume von Amerika, Träume von einem Vergnügungspark, Träume von einem besseren Leben mit Julie.
Regisseur David Bösch verlegt den Schauplatz des Stückes auf eine Müllhalde. Und nicht nur das, Berge von Wohlstandsmüll, in denen einzelne Objekte: hässliche Stofftiere, ein roter Kinderwagen oder alte Stühle herausragen glühen, leuchten und verzaubern den ansonsten trostlosen Ort, wenn Liliom und Julie sich sehr nahe kommen. David Bösch lässt die Liebenden für eine kurze Zeit in einem ausrangierten Wohnwagen inmitten von Müllbergen hausen und zunächst auch glücklich sein. Doch lange währt das Glück nicht. Die Illusion eines gemeinsamen Lebens wird Stück für Stück zerstört und stattdessen das menschliche Dasein mit all seinen Facetten: Liebe, Hoffnung, Verzweiflung und Ausweglosigkeit vorgeführt.
Kein Job, kein Geld und mit der Freiheit geht es auch zu Ende. Wie sich Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit auf eine Beziehung auswirken kann, zeigt die Inszenierung auf eindringliche Art und Weise. Ultimativ verlangt Julie von Liliom, die Tätigkeit als Hausmeister aufzunehmen. Doch Liliom will sich nicht integrieren lassen in eine bürgerliche, spießige Welt. Er verliert die Beherrschung, schreit, brüllt und schlägt Julie. Trotzdem: "Böschs Liliom" ist kein brutaler Typ. Es gibt sie bei ihm, stille Momente von Glück und Zärtlichkeit. Es sind seine Hilflosigkeit, seine Ängste und Verzweiflung und die Sehnsucht nach einem besseren Leben, die ihn immer wieder ausrasten lassen.
Dass Liliom auf eine Katastrophe hinsteuert, ist von Beginn an in der "Figur Liliom" angelegt. Die menschliche Existenz kann scheitern, ist aber nicht grundsätzlich dazu verurteilt. Menschsein bedeutet sich seiner Verantwortung zu stellen, sinnlos ist es davonzulaufen vor den Fragen, die das Leben stellt, versucht das Stück zu sagen. Dass der Mensch der Baumeister seines eigenen Lebens ist, wird an Liliom sichtbar. Spätestens als Julie schwanger wird, muss er, wie auch immer zu Geld kommen. Dass er dies nicht auf legalem Weg beschaffen will, ist nicht weiter verwunderlich.
Gunter Franzmeier spielt den Liliom mit all seinen Facetten so glaubhaft und faszinierend, dass man bis zur letzten Minute von seiner Ausdrucksstärke in den Bann gezogen wird. Sarah Viktoria Frick als Julie ist absolut überzeugend, mal kokett und forsch und großartig in Mimik und Gestik.
Bösch und seinem Ensemble gelingt es hervorragend, Liliom als ein sozialkritisches Stück mit aktueller Brisanz vorzustellen. Die Romanze von Julie und Liliom spielt in einer Welt, die von Armut, Perspektivlosigkeit und dem Kampf ums Überleben geprägt ist. Es ist eine Welt, wie wir sie heute häufig vorfinden, in der der Einzelne zusehen muss, wie er zurecht kommt, in der das Recht des Stärkeren gilt und wahre Freundschaft nur selten vorhanden ist. Eine Welt für Kinder ist es nicht.
Am Ende bleibt doch noch ein Hoffnungsschimmer übrig. Es gibt sie, die Chance auf Umkehr und damit auf ein besseres Leben. Ein begeistertes Publikum mit minutenlangen Ovationen feierte diese beeindruckende Inszenierung.
Termine: 30.03., 5.4., 15.4., 3.05.
Wuppertal
Andorra" (Max Frisch) Premiere: (28.02.07)
Schauspielhaus Wuppertal
Im Publikum sitzen viele junge Leute und Schulklassen, die interessiert der Aufführung folgen. Besonders Frederik Leberle, als Witzerzählender und tanzender Andri, kommt bei ihnen gut an. Andorra ist überall, weil es überall Menschen gibt, die denken und handeln, wie die Andorraner es tun und es Menschen gibt, die darunter zu leiden haben und sogar getötet werden, so wie es mit Andri geschieht.
Andorra ist das Drama eines Außenseiters. Es ist die Geschichte des jungen Andri, der als der „Andere", als „Jude" stigmatisiert wird. Sein Alltag ist geprägt von Demütigungen, schlimmsten Erniedrigungen und Ausgrenzungen. Mit seinen Versuchen durch Anpassung an die Umwelt, sowie durch Leistung Anerkennung und damit Aufnahme in die Gesellschaft zu erreichen, scheitert er. Andri liebt Barblin, die Tochter seines Pflegevaters, des Lehrers und will sie heiraten. Doch dieser verweigert vehement die Zustimmung, denn Andri ist in Wahrheit sein leiblicher Sohn. Er muss schließlich seine größte Lebenslüge beichten, obwohl er Wahrhaftigkeit stets als oberste Maxime menschlichen Handelns gepredigt hatte.
Andri, der nie ein Außenseiter sein wollte, der um jeden Preis dazu gehören wollte, der aber immer ein Gehetzter war, hört nicht auf seinen Vater, als dieser verzweifelt beteuert: „Andri glaub mir doch, du musst es mir glauben, ich sage dir die Wahrheit, du bist mein Sohn, du bist kein Jude". Die Wahrheit, die Wahrheit, wie viele Wahrheiten habt ihr denn? bricht es aus Andri heraus Er nimmt die Rolle an, die ihm die Gesellschaft auferlegt hat. Andri will fortan Jude sein.
Kathrin Sievers verlegt Andorra in die Gegenwart. Historischer Judenhass und Migrationsproblematik. treffen aufeinander. Türkenwitze und dröhnende Heavy Metal Musik bilden den Auftakt der Inszenierung. An den Wänden die Wortpaare, Innovation, Tradition, Lebensqualität, und Sicherheit.
Das Podest auf der Bühne mit den weißen Wohnzimmermöbeln weckt die Assoziation eines Ausstellungsraumes, in dem etwas vorgeführt werden soll und vorgeführt werden die Andorraner. Sie symbolisieren eine Gesellschaft, die sich von ihren Vorurteilen nicht lösen kann, die nichts dazu gelernt haben, denn jeder der auftretenden Personen zeigt auf typische Weise Merkmale eines ideologischen verengten Bewusstseins.
Mit den Musikeinspielungen, ohrenbetäubend laut, dann wieder leise einschmeichelnd, verstärkt Sievers klangvoll den Eindruck einer Gesellschaft, in der Aggressivität, Brutalität und Fremdenfeindlichkeit zunehmen und das Verständnis füreinander abnehmen.
Ältere Menschen und Jugendliche sind gleichermaßen begeistert von der Aufführung. Standing Ovation für das Ensemble.Wie es hier gezeigt wird, so ist es in unserer Gesellschaft wirklich, bemerkte ein Schüler während der Pause.Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.
Essen
Schön, dass ihr da wart", im Rathaus Theater
„Szenen einer Ehe", wie aus dem Leben gegriffen, dachten wohl viele der begeisterten Premieren Besucher im Rathaus Theater. Hanna und Konrad, seit 27 Jahren verheiratet und Eltern von erwachsenen Zwillingen warten auf ihre Gäste. Hanna ist bestens gelaunt und platziert allerhand Leckereien auf den Tisch. Derweil sitzt Konrad auf der Couch und schaut ihr gelangweilt zu.
„Warum feierst du überhaupt noch deinen Geburtstag," fragt Konrad schließlich mürrisch, „und dann auch noch mitten in der Woche. Du hattest doch schon vor einem Monat Geburtstag."
„Manche Dinge müssen eben zu einem bestimmten Zeitpunkt sein", antwortet Hanna, ein wenig rätselhaft und unbestimmt und macht sich demonstrativ an einer Vase mit dunkelroten Rosen zu schaffen. Das Stück zeigt nun das ganze Spektrum eines alltäglichen Ehelebens. Erinnerungen, Sprachlosigkeit, Enttäuschungen und Einsamkeit, Eifersuchtszenen mit gegenseitigen Anschuldigungen und anschließenden Versöhnungen.
Hannelore Dröge als „Hanna" agiert temperamentvoll, witzig, und einfühlsam, kontrastierend dagegen Gert Haucke, der als ironischer und in manchen Passagen „komischer Konrad" das Publikum zum Lachen aber auch zum Nachdenken bringt. Als Hanna zum Schluss, die alles entscheidende Frage an Konrad richtet, ist es im Zuschauerraum mucksmäuschenstill.
„Die große Koalition"
Schauspielhaus Düsseldorf
Die beiden Regierungsparteien treffen zu ihrer großen Koalitionssitzung zusammen. Nach außen demonstrieren sie Einigkeit und Geschlossenheit. Tatsächlich brodelt es aber unter dem Deckmantel friedlicher Geschlossenheit. Die Minister haben Angst ihr Profil zu verlieren. Mit musikalischer Unterstützung beginnen sie Beschlüsse zu fassen und Ziele zu formulieren. Doch schon bald kommt es zu gegenseitigen Schuldzuweisungen, die Situation scheint zu eskalieren.
In der „Großen Koalition geht es um oberflächliche Wirkungen und persönliche Fehden. Inhalte werden nicht ausgetauscht. Es fehlt nicht an Gemeinheiten und Intrigen. Jede Gelegenheit wird genutzt um den anderen ein Bein zu stellen und dass alles mit fetziger Musik und auf einer Bühne, die ausgestattet ist wie ein moderner, großer Konferenzraum.
Esther Hausmann als Angela Merkel gibt sich ernst und lässt erahnen, was alles in ihr steckt. Ihr Kontrahent „Müntefering," Hüfteschwingend, mit Angela kuschelnd, wirkt ein wenig lächerlich. Durch den Einsatz von Körpersprache werden die Figuren immer wieder aufs Neue Interessant und geben Anlass u allerlei Spekulationen Insgesamt eine amüsante Veranstaltung, auch die populären Songs kommen bei Den Zuschauern gut an.
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