Ruhrtriennale
Glücksland Bhutan Bericht aus dem Himalaya-Königreich Vortrag von Willy Decker und Tatjana Heiniger
Die diesjährige Ruhrtriennale neigt sich dem Ende zu. Ihren Abschluss krönt ein Sandmandala aus der Drugpa-Kagyü-Schule des bhutanischen Buddhismus. Drei Mönche aus Bhutan streuen das Sandmandala in der Jahrhunderhalle in Bochum über mehrere Tage hinweg. In gebückter Haltung sitzen sie da und lassen den mit Mineralfarbe vermischten Sand durch ihre Finger rinnen. Es entstehen wunderschöne, filigrane Formen und bunte Muster.
Das Streuen eines Mandalas ist in Bhutan eine Form der Meditation. Ein ritueller und spiritueller Vorgang, der nicht in der Öffentlichkeit stattfindet. Intendant Willy Decker und Tatjana Heiniger sind eigens nach Bhutan gereist, um die Erlaubnis des Königs von Bhutan sowie des geistlichen Oberhaupts der Mönche für die Ruhrtriennale einzuholen.
In einem Vortrag über das „Glücksland“ Bhutan berichten sie von ihrer Reise und einem Land, dem das Bruttonationalglück wichtiger ist als das Bruttosozialprodukt. Grundsäulen des Bruttonationalglücks sind unter anderem eine moderate wirtschaftliche Entwicklung, Umweltschutz und die Pflege kultureller und traditioneller Werte. Staatsreligion Bhutans ist die tantrische Form des Mahayana-Buddhismus. Der Glaube an die Wiedergeburt schafft laut Tatjana Heiniger „ein natürliches Bewusstsein für Nachhaltigkeit“, denn schließlich wolle man die natürlichen Ressourcen auch in späteren Leben noch zur Verfügung haben. So ist in der Verfassung festgeschrieben, dass der Waldbestand niemals unter 60% sinken darf. Schon in der Schule pflanzen die Kinder Bäume. Die Umsetzung der Ver- und Gebote stößt jedoch auch in Bhutan an menschliche Grenzen. Decker und Heiniger beobachteten, dass trotz landesweitem Rauchverbot auch in Bhutan Zigaretten heimlich angesteckt werden.
Decker und Heiniger gaben auch die ein oder andere Anekdote von ihrer Reise ins „Land des Donnerdrachens“ zum Besten. Skurriles wie die Begegnung mit dem Innenminister Bhutans, der anlässlich einer überreichen Spende (deren Höhe vorher abgesprochen war) verschmitzt sagte: „Es ist die Geste, die zählt“. Alltägliches aus dem Leben eines Reisenden wie die Verwunderung über das Nationalgericht „Ema Datshi“, das aus viel Chili und Käse besteht, und die beiden Fernreisenden nicht so recht überzeugen konnte. Kulinarische Zuflucht suchten sie in einer Pizzeria, deren bhutanische Betreiberin ihr Handwerk in Österreich lernte.
Anrührend die Reisenotizen Heinigers, die sie aus ihrem Reisetagebuch vorliest: Ihre Begegnung mit einem Tulku, einer „bewussten Wiedergeburt“,
TANZ
William Forsythes „Now this when not that“
BOCHUM. Der weltberühmte Choreograph William Forsythe führt seit Mittwoch sein im Auftrag der Ruhrtriennale entstandenens Stück „Now this when not that“ in der Bochumer Jahrhunderthalle auf. „Jetzt dies, wenn nicht das“ – so rätselhaft und unbestimmt wie der Titel wirkte am Samstag zunächst auch das Stück auf die Zuschauer. Beim anschließenden Publikumsgespräch mit dem Choreographen, der mit seiner Forsythe-Company in Frankfurt und Dresden beheimatet ist, entspann sich jedoch eine anregende Diskussion über Tanz, Choreographie, ihren Sinn und ihre Entstehung.
Eine nach hinten weitläufige schwarze Bühne. Kaltes Licht. Links in der Mitte eine Frau auf einem Regiestuhl, die die große Erzählung des Abends spinnt und mit ihrer warmen Stimme weich umfängt. Zwei Tänzer in Trainingskleidung, die staksige Bewegungen auf Socken vollziehen, ganz auf sich selbst bezogen, in ihrer eigenen, kleinen Welt, umwoben von der Erzählung. Immer wieder erklärt die Erzählerin „It´s an Emergency“, was so viel heißt wie: „Es ist ein Notfall“. Doch welcher Notfall? Mehr Tänzer in Alltags- und Trainingskleidern kommen hinzu. Gemeinsam gehen sie auf eine Reise, die sich über Jahrhunderte erstreckt. Einer tanzt mit einer Peitsche aus Lederschnürsenkeln, ein anderer mit einer Glocke an einer Kette und brabbelt dabei Unverständliches. Assoziationen zum Schöpfungsmythos tauchen auf. Tänzer bewegen sich scheinbar unter Wasser, tauchen auf, verwandeln sich in Vögel. Menschen wünschen, hören auf zu wünschen, wünschen wieder. Vier Männer kratzen den Sound ihres Tanzes mit Turnschuhen in den Boden. Erleben Jahre der Zufriedenheit, abgelöst von schrecklichen Weltuntergangsszenarien, die mit aufdringlichem Licht und lauter, dissonanter Musik foltern. Vorhänge aus schwarzem Gazestoff rasen hoch und runter und verzerren die Sicht, endlich aufgebrochen von einer Tänzerin, die sich zu Vogelgezwitscher sanft bewegt. Es wird viel getanzt in diesem Stück, doch hat dieser Tanz nichts gefälliges, muss vielmehr seinen Standpunkt finden, inmitten der starken Lichteffekte, der oft aufdringlichen Musik und Akustik und der von der Bühne ausgehenden düsteren Weltuntergangsstimmung. Alles auch noch eingebettet in die Erzählung. Am Ende, so die Erzählerin, erwachen sie alle genau dort, wo sie sind.
Ein Stück, das beim Publikum erstmal Ratlosigkeit und Unsicherheit hinterlässt. Ein Zuschauer fühlt sich sogar provoziert und meint, William Forsythe könne sich ein solches Stück nur ob seines Bekanntheitsgrades erlauben. Herr Forsythe, was wollen Sie uns damit sagen, fragen mehrere Zuschauer. Im Publikumsgespräch mit dem Choreographen wird deutlich: Er will uns gar nichts sagen. Und das muss er auch nicht. „Wir wissen selbst nicht, was dieses Stück ist – das Stück kommt einfach zu uns. When the moment is right, it’s right“, erklärt er und fügt hinzu, dass das Stück auch noch lange nicht fertig sei. Manche seiner Stücke hätten sich über 25 Jahre entwickelt, dieses stehe noch ganz am Anfang. „Gestern Abend habe ich gedacht: Das Stück hätte auch doofer sein können“. Viele Tänzer würden angesichts einer Premiere denken: Oh mein Gott, Premiere- das ist ein Desaster. Er wolle weg von der Auffassung, die Premiere sei ein Notfall. Man wisse, irgendwann komme die Premiere- und dann sei man eben so weit, wie man gerade ist.
Erfrischend leicht kommt Forsythes Bericht über den Entstehungsprozess daher. Nach zweijährigen Überlegungen und einem Treffen mit den Tänzern vor ein paar Wochen, begann er mit der eigentlichen Inszenierung des Stücks eineinhalb Tage vor der Premiere. „Wer sagt denn, ein gutes Stück könne nur in sechs Monaten entstehen und in eineinhalb Tagen könne nur ein schlechtes Stück entstehen?“
„Ich schaffe eine Situation, die den Tänzer rahmt. Dann sage ich zu den Tänzern: Hier ist die Situation. Probier mal. Forsch mal.“ Möglich ist das nur, weil er mit vielen seiner Tänzer seit Jahren zusammen arbeitet und sie über ein choreographisches Grundgerüst verfügen, auf das sie zurückgreifen können. „Now this when not that“ ist dabei mehr als eine Choreographie, es ist auch eine Sinfonie. Über Kopfhörer gibt Forsythe seinen Tänzern Anweisungen, wird zum Dirigenten. „Die Show ist live.“ Ebenso dirigiert er den Sound. Die Erzählung, die an buddhistische Texte angelehnt ist, entstand aus einer Improvisation während der Proben. Zwei Tänzer waren auf der Bühne und die Erzählerin Dana Caspersen habe eben einfach angefangen, etwas zu erzählen, so Forsythe.
Gefragt, was Tanz und Choreographie denn eigentlich seien, erzählt Forsythe eine Geschichte: Zwei Menschen gehen an einem Baum vorbei. Ein Mönch zeigt auf den Baum und sagt zum andern: Guck mal, manche Menschen nennen das Baum. Und beide brechen in hysterisches Gelächter aus. Also: Keine Ahnung, was Tanz und Choreographie eigentlich sind“. Letztendlich gehe es darum das zu sehen, was die Kunst zeigt- und nicht das, was wir sehen wollen, was unseren Erwartungen entspricht. „Kunst muss niemanden befriedigen, das ist nicht der Auftrag“, fügt die Chefdramaturgin der Ruhrtriennale, Eva-Maria Voigtländer hinzu.
Auf die Anmerkung eines Zuschauers, er habe sich streckenweise sehr gelangweilt, entgegnet Forsythe selbstbewusst: „Sehen Sie Tanz alphabetisch oder analphabetisch? Können Sie Tanz lesen? Wenn ich Bewegungen choreographiere, könnten Sie sagen, welche Kollegen ich zitiere, welche Tradition? „Gelangweilt“ sagt mir nicht so viel - I don´t know what that is.“ Am Ende verrät Forsythe noch, dass manche Länge im Stück entstanden sei, weil in seinem Vertrag mit der Ruhrtriennale ein Stück von einer Stunde 15 Minuten festgeschrieben wurde. „Wir haben auf die Uhr geguckt“. So erklärt sich auch bei großen Künstlern so manches aus ziemlich profanen Zwängen. (NJ)
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