RUHRTRIENNALE 2012

Das internationale Festival der Künste findet vom 17. August bis zum 30. September 2012 an zahlreichen Orten der Industriekultur statt. Auch in diesem Jahr erwartet das Publikum ein spektakuläres Programm aus den Bereichen: Musiktheater, Tanz, Konzert und zeitgenössischer Kunst. Über 30 Produktionen, davon 20 Uraufführungen, Neuproduktionen und Deutschlandpremieren in zwölf Spielstätten versprechen eine spannende Zeit.

Die künstlerische Leitung für die Spielzeit 2012/2013/2014 liegt in den Händen von Heiner Goebbels. Er ist Komponist und Professor für angewandte Theaterwissenschaften in Gießen. Goebbels erhielt in der Vergangenheit zahlreiche Musikpreise und Auszeichnungen. Im September 2012 erhält er den International Ibsen Award, einen der wichtigsten Theaterpreise weltweit. Dem Publikum der Ruhrtriennale will der Komponist etwas komplett Neues bieten. Deshalb wird es auch kein Motto oder Leitmotiv geben. Es wird keine Kunst geben, die Botschaften verkündet, so Goebbels. Stattdessen gehe es um einen unerhörten Klang, ein ungesehenes Bild oder eine ungewöhnliche Bewegung, die der Besucher erfahren könne. Die Kunst müsse sich frei entfalten, jenseits der Routine, betonte der Intendant der Festspiele auf der Pressekonferenz. Kunst als Erfahrung stehe auch für Offenheit. Das Geschehen auf der Bühne müsse nicht unbedingt verstanden werden. Vielmehr gehe es darum Unbekanntes wahrzunehmen: einer fremden Sprache oder einer uns unbekannten Musik zuzuhören, einem Bild zuzuschauen, für das wir keinen Begriff haben.

Einer der Höhepunkt der Triennale: die Oper von John Cage "Europeras 1 & 2" in der Jahrhunderthalle, inszeniert von Heiner Goebbels. Ein ebenso grandioses Erlebnis verspricht Carl Orffs "Prometheus". Zu sehen in der Kraftzentrale im Duisburger Landschaftspark. Das Folkwang Museum beteiligt sich mit der Ausstellung "12 Rooms" an der Ruhrtriennale. Weitere Programmschwerpunkte sind: eine Lichtshow im Bochumer Westpark, die auf den Pulsschlag der Besucher reagiert, ein Open-Air-Konzert mit zwölf Schlagzeugern auf der Zeche Haniel, Theaterstücke mit Kindern und Behinderten, eine Videoinstallation in der Kokerei der Zeche Zollverein mit der israelischen Künstlerin Michal Rovner, im Bereich Tanz wird die Zusammenarbeit mit Stefan Hilterhaus (Pact Zollverein) fortgesetzt, international bekannte Choreografen sind dort zu Gast, Schauplatz für klassische Kammermusik-Konzerte: u. a. mit der russischen Geigerin Alina Ibragimova, dem Mandelring Quartett oder dem Trio Denseland, wird Zeche Karl in Essen sein. Konzerte mit dem Chor Werk Ruhr sind weitere Programmpunkte der Triennale. Wöchentliche Talkrunden, in denen das Publikum mit den Künstlern in Kontakt treten kann, runden das Programm ab.

Insgesamt beteiligen sich über 900 international tätige Künstler und Künstlerinnen an der Ruhrtriennale. (HA-K)

 

Der Vorverkauf hat begonnen

 

www.ruhrtriennale.de

 

 

Tickethotline - +49 700 / 20 02 34 56*

Mo. - Fr. 8.00 - 20.00 Uhr, Sa. 9.00 -18.00 Uhr,

So. 10.00 -16.00 Uhr

Tages-/Abendkasse - Die Kassen öffnen eine Stunde vor Vorstellungsbeginn. Die Ticket-Hotline (0 700. 20 02. 34 56) informiert Sie gerne vorab über verfügbare Karten.

 

 

Suche nach dem Jetzt

Eine Gesprächsrunde zur Eröffnung der RUHRTRIENNALE 2011

Freitag, 26. August 2011 in der Turbinenhalle der Jahrhunderthalle Bochum

 

Der Buddhismus steht dieses Jahr im Mittelpunkt der Ruhrtriennale. Nach der Auseinandersetzung mit Judentum und Islam widmet Intendant Willy Decker das letzte Jahr seiner dreijährigen Intendanz der buddhistischen „Suche nach dem Jetzt“.

 

„Suche nach dem Jetzt“ war auch der Titel einer Gesprächsrunde zum Auftakt. Intendant Decker, der belgische Regisseur Luc Perceval und Hans Günter Golinski als Direktor des Kunstmuseums Bochum diskutierten über Buddhismus, Spiritualität und Kunst sowie das Programm der Ruhrtriennale.

 

Für die Ruhrtriennale hat Intendant Decker nicht nur genuin „buddhistische“ Stücke ausgewählt. Luc Perceval inszenierte zum Beispiel für die diesjährige Ruhrtriennale Shakespeares „Macbeth“, ein Stück über Machtgier und Mord, das auf den ersten Blick mit dem Buddhismus wenig zu tun hat. Decker erläutert, dass in diesem Stück Fragen gestellt werden, die mit dem Intellekt nicht beantwortet werden können, ähnlich wie im Buddhismus. „Wir streben nach höherem Bewusstsein – andererseits sind wir Tiere, die unbedingt überleben wollen – diese beiden Anteile verstehen zu wollen ist die tiefe spirituelle Essenz von Shakespeares Macbeth.“

 

Mit dem Buddhismus verbinden Decker und Perceval auch persönlich viel, sie bezeichnen sich selbst als Buddhisten. Regisseur Perceval berichtete anschaulich, wie er zum Buddhismus kam, nämlich über einen Suppenteller. In einem solchen landete sein Kopf, als er bei einem Abendessen von Kaffee, Zigaretten und Arbeit erschöpft, mit 35 Jahren zusammenbrach. Ein Wendepunkt. Fortan warf er das Prinzip „Ich existiere nur, wenn ich von einem Erfolg zum nächsten hetze“ über Bord, las stattdessen Bücher über Ernährung und Yoga und verbrachte sechs Wochen schweigend und meditierend in einem Kloster.

 

Abschließend bemerkte Willy Decker, dass er das Wort Buddhismus wohl noch nie so oft benutzt habe, wie an diesem Abend. Dabei sei das, was Buddhismus meine, mit Worten gar nicht zu fassen. „Es ist immer schwer, über Buddhismus zu sprechen, weil die Essenz des Buddhismus über die Sprache hinausreicht.“ Eine Aussage, die vom Publikum lautstark begrüßt wurde. Und so findet am Ende das statt, was einer Annäherung an den Buddhismus wohl noch am ehesten gerecht wird: Ein paar Minuten Meditation und innere Einkehr.

 

Im Anschluss an das Gespräch wurden im Foyer der Jahrhunderthalle Bochum elf Kalligraphien des Zen-Meisters Sasaki Gensô Rôshi entrollt: Kalligraphien, deren Form und Inhalt das Motto der diesjährigen Spielzeit spiegeln. Sie sind bis zum 9. Oktober zu sehen. (NJ)

 

 

Ruhrtriennale

Emanuel Gat Dance “Brilliant Corners”

Von Nina Jung

 

ESSEN. Ein weißes Lichteck auf einer schwarzen Bühne. Zehn junge Tänzerinnen und Tänzer in Trainings- und Freizeitklamotten. Eine Klangcollage, unterbrochen von Stille. Mehr braucht der israelische Choreograph Emanuel Gat nicht für sein spannungsgeladenes 60-minütiges Tanzstück „Brilliant Corners“, das aktuell im Rahmen der Ruhrtriennale auf PACT Zollverein zu sehen ist.

 

In immer neuen Konstellationen vermessen die Tanzenden das Bühnen-Lichteck. Zehn ganz unterschiedliche Körper verdichten sich in der großen Gruppe. Mit ihrer unterschiedlichen Herkunft und Statur vermitteln die Tänzer ein multikulturelles Bild globaler, urbaner Jugend. Kaum haben sie sich zusammengefunden, lösen sie sich auch schon wieder, um sich in Zweier- oder Dreierkonstellationen neu zu formieren. Das Kollektiv wirkt stets fragil. Allein, im Duett oder Terzett erobern sie den Raum in abwechselnd ruhigen und dann wieder höchst dynamischen Bewegungssequenzen. Gats Tanzende reagieren aufeinander, ihr Tanz ist voller Spannung und Energie. Und doch scheint jeder Einzelne seltsam separiert, wirken die Begegnungen zufällig und nicht bindend, wie oft im urbanen Raum. Diese Tänzer sind Teil einer Gruppe - und doch auf eine existentielle Weise allein. Eingebettet ist ihr Tanz in einen Klangkosmos, der sie mal rhythmisch, zuweilen auch laut-aggressiv umfängt, ihren Tanz aber nicht bestimmt.

 

Das Verhältnis von Musik und Tanz spielt in Gats Stück eine zentrale Rolle. In der Mitte des Stücks herrscht eine zeitlang sogar einfach nur Stille – der Tanz wirkt dabei noch intensiver, weil die Wahrnehmung ganz auf ihn konzentriert ist und die Musik keine bestimmte Stimmung vorgeben oder ablenken kann. Die höchst abwechslungsreiche Klangcollage hat Emanuel Gat selbst entwickelt. Inspiriert hat ihn dabei das 1957 erschienene Jazz-Album „Brilliant Corners“ von Thelonious Monk, dessen Musik er allerdings nicht direkt verwendet.

 

Emanuel Gat ist in der Tanzszene spätestens seit seinem Stück „Sacre du Printemps“ von 2004, in dem er Strawinskys Musik mit Salsa-Schritten kombinierte, international gefragt. „Brilliant Corners“ wurde bereits auf der Biennale in Venedig und bei dem Festival „Tanz im August“ in Berlin aufgeführt. Im PACT Zollverein ist das Stück noch bis zum 10. September zu sehen.

www.ruhrtriennale.de

 

Ruhrtriennale: „Verweile doch, Du bist so schön!“

Was ist Glück?

ZEIT Forum Kultur am 11.9.2011 in der Jahrhunderthalle Bochum

Moderation: Josef Joffe

Mit Carola Roloff, Gerald Hüther, Michael Hüther, Meinhard Miegel, Tobias Pfaff

 

Was ist Glück? Es ist eine große Frage, die sich Moderator Josef Joffe für das ZEIT Forum Kultur vorgenommen hat. Und sie entspricht dem Zeitgeist: Glück und Glücksforschung haben Hochkonjunktur. Ganz unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen versuchen derzeit dem Glück und seinen Bedingungen auf die Spur zu kommen – von der Hirnforschung bis hin zu den Wirtschaftswissenschaften. Von Nina Jung

 

Macht Geld glücklich? Schon Oscar Wilde bemerkte: „Als ich jung war, wähnte ich, dass Geld wichtig sei. Jetzt, wo ich alt bin, weiß ich, dass das stimmt.“ Der Wirtschaftswissenschaftler Tobias Pfaff, der an der Uni Münster über „Happiness Economics“ promoviert, sieht das differenzierter: So seien innerhalb eines Landes die Reichen tatsächlich meist glücklicher als die Armen. Wenn der Wohlstand eines Landes jedoch steige, wachse damit nicht automatisch die Lebenszufriedenheit. Und im Ländervergleich seien die Menschen in reicheren Ländern nicht glücklicher als die in ärmeren Ländern.

 

Kommen wir dem flüchtigen Glück vielleicht in unserem Kopf oder gar in unseren Genen auf die Spur? Hirnforscher Gerald Hüther bestreitet das: „Manche meinen ja, sie könnten das Glück messen, weil es in der Amygdala gerade flackert.“ Das Belohnungszentrum im Hirn fühle sich aber bei ganz unterschiedlichen Situationen gleichermaßen angesprochen. So könne man das Glück eines Kleinkindes, das es nach großer Kraftanstrengung und vielen Versuchen zum ersten Mal geschafft hat, auf seinen zwei Beinen zu stehen, nicht mit dem Kind vergleichen, das der Mutter mittels hartnäckigen Quengelns eine Süßigkeit an der Supermarktkasse abgetrotzt hat. Ersteres sei Erfüllung und reines Glück, zweites Triumph – das Belohnungszentrum im Hirn werde aber gleichermaßen angesprochen. „Wer das gleich stellt, hat vom Glück nichts begriffen.“, so der Hirnforscher. Der Ökonom Meinhard Miegel unterscheidet zwischen den Begriffen „Glück“ und „Lebenszufriedenheit“, die beide in dem englischen Wort „Happiness“ enthalten sind. „Menschen, die etwas zu essen, ein Dach über dem Kopf und Zugang zu medizinischer Versorgung haben, sind natürlich zufriedener als die, die das nicht haben“, meint er. Das Glück stehe aber auf einem ganz anderen Blatt und sei eine höchst flüchtige Angelegenheit.

 

Der König des buddhistischen Landes Bhutan stellte einst dem Bruttoinlandsprodukt westlicher Prägung ein Bruttonationalglück gegenüber. Warum ist das Glück in einem Land wie Bhutan besonders gern zu Hause? Wirtschaftswissenschaftler Pfaff verweist auf den immer noch gut funktionierenden sozialen Zusammenhalt in Bhutan. Erst vor wenigen Jahren sei das erste Altenheim eröffnet worden. Vergleichende Studien zum Glück in verschiedenen Ländern sieht der Hirnforscher Gerald Hüther dagegen eher kritisch: „Wenn Ökonomen solche Messungen machen, wird mir schlecht. Wir zwängen Menschen in Brasilien unsere Messlatte auf und ziehen mit unseren Wertmaßstäben über den Erdball wie die Ethnologen der letzten Jahrhunderte.“

 

Bleibt abschließend die Frage: Was können wir für unser Glück tun? Carola Roloff, Buddhistin und Lehrbeauftragte an der Universität Hamburg, gibt hierzu einen Rat, der sich mittlerweile in vielen Lebenshilferatgebern findet: Aus jeder Situation das Beste machen und eine positive Einstellung bewahren.

 

Am Ende bleiben das Glück immer noch flüchtig und viele Fragen offen. Auch für Moderator Joffe: „Jetzt sind wir immer noch verwirrt, aber garantiert auf höherem Niveau.“ Eine Antwort auf die Frage „Was ist Glück?“ muss wohl jeder für sich selbst finden.

 

Ankunft - Suche nach dem Jetzt.

Die Ruhrtriennale 2011 vom 26. August bis 9. Oktober

Intendant Willy Decker und Kultusministerin Ute Schäfer stellen das Festivalprogramm 2011 vor.

Intendant Willy Decker im Gespräch mit Ministerin Ute Schäfer

Der offene Raum der ehemaligen Gaskraftzentrale der Bochumer Jahrhunderthalle mit seiner sehr eigenen Akustik ist eine außerordentliche Herausforderung für alle Beteiligten. Decker verspricht eine Aufführung, die nicht dem Mainstream entspricht - die tragische Geschichte von Liebe und Tod soll „pur und rein“ erzählt werden. Das opus metaphysicum Wagners, der selbst alle Theatergesetze radikal außer Kraft gesetzt hatte, soll von den traditionellen Fesseln befreit gezeigt werden.

Foto: Anette Jonak, Anne Lochmann

Nach 2009 mit Aufbruch - Suche nach dem Wort - (Judentum) und - Wanderung - (Islam) im Jahr 2010, hat sich Willy Decker in seinem letzten Jahr als Intendant der Ruhrtriennale künstlerisch mit dem Buddhismus auseinandergesetzt.

Im Mittelpunkt des diesjährigen Festivals mit rund 130 Vorstellungen in fünf Städten steht die Inszenierung von Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Decker hat mit Kirill Petrenko, dem zukünftigen GMD der Bayerischen Staatsoper und dem „Ring“ - Dirigenten der Bayreuther Festspiele 2013 nicht nur einen der weltweit begehrtesten Orchesterleiter unserer Zeit engagiert, sondern auch das Gesangsensemble (Tristan, Christian Franz; Isolde, Anja Kampe; König Marke, Stephen Milling; Brangräne) ist hochkarätig besetzt.

Kirill Petrenko und Anja Kampe

 

Für Kultusministerin Ute Schäfer (SPD) ist die Ruhrtriennale eines der „innovativsten und außergewöhnlichsten Kunst-Festivals in Europa“ - mit den Spielstätten Bochum, Essen, Duisburg, Gladbeck und Oberhausen wird nicht nur eine Stadt sondern eine ganze Region zur Bühne.

 

Das Ruhrtriennale-Programm 2011 ist wieder breit gefächert. „Macbeth“ unter der Regie von Luk Perceval in Gladbeck, „Das Schloss“ nach dem Roman von Kafka in der Turbinenhalle in Bochum, Konzerte, Tanzveranstaltungen, Lesungen, Ausstellungen, Aktionen und die „Junge Triennale“ finden in der beeindruckenden Industriekulisse des Reviers einen spektakulären Rahmen.

 

Rainer Schwirtzek

 

Informationen unter: www.ruhrtriennale.de

 

 

THEATER

Club in der JVA: „Und weil der Mensch ein Mensch ist…“

JVA Bochum, 10. März 2011

Leitung: Sandra Anklam, Schauspielhaus Bochum

mit: Ali Riza Adalan, Isa Can, Leonardo C., Isam Glom und Yilmaz Tüfenkli

 

 

Gleich neben dem Ruhrstadion liegt die JVA in Bochum. Und diese ist Austragungsort des Theaterstücks „Und weil der Mensch ein Mensch ist…“. Der Titel weist den Weg: Die Frage „Was ist der Mensch?“ zieht sich durch das gesamte Stück. Bin ich anders, nur weil ich kriminell bin? Bist Du anders, nur weil Du noch nicht in der JVA saßt?

Der Weg zur Bühne ist ein Teil des Stückes. Wir werden über den Hof zur Kapelle, dem heutigen Spielort, geschleust. Oben, links und rechts – Zellen, Häftlinge. Unten, die Zuschauer – frei und doch nicht frei. Für diesen Moment?

„Glotz nicht so!“ „Füttern verboten!“ schleudern uns die fünf Akteure zu Anfang entgegen. Fünf Häftlinge der JVA Bochum. „Und weil der Mensch ein Mensch ist…“ – das sind ihre Biographien, ihre Geschichten. In dem Stück ist die Kriminalität ein kleiner Zeitabschnitt im Leben. Der Blick in die Zukunft weist auf bessere Zeiten hin: Die erste legale Million auf dem Konto; Das Haus am See mit Frau, Kindern und Enkelkindern.

Die Akteure provozieren. „Ihr braucht doch Typen wie mich, damit ihr mit Eurem vollgeschissenen Finger auf mich zeigen könnt.“ Und, haben sie damit nicht Recht? In jedem von uns steckt wahrscheinlich der berühmte Gegensatz von Gut und Böse – Schwarz und Weiß. Der humorvolle Drogendealer, ein mieser Vater, die Verbindung kann in jedem sichtbar werden.

Nach dem Stück gibt’s noch eine spontane Fragerunde mit den Protagonisten – und angeleiert von den Protagonisten – zustimmend entgegen genommen vom Publikum: Anstrengend seien die Proben gewesen, aber Spaß habe es gemacht. ¬– „Nein, keiner von uns hat je geschauspielert.“ – „Und was haben sie aus den Proben mitgenommen?“: „Was ist wichtiger, wie man fällt oder wie man aufkommt?“

„Kommen Sie gut nach Hause. Wir bleiben noch ein bisschen.“ (BeA)

 

BUDDENBROOKS

Foto: Schauspiel Essen Foto: Schauspiel Essen

Nach dem Roman von Thomas Mann

Bühnenfassung von John von Düffel

Premiere: 26.02.2011 

Schauspiel-Essen

Inszenierung: Christoph Roos

Bühnenbild: Peter Scior

Kostüme: Sonja Albartus

 

Begeisterter Applaus belohnt die fast dreistündige Aufführung, die vom Verfall einer Familie erzählt –so lautet auch der Untertitel des Romans von Thomas Mann, der 1901 erschien. Er beschreibt darin detailliert den Aufstieg und Verfall einer Familie über mehrere Generationen. Viele werden sich die Zeit genommen haben, diesen Roman zu lesen und in seiner epischen Breite zu genießen. Von vorn herein war klar, dass nur die Konzentration auf bestimmte Aspekte des vielschichtigen Werks für eine Bühnenadaption infrage kommen konnten. John von Düffel beschreibt im Programmheft seine Wahl, sein Erkenntnisinteresse, und warum es sich lohnt, die Geschichte auf die Bühne zu transferieren: „Sicherlich kann man vor den „Buddenbrooks“ in Ehrfurcht erstarren. Aber man kann auch versuchen, sie neu zu lesen, neu zu untersuchen und die überraschende Nähe, den psychologischen Kern dieser Figuren zu entdecken, ihre zeitlose Modernität. Und wenn einem dieser Kern wirklich wichtig ist, muss man es sogar.“ Diesem Anspruch ist er gerecht geworden. Die Dialoge – in Schlüsselszenen auch wörtlich übernommen - beleuchten im Wesentlichen das alles beherrschende ökonomische Denken, dem sich jeder Familienangehörige zu verpflichten hat und dem jeder persönliche Entfaltungswunsch untergeordnet werden muss. Die dramatische Auswirkung dieses Denkens wird exemplarisch gezeigt in den drei Geschwisterfiguren Thomas, Tony und Christian. Keines der drei Geschwister hat die Möglichkeit, eine eigene Identität zu entwickeln. Während Thomas und Tony die Notwendigkeit der Unterordnung unter das familiäre Prinzip eigentlich nie infrage stellen, schafft es Christian von Anfang an nicht, sich in irgendeiner Weise anzupassen. Seine einzige Fluchtmöglichkeit ist die in die Krankheit; aber auch Thomas und seine Schwester Tony zahlen, jeder auf seine Weise, einen hohen Preis für ihre Anpassungsleistung. Die nie hinterfragte Richtigkeit des von Generation zu Generation weitergereichten Denkens verstellt den notwendigen Blick auf das Neue, auch auf neue Geschäftsmethoden. Die begrenzten Möglichkeiten zur charakterlichen Anpassung werden am deutlichsten in der letzten Generation: Thomas muss erkennen, dass sein Sohn Hanno nicht die Fähigkeiten mitbringen wird, die Firma zu führen.

 

Das alles wird erzählt in einer dichten Folge von Szenen, die sich aneinanderreihen auf einer Drehbühne, deren Bühnenbild die Zimmer und das Kontor des Hauses an der Mengstraße symbolisieren. Durch diesen Kunstgriff kann die Geschichte sich ohne Verzug fortlaufend entwickeln. Die Beleuchtung unterstützt in auffällig unauffälliger Weise den szenischen Gehalt. Die Schauspieler-Riege zeigt durchweg begeisternde Leistungen, auch in den Nebenrollen: die studentische Leichtigkeit des Morten, der die junge Tony beeindruckt (Alexander Gier), die Verschlagenheit des Bankiers Kesselmeyer (Sven Seeburg), die Bauernschläue von Tony’s Ehemann Grünlich (Andreas Maier), die weitgehend durch eindeutige Körpersprache agierende Gerda (Claudia Frost) mit ihrem Sohn Hanno (Cedric Schmale) und Ingrid Domann und Wolfgang Jaroschka als Konsulin und Konsul, die mit unverrückbaren Grundsätzen die Werte setzen, denen ihre Kinder Thomas, Tony und Christian folgen müssen. Stefan Diekmann als Thomas zeigt einen zu Beginn eher blassen, angepassten Sohn, der sich nur verhalten zu freuen vermag, als er endlich seine Traumfrau findet; die Nöte und Zwänge als Alleinverantwortlicher für die Geschicke der Familie macht er in seiner zunehmend intensiven Darstellung deutlich. Lisa Jopt als Tony kostet die Bandbreite ihrer schauspielerischen Möglichkeiten aus – ihr Weg vom unbedarften jungen Mädchen zur am Leben und den an sie gestellten Aufgaben gereiften Frau kann überzeugen. Besonderen Beifall erhielt zu Recht Jörg Malchow, der den hypochondrischen Christian in allen Facetten glaubhaft machte, angefangen von seinen spielerischen Clownerien als Jugendlicher hin zum tatsächlich kranken, lebensuntüchtigen Menschen, der vergeblich einen Rest seiner Würde zu bewahren sucht.  (Gisela Baumann-Wagner)

 

Ein durchweg lohnender Theaterabend wartet auf Sie!

 

 

STÜCK AUF

Das Schauspiel Essen veranstaltet vom 13-15. April Autorentage

 

Das Schauspiel Essen führt erstmals 2012 Autorentage durch. Die Autorentage stehen unter dem Motto „Widerstehen“. Von den eingereichten Stücken werden acht ausgewählt. Die Dramatiker werden eingeladen,  ihr Stück der Fachwelt und dem Publikum vorzustellen. Eines davon wird prämiert und in der Spielzeit 2012/13 im Schauspiel Essen uraufgeführt. Die Skala von Widerstandsverhalten beinhaltet sowohl die neue erwachte Protestkultur, die seit einiger Zeit in aller Munde ist, als auch das Demokratieverständnis in unserem Staat, Formen des zivilen Ungehorsams und des Volkszornes, ebenso die Auseinandersetzung zwischen den Kulturen und Generationen. Eine weitere spannende Frage, die sich aus den Themenfeldern ergbt, ist die Frage nach der Rolle der Kunst in Bezug auf die neu erwachte Widerstandskultur. Denn Widerstandsaktionen wirken oft sehr theatralisch und haben direkten Einfluss auf die Gesellschaft. Inwieweit auch das Theater und die Kunst über diesen Einfluss verfügt, darüber soll nicht nur auf den Autorentagen diskutiert werden, sondern bereits in der Spielzeit 2011/2012 ist dieses Thema Gegenstand von Überlegungen im Schauspiel Essen.

 

Bedingungen

Da es sich um einen Förderwettbewerb handelt, dürfen nicht mehr als drei Stücke eines Autors zur Uraufführung gelangt sein. Wird das Stück durch einen Theaterverlag eingereicht, darf es nicht älter als zwei Jahre sein. Außerdem muss es in deutscher Sprache verfasst worden sein. Die acht besten Stücke werden vom 13.-15. 04.  in szenischen Lesungen vorgestellt. Eine Fachjury verleiht den Preis (5000 Euro) für das prämierte Stück am 15.04. Der Autor muss bei der Preisverleihung persönlich anwesend sein. Das Projekt wird von der Kulturstiftung Essen für drei Jahre  mit 25 000 Euro pro Jahr  gefördert.

Die Autorentage werden als Präsenzfestival angeboten. Die Anwesenheit der Autoren wird gewünscht, damit ein reger Austausch zwischen Schauspielern, Regisseuren, Dramatikern und dem Publikum stattfinden kann.

 

Einsendeschluss: 15. 09. 2011

Info: Schauspiel-essen.de

 

 

CHOKE

Essen

5. Februar 2011

Das Leben vor und nach dem Schlaganfall

Deutschsprachige Erstaufführung des Schauspiels „Choke“ in der Casa des Schauspiel Essen

 

Es geht um Alter und Krankheit sowie den Umgang der Generationen miteinander. Die kanadische Autorin Cathleen Rootsaert hat ein spannendes Drei-Personen-Stück geschrieben, im Mittelpunkt stehen eine Mutter und ihre beiden Söhne, beide schon jenseits der dreißig.

 

Die beiden Brüder Greg und Dylan haben in ihrem bisherigen Leben

noch nicht viel erreicht. Sie lassen sich noch immer im Hotel Mama verwöhnen. Mutter Catherine erleidet plötzlich einen Schlaganfall und wird zum Pflegefall. Nun müssen die beiden Verantwortung übernehmen und überlegen, was zu tun ist. Wie soll die Pflege der Mutter organisiert werden? Kommt ein Heim in Frage?

 

Die spannende Frage, die sich daraus ergibt: " Schaffen es die beiden oder scheitern sie? Denn zum ersten Mal Sie müssen sie Entscheidungen fällen:

 

„Choke” ist eine Tragikomödie über Menschen, die ihr Leben zunächst nicht in den Griff bekommen, dann aber in einer Extremsituation über sich hinauswachsen.

Einige Premierenkarten sind noch erhältlich. TicketCenter, Tel.: 0201/81 22-200.

 

Weitere Aufführungen: 9./23. Februar, 3./18. März, jeweils 19 Uhr in der Casa.

 

ABSCHIEDSFEST IM GRILLO THEATER

Anselm Weber (Intendant) und mit ihm viele Schauspieler verlassen zum Ende dieser Saison das Grillo Theater und damit auch ihre Fan-Gemeinde in Essen.


Ein Abschiedsfest war für den 3.7.2010 angesagt, und es wurde, trotz einer kurzzeitigen Regenunterbrechung ein tolles Fest.

Geboten wurde ein abwechslungsreiches Programm im Grillo-Theater, in der Kassenhalle, im Café Central, in der Heldenbar, im Rangfoyer und natürlich auf der Außenbühne. Es ist fast unmöglich, alle Programmpunkte aufzuzählen. Nur einige wenige Punkte sollen hervorgehoben werden, die aber die Qualität der nicht erwähnten,  nicht schmälern sollen. So gab es Gugge-Musik aus dem Pott, Lieder aus Europa, ein buntes Programm aus italienischen, georgischen, deutschen, russischen und Roma-Liedern. Auf der Außenbühne wurden Kostüme und Requisiten versteigert, die durch die lustigen Kommentare und Anekdoten zu den verschiedenen Inszenierungen mit launigen Worten und in professioneller Weise von den Schauspielern Sarah Viktoria Frick und Florian Lange an den Mann bzw. die Frau gebracht wurden. Parallel dazu standen in der Kassenhalle die Profi-Maskenbildnerinnen aus dem Schauspiel zum Kinderschminken parat.

Darüber hinaus konnte man im Kassenraum T-Shirts, Poster, Programmhefte u.v.a. aus den Jahren 2005 - 2010 erwerben und sich persönlich von dem scheidenden Intendanten während einer Signierstunde verabschieden. Auch ein Currywurststand fehlte nicht.

 

Um 16. Uhr gabs dann bei fast unerträglichen Außentemperaturen, kostenlos  im klimatisierten Grillo-Theater, Public Viewing des WM-Viertelfinalspiels Deutschland - Argentinien, das selbst eingefleischte Fußballgegner vom Hocker riss.

 

Für 20 Uhr war zur großen Abschiedsshow geladen worden. In zweieinhalb Stunden wurden Szenen, Lieder und Gespräche aus fünf Jahren Schauspiel zu einem bunten Mixed zusammengefügt. Als Anselm Weber dann noch sehr persönlich gehaltene und berührende Abschiedsworte sprach, die auch eine Portion Selbstkritik enthielten, war ihm und auch dem scheidenden Ensemble lang anhaltender Applaus sicher.

 

Das Abschiedsfest insgesamt war eine rundum gelungene Veranstaltung und wird sowohl den Künstlern und Theaterleuten, als auch dem Publikum in guter Erinnerung bleiben. Wobei sich der tatsächliche Abschied von Essen vielleicht doch bei einigen noch um einige Wochen verschiebt, da das sich anschließende internationale Festival " Theater der Welt", eine großartige Zusammenarbeit des Theaters an der Ruhr in Mülheim und des Grillo-Theaters in Essen im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010, mit einer Vielzahl von Uraufführungen, für viele der scheidenden Künstler eine erweiterte Sicht auf die internationale Theaterlandschaft und damit verbundene internationale Kontakte bietet, die sonst in solcher Breite kaum zu erreichen sind. Kontaktmöglichkeiten gab es dann nach der Abschiedsshow auf einer Party im Café Central (Ende offen).

 

Dem Intendanten und allen scheidenden Künstlern und Theaterleuten wünschen wir auch von hier aus viel Glück und Erfolg für die Zukunft und vielleicht einmal ein Wiedersehen im Grillo-Theater oder auf einer anderen Theaterbühne in Essen. (E-KLA)

 

 

 

 

 

 

DER BESUCHER - Wolfgang Borchert Theater - Münster

8. April 2010

 

Siegmund Freuds Wiener Wohnung im Jahr 1938. Es ist der Abend des 22. März. Wien ist von den Nazis besetzt.

 

Vor diesem Hintergrund spielt „Der Besucher" von Éric-Emmanuel Schmitt. Anlässlich des 70. Todestages von Siegmund Freud wird das Stück zurzeit im Wolfgang Borchert Theater Münster aufgeführt. Seit 2006  werden die Werke von Éric-Emmanuel Schmitt vom Borchert Theater in Münster immer wieder inszeniert, so ist „Der Besucher" schon das fünfte Stück des französischen Theaterautors, dass hier gezeigt wird. Dem Dramatiker gelang 1993 damit der internationale Durchbruch. Ausgezeichnet wurde das Theaterstück mit dem „Prix Molière". Meinhard Zanger führte in Münster Regie..

 

Von Beginn an wird der Zuschauer vom Geschehen auf der Bühne gefangen genommen. Schauplatz ist die Wohnung Siegmund Freuds, in der Freud (Andreas Weißert) und seine Tochter Anna (Sabrina vor der Sielhorst) sich aufhalten. Ein großer Bücherberg liegt auf dem Boden. Freud hebt die verstreuten Bücher lauf und stellt sie langsam wieder zurück in das Regal. Man merkt ihm das Alter und seine Krankheit an. Trotzdem könnte die Szene fast idyllisch sein, wären da nicht die Nazilieder, die durch das Fenster in die Wohnung dringen. Wer den Ernst der Lage nocht nicht erahnt, wird spätestens durch die schweren Stiefelschritte, die aus dem  Treppenhaus zu hören sind, eines besseren belehrt. Ein Mann der Gestapo (Jens Ulrich Seffen) betritt die Bühne. Es wird deutlich, dass er Freud  regelmäßig besucht und ihn erpresst. So ist es auch diesesmal. Anna, Freuds Tochter, kann es nicht mehr mit ansehen, wie ihr Vater unter Druck gesetzt wird. Sie provoziert den Gestapomann und muss deshalb zum Verhör auf die Wache. Bevor sie geht, bittet sie ihren Vater noch die Formulare für die Emigration zu unterschreiben.

 

Siegmund Freud bleibt alleine zurück. Ein alter Mann, der voller Sorge um seine Tochter ist. Darum entschließt er sich die Papiere zu unterzeichnen und bescheinigt damit, immer gut von den Nazis behandelt worden zu sein. In diesem Moment taucht der Besucher (Sven Heiß) auf. Zunächst bedroht Freud ihn noch mit einer Pistole, aber nach und nach gewinnt der Unbekannte das Vertrauen des berühmten Psychoanalytikers. Der Besucher weiß Dinge über ihn, die Freud nie jemandem erzählt hat. "Wer ist er, ist er vielleicht Gott"? Warum sucht er aber dann den Atheisten Freud auf. Viele Fragen tauchen auf. Plötzlich werden die beiden gestört. Der Nazi kommt zurück. Er erpresst Freud mit dessen Testament, aus dem hervorgeht, dass Siegmund Freud Konten im Ausland hat. Das Geld will der Erpresser haben.

 

Als Freud und der Besucher wieder alleine sind, weiß der Unbekannte genau, was mit Anna auf der Wache der Gestapo passiert. Diese Ungeheuerlichkeit veranlaßt den Atheisten Freud über sein Verhältnis zu Gott und zum Glauben nachzudenken. Doch nach wie vor hat er Zweifel an der Existenz Gottes.

Der Mann der Gestapo, bestärkt ihn darin, denn er behauptet, der Besucher sei ein Verrückter, der von ihm gesucht werde.

Der Zuschauer sitzt staunend da und weiß selbst nicht mehr, was er von allem halten soll. Ist der Besucher Gott? Ist er es nicht? Die Verwirrung ist komplett.

 

Während der Aufführung  fiebert der Zuschauer mit Siegmund

Freud mit. Kann es sein, dass Gott wirklich zu Besuch kommt, einfach so? Leidet Gott an der Welt? Verzweifelt er an den Menschen? Was wird aus der Welt, wenn es wirklich nur der Mensch ist, der für sie verantwortlich ist? Themen, die die gesamte Menschheit betreffen, werden von Freud und dem unbekannten Besucher heftig diskutiert. Die Verantwortung eines jeden Menschen für die Welt rückt in den Fokus der Überlegungen Freuds und des fremden Besuchers. Fragen, auf die sich keine schnellen Antworten finden lassen, die auch dem Publikum  Rätsel aufgeben. Es wurde mit ihnen nachhause entlassen. (LA-S)

 

 

BEN HUR

Premiere- 21. Februar 2010 Stadttheater Münster

Foto: Lara Sasse Foto: Lara Sasse

Komödie von Rob Ballard
Deutsch von Frank Sahlberger

Regie: Dirk Böhling.

 

Theater, oder vielleicht doch Kino? Schon in der Ankündigung wurde der Zuschauer im Unklaren gelassen, was ihn da erwarten würde. Theater vor der Leinwand? Ein Kinofilm ganz anders? Und  dann auch noch ein Epos wie Ben Hur? Dieses Wagnis gingen die Städtischen Bühnen Münster ein und so feierte die Komödie Ben Hur des Briten Rob Ballard im Cineplex Münster Premiere. Regie führte Dirk Böhling.

 

Ben Hur ist ein Stück im Stück. Die Süßigkeitenverkäuferin Susi, der Filmvorführer Thorsten und ihr Kollege Tom stehen vor einem großen Problem, die Filmrolle ist zu alt. Ben Hur kann nicht gezeigt werden. Was nun? Thorsten bietet dem Publikum an, dass es sein Geld zurückerhalten kann, aber da hat er nicht mit Peter Stippkugel gerechnet. Der erhebt sich aus dem Publikum und ist mit dem Vorschlag gar nicht einverstanden. Schließlich hat er den Kinobesuch für seine Ju Jutsu-Gruppe geplant und ist zudem mit dem Chef des Kinos befreundet, den er auch gleich  anruft und sein Recht einfordert. Was bleibt den drei Kinoangestellten übrig, als den Film in ein Theaterstück umzuwandeln. Da Herr Stippkugel der Einzige ist, der den Film wirklich kennt, muss er mit auf die Bühne.

 

Und schon geht es los. Aus allem, was das Kino zu bieten hat, werden Kostüme gebastelt.  So trägt der römische Soldat Messala einen rosa Fahrradhelm und die Sklaven der Galeere rudern mit  Wischmöppen. Aber es kommt noch besser: Da keinem der Männer die kleinen Sandalen passen, wird aus Ben Hur eine Frau, was aber niemand außer Messala und der Familie Hur weiß. So wird die Schwester Tirzah auch kurzerhand durch den Bruder Bill ersetzt. Nach und nach gerät die Geschichte um Judah Ben Hur mehr und mehr in den Hintergrund, denn das Publikum wird ganz in den Sog der Geschichte um die Kinoangestellten gezogen, die versuchen den Abend zu retten. Dabei wird es auch immer wieder zur Mithilfe aufgefordert und ist den ganzen Abend aktiv dabei. Die Geschichte des Judah Ben Hur endet schließlich ganz abrupt, denn Susi, oder auch Prinzessin Ben Hur, möchte nicht mehr am Wagenrennen teilnehmen, sondern viel lieber Liebesszenen spielen. Das bringt Peter Stippkugel völlig aus der Fassung, so dass sie das Projekt Ben Hur aufgeben.

 

Die vier Schauspieler Carolin M. Wirth, Tim Mackenbrock, Frank-Peter Dettmann und Ilja Harjes überzeugten voll und ganz. Ob Messala, Ben Hur oder doch Susi und Tom, die Schauspieler beherrschen ihr Rollen perfekt und treiben das Publikum von einer Lachsalve zur Nächsten. Wer schon immer mal  im Theater Popcorn naschen wollte, viel lachen will und aus Kino und Theater ein gemeinsames Erlebnis machen möchte, der sollte sich Ben Hur auf keine Fall entgehen lassen. (LA-S)

 


Bochum

Schauspielhaus

"ALICE"

Eröffnet wird die Spielzeit am 01. Oktober mit der Suche des kleinen Mädchens „Alice“ zu sich selbst, die sie in die Sphären der Phantasie und Literatur führt. Die Adaption der berühmten Bücher von Lewis Carroll „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ wird von der jungen Regisseurin Anna Bergmann inszeniert, die bereits in der laufenden Spielzeit mit „Menschen im Hotel“ das Publikum verzauberte.

www.schauspiel-bochum.de

LULU

eine Monstertragödie von Frank Wedekind
Premiere am 17. April im Essener Grillo Theater

Wer ist Lulu? – Vermutlich weiß sie es selber nicht. Von der Straße geholt wurde sie von ihrem Ziehvater, dem Chefredakteur Schöning, und ist nun die bürgerliche Ehefrau des Obermedizinalrats Dr. Goll. Dem Maler Schwarz steht sie Modell. Für Schwarz ist sie eine „Eva“ – er sieht in ihr die Reinheit einer Frau. Das hindert ihn nicht daran, über sie herzufallen. Als Dr. Goll die beiden erwischt, erleidet er einen Herzinfarkt und stirbt. Anschließend heiratet sie zunächst Schwarz, um nach seinem Selbstmord wegen ihres Verhältnisses mit Dr. Schöning denselbigen zu ehelichen. Schöning betrügt sie mit dessen Sohn.

Lulu dient den Männern als Projektionsfläche für ihre Weiblichkeitsphantasien. Ob sie emanzipiert ist, weil sie mehrere Männerbekanntschaften hat oder ein Symbol für Frauenverachtung, bleibt jedem Interpreten selbst überlassen. Fest steht, dass Lulu am Ende vom Frauenmörder Jack the Ripper ermordet wird – kein sehr emanzipiertes, eher ein tragisches Ende. Fest steht auch, dass die Männer verrückt nach ihr sind. Die Klischeebilder sind austauschbar. Lulu, lebhaft gespielt von Barbara Hirt, kokettiert mit diesen Klischees. Mal wirkt sie kindisch wie ein kleines Mädchen, dann wieder hart und unnahbar wie eine Femme fatale. Die verschiedenen Namen, die ihr von den Männern gegeben werden, stehen für Rollenwechsel, die Lulu aufgezwungen werden. Ob Heilige oder Hure – der Schwindel, den dieser schnelle Wechsel erzeugt, wird auf der Bühne durch eine Drehscheibe dargestellt. Nach der Pause wirkt die Inszenierung etwas hektisch und überfrachtet. Der Monolog der Gräfin von Geschwitz, gespielt von Bettina Engelhardt, gerät etwas zu langatmig, obwohl auch sie ihrer Anbetung für Lulu angemessen Ausdruck verleiht. Dr. Schöning wird herausragend von Andreas Grothar gespielt, mit Sinn für die komischen Elemente der Inszenierung.
Wer eine moderne Inszenierung sehen und über die Rolle der Frau nachdenken möchte, dem sei „Lulu“ – inszeniert von Schirin Khodadadian – empfohlen. Sie stiftet auf jeden Fall Verwirrung.
(Anna Dettmer)

KRANKHEIT DER JUGEND

(Ferdinand Bruckner)

Im Essener Grillo-Theater zu sehen am 11. und 18. 2. sowie am 13.03, 20. 3. und 09.04.2009

Regie Nuran David Calis
Bühne Irina Schicketanz
Kostüme Silke Rekort
Musik Vivan Bhatti
Video Karnik Gregorian

 

Unter dem Pseudonym Ferdinand Bruckner schrieb Theodor Tagger 1926 dieses Schauspiel unter dem Eindruck der damaligen Zeit. Nuran David Calis hat die handelnden Charaktere grundsätzlich nicht verändert, aber Umgebung und Sprachstil in bemerkenswerter Weise unserer Zeit angepasst. Er übernimmt nur teilweise Bruckners Text, deutet mit modernisierter Sprache die Situation der heutigen jungen Erwachsenen.

Wir erleben Selbstfindungsprozesse von 7 jungen Menschen, zumeist Studierende. Sie sind geprägt durch Herkunft und Umwelt und müssen sich den Fragen von Ethik und Moral, des eigenen Standpunkts und Werts stellen. Da ist die realistisch denkende Marie, die begabte Desiree, die alles probiert, aber keinen Halt findet; Irene, ehrgeizig und zielsicher, aber fast menschenscheu; der empfindsame Schriftsteller Petrell; der an seinen Moralvorstellungen gescheiterte Arzt Alt; der intelligente, aber Verantwortung scheuende Freder und die von ihm skrupellos manipulierte einfache Lucy, die Putz- und Servierdienste leistet. Sie treffen auf einer Geburtstagsparty aufeinander und zeigen uns ihre Suche nach Liebe und Erfolg in ihren verschiedenen Ausprägungen, die Versuche, andere zu manipulieren in der verzweifelten Hoffnung auf eigenes Glück. Die Dialoge münden in dramatische Wendungen. Auf schmalem Grat befindlich kann sich das Schicksal für den Einzelnen zur einen oder anderen Seite neigen

Die jungen Schauspieler bringen die Charaktere glaubwürdig auf die Bühne und zeigen eine geschlossene Ensemble-Leistung - sie erhalten zu Recht starken Beifall. Das in kühlem Weiß gehaltene Bühnenbild unterstreicht sehr gut die unpersönliche Atmosphäre der Campus-Umgebung. Als Zuschauer verlässt man das Theater mit der Frage nach den Ursachen der aufgezeigten Zustände.

(Baumann-Wagner)