Wulff weiter unter Druck
Kann Christian Wulff noch überraschen? Er kann! Im gestrigen Interview mit ARD und ZDF präsentierte sich Wulff als Lehrling in Sachen Amt und Medien.
Wulfs Taktik auf Mitleid zu setzen und sich als Opfer zu präsentieren stieß in der Öffentlichkeit auf große Kritik. Er ließ es an staatsmännischer Souveränität fehlen, stigmatisierte sich als Lehrling in eigener Sache. Peinlich! Man konnte den Eindruck gewinnen, er biedere sich bei der Bevölkerung an. Sein Auftritt sollte ein Befreiungsschlag werden- doch die meisten Zuschauer werteten ihn als Desaster. 11,7 Millionen Menschen verfolgten das Interview am Bildschirm.
Wulff entschuldigte sich für seinen Anruf bei dem Chefredakteur der Bild und räumte Fehler ein. Doch beließ er es nicht damit. Er versuchte Verständnis zu finden für seine Situation. Um den Schutz seiner Privatsphäre sei es ihm gegangen.
Nach Angaben der „Bild-Zeitung" wollte Wulff die Veröffentlichung eines kritischen Berichts über seinen Hauskredit verhindern.
Wulff bestreitet dies und beteuert, er habe lediglich um Aufschub bei der Berichterstattung gebeten. Er sei auf einer Auslandsreise gewesen und habe mächtig unter Termindruck gestanden.
Das Amt des Bundespräsidenten sei nicht leichter geworden, betont er. Ihm sei nur wenig Zeit eingeräumt worden um sich mit den neuen Aufgaben vertraut zu machen. Dagegen ist einzuwenden, dass ihm zumindestens der Umgang mit den Medien sehr wohl vertraut sein dürfte. Wenn er sich als unwissend darstellt, obwohl er auf eine lange politische Karriere zurückblicken kann, ist das wenig glaubhaft.
Sein Verhältnis zu den Medien wolle er neu regeln, für Transparenz sorgen. Die Stellungnahme zum umstrittenen Kreditvertrag seines Hauses werde deshalb im Internet veröffentlicht. So könne sich die Öffentlichkeit selber ein Bild machen.
Wulffs Äusserung, er wolle ein guter Bundespräsident sein- möchte man nur allzu gerne glauben- doch ist er dazu noch in der Lage? Die Zustimmung für ihn ist seit Anfang der Woche dramatisch gesunken. Umfragen haben ergeben, dass nur noch die Hälfte der Bundesbürger ihn weiter im Amt sehen wollen.
Auch ein Bundespräsident habe Anspruch auf Menschenrechte, verkündet er. Wer will das bestreiten?
Verstanden haben wir: er sieht sich als ein Mensch unter Menschen, einer der Freunde hat wie wir, der sich Geld leihen kann von seinen Freunden, wie wir und der mit ihnen kostenlos die schönsten Urlaubsorte aufsuchen kann - das können die meisten von uns nicht- da müssen wir passen.
Der Traum ist ausgeträumt - wenn das Telefon zweimal klingelt
3. 01. 2012
Am Telefon wieder einmal lästige Journalisten, die Auskunft haben wollen über Ungereimtheiten bei der Vergabe von Privatkrediten oder die Kanzlerin höchstpersönlich, die ihm den Rücktritt nahe legen will. Doch ganz im Ernst: Wie lange kann sich Bundespräsident Wulff noch im Amt halten? Immer mehr Kritiker fordern offen seinen Rücktritt. Selbst in der eigenen Partei mehren sich zunehmend kritische Stimmen.
Für den umstrittenen Privatkredit über 500 000 Euro der Unternehmergattin Edith Geerkens entschuldigte sich Wulf nach längerem Schweigen. Schon kurze Zeit später sah er sich neuen Vorwürfen ausgesetzt. Um eine Berichterstattung über Schnäppchen-Kredite und Urlaubsreisen zu verhindern, hatte der Bundespräsident Journalisten von der Bild-Zeitung mit einer Strafanzeige gedroht und den endgültigen Bruch mit dem Springer Verlag angekündigt. Nur wenig später wurde bekannt, dass Wulf bereits gegen einen Redakteur der Welt in ähnlicher Weise vorgegangen war als dieser einen Artikel über Wulffs Halbschwester veröffentlichen wollte. Daraufhin wurde der Journalist ins Schloss Bellevue bestellt und persönlich von Wulff in die Mangel genommen. Der Artikel in der Welt erschien dennoch.
Ob Wulff sich im Amt halten kann? Seine Glaubwürdigkeit hat er jedenfalls eingebüßt. Ein Bundespräsident, der gegen die Pressefreiheit vorgeht ist mit der Würde des Amtes nicht vereinbar. Es wird Zeit für ihn- er sollte gehen.
Die Kanzlerin steht noch hinter ihm. Doch wie lange noch?
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