In der Buchhandlung Proust in Essen zu Gast:
Ursula Krechel liest aus “Geisterbahn”

 

 

 Foto: Günther Glücklich

 

Fast ein Jahrhundert umspannt der Bogen dieses Romans, mit dem Ursula Krechel fortsetzt, was sie, vielfach ausgezeichnet und gefeiert, mit »Shanghai fern von wo« und »Landgericht« begonnen hat.

 

»Geisterbahn« erzählt die Geschichte einer deutschen Familie, der Dorns. Als Sinti sind sie infolge der mörderischen Politik des NS-Regimes organisierter Willkür ausgesetzt: Sterilisation, Verschleppung, Zwangsarbeit. Am Ende des Krieges, das weitgehend bruchlos in den Anfang der Bundesrepublik übergeht, haben sie den Großteil ihrer Familie, ihre Existenzgrundlage, jedes Vertrauen in Nachbarn und Institutionen verloren. Anna, das jüngste der Kinder, sitzt mit den Kindern anderer Eltern in einer Klasse. Wer wie überlebt hat, aus Zufall oder durch Geschick, danach fragt keiner. Sie teilen vieles, nur nicht die Geister der Vergangenheit.

 

Mit großer Kunstfertigkeit und sprachlicher Eleganz erzählt Ursula Krechel davon, wie sich Geschichte in den Brüchen und Verheerungen spiegelt, die den Lebensgeschichten einzelner eingeschrieben sind. Auf einzigartige Weise schafft sie eine atmosphärische Dichte, in der vermeintlich Vergangenes auf bewegende und bedrängende Weise gegenwärtig wird.

 

Ursula Krechel, geboren 1947 in Trier, seit 1974 zahlreiche literarische Veröffentlichungen, Theaterstücke, Gedichte, Hörspiele, Romane, Essays. Für ihre Romane »Shanghai fern von wo« (2008) und »Landgericht« (2012) wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Deutschen Buchpreis. Ursula Krechel lebt in Berlin.

 

 

Eintritt: € 9,- / erm. € 7,-

Karten sind in der Buchhandlung Proust erhältlich.

Eine Veranstaltung der Literarischen Gesellschaft Ruhr
in Kooperation mit Schreibheft, Zeitschrift für Literatur
und der Buchhandlung Proust

(ÜPM)

 

 

Der Dschihadist von nebenan – warum die Terrormiliz IS junge Migranten anzieht

 

Nächste „Lesart“-Diskussion am 25. November im Café Central des Grillo-Theaters

 

Essen. Mehr als 400 junge Männer sind laut dem Bundesamt für Verfassungsschutz bisher von Deutschland aus in den Irak oder nach Syrien gegangen, um für den so genannten Islamischen Staat (IS) zu kämpfen. Nirgendwo sonst in der westlichen Welt ist die Zahl der Rekruten für islamistische Terrororganisationen ähnlich schnell gewachsen wie hier. Welches sind die Motive der deutschen Glaubenskrieger und welche Gefahren gehen von ihnen auch für Deutschland aus? – Diese und andere Fragen diskutieren bei der nächsten Ausgabe der „Lesart“ am Dienstag, dem 25. November ab 20 Uhr im Café Central des Essener Grillo-Theaters die Islamwissenschaftler Lamya Kaddor, Behnam T. Said und Guido Steinberg. Die Moderation übernimmt der Chefredakteur des Deutschlandradio Kultur Peter Lange.

 

Lamya Kaddor ist Religions- und Islamwissenschaftlerin sowie erste Vorsitzende des Liberal-islamischen Bundes e.V. Seit 2003 arbeitet sie als Lehrerin im Rahmen des NRW-Schulversuchs „Islamkunde in deutscher Sprache“ in Dinslaken. Behnam T. Said, Islamwissenschaftler am Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg, beobachtet seit Jahren salafistische und gewaltorientierte islamistische Bestrebungen in Deutschland und der arabischen Welt. Zuletzt erschienen seine Bücher „Salafismus. Auf der Suche nach dem wahren Islam" (hrsg. mit Hazim Fouad, Herder, Freiburg 2014) sowie „Islamischer Staat. IS-Milizen, al Qaida und die deutschen Brigaden“ (C.H. Beck, München 2014). Außerdem ist Guido Steinberg, dessen Buch „Al-Qaidas deutsche Kämpfer. Die Globalisierung des islamistischen Terrorismus“ (edition Körber Stiftung, Hamburg) 2014 erschienen ist, Gast in der „Lesart“. Steinberg ist Wissenschaftler in der Forschungsgruppe „Naher / Mittlerer Osten und Afrika“ der Stiftung Wissenschaft und Politik. Von 2002 bis 2005 war er Referent im Referat „Internationaler Terrorismus“ des Bundeskanzleramtes.

 

Deutschlandradio Kultur zeichnet das Gespräch auf und wird es am Samstag, dem 29. November von 11:05 bis 12:00 Uhr (in Essen auf UKW 88,3 und 96,5 MHz) senden.

 

Die Sachbuchreihe „Lesart“ (ehemals „Lesart Spezial“) wird vom Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) veranstaltet und in Kooperation mit Deutschlandradio Kultur, dem Schauspiel Essen und der Buchhandlung Proust sowie dem Medienpartner Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) durchgeführt.

 

Eintritt: € 5,00

 

Kartenvorverkauf:

 

Buchhandlung Proust, Am Handelshof 1, 45127 Essen, Tel. 0201/ 839 68 40, info@buchhandlung-proust.de (bei Proust reservierte Karten bitte bis 2 Tage vor der Veranstaltung abholen) und TicketCenter der Theater und Philharmonie Essen, II. Hagen 2, 45127 Essen, Tel.: 0201/81 22-200.

 

(üpm)

 

------------------------------------------------------------------------------------

 

 

 

 

 

 

 

ROSE AUSLÄNDER

„Deiner Stimme Schatten“

Zum zwanzigsten Todestag von Rose Ausländer

17. Februar 2008

Grillo Theater Essen

 

 

Leben und Werk von Rose Ausländer (1901-1988), eine der bedeutensten Lyrikerinnen dieses Jahrhunderts, stellte Helmut Braun im Cafe Central im Grillo Theater in Essen vor. Braun lernte die Dichterin 1975 kennen und wurde ihr langjähriger Vertrauter, Herausgeber ihres Gesamtwerkes, sowie Verleger und Verwalter des literarischen Nachlasses. Ein aufmerksames Publikum verfolgte seinen interessanten Vortrag über die fruchtbare Zusammenarbeit mit der berühmten Lyrikerin. Die beiden Schauspielerinnen, Sabine Osthoff und Katharina Heuser, trugen Gedichte von Rose Ausländer vor und Katharina Desemo begleitete die Veranstaltung am Cello.

 

Braun schilderte viele Details aus dem Leben Rose Ausländers. Dabei erwähnte er auch das anfängliche Misstrauen der Dichterin  ihm gegenüber und ihre recht eigenwillige Persönlichkeit. Es sei ihm aber  relativ schnell gelungen ihr Vertrauen zugewinnen. Immerhin entwickelte sich aus ihrem Zusammentreffen eine Freundschaft, die bis zum Tode Rose Ausländers im Januar 1988 anhielt. Sie empfing ihn wöchentlich, jeden Freitag um 18:45, genau zu dem Zeitpunkt, wenn der Rabbiner das Nelly Sachs Haus

in Düsseldorf besuchte. Es war ein Affront, denn der Rabbiner kam ins Heim um den Sabbat einzuleiten und die anderen Insassen des Heimes nahmen daran teil.

 

Braun zeichnete Lebenslinien und Lebensbrüche der Dichterin nach und erinnerte an ihre Herkunft. Geboren wurde sie in Czernowitz, im früheren österreichischen Kronland Bukowina. Heute gehört die Stadt zur Ukrainischen Republik. Sie wuchs in einem weltoffenen und liberal geprägten jüdischen

Elternhaus auf. Ihre Eltern zählten zu der großen Gruppe von Juden, die sich assimiliert hatten. Sie pflegten die fast zweihundertjährige Sprach- und Literaturtradition und waren integriert in ein deutschsprachiges Kulturleben. Existenziell bestimmend für Rose Ausländer aufi ihrem Lebensweg fuhr Braun weiter fort, seien Emigrationen, Flucht, Ghetto, das Trauma der Shoa, Heimatverlust und Heimatsuche geworden.

 

Nachdem sie einige Jahre in New York gelebt hatte, sei sie Anfang der 50er Jahre nach Europa zurückgekehrt, da sie sich in Amerika nicht Zuhause gefühlt habe. Während ihres Aufenthaltes dort habe sie nur englischsprachig geschrieben.In ihrer Muttersprache zu schreiben,  „Der Sprache der Mörder“ sei ihr lange Zeit nicht möglich gewesen. Erst ab 1956 schrieb sie wieder Gedichte, Kurzprosa und gelegentlich auch Erzählungen in deutscher Sprache. Sie fand eine neue Heimat in Düsseldorf.

 

Immer stärker, so erzählte Braun, zog sie sich in die Isolation zurück, um sich nur noch ihrem Schreiben widmen zu können. Ab 1977 wurde sie bettlägerig, schrieb aber mit ungeheurer Disziplin und Kraftanstrengung weiter. Unerbittlich redigierte sie ihre Gedichte und überprüfte sie in sprachkritischer Hinsicht. Zu diesem Zeitpunkt wurde sie auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Sie erhielt zahlreiche Ehrungen und Preise.

 

Ihre über 2200 Gedichte und ein Nachlass von mehr als 20 000 Seiten (Manuskripte, Notizen, etc) gelten als ein Zeugnis dafür, dass Leben und Dichtkunst für Rose Ausländer eine unverwechselbare Einheit bildete. Von der ganz besonderen Sprachfärbung ihrer Gedichte konnten sich auch die Zuhörer

während der Veranstaltung ein Bild machen. Deutlich klangen in den  vorgetragenen Gedichten Fremdheit und Exil, sowie das Unbeschreibbare von Ghetto und Shoa an. Als einzigartig kann der Bilderreichtum ihrer Lyrik bezeichnet werden. Bis zu ihrem Tode führte Rose Ausländer einen

lebendigen Dialog mit dem Wort. Auf den Kontakt mit Menschen verzichtete sie in ihren späteren Lebensjahren, bis auf wenige Ausnahmen.