Wer bin ich, wenn ich online bin… …und was macht mein Gehirn solange?

Ein Buch für Leser, die sich mit aktuellen Fragen der Zeit auseinandersetzen möchten:

Nicholas Carr

 

Wie das Internet unser Denken verändert

Karl Blessing Verlag, München, ISBN: 978-3-89667-428-9

 

Nicholas Carr stellt keineswegs die unbestreitbaren Vorzüge des Internet oder der sonstigen Datenverarbeitungsmöglichkeiten infrage. Er wie auch andere kritische Autoren sind selbst eifrige Nutzer dieses Mediums. Aber gerade deshalb sollte man aufmerksam werden, wenn die Feststellung getroffen wird, dass (nach Jahren einschlägiger Erfahrungen als Nutzer) Veränderungen stattgefunden haben im Bereich der langfristigen Konzentration und sich häufig das Gefühl einstellt, für intensives Nachdenken keine Zeit zu haben. Die daraus resultierende angstvolle Frage danach, was ist, wenn sich die Wahrnehmungsmuster und infolge dessen auch die Art des Denkens verändern, ist berechtigt . Eine derartige Veränderung würde ja nicht nur ihn, sondern alle Nutzer gleichermaßen treffen und die Folgen für gesellschaftliche Veränderungen wären kaum absehbar.

 

Nicholas Carr lädt uns ein zu einer gedanklichen Zeitreise: ein lesenswerter Überblick über die Entwicklung des Lesens und Schreibens bringt uns nahe, wie sehr diese Fertigkeiten in immer breiteren Schichten der Bevölkerung zur Konzentrationsförderung beigetragen haben und wie die gedankliche Verbindung zwischen Autor und Leser die Grundlage wurden zur Erweiterung und vertieften Wahrnehmung der Welt. Am Beispiel der Entwicklung der „Werkzeuge“ für Zeitmessung, Landkarten und Buchdruck wird eindrucksvoll dargestellt, welchen Einfluss die Verbreitung dieser technischen Hilfsmittel auf die Geschicke der Menschheit hatte und ihre Fähigkeiten erweiterte und verbesserte. Und das Internet ist ganz offensichtlich ein Werkzeug, von dem man bereits jetzt konstatieren kann, dass es einen ebenso großen Einfluss hat, wie jene. Es gibt Zweifel daran, dass dieses Werkzeug die Fähigkeiten der Menschen zur Konzentration, Kreativität und vertieftem Denken fördert – im Gegenteil: bei extensivem Gebrauch ist eine Beeinträchtigung zu verzeichnen. Es ist deswegen die drängende Frage zu stellen, wie wir damit umgehen wollen, in welcher Weise wir dieses (nützliche) Hilfsmittel gebrauchen sollten und vor allen Dingen, wie wir diesen Gebrauch den nachwachsenden Generationen vermitteln wollen. Ein kritischer Umgang mit der bestehenden wirtschaftlichen Seite gehört ebenso dazu: Carr bemerkt über die Google-Gründer: „Das Besorgniserregende ist nicht ihr jungenhafter Wunsch, eine Maschine zu schaffen, die klüger ist als ihre Schöpfer, sondern der problematische Begriff des menschlichen Geistes, aus dem dieser Wunsch erwächst.“

 

Die geäußerten Bedenken, die aus vielerlei empirischen Beschreibungen herrühren, werden untermauert durch die Befunde aus den Neurowissenschaften, die im Laufe der letzten Jahre in immer größerer Zahl zu den Hirnleistungsfunktionen ‚Lernen‘ und ‚Gedächtnis‘ veröffentlicht wurden.

 

Es ist höchste Zeit, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen und nach Antworten zu suchen – für sich selbst und für unsere Kinder, denn: „Was gewinnen wir, wenn wir die Kinder davon überzeugen, dass ihr Geist einer Maschine unterlegen ist, die stumm einen bloßen Bruchteil ihrer naturgegebenen Talente nachahmt?“ (Diese Frage stellte Theodore Roszak bereits 1986 in seinem Buch „Der Verlust des Denkens“).

 

Ein Buch, das auf unterhaltsame Weise aus dem beruflichen Alltag eines Feuilleton-Redakteurs solche und ähnliche Erfahrungen schildert ist 2010 erschienen bei Klett-Cotta, Stuttgart: Alex Rühle „Ohne Netz – Mein halbes Jahr offline“ (ISBN 978-3-608-94617-8). Auch er hat Carr gelesen.

 

11. 03. 2011 (GBW)