Ralitsa Ralinova, Foto: Jens Grossmann
Ralitsa Ralinova, Foto: Jens Grossmann

Neuentdeckung einer surrealistischen Oper

Bohuslav Martinus „Julietta“ im Wuppertaler Opernhaus

 

 

Lange war die 1938 entstandene Oper „Julietta“ von Bohuslav Martinu in

Vergessenheit geraten. In den letzten Jahren wurde sie wiederentdeckt, in

mehreren größeren Städten inszeniert. Nun also auch in Wuppertal.

Gleichzeitig mit der Wuppertaler Premiere wurde im Internet auf

operavision die Neuinszenierung dieses Werkes aus Prag ausgestrahlt, der

Stadt der Uraufführung. Man durfte also gespannt sein.

Der Dirigent des Abends, Johannes Pell, forderte in Team-Interview vor der

Premiere das Publikum auf, diese Oper zu genießen, ein dezenter Hinweis

darauf, dass man nicht allzu einfache Kost vor sich hatte. Das bestätigte

sich vor allem im ersten Teil, der fantastische 3. Akt nach der Pause ließ

dann aber die Mühen der ersten beiden Akte vergessen.

Schließlich zählt Martinus Oper zu den bedeutendsten musikdramatischen

Werken des Surrealismus, die Grenze zwischen Realität und Fiktion

verschwimmt dauernd, ständige Absurditäten erschweren den Nachvollzug

der Handlung. Der Pariser Buchhändler Michel kehrt in eine Stadt zurück,

weil er Julietta wiederfinden will, ein Mädchen, das er dort vor drei Jahren

gesehen hat und singen hörte. Die Stadt hat sich aber verändert: alle

Bewohner haben ihr Gedächtnis verloren, einige sind sich aber dieses

Verlustes bewusst. Bei den vielen Begegnungen mit den Menschen der

Stadt erlebt Michel Bedrohliches und Absurdes, wird aber auch zum

Kapitän der Stadt ernannt, weil ein Kommissar merkt, dass Michel sich an

seine Vergangenheit erinnern und damit den Bewohnern helfen kann. Der

Kommissar weiß allerdings beim nächsten Zusammentreffen mit Michel

davon nichts mehr. Erst gegen Ende des ersten Aktes trifft Michel die

titelgebende Julietta, trifft sich nach weiteren Begegnungen mit skurrilen

Gestalten mit ihr im Wald. Auch sie hat keine Erinnerungen an die

Vergangenheit, erfindet aber gemeinsame Erlebnisse und Reisen mit

Michel, die niemals stattgefunden haben. Die beiden streiten sich, ein

Schuss löst sich, Julietta scheint tot. Der Verurteilung entgeht er, weil er

dem Tribunal die von Julietta erfundenen Geschichten erzählt und damit

langsam in den Bannkreis der gedächtnislosen Welt gerät.

Soweit die ersten beiden Akte, die fast zwei Stunden dauern. Viele

Episoden folgen aufeinander, manchmal auch mit plötzlichen, absurden

Wendungen. Das Regieteam (Inga Levant, Regie, Jan Freese und Petra

Korink, Bühne, Petra Korink, Kostüme (fantastisch!) und Rafael Dziemidok,

Choreographie) hatte jede Menge gute Arbeit geleistet, um die

Unterschiedlichkeiten der einzelnen Szenen wirksam auf die Bühne zu

bringen, Bedrohliches, Skurriles, sogar Lustiges. Sänger und Sängerinnen

sangen nicht nur hingebungsvoll und wortverständlich (trotzdem waren die

Textüberblendungen eine wert volle Hilfe), sondern spielten auch

hervorragend. Einzelne Szenen bleiben in Erinnerung, so zum Beispiel der

mächtige Mann mit dem Bilderrahmen um den Hals, oder „Altvater

Jugend“ (was für ein Widerspruch!), der mit seinen Füßen die Trauben in

einem Weinfass bearbeitet, daraus dem armen Michel auch gleich ein Glas

kredenzen kann. Sehr eindrucksvoll auch die Szene, wenn beim ersten

Wiedersehen (und partiellem Wiedererkennen) von Michel und Julietta

diese nicht Michel, sondern den Akkordeonspieler umarmt. Dieser Musiker

(der auch ausgezeichnet Klavier spielt) spielt nicht nur in der Handlung

eine wichtige Rolle, sondern auch im musikalischen Konzept des

Komponisten. Der Damenchor (Leitung: Markus Baisch) sang nicht nur

berückend, sondern tanzte und spielte auch so.

Aber warum waren nach der Pause etliche Plätze leer? An der Musik

Martinus lag es gewiss nicht, denn die ist abwechslungsreich und

spannend, vom Wuppertaler Orchester unter Johannes Pell eindringlich

und intensiv gespielt. Sie bedient sich zahlreicher unterschiedlicher

Stilistiken. Das kann man „pluralistisch“ nennen, eine

Kompositionstechnik, die der Komponist B.A. Zimmermann, dessen 100.

Geburtstag gerade gefeiert wird, später perfektionierte. Diese Musik ist

aber keinesfalls „eklektizistisch“ im Sinne eines postmodernen

Flickenteppichs, sondern wird zusammengehalten vom Ausdruckswillen

Martinus, der die verschiedenen Techniken und Stile präzise einsetzt, so

dass sie zum jeweiligen Geschehen genau passen oder dieses

kommentieren. Da erscheinen kräftig voranschreitende rhythmische

Passagen im Sinne von Strawinski und Prokofieff mit vollem Orchester und

manchmal schrill dissonanten Bläsern, Anklänge an große Sinfonik,

liedartige Passagen, aber auch etliche Stellen mit nur wenigen oder sogar

solistisch auftretenden Instrumenten. Vor allem im 2. Akt hatte ich oft den

Eindruck, dass Martinu immer wieder musikalische Klischees verwendet,

diese aber ironisiert. So erklingt dann, wenn vom Wald die Rede ist, ein

einsames Englischhorn, in der Musikgeschichte oft mit Natur assoziiert;

(scheinbar) große Gesten werden mit pseudoromantischer Musik unterlegt,

dabei wird die romantische Soße aber ein klein wenig zu dick aufgetragen.

An einigen Stellen verzichtet Martinu ganz aufs Orchester und lässt einem

Akkordeon- und Klavierspieler, der auch in die Handlung eingebunden ist,

den Vortritt. Andererseits: Die SängerInnen haben singend und sprechend

unglaubliche Textmengen zu bewältigen, der erforderliche Sprechduktus

könnte zu einem Nachlassen der Aufmerksamkeit geführt haben. Und dann

wäre da noch die Länge zu nennen: Fast zwei Stunden

aufeinanderfolgende Episoden, die eher in gleichmäßiger Form

aneinandergereiht sind, ohne dass sich eine nachvollziehbare Steigerung

ergibt, können mit der Zeit doch etliche Zuschauer ermüden. Vorsichtiges

Kürzen würde den ersten beiden Akten also guttun.

Wer nach der Pause wiederkam, wurde dann auch belohnt: Pralles Theater,

knapp, genau, der gesamte Raum des Theaters wurde genutzt, mit einem

Schluss, der das gesamte Personal noch einmal auf die Bühne brachte,

aber doch sehr nachdenklich machte. Michel befindet sich in einem

Traumbüro, in dem Träume gegen Entgelt und zeitlich begrenzt möglich

gemacht werden. Besonders eindrucksvoll der Traum des Sträflings, der

sich statt seiner Zelle ein großes Appartement mit Fernseher und

goldenem Klo wünscht, sich am Ende des Traums wirkungsvoll den Hintern

mit dem geliehenen Bademantel abwischt. Aber auch abgebrochene

Träume werden gezeigt, wie der Traum eines Bettlers von einem Urlaub

auf einer tropischen Insel zeigt. Eine brillant tanzende Choristin als Hula-

Hula-Girl hört sofort verärgert auf, als klar wird, dass der Träumende am

falschen Tag gekommen ist und kein Anrecht auf seinen Traum hat.

Alle Rollen werden von Mitgliedern des Wuppertaler Ensemble bewältigt,

und das in jeder Hinsicht großartig. Kleinere Partien wurden von

Chormitgliedern übernommen, Ensemblemitglieder spielten mehrere, z.T.

sehr unterschiedliche Rollen. Sangmin Jeon sang mit farbenreichem Tenor

die Hauptrolle des Michel, bewunderswert, wie er seine riesige Textmenge

bewältigte. Ralitsa Ralinova hat als Julietta deutlich weniger zu singen, oft

aber ganz allein ohne jegliche Begleitung, überzeugte aber in allen

Episoden durch empfindsame Gestaltung ihrer Partie. Catriona Morison,

Simon Stricker und Sebastian Campione sangen nicht nur präzise und

wortverständlich, sondern erfüllten die Anforderungen ihrer verschiedenen

Rollen durch intensive Körpersprache in jeder Hinsicht. Christian Sturm

leuchtete vor allem den Charakter des Kommissars, sondern auch den des

traumverteilenden Beamten im 3. Akt singend und sprechend nachhaltig

aus. Sehr wirkungsvoll war auch Christopher Bruckman als Akkordeon- und

Klavierspieler.

Viel zu kritisieren gibt es also wirklich nicht. Das Wuppertaler Opernhaus

hat in allen Bereichen professionelle Arbeit geleistet. Wer dem Rat von

Johannes Pell folgt und die ersten beiden Akte vor der Pause genießt,

erlebt danach noch einmal eine deutliche Steigerung und wird reich

belohnt!

Fritz Gerwinn, 5.3.2018

Weitere Aufführungen: 11.3., 23.3., 14.4., 17.6.2018