Dorothea Brandt (Füchslein Schlaukopf), Kinde  rchor des Theater Hagen , Foto: Klaus Lefebvre
Dorothea Brandt (Füchslein Schlaukopf), Kinde rchor des Theater Hagen , Foto: Klaus Lefebvre

Das schlaue Füchslein

 

Oper in drei Akten von Leoš Janáček

Nach der Erzählung von Liška Bystrouška

Von Rudolf Těsnohlídek

In deutscher Sprache

Leos Janacek: Das schlaue Füchslein im theaterhagen
Premiere am 24.März 2018

 

Großer, langer Beifall am Premierenabend, das Publikum beklatschte begeistert alle Akteure, darunter viele ganz junge Sängerdarsteller. Der Applaus steigerte sich, als Joseph Trafton, der Dirigent, die Bühne betritt und den Beifall gleich ans Orchester weitergibt, und noch einmal, als Regisseurin Mascha Pörzgen und Christof Cremer, für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich, erscheinen. Wie fast immer im Hagener Theater: eine tolle zielgerichtete Arbeit von allen Beteiligten führte zu einer Vorstellung von außerordentlicher Lebendigkeit und exquisiter Qualität.

 

Eigentlich müsste deshalb jede Vorstellung ausverkauft sein. Leider waren in der Premiere im Parkett noch etliche Plätze frei. Woran das gelegen haben mag? Haben die Hagener etwa befürchtet, weil das „Schlaue Füchslein“ 1924 zur ersten Aufführung kam, ein disharmonisch-kakophones Musikstück ertragen zu müssen? Oder gar ein Stück für Kinder, das versehentlich in den Opernbetrieb für Erwachsene geraten ist? Rätselhaft!
Dabei ist die Musik zwar modern, aber überhaupt nicht dissonant, ungewöhnlich schon, aber wunderbar zu hören. Janacek bleibt in jeder Hinsicht tonal, mischt unterschiedliche Stile. Er beschreibt präzise Stimmungen, so etwa die Hitze eines Sommertages im Wald, benutzt dabei impressionistische Mittel, verwendet aber auch Anklänge an mährische Volksmusik und aus der Romantik übernommene Formeln. Andererseits hält er sich oft fast filmmusikartig an die Geschehnisse auf der Bühne, so dass auch immer wieder abrupte Wechsel vorkommen. Bemerkenswert finde ich immer wieder benutzte Motive, die ganz oft wiederholt und im weiteren Verlauf nur leicht verändert werden, was fast ein wenig an minimal music denken lässt. Der berühmte Kritiker Hans Heinz Stuckenschmidt schrieb über Janaceks Füchslein-Musik: „Es gibt vielleicht keinen Musiker, der so wie Janacek mit seiner Kunst die Menschheit zu umarmen scheint mit einer Musik, die auf beglückende Weise erwärmt.“ Das groß besetzte Philharmonische Orchester Hagen unter Joseph Trafton ließ diese herrliche Musik mit allen Facetten in den Zuschauerraum strömen. Ein Extralob für die Hornisten!

 

Und ein Stück für Kinder ist das „Schlaue Füchslein“ auch nur sehr begrenzt, obwohl ein Kinderchor (bravourös geprobt von Caroline Piffka) und viele sehr junge Solistinnen und Solisten auf der Bühne stehen. Dafür sind die erotischen Komponenten des Librettos zu deutlich. Benutzt wurde die deutsche Fassung des Schriftstellers Max Brod, der die in der tschechischen Urfassung nur locker und etwas anarchisch zusammenhängenden Szenen miteinander verband. Er führt auch die unzähmbare Zigeunerin Terynka ein, Schwarm aller Männer, die aber nie auftritt. Vielleicht wurde der Text auch noch dezent modernisiert, denn ob Max Brod in den 20er Jahren schon bei nachlassenden Kräften vom „Energiedefizit“ gesprochen oder einen für die Balance wichtigen Krückstock als „Charakterersatz“ bezeichnet hat, weiß ich nicht.
Regisseurin Mascha Pörzgen verstärkte den Ansatz Brods noch, indem sie die Szenen und damit Tier- und Menschenwelt miteinander verklammerte. Einmal geschah das dadurch, dass sie die Geschichte weitgehend aus der Perspektive der Füchsin erzählen ließ. Beim Saufgelage der drei männlichen Hauptpersonen, Förster, Schulmeister und Pfarrer, ist sie z.B. also im Hintergrund beobachtend dabei. Zum andern dadurch, dass die Tiere nur dann auf allen Vieren laufen, wenn Menschen dabei sind, sonst können sie durchaus auf zwei Beinen gehen und sich wie Menschen benehmen. Verhakt wurden die Welten auch gezielt durch die Ähnlichkeit mehrerer Doppelrollen. Der Dachs (Rainer Zaun), den die Füchsin aus seiner Höhle vertreibt, ist wie ein Pfarrer gekleidet und hat eine starke Neigung zu sehr jungen Mädchen, als Pfarrer muss er wegen seiner offenbar ans Tageslicht gekommene Vergangenheit den Ort verlassen. Der Schulmeister (Boris Leisenheimer), der nie seine Ziele erreicht hat und deshalb seinen Trost im Alkohol sucht, säuft als Mücke auch schon, und zwar im ersten Bild das Blut des schlafenden Försters. Die Eule (Kristine Funkhauser) moralisiert genauso fies wie die Försterin.  Und schließlich ist der Hahn (Veronika Haller) in der 2. Szene genauso übertrieben aufgetakelt wie die Wirtsfrau kurz vor Schluss. Die Parallelen zur Menschenwelt werden auch in anderer Hinsicht in der sechsten Szene besonders deutlich: Als Fuchs und Füchsin sich gefunden haben, schauen etliche Tiere gern zu, stimmen aber der Eule zu, die sich über das freizügige erotische Verhalten aufregt, und als Kinder unterwegs sind, müssen die beiden sofort heiraten.
In weiteren Szenen wird einerseits das Komödiantische herausgearbeitet, andererseits sollen manche Szenen zum Nachdenken anregen. Eine Glanzleitung ist die Hühnerszene: die Füchsin fordert die Hühner auf, sich gegen den eitlen und selbstgefälligen Hahn zu wehren, die (in diesem Fall wirklich) dummen Hühner sind aber nicht in der Lage, dies einzusehen. Sehr gelungen ist auch die Szene, in der der stark alkoholisierte Schulmeister einer Sonnenblume, die er für Terynka hält, seine Liebe gesteht.
Förster, Schulmeister und Pfarrer projizieren ihre Liebessehnsüchte auf die wilde Zigeunerin Terynka. Das steht sinnbildlich dafür, dass das Wilde, Ungezähmte auf Menschen immer wieder einen großen Reiz ausübt, es aber gebändigt werden muss. Das wird in dieser Inszenierung sehr schön an dem ambivalenten Verhältnis Förster-Füchsin klar gemacht. Einerseits lässt sich die Füchsin, die der Förster mit Terynka gleichsetzt, auf seine fast erotischen Annäherungen ein, bezeichnet sie aber nach ihrer Flucht als grob.
Bemerkenswert ist auch, dass der einzige Mann, der keine Parallelen zwischen Terynka und der Füchsin sieht, der Landstreicher Haraschta (Olaf Haye) ist. Der hat sie geschwängert, wird sie heiraten und, wie er sagt, danach auch schlagen. Der kann dann auch die Füchsin erschießen und wegbringen (in einem Einkaufswagen!), um seiner Frau aus ihrem Fell einen Muff als Hochzeitsgeschenk zu machen.

 

Die Ausleuchtung der Charaktere durch die Regie wäre aber nicht möglich gewesen ohne die kompetente Arbeit von Christoph Cramer, der nicht nur ein geniales Bühnenbild erfand, sondern auch die sehr schönen, plastischen, die Eigenarten der Rollen präzise treffenden Kostüme entwarf. Der Wald bestand aus vielen Leitern, die Baumkronen waren eine Art chinesische Lampen, wie sie in den 60er Jahren in vielen Wohnungen hingen. Darunter gab es viele unterschiedlich hohe Podeste, die Personen konnten darauf herumklettern (z.B. eine Libelle als Fensterputzer) und mussten Höhenunterschiede überwinden. Durch den Einsatz der Drehbühne konnten die Schauplätze schnell gewechselt werden, ohne dass der Leiterwaldaus dem Blick geriet.

 

Alle Mitwirkenden schlugen sich großartig, nicht nur singend, sondern auch agierend. Es wäre unpassend, jemanden noch besonders hervorzuheben. Neben den oben schon genannten Sängerdarstellern müssen aber die noch fehlenden genannt werden. Jennifer Panara bezauberte in der Hosenrolle als Fuchs, Dorothea Brandt war die Füchsin, auch in Höhenlagen klar artikulierend, und den Förster verkörperte mit seinem hell timbrierten Bariton Kenneth Mattice. Ganz besonders hervorzuheben sind die vielen Kinder und Jugendlichen, die, einstudiert von Melanie Maenni, die vielen kleinen Tier- und Menschenrollen sangen und spielten, auf den Punkt genau vorbereitet. Stellvertretend für alle: es ist wirklich eine Leistung, wenn man als Frosch erst auf den Rücken des Försters springen muss und dann auch noch die richtigen Töne trifft. Super!

 

Fazit: Nach Linckes „Frau Luna“ und Haydns „Ritter Roland“ wieder eine tolle Inszenierung, diesmal sogar noch tiefergehend und vor allem am Schluss sehr anrührend. Ich kann allen Hagenern und allen Operninteressierten auch im weiteren Umkreis nur dringend empfehlen, diese außergewöhnliche Leistung des Hagener Opernteams zu besuchen. Eigentlich dürfte kein Platz leer bleiben!

 

Fritz Gerwinn, 25.3.2018

 

Weitere Aufführungen: 29.3., 8.4., 13.4., 18.4., 27.4., 12.5., 16.5., 26.5., 24.6.2018