Kenneth Mattice (Graf), Cristina Piccardi (Susanna), Veronika Haller (Gräfin), Foto: Klaus Lefebvre
Kenneth Mattice (Graf), Cristina Piccardi (Susanna), Veronika Haller (Gräfin), Foto: Klaus Lefebvre

Mozarts “Hochzeit des Figaro“ in Hagen  
1. Oktober 2016

Erste Hagener Premiere der neuen Saison 2016/17. Der Intendant Norbert Hilchenbach tritt vor den Vorhang, begrüßt das Publikum und lädt zur Premierenfeier ein, das diese Einladung auch in Mengen annimmt. Das ist mehr als eine Geste. Das macht deutlich, dass das theaterhagen sich als fest in der Stadt verankerter Mittelpunkt einer Theaterfamilie ansieht. Und dass das Hagener Opernensemble regelmäßig Inszenierungen anbietet, die weit über dem Stadttheaterniveau angesiedelt sind, zeigte einmal mehr die erfolgreiche Premiere des „Figaro“.

 

Das Orchester, klein besetzt (nur zwei Kontrabässe), unter Florian Ludwig fand dann von Beginn an auch einen charakteristischen Mozartton. Kein scheinbar klassischer Schönklang, sondern aufgerautes Klangbild mit scharfen Akzenten, manchmal grell, besonders in temporeichen Passagen, andererseits berückend schön vor allem in den Arien Susannas und der Gräfin. Die Soli der Holzbläser wurden angemessen herausgehoben, besonders auffällig waren die verwendeten Naturtrompeten und das Naturhorn. Begleitet wurde sehr sängerfreundlich, deshalb beteiligten sich auch alle Solisten am großen Beifall für das Orchester.

 

Und es war wieder eine exquisite Ensembleleistung des Hagener Theaters. Wie schon im „Rosenkavalier“, einem der (wieder aufgenommenen) Höhepunkte der letzten Saison, konnten alle Personen perfekt mit dem Hagener Ensemble besetzt werden, die das Publikum nicht nur mit professionellem Gesang erfreuten, sondern deren Spielfreude ebenfalls kaum zu bremsen war. Figaro war Andrew Finden mit wohltönendem Bariton, der noch häufiger als die anderen Solisten seinen Gesangspart mit kleinen Variationen versah, wie das wohl auch zu Mozarts Zeiten üblich war. Cristina Piccardi, neu im Ensemble, sang die Susanna und harmonierte dabei wunderbar mit Veronika Haller als Gräfin und Kristine Larissa Funkhauser als Cherubino, die als langjährige Mitglieder des Ensembles schon in vielen Hauptrollen brilliert haben. Schließlich Kenneth Mattice, in Spiel und Stimme immer wieder die autoritären Züge des Grafen betonend, der mit einer einzigen Geste den Chor der Landleute zum Schweigen bringt. Marylin Bennett als Marcellina und Rainer Zaun als Bartolo in einem wunderbar schrecklichen Anzug sangen und spielten überzeugend und komödiantisch die Eltern Figaros, wobei Rainer Zaun die Partie des erwischten Erzeugers besonders gut gelang. Auch die kleineren Rollen (Richard van Gemert als Basilio und stotternder Don Curzio, Keno Brandt als Antonio, Anna Lucia Struck als Barbarina) waren so gut besetzt, dass sie mehrfach Szenenapplaus erhielten.

 

Entscheidend waren aber vor allem die Ideen des Regieteams (Inszenierung Annette Wolf, Bühne und Kostüme Imme Kachel, Licht Ulrich Schneider). Auch wenn man im 4. Akt so weitergemacht hätte wie vorher, wäre die Inszenierung schon hinreißend gewesen. Aber da gab es ja eine Riesenüberraschung. Wie in Hagen üblich, wurde der Verlauf der sehr komplizierten Handlung sehr klar herausgestellt. Auch Theaterbesucher, die vorher keine Opernführer wälzen können oder wollen, konnten dem Stück problemlos folgen. Die Personenführung war hervorragend, die Handlung wurde aber mit kleinen Gags liebevoll aufgelockert. Arien wurden so zu Aktionsarien, wenn stumme Mitspieler mitmischen oder z.B. die Jacke des Grafen an dessen Stelle misshandelt wird. Präzise Gesten bestätigen die durch die Musik ausgedrückten Emotionen. Überhaupt fällt auf, dass körperliche Kontakte sehr direkt ausgespielt werden. Die Intimitäten von Graf und Gräfin im 2. Akt lassen kaum glauben, dass er ihrer überdrüssig ist, und auch Cherubino darf sich bei der Gräfin und Susanna etliches Handgreifliche erlauben. Cherubino wird hier mehr als sonst charakterisiert als eine Person, die immer wieder unversehens aber hartnäckig stört und Pläne und Intrigen zunichte macht. Auch andere Akzentuierungen sind bemerkenswert: So beobachtet der Musiklehrer Basilio als Koch durch ein geheimes Fenster das Brautpaar Susanne und Figaro schon beim Ausmessen ihres Zimmers, um dann noch entschiedener eingreifen zu können. Die Gräfin spricht im 2. Akt erheblich dem Alkohol zu; dass findet seine Entsprechung im noch größeren Alkoholkonsum der singenden Bauernmädchen. Und schließlich sind Figaro und Susanna am Ende des 3. Aktes noch gar nicht verheiratet. Nachdem der Graf die Paare Marzelline/Bartolo und Barbarina/Cherubino getraut und der Frau jeweils den Ring an den Finger gesteckt hat, tut er das bei Susanna nicht. Deren Heirat erfolgt erst ganz am Ende, und es ist die Gräfin, die anstelle ihres blamierten Gatten Susanna den Ring an den Finger steckt.

 

Überhaupt der 4. Akt! Ohne Pause nach dem 3. Akt wächst aus dem Boden plötzlich ein grüner Dschungel, deutliches Abbild der erotischen und sonstigen Verwicklungen. Und in diesen Dschungel fährt dann noch ein leicht ramponierter Straßenkreuzer, auf dessen Sitzbänken und Kofferraum etliches passiert und zur Verwirrung beiträgt. Nichts ist mehr durchsichtig, auch die Bäume sind beweglich. Wenn man hier die Orientierung verliert, ist das wohl geplant.
Gibt es nach Blamage und Entschuldigung des Grafen ein Happy End? Das bleibt offen. Während alle Paare, die sich gefunden haben, sich umarmen, bleiben Graf und Gräfin unschlüssig in einigem Abstand voneinander stehen. Sie steigen dann zwar zusammen ins Auto, ob sie sich aber wieder finden, bleibt ungewiss.

Der Beifall bei der Premiere wollte gar nicht aufhören. Das theaterhagen hat wieder eine tolle Produktion abgeliefert.

Fritz Gerwinn, 4.10.2016

 

Weitere Aufführungen:
14.10., 23.10., 26.10., 25.11.2016
8.1., 12.1., 25.1., 4.3., 11.3., 9.4., 3.6.2017