Veronika Haller (Tatjana), Kenneth Mattice (E ugen Onegin)
Veronika Haller (Tatjana), Kenneth Mattice (E ugen Onegin)

"Eugen Onegin"

  • Oper von Peter Tschaikowski

    Lyrische Szenen in drei Akten von Peter Tschaikowski

  • Libretto vom Komponisten und Konstantin Schilowski nach dem Versroman von Alexander Puschkin

 

      Fotos: Klaus Lefebvre


Tschaikowskijs Eugen Onegin in Hagen

Premiere am 5.3.2016, besuchte Vorstellung am 11.3.2016

Keine zwei Monate später als Wuppertal brachte nun Hagen Tschaikowskis Onegin heraus, aber ganz anders. Wurde in Wuppertal der gesellschaftliche Aspekt mit realistischen Massenszenen betont, lieferte Regisseur Holger Potocki eine intime Kammeroper ab, ein Nachtstück, in dem es niemals richtig hell wird. Die Seelenqualen der Protagonisten stehen im Mittelpunkt und werden bei minimalem Bühnenbild und dezenter Lichtregie konsequent und nachvollziehbar ins Bild gesetzt. Naturalistisches und Folkloristisches findet nicht statt, trotzdem bietet Potockis Interpretation genug interessante Aspekte und lohnende Bilder.

 

Kristine Larissa Funkhauser (Olga), Marilyn B ennett (Larina), Rena Kleifeld (Filipjewna
Kristine Larissa Funkhauser (Olga), Marilyn B ennett (Larina), Rena Kleifeld (Filipjewna

So reden am Anfang Larina und Filipjewna, auf einer Bank sitzend und von Fantasieblumen umgeben, wie sich in ihren Ehen Liebe nach in nach in Gewohnheit gewandelt habe. Der Chor steht da schon mit dem Rücken zum Publikum und wird per Drehbühne ganz langsam hereingedreht, um dann den Schnitterchor ganz unfolkloristisch vorzutragen. Nach Tatjanas Briefszene erscheint er dann wieder, aber nicht, um den erwachenden Morgen darzustellen, sondern als ins Bedrohliche reichende Traumvision Tatjanas, der dann die Ablehnung durch Onegin folgt, der seine Arroganz durch die Hände in den Hosentaschen mehr als deutlich macht.

 

Dann ist Pause, und das ist ungewöhnlich, findet sie doch sonst immer nach dem zweiten Akt statt, wegen des langen Zeitraums zwischen zweitem und drittem Akt. Doch Potocki macht seine Entscheidung plausibel, indem er die beiden Akte miteinander verklammert und nach der Duellszene, in der Onegin seinen Freund Lenski erschießt, eine kurze zusätzliche Szene einbaut, in der Onegin mit dem Sarg seines Freundes allein ist. Das ist auch ein dramaturgischer Kontrapunkt, weil gleichzeitig schon die fröhliche Festmusik des dritten Aktes erklingt, der dann folgt. Hiermit wird deutlich gemacht, dass es Onegin trotz des inzwischen großen zeitlichen Abstands zum Duell keinen Deut besser geht.

 

Tatjana (Veronica Haller)
Tatjana (Veronica Haller)

Ganz faszinierend ist der Anfang des 2. Aktes direkt nach der Pause. Zur Tanzmusik für ihren Namenstag tanzt Tatjana allein auf der Bühne verzerrt und gequält, während von oben ein Netz mit Briefen heruntergelassen wird, als habe sie, die ja nur ihr Herz geöffnet hat, sich schuldig gemacht. Das bestätigt der Chor, dessen weibliche Mitglieder sie dann bedrohen und demütigen, als sei ihre Offenheit eine unerlaubte Unverschämtheit. Zum Ständchen muss sie dann gewaltsam auf die Bühne gebracht werden. In der Duellszene beginnt es zu schneien – oder sind das Fetzen von zerrissenen Briefen als Zeichen von Onegins Ablehnung? Die sind jedenfalls so laut, dass man hier und besonders deutlich in Lenskis Arie neben Gesang und Orchester noch eine zusätzliche akustische Spur hört. Beim Schuss werden die Fetzen rot und erscheinen in der nächsten Szene kurz noch einmal, nachdem das festliche Licht des Ballsaales plötzlich erloschen ist. Gleichzeitig erscheint Lenski per Drehbühne noch einmal auf der Szene, wohl nur für Onegin sichtbar. Auch in dieser Szene bleibt der Chor statisch, zelebriert nur festgefahrene Gesten, freiere Bewegungen gibt es nicht, er steht für eine moralisierende, bedrohliche und erstarrte Gesellschaft.

 

Überhaupt die Drehbühne! Sie spielt in dieser Inszenierung eine wichtige Rolle, wird immer dann in Bewegung gesetzt, wenn Schicksalhaftes passiert, die Menschen dann mit eingefrorenen Gesten wie Puppen auf einer Spieluhr herumgefahren werden, oder Personen außer sich sind, außer Kontrolle geraten. Das zeigt sich am Schluss noch einmal besonders deutlich, wenn im letzten Dialog zwischen Tatjana und Onegin die Drehbühne genau dann anfängt zu rotieren, wenn beide nicht mehr beim gesellschaftlich üblichen Benehmen bleiben können, weil sie von ihren Gefühlen übermannt werden.

 

Chor und Extrachor
Chor und Extrachor

Gesungen wurde auf Deutsch, deshalb gab es auch keine Übertitel. Das war etwas problematisch, weil der Text oft nicht zu verstehen war. Besonders auffällig war das in der ersten Szene, wenn bis zu vier Personen gleichzeitig sangen. Hier wurde im Gespräch der beiden Witwen Larina und Filipjewna auf der Gartenbank, auf der am Schluss auch Tatjana sitzt, ja das Motto der Inszenierung angesprochen: „Lässt uns das Glück zuletzt allein, stellt sich Gewohnheit dafür ein.“ Wenn das nicht verstanden wird, bleibt vieles unklar. Für diejenigen, die das Stück nicht genau kennen, oder gar für Opernneulinge ist es ungünstig, wenn sie den Hauptteil ihrer Aufmerksamkeit auf das Textverständnis richten müssen, das frustriert und verhindert den Genuss der Besonderheiten der Musik und der Regie.

 

Mir schien es, dass gerade bei leisen oder mittellauten Stellen die Holzbläser eine winzige Nuance zu laut waren und deshalb gelegentlich die Sänger überdeckten, die sonst untadelig sangen. Bei ihnen besonders zu loben ist die Tatsache, dass Hagen alle Rollen bis auf zwei kleinere aus dem eigenen Ensemble besetzen konnten: Veronika Haller als Tatjana mit kräftigen Spitzentönen, Kenneth Mattice als auch darstellerisch vorzüglicher Onegin, Kristine Larissa Funkhauser als temperamentvolle Olga und Kejia Xiong als Lenski mit vor allem in den lyrischen Passagen überzeugendem Tenor. Auch die weiteren Rollen ließen in Gesang und Darstellung keine Wünsche offen.

Kristine Larissa Funkhauser (Olga), Kejia Xio ng (Lenski)
Kristine Larissa Funkhauser (Olga), Kejia Xio ng (Lenski)

Auch das Orchester unter der Leitung des jungen Kapellmeisters Mikhail Gerts traf, von der oben genannten Einschränkung einmal abgesehen, nicht nur in den lyrischen Abschnitten den richtigen Ton, sondern spielte auch in den dramatischen Ausbrüchen präzise und klangschön.

 

Chor und Extrachor wollten beim Schnitterchor im 1. Bild dem rasanten Tempo des Dirigenten nicht ganz folgen, deshalb wackelte es ein wenig. Danach zeigte man aber die gewohnte hohe Qualität in Gesang und Darstellung.

 

Fazit: Eine hochwertige Gesamtleistung, die für sich stehen kann, aber auch zum Vergleich mit anderen Inszenierungen desselben Stücks anregt. Schließlich ist die Hagener Inszenierung schon die dritte in diesem Jahr, nach Wuppertal und Berlin. Alle drei Inszenierungen sind sehr unterschiedlich und stellen jeweils andere Aspekte in den Mittelpunkt. Die Hagener Version kann da sehr gut mithalten, ein Besuch ist sehr zu empfehlen.

 

Fritz Gerwinn, 12.3.2016

Weitere Aufführungen:

 

18.3., 13.4., 21.4., 7.5., 13.5., 25.5. 26.6. 2016 im theaterhagen

 

Hinweis: Barrie Koskys Inszenierung an der Komischen Oper in Berlin ist im Internet auf the-opera-platform verfügbar. Die Wuppertaler Aufführungen sind wegen des dortigen Stagione-Prinzips leider schon vorbei.

 

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