Briefszene, Foto: Uwe Stratmann
Briefszene, Foto: Uwe Stratmann

Tschaikowskijs Eugen Onegin in Wuppertal

Premiere am 24.01.2016

 

Toshiyuki Kamioka vermeidet den üblichen Anfangsbeifall für den Dirigenten, hat sich in den Orchestergraben geschlichen, während das Licht ausgeht, erklingen schon die ersten Töne. Und das Wuppertaler Sinfonieorchester spielt exzellent. Die vielfältigen lyrischen Passagen erklingen dynamisch abgestuft und klangfarbenreich – besonders in Erinnerung bleibt im 2. Bild (Briefszene) die häufig wiederkehrende Aufeinanderfolge Oboe-Querflöte-Horn, mit satter Streicherbegleitung genau ausgehört. Auch die dramatischen Passagen werden virtuos bewältigt. Gemeinsam mit dem (auch darstellerisch) tollen Chor (Jens Bingert) hat das Orchester einen fulminanten Auftritt im 1. Bild beim Chor der Landleute. Der starke Beifall am Schluss beweist, dass Kamioka ein hervorragender Dirigent ist und seinem Orchester, das mit hörbarer Freude agiert, viel mitgegeben hat.

So werden die Sänger auch gut begleitet und können zu Hochform auflaufen. Allen voran die beiden Hauptpersonen. Mikolaj Zalasinski als Eugen Onegin mit sicher geführtem Bariton und Mirjam Tola als Tatjana mit sehr schönen hohen Tönen; beide variieren ihre Stimme in den unterschiedlichen emotionalen Situationen überzeugend. Aber auch die anderen Darsteller singen und spielen sehr gut. Besonders beklatscht werden am Ende Anna Maria Dur als Amme Filipjewna, Mikhail Agafonov als Lenskij und Andreas Hörl mit gewaltigem Bass als älterer Fürst Gremin, der aber für seine Rolle viel zu jung wirkt.

Das Regieteam unterstützte die gelungene musikalische Umsetzung mit merkbaren Akzentuierungen, stellte die Darstellung der sozialen Unterschiede in den Vordergrund. Das Landhaus (Bühnenbild Bernd-Dieter Müller/Annette Zepperitz), in dem Larina mit ihren beiden Töchtern, Tatjana und Olga, lebt, ist mit Gittern versehen und erscheint eng, so dass im 3. Bild (Tatjanas Namenstag) die Feiernden Mühe haben, sich auf der Bühne zu bewegen. Am Ende des 1. Bildes wird aus dem Haus sogar eine Art Festung, indem eine Mauer mit kleinen Fenstern heruntergelassen wird, als müssten die Frauen sich vor ihren Arbeitern schützen. Andererseits dient das schnelle Hochziehen dieser Mauer, nachdem Tatjana in ihrem Brief an Onegin ihre Gefühle offengelegt hat, als Zeichen emotionaler Befreiung. In den beiden letzten Bildern ist der Ballsaal nach links gerückt, was im Zimmer in der Mitte größere Intimität möglich macht, trotzdem aber noch den Prunk der Oberschicht verdeutlicht.

Diese Tendenz setzt sich in den Kostümen (Ulli Kremer) fort. Der festlichen Kleidung der hohen Gesellschaft steht die ärmliche Bekleidung der Bauern und Arbeiter gegenüber.

Der Regisseur sorgt für lebendige Personenführung, auch in ruhigeren Passagen wie etwa der Briefszene. Beim Duell z.B. lässt er beide Kombattanten einen Versuch machen, das Unausweichliche noch einmal anzuwenden, was der jeweils andere aber gar nicht mitbekommt; Lenskij schießt hier überhaupt nicht, Onegin hält sich dabei die Augen zu.

Besonders scheinen ihn Olga und Lenskij zu interessieren: Olga will sich den moralischen Bedingungen ihres langweiligen Lebens im Gutshaus in der Provinz nicht fügen, macht deshalb im 1. Bild die männlichen Arbeiter an, indem sie nicht ganz angezogen erscheint und  sich von ihnen in die Bluse helfen lässt, zum großen Missvergnügen ihrer Frauen. Auch tanzt sie wie wild mit Onegin, ohne wie dieser an die Folgen zu denken, und löst dadurch mit die Katastrophe aus. Lenskij dagegen ist initiativlos, starr, linkisch, offenbar veralteten Ehrenvorstellungen verhaftet, denen er nicht entkommen kann.

Aber auch die idealistische Naivität Tatjanas wird deutlich, und im letzten Teil der Verdacht geschürt, sie habe den Fürsten Gremin vor allem deshalb geheiratet, um der desolater werdenden Lage ihres Elternhauses und drohendem gesellschaftlichem Abstieg  zu entgehen. Und Onegin wird als arroganter, gelangweilter, immer rauchender Dandy gezeigt, dem sein Leben immer mehr entgleitet.

Auch werden die gesellschaftlichen Bedingungen der Entstehungszeit gezeigt und können mit der heutigen Zeit verglichen werden. Mutter und Amme berichten traurig von ihrer Verheiratung ohne Liebe, und dass die Gewohnheit schließlich die Liebe ersetzt habe, wohingegen Onegin Tatjamas Angebot vor allem deshalb nicht annimmt, weil er den Tod der Liebe durch Gewohnheit fürchtet. Die sozialen Unterschiede zwischen Larinas Familie und den Landarbeitern sind sinnfällig umgesetzt. Besonders deutlich werden die sozialen Spannungen, wenn im vorletzten Bild Revolutionäre mit Flugblättern in den Ball beim Fürsten Gremin platzen, aber von den Festteilnehmern selbst mit äußerster Brutalität zurückgedrängt und sogar verletzt werden. Dass diese Gesellschaft antiquiert ist und sich überlebt hat, wird dadurch angedeutet, dass die Lakaienschaft beim Ball von einer teppichrollenden Altmännerriege gebildet wird.

Wenn man danach ins Programmheft guckt, findet man dort ein Interview mit dem Regisseur, das bestätigt, dass er seine Vorstellungen in seiner Inszenierung konsequent umgesetzt und das Stück in die Gegenwart geholt hat, indem er durch Aufzeigen der damaligen Gesellschaft und damaligen Geisteshaltungen zum Vergleich mit heutigen Denkweisen und gesellschaftlichen Ungleichheiten anregt.

 

 

 

Fritz Gerwinn, 26.1.2016

 

Weitere Aufführungen:

3., 5., 7., 17., 19., 21. Februar 2016 im Opernhaus Wuppertal