v.l. Martin Blasius, Sandra Borgarts  (Gymnasiast) , Martina Welschenbach, Christian Tschelebiew  (Athlet), Foto: Uwe Stratmann
v.l. Martin Blasius, Sandra Borgarts (Gymnasiast) , Martina Welschenbach, Christian Tschelebiew (Athlet), Foto: Uwe Stratmann

Alban Bergs "Lulu"

Oper von Alban Berg
Fassung des 3. Aktes von Friedrich Cerha
Libretto nach den Tragödien "Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora" von Frank Wedekind
In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere am 14. Mai

Kamiokas letzte Wuppertaler Premiere


Spieldauer: ca. 3 Stunden 40 Minuten, Pausen nach dem 1. und 2. Akt

Das Licht ist noch nicht ganz ausgegangen, da erklingen schon die ersten Töne. Wie schon in seiner ersten Premiere, Puccinis Tosca, und in allen weiteren von ihm dirigierten Stücken, hat sich Toshijuki Kamioka ungesehen an seinen Platz geschlichen und zeigt sich erst zum starken Schlussbeifall auf der Bühne. Kamioka hat sich mit der „Lulu“ von Alban Berg einen ziemlich dicken Brocken ausgesucht und laut Pressekonferenz zu Beginn der Saison sich einen Herzenswunsch erfüllt.

 

Mehr als dreieinhalb Stunden dauert die komplette Oper, der unvollendete dritte Akt wurde in der Fassung von Friedrich Cerha gespielt. Aber nicht nur die Länge überforderte manche Besucher, sondern auch die ungewohnte Tonsprache – modifizierte Zwölftontechnik – sowie die ausladende, nicht immer leicht nachzuvollziehende Handlung. Zwei Pausen waren notwendig, und nach jeder waren die Reihen deutlich gelichtet. Bergs Werk wird als einer der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts gelobt, es zu hören und zu sehen ist aber auch eminent anstrengend und erfordert höchste Konzentration.

 

Kamiokas Dirigat ließ keine Wünsche offen. Die dramatischen Stellen kamen punktgenau, aber auch der Fluss der nicht leicht zu verfolgenden Musik wurde unter seiner Leitung vom sorgfältig einstudierten Orchester differenziert und transparent dargestellt, Kantilenenähnliches kam satt und farbenreich über die Rampe. Und wenn sich Berg tonaler Musik nähert, etwas im Zitat einer Jazzband, wurde dies auch deutlich gemacht. Besonders zu loben ist Kamiokas Art, seine Sängerinnen und Sänger zu begleiten. Kein einziges Mal mussten sie forcieren, nie wurden sie übertönt.

 

Ihre Partien waren auch schwierig genug. Nicht nur, dass sie ungewohnte Tonfolgen zu ungewohnter Begleitung zu singen hatten, die Komposition führt die Beteiligten oft an ihre stimmlichen Grenzen. Das gilt besonders für die hohen Stimmen. Hier ist zuerst die Sängerin der Lulu zu nennen, Martina Welschenbach, die die extremen Herausforderungen ihrer Rolle souverän meisterte, trotz einer angekündigten, aber nicht merkbaren Indisposition. Schwerarbeit zu leisten hatten auch die Tenöre wegen ihrer extrem hoch liegenden Partien. Hier glänzten Arnold Bezuyen als Dr. Schöns Sohn Alwa und Johannes Grau als Maler und „Neger“. Auch die tiefer liegenden Stimmen waren kompetent besetzt, sangen und spielten brillant. Herausragend Ralf Lukas als vergleichsweise junger Dr. Schön (dass er der Vater von Alwa sein soll, glaubt man ihm kaum), dessen Entwicklung in den ersten beiden Akten ihn fast zur Hauptperson macht, Sandra Borgarts und James Wood in je drei Rollen, Christian Tschelebiew als Athlet und Tierbändiger, Martin Blasius als voluminös singender Schigolch und schließlich Kathrin Göring als sehr jugendlich wirkende Gräfin Geschwitz. "Drei dieser SängerInnen - Kathrin Göring, Sandra Borgarts und Johannes Grau – haben in Wuppertal während Kamiokas Intendanz schon in mehreren Stücken Hervorragendes abgeliefert, bildeten in den eigentlich ensemblelosen Jahren neben einigen anderen doch so etwas wie den Grundstock eines Ensembles.

 

Die Regisseurin Beate Baron liebt nach eigener Aussage im Programmheft „bildhafte Übertragungen, die das Geschehen kommentieren und die Aussage des Moments verstärken.“ Damit machte sie es dem Publikum nicht unbedingt leichter. Vor allem der 1. Akt wirkte eher verrätselt. Fragen bleiben offen. Warum z.B. wird der Tierbändiger nach seinem „Hereinspaziert“ erschlagen? Warum müssen Dr. Schön und sein Sohn Alwa zu Beginn der 1. Szene im Manegenstaub liegen? Warum umkreisen Dr. Schön und der Maler in der 2. Szene erst wie Pferde die Manege und lassen dann ihre Gesten mehr oder weniger einfrieren? Und warum wird der Selbstmord des von Dr. Schön desillusionierten Malers nur angedeutet?

 

Auch die Entscheidung, die Handlung durchweg in einer Manege, in Zirkusatmosphäre spielen zu lassen, war nicht immer nachzuvollziehen. Zwar traten an einigen Stellen Mädchen in Goldglitterkleidern und anderes sensationslüsternes Zirkuspersonal auf, dieses allerdings totenkopfartig geschminkt, Erhellendes zum Verständnis des Stückes trug dies aber nicht bei.

 

Schon eher zu verstehen waren die Assoziationen im 2. und 3. Akt. Die Dschungelatmosphäre mit Nebel und Raubtieren in der Szene, in der Lulu Dr. Schön erschießt, kann dann doch assoziativ die Stimmung dieser Szene verstärken. In ebensolcher Weise wird die Aufbruchstimmung des 4. Bildes durch das glimmende Lagerfeuer verdeutlicht. Auch die Liegestuhlidylle zu Beginn des 3. Aktes überzeugte. Und eine richtig gute Idee war es, die Toten der ersten beiden Akte, die im letzten Bild noch einmal auftreten, wenn auch in anderen Rollen, mit Engelsflügeln auszustatten. Auch an anderen Stellen gelang es der Regie, die doch etwas schwerblütige Handlung ironisch aufzubrechen. Am besten gefielen mir jedoch die Szenen, in der Beate Baron ihr Hauptaugenmerk auf die deutliche Darstellung der Handlung gelegt hatte, so etwa in der 3. Szene des 1. Aktes, in dem Lulu das bürgerliche Leben des Dr. Schön zerstört. Dessen Niedergang und Kontrollverlust wurde übrigens in den ersten Szenen so präzise dargestellt und nachvollzogen, dass er in dieser Phase als eigentliche Hauptperson agierte.

 

Ein wichtiges Requisit war das Bild, dass der Maler am Anfang von Lulu malt. Nichts Gegenständliches, sondern ein einfaches, auf der Spitze stehendes Dreieck. Weiblicher Unterleib, Vagina? Jedenfalls kam es in allen Szenen vor, wurde auch als Fahne von den Männern heftig geschwenkt, die Lulu glauben benutzen zu können und an ihr zugrunde gehen.

 

Heftiger Beifall am Schluss für Sänger und Dirigent, einige Buhrufe für das Regieteam. Bergs „Lulu“ wird in Wuppertal nur viermal aufgeführt. Wer ein wichtiges, aber anstrengendes Werk des 20. Jahrhunderts hören und sehen will, muss sich beeilen.

 

 

Fritz Gerwinn, 17.5.2016

 

Weitere Aufführungen am 16., 26. und 29. Mai