Foto: Wil van Iersel
Foto: Wil van Iersel

„My Fair Lady“ von Frederick Loewe und Alan J. Lerner in Wuppertal
Premiere am 22. Oktober

 

Das Orchester nimmt Platz auf dem Podium vor dem Vorhang. Wie soll das gehen? Wird auf einer erhöhten Bühne gespielt oder gar im schmalen Gang vor dem Orchester?

Der Dirigent betritt die Bühne auch wie bei einem Konzert. Das Rätsel löst sich erst am Ende der Ouvertüre. Der Vorhang öffnet sich, vor einer Konstruktion aus Stahl und Glas agieren jede Menge Menschen. Und wo ist plötzlich das Orchester geblieben? Es ist weg, eine Etage tiefer, jetzt im Orchestergraben. Ein echter Knalleffekt zum Anfang!

 

Dass nach der anspruchsvollen ersten Premiere der Saison mit der Gegenüberstellung non Wagner und Heiner Goebbels an diesem Abend ein Publikumsrenner gespielt wurde, war sofort zu bemerken. Schon lange vor Beginn war kein Parkplatz mehr zu bekommen, und das Foyer war mehr als voll. Gespielt wurde die „My fair Lady“ in der Inszenierung von Cusch Jung, die schon im Pfalztheater Kaiserslautern mit großem Erfolg gezeigt worden war, in Wuppertal natürlich mit neuer Besetzung. So eine Übernahme ist angesichts knapper Kassen für die Kultur eine zu lobende Maßnahme, verringert Kosten und minimiert das Risiko einer nicht ganz gelungenen Inszenierung. Dafür lässt sich dann bei anderen Produktionen mehr wagen.

 

Die Aufführung kam beim Wuppertaler Publikum sehr gut an. Der Regisseur hatte seine Arbeit im klassischen Sinne verstanden, hatte Massenszenen und Rollenprofile aber bis in alle Einzelheiten konsequent und publikumswirksam durchgearbeitet. Auch die Kostüme (Sven Bindseil) waren in der Zeit angesiedelt, in der das Stück spielt Die Massenszenen waren sehr lebendig, viele Chormitglieder hatten hier kleinere Rollen übernommen und mussten manchmal sogar tanzen. Dass Cusch Jung aber auch auf Feinheiten der Musik geachtet hatte, zeigte sich z.B. gegen Schluss der Szene, in der Vater Doolittle „Bringt mich pünktlich zum Altar“ singt. Einerseits wird die Szene revueartig ausgeweitet, dann aber wird die Stelle, in der die schmissige Musik plötzlich leise und choralartig erklingt, deutlich herausgestellt. Längere Sprechszenen werden breit, aber pointiert ausgespielt, so dass Entwicklungen der Charaktere durchaus deutlich werden. Am deutlichsten zeigt sich das bei Professor Higgins, dessen rücksichtslose Arroganz nach und nach größerer Menschlichkeit weicht. Gegen Schluss kommen dann aber doch wieder etliche männliche Macken zum Vorschein, so dass man das versöhnliche Ende kaum glauben kann. Die ursprüngliche Fassung war in sprachlicher Hinsicht offenbar leicht modernisiert und erweitert (beim Pferderennen zeigte das Publikum beim Loriot-Zitat „Ja, wo laufen sie denn?“ hörbare Freude) und durch kleine Gags angereichert. So nimmt der arme, nicht erhörte Liebhaber Freddy zum Entsetzen einen Polizisten die Laterne aus der Straße, die er so liebt, gleich mit.

 

Den Unterschied bei einer wieder aufgenommenen Inszenierung machen natürlich die Darsteller. Und die waren in der Wuppertaler Premiere alle von allerhöchster Qualität. Das lag nicht nur an den hervorragenden schauspielerischen Leistungen, sondern vor allem daran, dass jedes Wort, egal ob gesungen oder gesprochen, bis in die letzte Reihe deutlich zu verstehen war. Nur wenige Darsteller waren noch nie in Wuppertal aufgetreten: Dagmar Hessenland als Professor Higgins´ Mutter, Tom Zahner als Oberst Pickering und Angela H. Fischer als Mrs. Pearce waren exzellent. Das gilt auch für Nadine Stöneberg, die die Hauptrolle der Eliza Doolittle verkörperte und alle Facetten ihres Charakters brillant ausspielte. Besonders bemerkenswert fand ich aber, dass viele wichtige Rollen aus dem Wuppertaler Ensemble besetzt werden konnten. Professor Higgins war der Schauspielintendant Thomas Braus, der wieder einmal zeigen konnte, dass er nicht nur ein hervorragender Schauspieler ist, sondern auch professionell singen kann. Der Tenor Sangmin Jeon ließ als Freddy Eynsford-Hill seinen Tenor strahlen, und Sebastian Campione hat als Alfred Doolittle offensichtlich eine seiner Paraderollen gefunden. Besonders die bewusst ungelenken Tanzszenen mit seinen Saufkumpanen Harry und Jamie (Oliver Picker und Marco Agostini aus dem Chor) waren ein Genuss. Ebenso brillant der Chor, aus dem heraus auch viele kleinere Rollen besetzt wurden. In den Tanzszenen brillierte das Extra-Ballett der Wuppertaler Bühnen, fast zwanzig junge Tänzerinnen und Tänzer, die vom Gesellschaftstanz bis zum Cancan alles konnten.

 

Studienleiter Michael Cook dirigierte (wird sich in den weiteren Aufführungen mit Chordirektor Markus Baisch abwechseln) und kitzelte aus seine gut aufgelegten Musikern etliches heraus. So hörte man ein wunderbar bluesiges Klarinettensolo und ein Tubasolo mit kaum glaubhafter Virtuosität, die Blechbläser verbreiteten gekonnt Bigband-Atmosphäre, und die Streicher erzeugten, wenn von der Handlung gefordert, satte Klangteppiche. Viel Beifall am Schluss für Orchester und Dirigent, der dafür sorgte, dass Bühnenhandlung und Musik sekundengenau ineinandergriffen.

 

Auch das Bühnenbild (Christoph Weyers) war intelligent ausgedacht. Es bestand aus gerüstartigen Stahlkonstruktionen in unterschiedlichen Größen und Formen, die die unterschiedlichen Schauplätze so weit wie möglich andeuteten. Diese konnten per Drehbühne schnell gewechselt und durch wenige weitere Requisiten ergänzt werden, so dass die temporeiche Inszenierung in keinem Augenblick gebremst wurde. Die Bühnentechnik hatte dabei viel zu tun, deshalb war es eine sinnvolle Maßnahme, dass auch die Bühnenarbeiter den Schlussapplaus mit entgegennehmen durften. Eine Kamera mit Knalleffekt macht immer wieder Fotos, fror damit bestimmte Augenblicke ein. Die Bilder wurden dann am Schluss auf einem Zwischenvorhang eingeblendet. Schade, dass sich das Regieteam beim minutenlangen begeisterten Schlussbeifall nicht zeigte. Aber immerhin wird der Regisseur Cusch Jung in Wuppertal noch öfter zu sehen sein: er wechselt sich mit Thomas Braus in der Hauptrolle des Professor Higgins ab.

 

Fazit: ein großer Musical-Abend. Man sollte sich schnell Karten für die weiteren Aufführungen besorgen.

 

Fritz Gerwinn, 24.10.2017

 

Weitere Aufführungen: 27., 28., 29. Oktober, 25. November, 30., 31. Dezember