Norma (Hrachuhi Bassenz) und ihr Vater Oroveso (Dong-Won Seo),  Karl und Monika Forster.
Norma (Hrachuhi Bassenz) und ihr Vater Oroveso (Dong-Won Seo), Karl und Monika Forster.

NORMA

Die Macht der Liebe

 

TRAGEDIA LIRICA IN ZWEI AKTEN VON VINCENZO BELLINI

LIBRETTO VON FELICE ROMANI

Kritische Neuausgabe von Maurizio Biondi und Riccardo Minasi

Uraufführung: Mailänder Scala 1831

Premiere: 05. März 2016

Musiktheater-im-Revier

 

Musikalische Leitung: Valtteri Rauhalammi

Inszenierung: Elisabeth Stöppler

Chor: Christian Jeub

Gesehen: 26.05.2016

 
Norma gilt als die Belcanto Oper Par exzellent. Mit der Komposition schuf Vincenzo Bellini ein einzigartiges Meisterwerk, das seinen Zauber bis heute bewahrt hat. Berühmte Primadonnen interpretierten die enorm anspruchsvolle Titelpartie, darunter Maria Callas. Durch sie erfuhr die Oper eine große Wertschätzung und das Stimmfach (dramatischer Sopran mit Koloraturen) eine Renaissance.

Das Musiktheater in Gelsenkirchen zeigt als Deutsche Erstaufführung die kritische Neuausgabe des Belcanto-Werkes von Maurizio Biondi und Riccardo Minasi. Sie greift auf handschriftliche Quellen Bellinis zurück. Das Besondere daran: Wie in der Uraufführung von 1831 ist die Rolle der gallischen Novizin Adalgisa mit einem »Sopran« statt mit einem »Mezzo« besetzt. Normas dunkles Timbre kontrastiert dadurch deutlicher zu Adalgisas jugendlich heller Stimme.

Für die Titelpartie der Norma konnten die Gelsenkirchener die international gefragte Sängerin Hrachuhi Bassenz gewinnen. Die Armenierin gehörte von 2006 bis 2008 dem Ensemble des MiR an. Die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Valtteri Rauhalammi begeistert an diesem Abend. Klangschön spielt sie die Neufassung der Bellini Partitur. Souverän in den dramatische Szenen und pointiert mit viel Gefühl für Belcanto.

 

Die Handlung

Schauplatz der Oper ist Gallien. Die römischen Besatzer unter Führung des Prokonsuls Pollione sind extrem verhasst. Die Gallier rufen zum Kampf auf. Die Druidenpriesterin Norma soll die Göttin um ein Zeichen des Einverständnisses bitten. Doch Norma zögert. Ihr Seelenleben ist empfindlich gestört, denn sie hat mit Pollione ein heimliches Verhältnis. Der Verbindung entstammen zwei illegitime Kinder. Norma fürchtet um das Leben ihres Geliebten, sollte es zum Kampf kommen. Als sie von der Verführung der Novizin Adalgisa durch Pollione erfährt, schwört sie Rache und ruft augenblicklich zum Angriff auf. Um Pollione zu treffen, richtet sie den Dolch auf ihre Kinder, verschont sie aber. Da Pollione nicht von Adalgisa lassen will, droht sie ihrer Rivalin mit Verurteilung. Norma besinnt sich und begräbt ihre Rachepläne. Sie schließt Freundschaft mit Adalgisa und opfert sich, nachdem sie ihrem Vater die Kinder anvertraut an.

Regisseurin Elisabeth Stöppler legt die Inszenierung zeitlos an. Im Mittelpunkt stehen zwei Konflikte: eine Dreiecksbeziehung, die Liebe zweier Frauen zu einem Mann mit all ihren komplexen Spannungsfeldern: Eifersucht, Verzweiflung, abgrundtiefer Hass und Rache und das aufeinander prallen unterschiedlicher Kulturen und Religionen mit speziellen Riten und Bräuchen.

Hermann Feuchter konstruiert das Bühnenbild mit kargem hellem Mauerwerk, oberhalb ist ein kleiner Vorbau aus Glas installiert. Zu Beginn der Inszenierung sitzt Norma im kleinen Glashaus und blickt vom erhöhten Standort aus auf das Treiben ihrer Landsleute. Einfache Holzstühle stehen auf der Bühne. Die Gallier bestürmen die Priesterin, endlich das Zeichen zum Angriff auf die Römer zu geben. Im Laufe der Inszenierung werden Stühle zerschlagen, das Glashaus gerät ins Wanken, die Bühne wird mehr und mehr zu einem Trümmerfeld.

Leiden ist angesagt

Die Dornenkrone zu Beginn der Handlung zeigt es symbolisch an. Auf Norma wartet eine Leidensgeschichte. Die innere Zerrissenheit hat ihre Ursachen in ihrem Doppelleben. Als offizielle Führerin und Priesterin ihres Volkes ist sie hoch geachtet. Eingebunden in Rituale und Sitten sind ihr grausame Menschenopfer nicht fremd. Da sie das Keuschheitsgelübte gebrochen hat, muss sie den Tod fürchten, sollte die Freveltat bekannt werden.
Die "private" Norma sehnt sich nach Glück. Die Untreue Polliones stürzt sie in tiefe Verzweiflung. Inbrünstig hofft sie auf seine Rückkehr. Die innige Verbundenheit zwischen Norma und ihren Kindern zeigt sich in der ständigen Präsenz der Beiden auf der Bühne. Wenn sie auch zu Beginn vergeblich versuchen, die steile Mauer zu ihr zu erklimmen. Die Szene soll deutlich machen: Die Mutterschaft Normas muss geheim bleiben.


Die Rolle der Titelfigur ist mit Hrachuhi Bassenz hervorragend besetzt. Authentisch gibt sie die Seelennöte der Protagonistin wieder. Mit der Arie „Casta Diva“ (keusche Göttin) gelingt ihr ein fulminanter Einstieg. Die enorm schwere Sopranpartie meistert die Sängerin mit beeindruckender Legato Kultur, ist koloratursicher und perfekt in den Mittel- und Spitzentönen. Nicht weniger begeistert zeigte sich das Publikum von Alfia Kamalova, die in der Rolle der Adalgisa glanzvoll brillierte. Pollione mit langen roten Haaren (Hongjae LIM) mutiert als Karikatur eines erfolgreichen Feldherrn, dem es mehr um die Auslebung wilder Leidenschaften, als um seine Pflichten geht. Dong-Wong Seo (Oroveso) intoniert mit kräftigem Bass, die Distanz zu Norma lässt er deutlich spüren.

Polliones Freund »Flavio« (Lars-Oliver Rühl) rezitiert Texte von Pier Paolo Pasolini. Ein geschickter Schachzug der Dramaturgie. Der Handlungsablauf wird nicht gestört, jedoch die politische Aussage des Werkes verstärkt. In der Kriegshymne »Guerra, Guerra«, im 2. Akt setzt sich Bellini mit dem Thema "Fremdherrschaft" auseinander. In der Zeit des Risorgimento (ital. Einigungsbewegung) erzielte "Norma" politische Bedeutung.


Die Oper endet mit der »Himmelfahrt Normas«. Die alles überwindende Liebe hat letztendlich den Sieg über den Hass davon getragen. Norma ist über sich hinausgewachsen und lässt all das zurück, was ihr auf Erden lieb war. In ein weißes Gewand gehüllt, mit gekreuzigten Armen steigt sie gegen Himmel auf.

Die Inszenierung Stöpplers fokussiert sich auf Norma und Adalgisa als starke, aber widerssprüchliche Frauen. Die Regisseurin zeichnet ein vielschichtiges Psychogramm der beiden ganz unterschiedlichen Protagonistinnen.

 

Über die »Madonnen-Himmelfahrt« Normas darf man geteilter Meinung sein. Wie auch über die nackte Statistin, die am Bühnenrand längere Zeit ausharren musste.

Doch was die Sänger, das Orchester, der Chor, der Extrachor, kurz das ganze Ensemble an diesem Abend leisten, ist fantastisch.

Großer Jubel für einen wunderschönen Abend
(U-HK)
 
Eine Koproduktion mit der Oper Mainz, die dort am 24. September Premiere hat.