OTELLO
Dramma lirico in 4 Akten
von Guiseppe Verdi
Text von Arrigo Boito nach Shakespeares Othello (1604)
Uraufführung 5. Februar 1887 in Mailand, Teatro alla Scala
Premiere 2. Februar 2019
Aalto Theater Essen
Inszenierung:  Roland Schwab

Musikalische Leitung: Matteo Beltrami

Dramaturgie Christian Schröder
gesehen: 9. März 2019


Desdemona, Jago und Otello gelten als berühmte Theaterfiguren, die in die Literaturgeschichte eingegangen sind. Für das Essener Aalto Theater inszenierte Regisseur Roland Schwab die Verdi Oper »Otello« und erfüllt sich damit einen Herzenswunsch. Ein großer Erfolg für ihn und eine Glanzleistung des Ensembles.

Nebel auf der schwarz glänzenden Bühne des Aalto Theaters. Jago tritt an den Bühnenrand und setzt eigenhändig die Nebelmaschine in Gang. Ein gewaltiger Sturm zieht auf. Posaunen, Trompete und Orgel realisieren ihn musikalisch.
Für Schwab ist Jago die Hauptfigur des Dramas. Denn er spinnt die tödlich endende Intrige. Sein grenzenloser Hass richtet sich gegen Otello, der nicht ihn, sondern Cassio zum Hauptmann beförderte. Mehr und mehr steigert er sich in einen Machtrausch hinein, will vernichten. Das lässt ihn zum Schöpfer der Apokalypse werden. 

Otello kehrt aus der Schlacht gegen Zypern zurück. Blutbesudelt wankt er schwankend auf die Bühne. Für Schwab ist er kein Held, sondern ein Gezeichneter, ein Psychopath, extrem traumatisiert.

Faszinierende Bilder liefert die Inszenierung gleich zu Beginn. Ein brennender Dschungel illustriert das grauenhafte Inferno eines Krieges. Die Aalto Bühnentechnik leistet mit Nebel, Rauch und Lichtillusionen spektakuläres.
Soldaten in Tarnanzügen (Kostüme Gabriele Rupprecht) verteilen sich auf der Bühne, auch Frauen stellen sich auf, greifen zu den Waffen. Cassio irrt orientierungslos im Flammenmeer umher. Ob Vietnam, Syrien oder Afghanistan, genau verortet ist der Kriegsschauplatz nicht, er kann überall sein.

Otello, Sieger vieler Schlachten, zahlt einen hohen Preis. Ein strahlender Held ist er nicht. Wenn auch äußerlich vor Kraft strotzend und ein Muskelpaket, so deutet doch sein blutverschmierter Oberkörper auf Traumata hin. Die Kriegserlebnisse zeigen verhängnisvolle Folgen. Wahnideen und Halluzinationen quälen ihn.

Piero Venciguerra, mehrfach ausgezeichneter Bühnenbildner, gibt den Dämonen Otellos eine Gestalt. Sie werden zu Doppelgängern, die sich hinter metallfarbenen Jalousien verstecken, an Lamellen krampfhaft versuchen festklammern oder sich in wilden Zuckungen winden. Flackerndes Licht von Manfred Kirst verstärkt die Wirkung noch. Eine geniale Idee.
»Nur die Liebe hält mich am Leben«, sagt Otello zu Desdemona.
Was passiert, wenn diese Liebe erschüttert wird, wenn auch der letzte Halt verloren geht. Dann verliert ein Mensch rasch den Boden unter den Füßen. Im Fall Otellos ist es das verlorene Taschentuch Desdemonas. Als vermeintlicher Beweis für die Untreue der Gattin setzt es einen Mechanismus in Gang, der nicht mehr zu stoppen ist. Jago weiß sich die Eifersucht Otellos zu Nutze zu machen. Leichtes Spiel für einen Bösewicht, dessen Credo in einer beispiellosen Selbstüberschätzung besteht.

Für Otello ist der Tod Desdemonas beschlossene Sache. Die Inszenierung zeigt ihre düsteren Vorahnungen. Jaoulsien werden zu Todesfallen, jede einzelne verschließt den Raum, versperrt ihr den Weg nach außen. Es gibt kein Entrinnen vor dem Mörder. Wahrhaftig gruselig.
Die holländische Sopranistin Gabrielle Mouhlen beeindruckt als unschuldiges Opfer der bösartigen Intrige Jagos. Für Schwab ist sie keine reale Gestalt. Vielmehr  kommt sie, wie auch die Doppelgänger, aus der Parallelwelt Otellos und ist Projektionsfläche seiner Fantasie. Ist wehrlose Puppe für den Macho, die er, so zeigt, es die Inszenierung, auch mal geschwind vergewaltigen kann, wenn ihm danach ist. Gegensätzlicher können zwei Menschen nicht sein. Mouhlens subtiles Spiel symbolisiert Anmut und Schönheit, Rivero verkörpert Otello als gewaltbereiten Psycho.

Mouhlens leuchtender Sopran kommt besonders gut in ihrem wunderschön gesungenen Lied  »Auf der Weide« zur Geltung.

Eher eine herzlose Aufseherin als eine liebevolle Vertraute ist Emilia (Bettina Ranch). Im klassischem Kostüm schreitet sie die Bühne ab, wirkt unnahbar und distanziert. Die Inszenierung lässt offen, worauf ihre geradezu autoritäre Haltung basiert.
Gaston Rivero brilliert in der Titelrolle Otellos. Stimmlich stark, vermag er auch mit innigen Tönen zu überzeugen, darstellerisch profiliert er sich als Heerführer, der seinen Wahnideen ausgeliefert ist und selbst vor Mord nicht zurückschreckt.

Ihm steht Nikoloz Lagvilava als fieser Bösewicht und Intrigant in Nichts nach. Fulminant, wie der ukrainische Bariton mit kämpferischer Pose und stimmlicher Durchschlagskraft von Beginn an die Szenerie beherrscht.
Hervorragend besetzt: Cassio (Carlos Cardosa), Rodrigo (Dimitry Ivanchey,) Lodovico (Tijl Faveyts) und Montano (Baurzhan Anderzhanow )

Die Essener Philharmoniker unter der Leitung von Matteo Beltrami beeindrucken sowohl in den lyrischen Klängen - als auch in den fortissimo ausgespielten  scharfen Attacken.
Chor und Extrachor des Aalto-Theaters unter der Leitung von Jens Bingert bieten die gewohnt starke Qualität.

 

Fazit

Eine gelungene Produktion, unbedingt hingehen.

(U. Harms-Krupp)