Foto Jens Grossmann
Foto Jens Grossmann

Chaosmos

Experimentelles Musiktheater on stage im Wuppertaler Opernhaus

 

Premiere: 11. Januar 2020


Musikalische Leitung

Johannes Pell
Komposition und Musikalische Leitung

Marc Sinan
Künstlerische Leitung und Text

Tobias Rausch

Ein Gespräch mit einem der beteiligten Musiker nach der Aufführung wurde freundlich, aber bestimmt unterbrochen. „Können Sie bitte die Bühne verlassen? Wir müssen aufräumen.“ In der Tat: die Bühne lag voller Pakete, ungeordnet oder, noch schlimmer, falsch sortiert. Es war also jede Menge zu tun. Dabei hatte es vergleichsweise geordnet angefangen.

 

„Chaosmos“ hat eine längere Vorgeschichte. Der „Fonds Experimentelles Musiktheater (feXm)“, eine seit 2006 arbeitende gemeinsame Initiative des NRW Kultursekretariats und der Kunststiftung NRW, hatte die Förderinitiative „NOperas“ ausgeschrieben, für die sich Teams von Theatermachern bewerben konnte. Die Stücke der Gewinner werden an drei Opernhäusern, Bremen, Halle und Wuppertal, aufgeführt. In der ersten von geplant drei Spielzeiten machte Wuppertal den Anfang. Dass sich die Macher von „Chaosmos“ unter 72 Teams durchsetzen konnte, zeigt schon, dass Tiefgang und Qualität vorhanden sein müssen. Drei Personen zeichnen dafür verantwortlich: Tobias Rausch (Idee und Texte), Konrad Kästner (Videos und Regie) und Marc Sinan (Musik). Ihr Stück bezeichneten sie als „Logistik-Oper“, weil der Ort der Handlung ein Logistikzentrum ist, angekündigt wurde es auch als „Gabelstapler-Oper“, weil dieses Fahrzeug eine wichtige Rolle spielt. Und: die Zuschauer saßen nicht im Parkett, sondern auf der Bühne, an drei Seiten der rechteckigen Spielfläche. Die vierte Seite bevölkerten die Musiker auf zwei Etagen, untern saßen E-Gitarrist, Streicher und Percussion (Große Trommel, Xylophon, Flügel), oben Blech- und Holzbläser). Die wussten zu Beginn des Stückes noch nicht, was sie genau zu spielen hatten. Das wählten die auf die Bühne kommenden Zuschauer aus, indem sie einen am Eingang empfangenden Folder mit Noten an bestimmten Stellen in ein Regal stellten, die dann für die Musiker ausgepackt, zusammengestellt und ihnen übergeben wurden.

 

„Chaosmos“ ist natürlich experimentelles Theater, deshalb beschränkt sich Wuppertal auf drei Aufführungen, nur knapp 500 interessierte Menschen werden das 90minütige Stück hier erleben können, etwa die gleiche Anzahl später jeweils in Halle und Bremen. Und für diese lohnte es sich in jeder Hinsicht, die Oper bietet eine interessante Handlung, viel Aktion, künstlerisch hochstehende und gedankenanstoßende Videos und ungewöhnliche Musik. Undvielschichtig und komplex war es allemal, unmöglich, alle Aktionen, Bilder, Texte in ihrer Gesamtheit mitzubekommen. Die Handlungs- und Themenstränge wechseln sich teil ab, teils überlagern sie sich, laufen parallel oder zeigen Gegensätze auf. So wird jeder Zuschauer sich sein eigenes Bild von der Aufführung gemacht, es unterschiedlich bewertet und interpretiert haben. Einige wird die Fülle der vielen Eindrücke aber auch überfordert haben.

Einige Grundzüge der Handlung lassen sich beschreiben: Bevor es losgeht, bekommt jeder Zuschauer einen Folder, ordnet ihn in einem großen Regal in der Mitte der Bühne ein, wobei vier sich robotermäßig bewegende Androiden ihm helfen, und sucht sich dann einen Platz. Man befindet sich in einem Logistikzentrum, das im Laufe des Stückes durch drei Rutschen mit Mengen von Paketen befüllt wird. Die Zwillinge Joe und Jay (Rike Schuberty und Annemie Twardawa) arbeiten hier, checken zuerst, ob alle Folder da sind, öffnen und ordnen sie mit Hilfe der Androiden, die nach jeder Übergabe ein „Pep“ absondern, und übergeben sie dann den inzwischen erschienenen Musikern. Die vier Androiden entpuppen sich dann als vier Sänger (Wendy Krikken, Iris Marie Sojer, Adam Temple-Smith, Imothy Edlin), die das unfehlbare System des Logistikzentrums bilden. Hier hat scheinbar alles seinen Platz (entspricht also dem „Kosmos“), während draußen das „Chaos“ herrscht. Das Zentrum ist aber seltsam abgeschlossen, gekochten Kaffee gibt es nur virtuell. Die beiden diskutieren, was sie tun, fragen, was erlaubt ist und was nicht, suchen immer wieder nach einem Zentralplan. Das System ist aber nicht fehlerfrei, und verbotenerweise öffnen die beiden sogar Pakete, eines mit interessant klingenden „Köckenmöddingern“ (das sind prähistorische Abfallhaufen aus Dänemark, das es nach Meinung der beiden real gar nicht gibt). Sie zweifeln immer mehr, rebellieren gegen das System, erschlagen einen der Androiden, der aber sich mit einem Faustschlag von unten durch ein Paket zurückmeldet (einer der humoristischen Effekte des Stücks), richteten mit dem Gabelstapler ein riesiges Chaos an, verschwinden schließlich zusammen mit dem endlich gefundenen Zentralplan plötzlich per Aufzug im Bühnenuntergrund. Am Ende erscheinen wieder die Androiden, wollen das Chaos wieder ordnen, tun dies aber in völlig sinnloser Weise und machen es nur noch schlimmer.

 

Im Verlauf dieser Handlung werden durch Videos und Texte drei Komplexe thematisiert, die mit dem Mit- und Gegeneinander von Chaos und Ordnung zu tun haben, teilweise von der Handlung abgesetzt, aber auch gleichzeitig oder sogar dagegen laufend.

 

Im ersten Komplex ging es um Carl von Linné, der Erfinder der binären Systematik der Natur, dessen System auch heute noch gebraucht wird. Auf der einen Seite erfährt man, dass Linné vom hohen moralischen Ross die Welt als binären Saustall betrachtete („...selbst in der Unzucht des Geschlechtlichen verbirgt sich eine höhere Ordnung.“). Dass es bei ihm offenbar auch eine ganz andere Seite gab, wird gezeigt, indem sehr derbe und obszöne Texte (von und über Linné?), gekoppelt mit ins Pornographische reichenden Videos, gesprochen und gezeigt werden. Eine interessante Erkenntnis, wenn die verwendeten Texte tatsächlich biographisch sind und nicht nur fiktiv.

 

Der zweite Komplex behandelte die Schwierigkeiten der Kartierung Afrikas durch die europäischen Kolonisatoren am Beispiel Deutschlands, die oft mit dem Lineal am Schreibtisch schnurgerade Grenzen zogen und dabei auf die Gegebenheiten der Landschaft und die Lebensbedingungen der Bevölkerung keinen Pfifferling gaben. Das führte schon damals zu ab-surden Situationen bei der versuchten Kartierung und schürt bis heute Konflikte. Fast entsteht der Eindruck, dass die Macher von „Chaosmos“ hier das Kapitel über die bis heute andauernden schädlichen Folgen der Kolonisation aus dem Buch „Realitätsschock“ von Sascha Lobo theatralisiert hätten.

 

Drittens wurde die Benutzung der Seecontainer in Sprache, Bild und Musik gesetzt. Dadurch wurde 1967 der Nachschub der amerikanischen Truppen im schließlich doch verlorenen Vietnamkrieg sichergestellt. Vorher war der Nachschub, konventionell geliefert, verloren gegangen oder verrottet. Diese Wendung, der man prinzipiell ja durchaus etwas Positives abgewinnen kann, wird im Programmheft als „Sündenfall der Logistik“ bezeichnet. Und wenn die Videos dazu zu sehen und zu hören sind, findet auf der Bühne die große Rebellion der beiden Arbeiter statt.

 

Da die Zuschauer die endgültige Zusammensetzung der Noten für Sänger und Instrumentalisten bestimmt hatte, war es für diese sicher nicht einfach, damit zurecht zu kommen. Alle trugen Kopfhörer und bekamen ihre Einsätze zugespielt. Die vier Sängerinnen und Sänger, die als Androiden das System darstellten, hatten oft gemeinsam zu singen. Manchmal sang auch eine/r der vier allein, was entfernt an eine Art von Arie erinnerte, wobei offensichtlich bewusst der Ort der Einzelstimme nicht lokalisiert werden sollte. Leider waren ihre Texte nur bruchstückhaft zu verstehen, was nicht unbedingt an ihnen lag, sondern an der Vielschichtigkeit von Musik, Sprache und Handlung.

 

Was die Instrumente angeht, konnte man doch trotz der per Zufall zusammengestellten Noten feststellen, dass unterschiedliche Teile bestimmte Instrumentengruppen oder Charakteristiken in den Vordergrund stellten. War am Anfang nur Chaos feststellbar, gab es später an Minimal-Musik erinnernde rhythmisch bestimmte Phasen von Xylophon und Klavier, immer wieder Motive, die einem irgendwie bekannt vorkamen, im Kolonisationsteil so etwas wie Militärsignale, dann ein Teil, in dem Einzeltöne, oft dieselben, durchs gesamte Orchester schwirrten. Insgesamt hielt sich die für Opern typische Steuerungsfunktion der Musik aber in Grenzen, sie wirkte in diesem Stück oft wie eine zusätzliche Tonspur, hinzugefügt zu den übrigen Elementen. Zum Nachdenken angeregt wurde man in der Schlussszene, die ein von J.S. Bach kompositorisch angeregtes Arrangement mit dem sinnlosen Aufräumen der Androiden koppelte.

 

Ob alles geklappt hat, ob es Aussetzer gab, ob kleinere Teile vollkommen daneben gingen, kann man als Zuschauer kaum beurteilen. Vielleicht werden die drei Autoren nach der Uraufführung auch noch ein paar Details ändern, zumal das Stück ja ohnehin als work in progress angelegt ist. Deutlich wurde aber, dass alle Beteiligten mit großem Engagement dabei waren und so eine sehr gute Aufführung zustande kam, die auch langen Beifall erhielt. Es gab viel zu hören, zu sehen, zu erleben. Viele aktuelle Themen wurden angesprochen, in künstlerischer Weise dargestellt. Das sollte auch weitere Überlegungen im Nachhinein freisetzen.

 

Fritz Gerwinn, 13.1.2020

Weitere Aufführungen: 19. Januar und 8. Februar 2020

 

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