Jeon__c_Foto: Bettina Stoess
Jeon__c_Foto: Bettina Stoess

Überzeugende Aufführung von Léhars „Land des Lächelns“ im Wuppertaler Opernhaus
Premiere 14. Oktober 2018

 

Großer Beifall am Schluss für Solisten, Orchester und Regieteam für die Inszenierung des „Land des Lächelns“ von Franz Léhar. Dabei kam das Regie-Bühnenbild-Konzept in Wuppertal schon zum dritten Mal zum Tragen. Zusammenarbeit mehrerer Opernhäuser in dieser Hinsicht ist nicht nur keine schlechte Idee, sondern das Gebot der Stunden, denn warum sollte eine gelungene Inszenierung nur an einem Ort gezeigt werden, zumal die Mittel für Kultur immer knapper werden.

 

 

Immerhin kam die Inszenierung nicht nur in Erfurt heraus, sondern wurde auch erfolgreich in Hongkong gezeigt. Geprobt und ausgeführt wurde die Inszenierung natürlich jeweils vom Team des jeweiligen Hauses, was in Wuppertal glänzend gelöst wurde. Solisten, Orchester, Technik agierten auf hohem Niveau. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang war aber auch die Qualität des Matinées eine Woche vor der Premiere, in dem Dramaturg David Greiner und Dirigent Johannes Pell locker aber tiefgehend über das Stück, die Musik und die gesellschaftlichen und sozialen Hintergründe informierten. Auch ließ Guy Montavon, Intendant in Erfurt und Regisseur der gesamten Produktion, es sich nicht nehmen, die Schlussproben zu betreuen, nachdem Viktoria Knuth vorher für die angemessene szenische Einstudierung der Inszenierung gesorgt hatte. Die Verantwortliche für Bühne und Kostüme, Hsiu-Chin Tsai, war bei der Premiere in Wuppertal ebenfalls anwesend. Ihr opulentes Bühnenbild, in China hergestellt, bekam beim Öffnen des Vorhanges nach der Pause spontanen Beifall auf offener Szene.

 

Die Regie ließ das Stück im Wesentlichen als intimes Kammerspiel ablaufen, die Gespräche und Gefühle der Protagonisten standen im Mittelpunkt, gesteuert durch die Musik, die mit dem Geschehen auf der Bühne genau verzahnt wurde. Die zeremoniellen Szenen im zweiten (China)-Teile wurden dem sehr deutlich gegenübergestellt, zur Beibehaltung überlebter Traditionen gehören laute Musik und steifes Gehabe. Durch kleine Gags und Übertreibungen wurde dies aber immer wieder dezent konterkariert, so durch eine angeschwipste Adlige in der Wiener Hofgesellschaft oder einen chinesischen Diener, der immer nur im rechten Winkel ging und sich rasant auf den Boden warf. Betont wurde, dass es kein Happyend gibt, auch wurde sehr offengelassen, ob Lisa, die ihren Prinzen Sou-Chong verlässt und nach Wien zurückgeht, dort tatsächlich bessere Verhältnisse vorfindet. Denn es wird deutlich gemacht, dass die ehernen Gesetze der chinesischen Gesellschaft sich vom spanischen Hofzeremoniell der k.u.k.-Oberklasse (zur Zeit der Entstehung, 1929, noch durchaus in Erinnerung) gar nicht so sehr unterscheiden. Klar wird auch, dass das Frauenbild („Stricken, sticken, waschen, kochen, und dann wieder in die Wochen“) in beiden Ländern gleich ist, und man kann sich schon fragen, was sich bis heute geändert hat.
Schon in der Matinée wurde auf die Nähe von Léhar und Puccini hingewiesen. Insofern war es der Regie auch wichtig, einerseits die Puccini-Nähe zu zeigen, andererseits die Unterschiede zu ihm und damit die spezifische Kompositionsweise Léhars herauszuarbeiten. Klar wird schon, dass Léhar in seiner Charakterisierungskunst oft an die Puccinis heranreicht und sehr differenzierte Musik schreibt, sich aber für deutlich kürzere und ganz schnell im Ohr bleibende Abschnitte entscheidet, während Puccini „durchkomponiert“. Sehr schön deutlich gemacht wird aber auch, dass Léhar die vor allem die Pentatonik der chinesischen Musik nicht nur als exotische Zutat gelegentlich benutzt, sondern diese eine entscheidende Rolle in der gesamten Komposition spielt. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass Lisa sich im ersten Akt ihrem geliebten Prinzen nicht nur emotional, sondern auch musikalisch entgegenkommt, weil sie schon „chinesisch“ singt.

 

Das alles würde aber kaum beim Publikum ankommen, wenn die Feinheiten der Léharschen Partitur vom Orchester nicht angemessen ausgebreitet würden. Die Gratwanderung zwischen den beiden musikalischen Welten gelang dem Dirigenten Johannes Pell mit dem gut aufgelegten Wuppertaler Orchester aber exzellent. Nicht nur die Stimmung des Wiener Liedes wurde präzise getroffen, sondern auch die Atmosphäre der chinesisch beeinflussten Musik. Auch Mischungen der beiden Sphären wurden deutlich gemacht, und die Wiederkehr markanter Motive wurde immer wieder klar herausgestellt. Souverän bewältigte Pell die vielen Tempoänderungen, Rubati, Fermaten. Es fiel auf, dass er besonderen Wert gelegt hatte auf eine sehr differenzierte Lautstärkeskala im leisen bis mittellauten Bereich, da wo der Fokus auf der Darstellung der Emotionen lag. Richtig laut wurde es fast nur bei der chinesischen Fortissimo-Zeremonienmusik und zeigte deren Starrheit und Rücksichtslosigkeit. Dirigent und Orchester wurden für ihre Leistung besonders beklatscht.

 

Das Dirigat von Johannes Pell war wegen der großen Lautstärkebandbreite ausgesprochen sängerfreundlich, so dass alle Solisten sich getragen fühlten und hervorragende Leistungen boten. Gäste gab es diesmal nicht, alle Rollen konnten aus dem Wuppertaler Ensemble besetzt werden konnten, dem auch in schauspielerischer Hinsicht alles gelang. Ralitsa Ralinova stellte ihre Rolle als Lisa als energische und selbstbewusste junge Frau brillant dar und erfreute besonders bei ihren strahlenden hohen Tönen. Der lyrische Tenor Sangmin Jeon konnte als Prinz Sou-Chong die ganze Skala seines Könnens zeigen, vom zarten Piano bis zum strahlenden Forte. Sebastian Campione als Onkel Tschang betonte sein fundamentalistisches Weltbild mit markanter Stimme. Mark Bowman Hester als Gustl und Nina Koufochristou als aufmüpfige Mi überzeugten auch in schauspielerischer Hinsicht, Mi besonders bei einem angedeuteten Striptease, bei dem sich Onkel Chang die Augen zuhalten musste. Kleinere Rollen waren mit Chormitgliedern besetzt, sie boten wie der gesamte Chor die gewohnt hohe Qualität. Hervorzuheben ist bei allen Akteuren die hohe Sprachverständlichkeit beim Singen und Sprechen, Dramaturg David Greiner hatte als Sprachcoach wohl ganze Arbeit geleistet. Trotzdem war die Übertitelung sinnvoll und hilfreich, auch wenn man sie in dieser Inszenierung nicht immer brauchte.

 

Fritz Gerwinn, 16.10.2018

 

 

Weitere Aufführungen: 21.10. 13.11., 17.11., 30.11., 15.12., 28.12. 2018
                                        12.01., 08.02., 16.02., 10.03.2019