Der Barbier von Sevilla, Foto: Björn Hickmann
Der Barbier von Sevilla, Foto: Björn Hickmann

Hochklassige Premiere vor dem neuen Lockdown

 

Rossinis „Barbier von Sevilla“ konzertant und gekürzt im Wuppertaler Opernhaus
Premiere am 31.10.2020

 

 

Intendant Berthold Schneider und Dirigentin Julia Jones traten zum Schluss auf die Bühne und nahmen deutlich Stellung zur neuen Pause der Kunst durch Corona. Immerhin war es die letzte Aufführung vor dem neuen Lockdown. Sie tragen das mit, bedauern es aber sehr, hätten es gern anders, differenzierter als einen Monat Komplettpause gehabt. Schneider erhielt viel Beifall, als er von Systemrelevanz sprach und forderte, Überlegungen anzustellen, welches System man damit meine und mit welchem System man mit oder nach Corona leben wolle. Der große Applaus nach dem Statement der beiden zeigte dann auch die Solidarität der Besucher mit dem Opernpersonal und allen Mitwirkenden.

 

Die boten vorher in den 90 Minuten mit Rossinis „Barbier von Sevilla“ eine sehr gute Leistung, als wollten sie damit die einmonatige Pause der Oper überbrücken und in bester Erinnerung bleiben.

 

Beginnen wir mit dem Orchester, das coronabedingt in reduzierter Besetzung antrat: Immerhin 23 Streicher verteilten sich über die Breite der Bühne, dazu kamen acht Holz- und vier Blechbläser sowie zwei Schlagzeuger ohne Pauken, aber mit Becken und großer Trommel. Die kleine Besetzung erfordert präzises und einheitliches Spiel, lässt Soli vor allem der Bläser aber deutlich hervortreten. Diese wurden brillant bewältigt, virtuos mit differenzierten Lautstärken und charakterisierender Phrasierung. Besonders in Erinnerung sind mir die Soli von Oboe, Klarinette und Horn. Erkennbar an den Gesichtern aller Orchestermitglieder war auch die Freude, endlich wieder im Orchester vor Publikum spielen zu dürfen. Schon in den ersten Takten der Ouvertüre war erkennbar, wie gut Julia Jones geprobt hatte. Die Streicher zeigten sich in bester Form, folgten der Dirigentin in jedem Tempo, auch in den rasantesten Passagen und vor allem bei plötzlichen Tempowechseln und den immer wieder vorkommenden Rossinischen Tempoforcierungen. Auch an der Dynamik war prächtig gearbeitet worden: die unvermittelt eintretenden Laut-Leise-Kontraste wurden bravourös bewältigt, auffallend waren Crescendi und Decrescendi sogar in kurzen Phrasen. Eine Ohrenweide!

 

Die Sänger und Sängerinnen standen dem nicht nach, trugen Fantasiekostüme, die großenteils an die italienische Commedia dell´Arte erinnerten, standen in hohen verschiedenfarbigen angedeuteten geometrischen Figuren und blieben auch Abstand haltend darin. Die dort stehenden Notenständer sollten wohl zeigen, dass die Aufführung eine konzertante war, die wurden aber kaum gebraucht, weil die SängerInnen durch Gestik und Mimik die Konzertsituation überwanden, auch nicht nur schöne Töne produzierten, sondern auch das Charakteristika der Personen auch durch die Mittel ihrer Stimme über die Rampe brachten. Simon Stricker hatte als Tausendsassa Figaro auch stimmlich alle Fäden in der Hand, mit mächtigem Bass, aber auch anderen Stimmfarben, überzeugte Sebastian Campione als Bartolo, der sein Mündel Rosina so gern heiraten will. Diese war gesungen von Iris Marie Sojer, die ihre schöne Stimme intensiv durch Mimik und Gestik unterstützte. Schließlich ist noch Anna Martha Schuitemaker zu erwähnen, die die hinzuerfundene Berta sang, mit ihrem klaren Sopran das Ensemble am Schluss nach oben vervollständigte. Neben diesen Kräften aus dem Wuppertaler Opernhaus war es gelungen, zwei Gäste zu engagieren: Nicolai Karnolsky sang den Intriganten Basilio mit markanter Stimme, und Siyabonga Maqungo erfreute Publikum und Orchester mit mühelos hervorgebrachten hohen Tönen.

 

Mit der szenischen Einrichtung von Inga Levant hatte man es aber dann doch nicht so einfach. Wer Rossinis Figaro gar nicht kannte, war komplett verloren, wer ihn kannte, war auch etwas verwirrt. Ein durchgängiger Handlungsfaden war nicht zu erkennen. Das sollte aber wohl so sein, weil die Regisseurin wohl auf Anderes Wert legte, auch weil sie innerhalb weniger Wochen das Fast-Drei-Stunden-Stück auf 90 Minuten kürzen musste. Also legte sie die Handlung beiseite, betonte stattdessen, wie sie im Programmheft verriet, die Momente der Absurdität und Dada in Rossinis Musik und stellte sie den Personen der Komödie gegenüber, die Typen darstellen und sich nicht entwickeln. Der höhere Genuss stellt sich also ein, wenn man Suche nach einem Handlungsfaden aufgibt und Gesang und die Kapriolen der Musik genießt. Dabei kristallisiert sich dann doch etwas sehr Interessantes heraus: dass Rossini, ganz anders als Geburtstagskind Beethoven etwa, seine Stücke nicht motivisch entwickelt, sondern Unterschiedliches montiert, Teile zusammenfügt, die dann blitzartig Perspektivwechsel herstellen oder eine neue Situation herbeiführen. Das schließt aber keineswegs aus, dass bestimmte Episoden mit gelockerten Zügeln auch mal frei ausschwingen dürfen und in rasantem und sich verschärfendem Tempo zum Höhepunkt führen. Immerhin hat er ja immer wieder Stücke aus alten Opern in neue intrigiert. So hat Inga Levant munter etliches aus dem 1. Akt durcheinandergewirbelt, Teile aus dem 2. Akt verwendet (Gewittermusik und das Vor-Happy-End in der Mitte(!) ihrer Bearbeitung) und das Ganze mit der Konfusion aller Beteiligten enden lassen. Insofern passte auch ein in die Handlung einmontiertes Gitarrensolo des Wuppertaler Chormitglieds Javier Zapata Vera gut in den Gesamtzusammenhang.

 

Dem Premierenpublikum gefiels, vor allem die musikalische Umsetzung. Großer Beifall. Und wenn man beim Verlassen des Zuschauerraums zurückblickte, ein wunderbares Bild: die Orchestermitglieder saßen alle noch auf ihren Plätzen, in lilafarbenes Licht getaucht. Das vergisst man nicht so schnell.

Fritz Gerwinn, 3.11.2020

 

 

Weitere Termine: 11.12.2020, 19.30 Uhr; 3.1.2021, 18 Uhr. Leider fallen die Vorstellungen im November wegen Corona aus.