Die tote Stadt, Foto: Wil van Iersel
Die tote Stadt, Foto: Wil van Iersel

Erich Wolfgang Korngold: Die tote Stadt

 

Traum und Trauma
Premiere im Wuppertaler Opernhaus am 16.6.2019

Vorletzte Premiere der Saison 18/19 im Wuppertaler Opernhaus. Wieder gab es großen Beifall, standing ovations am Schluss. Korngolds Oper, nach heutigem Wissen in Wuppertal zum ersten Mal aufgeführt, ist ein wunderbares Stück, sollte öfter gespielt werden. Fraglich ist aber, ob sie wegen der nicht ganz leichten Thematik ein Repertoirestück werden könnte.

 

Die Oper entstand 1920, zwei Jahre nach Ende des 1. Weltkriegs. Das Thema ist morbide genug. Paul trauert auch nach Jahren immer noch um seine verstorbene Frau Marie, lernt dann eher zufällig die Tänzerin Marietta kennen, die Marie äußerlich aufs Haar gleicht, aber sonst das krasse Gegenteil verkörpert. Paul verlässt sein Trauerzimmer immer nur zu einem abendlichen Spaziergang, während Marietta zu einer halbseidenen Theatertruppe gehört, die gerade in Brügge gastiert. Das verursacht eine krisenhafte Entwicklung, bis Paul schließlich versucht, seine Trauer zu überwinden und sich wieder dem Leben zuzuwenden. Das Ganze spielt bezeichnenderweise in Brügge (Libretto nach dem Roman „Das tote Brügge“ von Georg Rodenbach). Diese Stadt, zur Zeit der Entstehung von Roman und Oper düster und vor dem Verfall, wird im Text immer wieder mit Marie verbunden und verglichen. Die in dieser Zeit entstehende Psychoanalyse, vor allem die Ausführungen Sigmund Freuds über die Erscheinungen und Auswirkungen von Trauer und Melancholie haben ihren Platz, lenken das Stück, sorgen aber auch immer wieder für narrative Verwirrung. Traum(a) und Realität vermischen sich immer wieder. Keine leichte Kost für das heutige Publikum. Und auch wenn das Thema von Trauer und ihrer Überwindung immer virulent ist, wird doch gegen Schluss ein gewisser Zeitbezug deutlich. Zwei Jahre nach Ende des ersten Weltkrieges waren die Verluste noch nicht vergessen, noch nichts war in Ordnung. So wirkt Pauls Versuch, die Trauer zu überwinden, wie eine dezente Aufforderung. Ob dies gelingt, wird aber offengelassen.

 

Wie geht nun der Regisseur dieses Thema an? Immo Karaman, in Wuppertal schon mehrfach tätig, arbeitet mit starken Bildern und harten Schnitten, zeigt Ambivalenzen auf, verstärkt Gegensätze, lässt aber auch Raum für eigene Assoziationen jedes Zuschauers. Und er macht Klammern auf und zu. So steht Paul am Anfang in seinem Trauerzimmer, einer Art Pathologie wie im Tatort, und schneidet seiner toten Frau, die er auf einer Schublade aus der Wand gezogen hat, eine Haarsträhne ab. Etwas später wird diese Schublade dann von seinem Freund Franz wieder in die Wand geschoben. Auch am Ende ist wieder eine Schublade aus der Wand gezogen, in einem Raum, der Psychiatrie oder Krankenhaus sein könnte. Und wieder wird diese Schublade von Franz, diesmal als Krankenpfleger, zurückgeschoben, Signal für Paul, sich auf den Weg in ein neues Leben zu machen. Noch eine Klammer: Im ersten Teil erscheint, erst nach einiger Zeit erkennbar, ein brennendes, verunglücktes Auto, offenbar ein Hinweis darauf, wie Marie umgekommen ist. Und kurz vor Schluss fährt Marietta, nachdem sie Paul verlassen hat, mit einem Auto davon und verunglückt ebenfalls, wobei offenbleibt, ob in der Realität oder in Pauls Vorstellung. Das sind auch starke Bilder.

 

Wichtig sind in vielen Szenen sich oft sehr schnell hin und her bewegende Vorhänge, die es möglich machen, den sich ruckartig wandelnden Bewusstseinsstrom des Protagonisten darzustellen. Wenn der Vorgang wieder zur anderen Seite fährt (oft nur nach wenigen Sekunden), ist eine ganz andere Szenerie zu sehen. Dieses zu bewerkstelligen war die Arbeit von Fabian Posca, für Kostüme und Choreographie zuständig. Choreographie meint hier aber weniger Tanz als vielmehr Sorgen für blitzartigen Szenenwechsel.

 

Was die Gegensätze angeht: Größer könnte die Spanne zwischen düster-klerikaler, unsinnlicher Atmosphäre und ausufernder, sexbetonter Sinnlichkeit nicht sein. Das zeigt sich schon am Anfang in einem Detail: Schwarze Rosen verwandeln sich in flammend rote. Religiöse Chöre singen mit Masken, andererseits wird die immer wieder durchbrechende Sexbesessenheit dargestellt. Zwischen diesen Polen schwanken auch Paul und Marietta hin und her, Paul, indem er aus seiner keuschen frommen Trauer in die sexuelle Verbindung mit Marietta ausbricht, diese, indem sie sich ohne großes Zögern in kurzer Zeit mehreren Männern lustvoll hingibt, andererseits aber Paul für sich allein haben will. Das Gegen- und Ineinander von Heiliger und Hure wird hier deutlich.

 

Akzentuiert wird in dieser Inszenierung vor allem die Rolle von Pauls Freund Franz, der aber mit ihm wenig freundschaftlich umgeht, sondern ihn als eine Art Mephisto besucht, ihm später erfolgreich Marietta ausspannt, dann sich zum Pierrot wandelt und am Schluss als Krankenpfleger die Leiche in der Wand verschwinden lässt. Hier ist ein Sonderlob für Simon Stricker fällig, der alle diese Rollen nicht nur perfekt darstellt, sondern die unterschiedlichen Charaktere auch mit seiner Stimme sehr klangschön deutlich macht und außerdem genau artikuliert.

 

Gesungen – und gespielt - wird aber auch von allen anderen Sängern und Sängerinnen hervorragend. Der amerikanische Tenor Jason Wickson stemmt seine umfangreiche Partie ohne jeglichen Akzent bravourös. Das Durcheinander in Pauls Kopf macht er schon durch den Einsatz seiner Stimme klar. Susanne Serfling, neu im Wuppertaler Ensemble, als Marie und Marietta betonte mit ihrem farben- und variationsreichen Sopran den Gegensatz zwischen den Frauen, war aber auch in den anderen dramatischen Auseinandersetzungen in allen Höhenlagen perfekt. Ohne Fehl und Tadel die übrigen Solisten, Chor und Kinderchor (meist unsichtbar) und Statisterie.

 

Großen Beifall erhielt auch das Wuppertaler Orchester in großer Besetzung unter Johannes Pell, das die eminent schwierige Partitur Korngolds wunderbar bewältigte. Seine Komposition unterstützte die Aktionen auf der Bühne nachdrücklich, war gut nachvollziehbar und kulminierte in schönen Arien und Duetten. Beim Hören leuchtete ein, dass Korngold nach seiner Vertreibung durch die Nazis mit diesen Kompositionsmitteln großen Erfolg als Filmkomponist hatte und seine Art zu komponieren auch heute noch in Filmen und Serien eine Rolle spielt. Obwohl diese manchmal pastose und sämige Musik mit vielen Instrumentaleffekten nicht immer sängerfreundlich ist, gelang es Johannes Pell durchweg, die Stimmen hervortreten zu lassen und nicht zu überdecken.

 

Ein großer Abend. Leider nur noch drei Vorstellungen.

 

17.6.2019
Fritz Gerwinn

 

Weitere Vorstellungen: 22.6., 30.6., 12.7.2019