Cristina Piccardi, Angela Davis, Netta Or, Dong-Won Seo, Maria Markina, Foto: Klaus Lefebvre
Cristina Piccardi, Angela Davis, Netta Or, Dong-Won Seo, Maria Markina, Foto: Klaus Lefebvre

 

Brillante Zeitreise

Offenbachs"Hoffmanns Erzählungen“ in Hagen

Premiere am 30.11.2019

 

Wieder eine erfolgreiche Premiere in Hagen: Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“. Am Schluss gab es minutenlangen Beifall, zwischendurch auch immer wieder spontanen Szenenapplaus für die Sänger und Sängerinnen, die offenbar manchmal selbst davon überrascht wurden und sich dadurch noch mehr steigerten.

 

Die musikalische Umsetzung war aus einem Guss. Was die Sängerinnen und Sänger angeht, hatten die Hagener gut ausgesucht und präsentierten eine gelungene Mischung aus Gästen und eigenen Kräften für die vielen Rollen.Thomas Paul in der Hauptrolle gestaltete seinen Part mit großem Engagement und kraftvollen Spitzentönen, ohne Ermüdungserscheinungen in der langen und anstrengenden Partie. Die Rollen seiner drei Geliebten wurden nicht wie sonst oft von einer Sängerin gestaltet, sondern diesmal von dreien, mit unterschiedlichen, sehr charakteristischen Stimmen. Cristina Piccardi als automatische Puppe Olympia zeichnete sich aus mit glasklaren virtuosen Koloraturen in höchster Höhe. Die Sängerin Antonia, für die Singen tödlich ist, verkörperte Angela Davis, in Hagen offensichtlich besonders beliebt, mit warmem, farbenreichem Sopran. Netta Or als Hure Giuletta gestaltete ihre Rolle mit größter Eindringlichkeit, überzeugte auch sehr in schauspielerischer Hinsicht. Vierte Frau im Bunde ist Hoffmanns Muse, die in Hagen Nikola heißt, nicht wie sonst Niklausse; sie liebt Hoffmann nicht, ist nur seine Begleiterin. Eine Beziehung mit Giulietta wird aber angedeutet. Diese Rolle war in besten Händen bei Maria Markina, sie überzeugte mit größter Wortverständlichkeit und klarer Stimme. Der vierfache Bösewicht Lindorf/Coppelius/Miracle/Dapertutto, der Hoffmann alles verdirbt, war, obwohl er sich im 1. Akt als alt bezeichnet, erstaunlich jung: Dong-Won Seo mit mächtigem Bass. Das hatte auch mit der Regie zu tun. Die Dienerrollen Andrès/Cochenille/Pitichinaccio/Frantz präsentierte Richard van Gemert in sehr treffender Weise, muss man in diesen Rollen doch nicht nur schön, sondern vor allem charakteristisch singen. Interessant ist die Korrespondenz seiner „Ja/Nein“-Laute im 1. Akt mit denen Olympias im 2. Akt. In kleineren Rollen rundeten die Hagener Ensemblemitglieder Ivo Stánchev, Kenneth Mattice, Matthew Overmeyer, Boris Leisenheimer und Marilyn Bennet die hochwertige Gesangsgala ab.

 

Zur großen Form laufen Sänger nur auf, wenn sie vom Orchester getragen werden. Auch diesmal zeigte sich das Hagener Orchester unter GMD Joseph Trafton in bester Form. Auffällig die strahlenden Blechbläser bei lauten, schmissigen Stellen, wunderbar gespielt aber auch lyrische Soli von Horn, Oboe, Klarinette. Oft wurden ziemlich rasante Tempi angeschlagen, von Sängern, Chor und Extrachor aber brillant bewältigt. Die hörbare Spielfreude des gesamten Teams sprang vom ersten Takt an ins Publikum über.

 

Auch Intendant und Regisseur Francis Hüsers hat sich einiges einfallen lassen. Nicht die Perspektive Hoffmanns steht im Mittelpunkt, sondern die seiner drei Geliebten, die ihn in einem Setting von 1907 (Gründerzeit der Psychoanalyse und Erscheinungsjahr von Thomas Manns „Zauberberg“), aber als heutige Frauen, verführen sollen und dabei unterschiedliche Erfahrungen machen. Was Realität ist und was Vision, schwankt ständig.

Zu Beginn sitzen die vier Frauen und der vierfache Bösewicht im Café und besprechen, wie drei von ihnen in die Rolle von Olympia, Antonia, Giulietta schlüpfen und Hoffmann „imaginieren“ und verführen sollen, ausgehend von dessen Aussage, sich nie zu verlieben. Nikola soll diesen aber begleiten, Lindorf & Co als jugendlicher Freund (deshalb ist er diesmal auch tatsächlich jung) der Frauen die Szene dann beenden. Das erinnert ein wenig an die Wette, ob Frauen treu sein können, in Mozarts „Così fan tutte“. Dieses Spiel zu verfolgen, und das in Zusammenhang mit der wunderbaren und wunderbar gespielten Musik, ist spannend und lohnend. Eingebaut sind aber auch gewisse Irritationen. So, wie die Frauen sich das vorstellen, läuft es keineswegs. Irgendwann in diesem Zeitreise-Spiel sind die Frauen doch fasziniert von Hoffmann. Es könnte mit der Liebe ernst werden, wenn nicht der in diesem Fall rettende Bösewicht am Schluss der jeweiligen Episode zu Hilfe käme. Auffällig ist, dass Hoffmann von allen drei Frauen, mehr als in anderen Inszenierungen, „angemacht“ wird, im 1. Akt, beim Lied von Klein-Zack, sogar von allen gleichzeitig. Das Konzept geht z.B. im Olympia-Akt auch sehr gut auf, wenn Hoffmann den Verführungskünsten Olympias nicht sofort auf den Leim geht. Interessant in dieser Szene ist auch, dass der mehrfach nachlassende Puppenmechanismus nicht durch Olympias Schöpfer, sondern durch eine Berührung Hoffmanns wieder in Gang kommt. Im Antonia-Akt klappt es nicht ganz so gut, weil Hoffmann und Antonia schon von Anfang an ineinander verliebt sind. Da scheint die ursprüngliche Fassung doch sehr durch.

 

Viel Spannendes und Fantastisches passiert (Offenbach nannte sein Werk schließlich „Fantastische Oper“). Bemerkenswert ist die spiritistische Sitzung im Antonia-Akt, wodurch die schon lange gestorbene Mutter Antonias wieder zum Leben erweckt wird und per Aufzug von unten auf die Bühne gefahren wird. Wenn Hoffmann im Giulietta-Akt von sinnlicher Lust singt, wird er von Frauen in hochgeschlossenen Kleidern umarmt und geküsst, die nicht so aussehen, als könnten sie der freien Liebe etwas abgewinnen.

 

Dass Theater gespielt wird, erkennt man am Zweikampf zwischen Schlehmil und Hoffmann: er findet in Zeitlupe statt, und wenig später nach seiner Niederlage steht der Ermordete wieder auf. Und das geraubte Spiegelbild Hoffmanns erscheint als Videoprojektion auf dem großen Fenster im Hintergrunddes in allen Akten im Wesentlichen gleichbleibenden Bühnenbilds. Auch Giuliettas Venedig ist eine Kneipe.Die vier Frauen und ihr männlicher Helfer müsse sich immer wieder einmal am Rande der Szene beraten, wie es denn weitergehen könnte.

Am Schluss stehen sie, wenn ich das richtig gesehen habe, mit dem Rücken zum Publikum, ratlos? nachdenklich?, bevor Hoffmann erscheint, jetzt in moderner Kleidung. Ein Hinweis, dass das, was in dieser Oper verhandelt wird, auch heute noch unvermindert aktuell ist?

 

Spannende Zeitreise, wunderbare Musik!

 

Fritz Gerwinn, 2.1.2019

 

Weitere Vorstellungen: 6.12., 20.12., 26.12., 29.12.2019 12.1., 19.1., 15.2., 4.3., 21.3., 1.4.2020