Puccinis „La Bohème“ im Wuppertaler Opernhaus
Premiere am 2. November 2019

 

Beim Betreten des Zuschauerraumes sieht man ein großes Paket auf der Bühne. Das klappt mit den ersten Tönen nach oben und unten auf, öffnet den Blick auf das kleine Zimmer, in dem die vier Bohemiens hausen. Pappe, Papier, Pakete, Kisten sind dann auch im weiteren Verlauf die Grundlagen des Regiekonzeptes, alles monochrom bis auf die sechs Protagonisten, die deshalb sofort erkennbar sind. Zum einen stand hier wohl die arte povera Pate, also die Kunst, mit wenigen und „armen“ Mitteln auszukommen. Weiter wird wohl darauf angespielt, dass die Zeit des Lebens in der Bohème nur einen Lebensabschnitt darstellt, den man bewältigen muss, bevor der Erfolg kommt oder man etwas anderes macht. Schließlich soll damit die Macht der Fantasie gefeiert werden, mit der man den widrigen Lebensumständen trotzt. Entsprechend wird auf jeden Naturalismus verzichtet, so sind z.B. Feuer und Kerzenflamme auf Pappe gemalt, und der Herd besteht aus einer Kiste und einem langen Papprohr. Dieses Konzept wird konsequent in allen vier Akten durchgehalten, aber jedes Mal anders.

 

Im 1. Akt findet das Geschehen in dem besagten Paket statt, mit sich plötzlich und unversehens sich öffnenden Türen. Die humoristischen Elemente dieser Szene werden sehr betont, einerseits durch die nicht naturalistischen Pappsymbole, andererseits durch exzentrisches Spiel. Im zweiten Akt wird die Turbulenz noch mehr gesteigert, es gibt mehrere Ebenen, Statisten tragen Autos durch die Gegend, Chöre schieben sich ins Bild und verschwinden wieder, alle und alles auf der Bühne in Weiß oder Packpapierfarbe. Musettas abgelegter, aber noch mit Geschenken beladener Ex-Lover wird als Witzfigur dargestellt, wie schon der Vermieter Alcindoro im 1. Akt. Am Schluss erscheint sogar Godzilla zum Schrecken der Weihnachtsfeiergesellschaft, offenbar aber nur in der Fantasie von Marcello, der gerade Musetta zurückerobert hat und ihr dann sofort zeigen muss, was für ein starker Mann er ist.
Im 3. Akt ist dann Schluss mit lustig und der Macht der Fantasie. Zwar hängt Godzilla noch vom Schnürboden herunter, wird dann aber als nicht mehr passend von der Theatermaschinerie hochgezogen. Die Fallhöhe zwischen Fantasie und gnadenlos hereinbrechender Realität ist sehr groß, gerade weil es in den beiden ersten Akten so fantasie-, humorvoll und turbulent zuging. Wenig Pappe, nur in der Mitte eine angedeutete Bar, deren Tür sich manchmal öffnet und trotz der eiskalten Außenwelt einen Moment die darin feiernden Menschen zeigt. Im 4. Akt schließlich, nach einem gescheiterten Versuch der Bohemiens, die Wirklichkeit zu vergessen und wieder lustig zu sein, ein berührendes Bild: Zuerst tragen viele Menschen eine Kiste – ihre Kiste – herum, lassen sich schließlich mit ihr nieder. Sie verschwinden aber nach und nach, je näher Mimi dem Tode kommt. Als sie gestorben ist, nimmt auch Rodolfo seine Kiste, geht traurig weg, aber ohne Mimi noch einmal anzusehen.

 

Auf diese Weise wird auch ein Blick auf die Charaktere geworfen, auf die Hilflosigkeit der Männer angesichts von Mimis Krankheit, ihr Egoismus, ihre Unfähigkeit, zwischen Hungern und Prassen einen Mittelweg zu finden, aber auch auf die Bemühungen der Frauen, auf unterschiedlichen Wegen zu überleben und sogar ein wenig Glück zu finden. All dies wird nicht nur durch das Bühnenbild, sondern auch durch eine genaue Personenregie deutlich gemacht (Regie und Bühnenbild: Immo Karaman). Z.B. ist dies sehr gut nachzuvollziehen im Quartett des 3. Aktes, wenn Mimi – Rodolfo einerseits und Musetta – Marcello andererseits ihre unterschiedlichen Emotionen nicht nur musikalisch austragen, sondern diese auch auf der Bühne genauestens über Kreuz ausagieren. Gelungen auch die Darstellung des weltfernen Dichters Rodolfo als ungeschickter, linkischer Nerd im zu kurzen Pullover (Kostüme: Fabian Posca, der auch für die Choreografie zuständig war).

 

Dazu kommt, dass das Regieteam genauestens auf die Musik eingegangen ist, die das Geschehen auf der Bühne ja nicht untermalt, sondern steuert. Die lautmalerischen Elemente von Puccinis Musik (etwa das Ausgehen des Feuers im 1. Alt) wurden auf der Bühne punktgenau aufgenommen. Julia Jones hatte das Wuppertaler Orchester hervorragend vorbereitet, Tempi und Dynamik wunderbar austariert. Es gab zupackende Fortissimi, bei lauten Stellen wurden die Solisten gefordert, aber nie überdeckt, bei den zarten Streicher-Episoden mit ausgekosteten Pausen hätte man eine Stecknadel fallen hören. Auch das Zusammenspiel mit den Chören klappte exzellent, und das alles bei intensiver Bewegung und Turbulenz auf der Bühne.

 

Auch alle Solisten zeigten sich in Bestform. Zwei Gäste waren engagiert: Li Keng sang die Mimi auch darstellerisch sehr glaubwürdig, mit farbenreichem lyrischem Sopran, und Ales Jenis überzeugte als Marcello mit kernig-virilem Bariton. Aber auch die Mitglieder des Wuppertaler Ensembles wurden vom Publikum gefeiert: Zum einen Ralitsa Ralinova als quirlig-zickige Musetta und Sebastian Campione als langhaariger Philosoph Colline, dann aber auch Simon Stricker als Schaunard, der für seine intensive und engagierte Gestaltung viel Beifall erhielt. Mir persönlich am besten gefallen hat Sangmin Jeon als Rodolfo mit hervorragender Gestaltung der leiseren Stellen, aber vor allem mit strahlenden Tönen in hoher Lage, auch im Duett mit Li Kengs Mimi.

 

Diese „Bohème“ sollte man nicht versäumen!

 

Fritz Gerwinn

 

Weitere Vorstellungen: 10.11., 29.11., 7.12., 14.12., 26.12.2019
                                        12.1., 22.3., 4.4.2020