Foto: Björn Hickmann
Foto: Björn Hickmann

Intelligentes Vergnügen

Donizettis „Liebestrank“ im Wuppertaler Opernhaus

Premiere am 22.2.2020

Musikalische Leitung: Johannes Pell

Regie und Bühne: Stephan Prattes

 

Das Premierenpublikum hatte seinen Spaß, belohnte die guten Ideen auf der Szene, oft aus der Musik entwickelt und von Sängern und Orchester hervorragend umgesetzt, mit Zwischenbeifall. Die Inszenierung von Stephan Prattes (seine erste Arbeit als Opernregisseur) war alles andere als bieder. Kein italienisches Dorf im 19. Jahrhundert, jeglicher Naturalismus war komplett ausgetrieben, der Regisseur machte deutlich, dass so eine Geschichte überall und zu allen Zeiten vorkommen kann und passiert.

 

Verführung, vor allem im Sinne von Manipulation, wird in den Mittelpunkt gestellt. Das passiert zum einen mit modernen Mitteln, Filmen und Smartphone-Apps, womit das Stück in die Gegenwart geholt wird. Andererseits spielen auch uralte Mittel der Verführung eine Rolle: beide Hauptpersonen, Adina und Nemorino, die sich am Schluss doch kriegen, verstellen sich und benutzen andere, um die geliebte Person zu reizen und für sich einzunehmen. Auch werden Mittel benutzt, die groß angekündigt zu helfen scheinen, es aber nicht tun, damals der titelgebende Liebestrank des Quacksalbers Dulcamara; heute gibt es da ja anderes. SEDUZIONE steht auch lange in großen Lettern auf der Bühne. Als Adina den Quacksalber entlarvt hat, entfernen beide diese Buchstaben. Adina hat, bevor sie sich am Schluss zu Nemorino bekennt, einen kräftigen Schlingerkurs hinter sich, hätte fast den Soldaten Belcore geheiratet. Der Regisseur arbeitet auch deutlich heraus, dass das Zusammenfinden des glücklichen Paares etwas plötzlich kommt, Nemorino will es jedenfalls lange Zeit kaum glauben. Parallelen mit der Realität sind durchaus naheliegend.

 

Großes Vergnügen hatte das Wuppertaler Publikum an einem immer wieder auftretenden rosa Elefanten, ist die Stadt ja doch immer noch nachhaltig von Tuffis Sprung in die Wupper geprägt und stolz auf seine Elefanten im Zoo. Zum ersten Mal übergibt ihn, im Kleinformat, der Soldat Belcore als Geschenk seiner angebeteten Adina, die er, kaum hat er sie gesehen, sofort heiraten will. Kurz bevor die Pause ausbricht, senkt sich ein riesiger aufgeblasener rosa Elefant über das gesamte Geschehen. Nach der Pause ein Knalleffekt: Nicht nur der Riesenelefant steht auf der Bühne, sie wird noch bevölkert von ungefähr dreißig kleineren rosa Tuffis, dem Wuppertaler Chor, die zum Singen dann aber den Kopf mit dem Rüssel abnehmen müssen. Ein rasanter Showeffekt, unterstützt von rotierendem Licht auch im Zuschauerraum. Kurz danach entdeckt man aber den verzweifelten Nemorino unter einem der Elefantenfüße. Und er erhält auch als Geschenk von Belcore einen halben Minituffi, nachdem er sich als Soldat verpflichtet hat, um an Geld für einen zweiten Liebestrank zu kommen. Je mehr danach die Methoden der Verführung aufgegeben werden zugunsten der Entdeckung wahrer Gefühle, umso mehr sackt der aufgeblasene Elefant in sich zusammen. Warum er rosa ist, kann man sich jetzt gut denken.

 

Einige Ideen der Regie, die sich zudem durch intensive und genaue Personenführung auszeichnete, sollte man festhalten: Der Quacksalber Dulcamara erscheint zuerst gar nicht als Person auf der Bühne, sondern verfünffacht im Film auf einer schwebebahnähnlichen Gondel, in dem er seine Produkte bewirbt. Dies tut er aber in minderer technischer Qualität vom Band. Auch ein angekündigtes Trompetensolo erklingt unerwartet in extrem schäbiger Computerklangfarbe, nicht aus dem Orchester. Immer wieder werden neuere technische Geräte benutzt. Zum Schluss zerschießt der betrogene Belcore das groß eingeblendete Smartphone mit der Dulcamara-App. Die Rolle von Belcores Soldateska wird verschärft. Nicht nur Belcore selbst, der sogar in Unterhose und Bademantel noch einen Patronengürtel über der nackten Brust trägt, ist ein Verfechter einfacher Wahrheiten, die sehr schnell auch mit Waffengewalt durchgesetzt werden, auch seine Truppe ist entsprechend aggressiv, auch wenn sie Tarnanzüge mit Blumenmuster tragen. Kritik am Soldatenleben wird allerdings auch sehr deutlich gemacht: Wenn die Soldaten aufmarschieren, werden dazu noch etliche Pappkameraden aus dem Schnürboden heruntergelassen, und alle haben auf dem Körper eine Zielscheibe; einmal fällt sogar einer davon unversehens von oben auf die Bühne.

Der Alkohol spielt ein nicht kleine Rolle. Nachdem Nemorino die Flasche mit dem angeblichen Liebestrank – ein Kopfschuss-Rotwein - ausgeleert hat (sie schmeckt ihm gar nicht, obwohl er ein süßes Gefühl in seinem Körper wahrzunehmen meint), ist die Wirkung des Tranks sehr schnell spürbar. Nein, nicht Viagra ähnlich, wie man bei Nemorinos Griff nach unten zuerst meinen könnte, sondern er provoziert ein dringendes Bedürfnis; es plätschert laut und lange. Auch im zweiten Akt muss er nach dem zweiten Liebestrank ordentlich kämpfen.

Aber auch seine spätere Braut ist solchen Getränken nicht abgeneigt. Bei der nicht ganz zum Ende gebrachten Hochzeitsfeier mit Belcore schwebt sie aus dem Bühnenhimmel mit einer großen Flasche Sekt herab, trinkt auch unten angekommen fröhlich weiter und entdeckt dabei ihre lesbischen Neigungen.

 

Ein wunderbarer Gag: Adinas Freundin Gianetta erzählt den Frauen vom plötzlichen Reichtum Nemorinos als Leiterin eines Yogastudios während einer Yogastunde, die daraufhin komplett aus dem Ruder läuft.

 

Nicht alles leuchtete sofort ein, jedenfalls mir. Ein Beispiel: Warum muss die kapriziöse Adinaim 1. Akt so züchtig-altfränkische Kleider tragen, obwohl sie sich nach vielen Liebhabern sehnt (wobei sich bei diesem Wunsch prompt die Drehbühne in Bewegung setzt)? Angesichts des überbordenden intelligenten Ideenreichtums sind das aber Marginalien. Insgesamt hat das Regieteam eine tolle Leistung vollbracht, die auch entsprechend mit Beifall belohnt wurde.

 

Das alles funktioniert nur so gut durch die hervorragende Zusammenarbeit mit Sängerrinnen, Sängern, Chor und Orchester. Die Inszenierung kam diesmal komplett ohne Gäste aus, die Wuppertaler Sängerinnen und Sängern konnten zeigen, was sie konnten. Das taten sie ausgiebig: Ralitsa Ralinova drückte den Charakter ihrer Rolle als Adina auch durch ihre Stimme aus, einmal glockenrein, dann aber auch, wenn nötig, sehr durchsetzungsfähig in lauteren Passagen. Sangmin Jeon als Nemorino meisterte seine lyrische Partie unangestrengt, wurde nach der Paradearie „Una furtiva lagrima“ groß gefeiert. Für Simon Stricker als Belcore und Sebastian Campione als Dulcamara gab es zwei Paraderollen, die sie als männliche Alphatiere mit meist mächtigen Stimmen wunderbar ausfüllten. Schließlich konnte man als Gianetta Wendy Krikkens schöne warme Stimme in einigen Szenen bewundern. Fast unnötig zu sagen, dass alle auch in darstellerischer Hinsicht ihr Bestes gaben, die Wirkung des Alkohols bei Adina und Nemorino wurde sehr deutlich, und Dulcamara war spielend und tanzend eine Wucht.

 

Der Wuppertaler Opernchor überzeugte nicht nur durch Wohlklang und präzises Halten des Tempos auch in rasanten Passagen, sondern hatte offensichtlich dabei auch noch seinen Spaß. Diesen Eindruck hatte man auch vom Orchester unter Leitung von Johannes Pell, das die eingängige Musik Donizettis hinreißend wiedergab. Sehr bemerkenswert war aber auch die hörbar genaue Abstimmung der Solisten mit dem Orchester bei Fermaten und Ritardandi. Das erhöhte noch einmal den Genuss.

 

Insgesamt ein wunderbarer Opernabend. Den sollte man nicht verpassen! Es gibt nur noch sechs Aufführungen!

 

Fritz Gerwinn, 23.2.2020

 

Weitere Vorstellungen: 29.2., 29.3., 19.4., 25.4., 29.5., 6.6.2020 (unterschiedliche Anfangszeiten!), am 27.5. verkürzte Fassung in der Reihe „Große Oper Klein".