Grandiose Neuentdeckung
„Luisa Miller“ von Verdi im Wuppertaler Opernhaus
Premiere am 8.12.2018

 

 

Großer Opernabend in Wuppertal. Langer Beifall am Schluss, aber schon während der Aufführung immer wieder Zwischenbeifall für die Leistungen der Sängerinnen und Sänger. Und die Wuppertaler Generalmusikdirektorin Julia Jones befeuert mit ihrem Orchester noch die Dramatik des Stücks und macht damit deutlich, dass „Luisa Miller“ keinen Vergleich mit den viel öfter gespielten Publikumsrennern Verdis zu scheuen braucht.

 

 

Das liegt zuerst einmal am Stück selbst. Diese Oper eine Entdeckung. Die Musik birst vor Leidenschaft und Emotion, vermeidet jeglichen Schematismus, sondern beleuchtet die szenischen Vorgänge sehr genau, bietet dabei überraschende Wendungen. Eine besondere Kostbarkeit ist ein a-capella-Quartett im zweiten Teil, und die „Todesgesänge“ von Rodolfo und vor allem Luisa am Schluss erreichen durchaus das Niveau der von Gilda, Traviata, Aida in Verdis späteren Opern.

 

Dann lieferten die Sänger Überragendes ab. Die Wuppertaler Oper hatte für diese Inszenierung fünf Gäste engagiert, die alle in jeder Hinsicht überzeugten. Luisa Miller sang und spielte die polnische Sopranistin Izabela Matula, auffallend war besonders ihr Pianissimo gerade bei Spitzentönen. Rodrigo Porras Garulo als Luisas impulsiver Liebhaber Rodolfo, rebellischer Sohn des Grafen Walter, beeindruckte durch seine sehr durchschlagskräftige Stimme ohne jegliche Ermüdungserscheinung. Bei Nana Dzidziguri als Luisas Gegenspielerin Federica sind mir vor allem ihre voluminösen tiefen Töne in Erinnerung. Den Intriganten Wurm sang Michael Tews mit markanter, sicher geführter Stimme, und Anton Keremidtchieff charakterisierte die Rolle von Vater Miller mit kraftvollem und kernigem Bariton. Die beiden Mitglieder des Wuppertaler Ensembles brauchten sich gegenüber den Gästen aber überhaupt nicht zu verstecken. Iris Marie Sojer gestaltete die Partie von Luisas Freundin empfindsam und farbenreich, und Sebastian Campiones schwarzer Bass passte hervorragend zur Rolle des diktatorischen und vor keinem Verbrechen zurückschreckenden Grafen Walter.

 

Dass Julia Jones sich mit Verdi besonders gut auskennt, merkte man vom ersten Takt des Vorspiels an. Das Orchester reagierte aufmerksam, sicher und an entscheidenden Stellen auch mit gehöriger Rasanz auf ihr temperamentvolles, aber präzises Dirigat. Auffallend war der große Lautstärkeumfang, er ging vom zartesten Piano von Streichern und Solobläsern bis zum stärksten Fortissimo. Gut geprobt war das offenbar, denn auch bei größten Lautstärken wurden die Sänger nie übertönt.

 

Das Regieteam musste sich also einiges einfallen lassen, um das gleiche Niveau wie Sänger und Orchester zu erreichen. Und die junge tschechische Regisseurin Barbora Horáková Joly hatte sich dazu einiges überlegt, zusammen mit Andrew Liebermann (Bühne) und Eva-Maria van Acker (Kostüme).
Zum einen wurde die Personenkonstellation geschärft. Auf der einen Seite stehen der brutale und menschenverachtenden Graf (oder Konzernchef) Walter und sein „Mann fürs Grobe“, Wurm, die durch Mord an die Macht gekommen sind. Diesen beiden wurde sehr eindeutig die Witwe Federica zugesellt, die Rodolfo in einer für den Konzern nützlichen Vernunftehe heiraten soll. Auch wenn diese beiden sich schon als Kinder kannten und mochten: auch in dieser Zeit muss Federica die Hosen angehabt, Rodolfo muss schon damals unter ihren Attacken gelitten haben. Als er ihr gesteht, dass er sie nicht liebt und nicht heiraten will, wirft sie ihn brutal zu Boden und reiht sich in die Riege der Bösen ein, die für ihren Vorteil über Leichen gehen.
Dieser furchtbaren Phalanx stehen Walters Sohn Rodolfo und Luisa fast hilflos gegenüber, auch wenn Rodolfo weiß, auf welche Weise sein Vater an die Macht gekommen ist. Und Luisa wird, nachdem Wurm sie gezwungen hat, ihre Liebe zu Rodolfo in einem Brief zu leugnen, von diesem gefoltert und vergewaltigt. Miller, Luisas Vater, kann ebenso wenig für sie tun, sieht in ihr immer noch das kleine Mädchen und nicht die junge Frau. Die Dorfbewohner stehen dazwischen, sind einerseits Luisa sehr zugetan, leiden unter der Diktatur, müssen sich andererseits mit dem unnachgiebigen Grafen arrangieren.

 

Zum zweiten wird die Handlung nicht eindimensional auf der Bühne gespielt, sondern die Aktionen werden gedoppelt, gedeutet, kontrapunktiert. Rodolfo und Luisa erscheinen immer wieder als Kinder, zum ersten Mal schon während des Vorspiels, der kleine Rodolfo packt einen geschenkten Teddy aus, den er später beim vermeintlichen Verrat Luisas zerstört. Sie schreiben mit großen Buchstaben AMORE und INTRIGO an die Seitenwände, malen später Häuser und Bäume darauf, offenbar Zeichen eines einfachen glücklichen Lebens.
Die werden im Laufe der Vorstellung immer mehr verschmiert und unkenntlich gemacht. Das passiert durch vier TänzerInnen (Choreographie James Rosental), die selber im Gesamtverlauf immer schwärzer und schmutziger werden. Sie spielen z.B. auch eine Rolle, wenn Wurm Luisa den verräterischen Brief diktiert. Sie selbst schreibt in die Luft, und die vier TänzerInnen schreiben mit schwarzer Farbe an die Wand.
Die Farbe schwarz spielt überhaupt eine ganz entscheidende Rolle. Ist am Anfang die Bühne noch hell und weiß, verdunkelt sie sich immer mehr, auch die Kostüme werden immer schwärzer, sogar bei Rodolfo und Luisa, schwarze Schleier liegen auf dem Boden. Öl (oder eine schwarze, wahrscheinlich giftige Chemieflüssigkeit) kommt immer wieder vor, deutet daraufhin, dass der Graf eher als brutaler Ölmagnat oder Konzernchef zu sehen ist. Seine Brutalität und fast unbegrenzte Macht werden anhand von drei Episoden deutlich gemacht. Die erste: Die vier TänzerInnen rollen Fässer auf die Bühne, klettern hinein, werden dann mit der schwarzen Giftflüssigkeit begossen. Die Fässer werden dann verschlossen und entsorgt. Die zweite: Am Ende des 1. Aktes scheint Rodolfo den Sieg davongetragen zu haben, weil er die Untaten seines Vaters aufdecken will und der die eigentlich verhaftete Luisa und ihren Vater freilassen muss. Kurz bevor der Vorhang sich schließt, fallen aus dem Schnürboden zwei Tankwagenladungen schwarzen Wassers (Öl, Chemie?), bedecken und verschmutzen die Bühne und zerstören so die die vermeintlich gewonnene Sicherheit. Die dritte: Wenn sich der Vorhang nach der Pause öffnet, beginnt das Spiel mit einem Schrei der vier TänzerInnen, die Plastikflaschen gegen die hintere Bühnenwand werfen, auf die letzte, noch nicht verschmutzte Stelle.
Zweimal erscheint die Kontrastfarbe Weiß. Das Personal Walters erscheint in weißen Einmalanzügen, hat also mit Öl oder gefährlichen Chemikalien zu tun, betätigt sich auch als Tatortreiniger. Was für eine vergiftete Atmosphäre! Und Federica tanzt im Hintergrund eine Pantomime im weißen Brautkleid, nicht freudvoll, sondern bedrohlich.

 

Um dies alles auszudrücken – alles wird immer dunkler, die Angst nimmt zu – hat die Regisseurin sich der Personenführung sehr intensiv gewidmet. Beispielhaft genannt sei hier die Behandlung der Rolle Wurms. Ein Mann wie ein Baum, aber intrigant und feige, der sich immer wieder eine Maske aufsetzt. Sehr sehenswert seine Szenen mit Luisa, in denen Singen und Spielen aktionsreich inszeniert wurde. Die genaue Personenführung wurde gestützt durch das variable Bühnenbild – Prospekte und Wände öffnen und schließen sich, deuten auch Szenenwechsel an – und die Kostüme, die auf der einen Seite bäuerliches, einfaches Leben darstellen, andererseits die „feine“ Gesellschaft in schwarz.  

 

Was noch zu erwähnen ist: Während der Handlung auf der Bühne erscheinen eine Art von Kommentaren im Hintergrund, die nicht eindeutig sind und wohl auch nicht sein sollen. Einer davon betrifft Luisa selbst. Nach ihrer Liebesszene mit Rodolfo wird sie von mehreren Männern in den Arm genommen und liebkost. Heißt das, die junge Frau Luisa hat ihre Sexualität entdeckt und träumt?
Ein anderer Kommentar: Am Anfang sitzt Luisas Vater mit einem Luftballon auf der Bank in der Mitte, die Dorfbevölkerung ist clownmäßig gekleidet und ist ebenfalls mit Luftballons versehen. Was mag das wieder bedeuten? Clown und Luftballons als Gegenbild zur alles beherrschenden Diktatur? Oder etwas ganz anderes? Am Schluss wurde das Bild mit Vater Miller und Luftballon und Clown wieder aufgenommen. In der Pause wurde jedenfalls über die Bedeutung dieser Szenen eifrig diskutiert.
Mir scheint, dass diese Bilder zwar durchaus ambivalent, aber keineswegs beliebig sind. Gewollt ist wohl, dass sie diskutiert werden und Assoziationen oder gar Assoziationsketten freisetzen, und zwar über den Opernabend selbst hinaus und in die Gegenwart hinein.

 

Meine private Assoziationskette: Wenn die Regisseurin den Grafen Walter als gefühlskalten und aalglatten Ölmagnaten oder besser noch Chef eines Chemiekonzerns darstellt, öffnet sich die immer wieder ungerechterweise als weltfremd kritisierte Oper zur Gegenwart. Zwar wird heute kein Konzernchef mehr seinen Sohn in den Tod treiben, aber existenzgefährdende Massenentlassungen sind durchaus üblich, Hauptsache der Gewinn stimmt. Mord unter Managern kommt zwar auch nicht mehr vor, da gibt es aber feindliche Übernahmen, goldenen Handschlag und Betrug an den Kunden. Das Wohl der Menschen (und auch der Umwelt) spielt keine Rolle, auch echte menschliche Gefühle sind zu vernachlässigen und werden, wie in dieser Inszenierung, geschwärzt, verschmutzt. So scheint plötzlich und unversehens eine aktuelle politische Dimension durch. Und ist es ein Zufall, dass wenige Tage vor der Wuppertaler Premiere von „Luisa Miller“ die Firma Bayer bekanntgab, dass in Wuppertal ein gerade fertiggestelltes Laborgebäude gar nicht in Betrieb genommen wird (welche Verschwendung!) und nicht nur 350, sondern fast 1000 Mitarbeiter entlassen werden?

 

Fritz Gerwinn, 9.12.2018

 

Weitere Aufführungen: 14.12., 22.12.2018; 27.1., 17.2., 28.2.2019