Orpheus und Eurydike, Ballett, Foto: Klaus Lefebvre
Orpheus und Eurydike, Ballett, Foto: Klaus Lefebvre

Wunderbare Sängerinnen, authentische Musik, durchdachte, überzeugende Regie

Glucks „Orpheus und Eurydike“ am theaterhagen

Premiere am 29.2.2020

 

Schon allein der drei Sängerinnen wegen lohnt es sich, nach Hagen zu fahren und eine Vorstellung von Glucks „Orpheus und Eurydike“ zu besuchen. Von der Mailänder Scala hatten die Hagener für die Rolle des Orpheus die Altistin Anna-Doris Capitelli geholt, und das war ein Volltreffer. Selten kann man eine so schöne Stimme hören: voluminös, raumfüllend, wohlklingend, nuancenreich und ausdrucksstark, die Sängerin erfüllte aber auch schauspielerisch die emotionalen Vorgaben der Handlung. Die beiden anderen Rollen konnte das Theater mit eigenen Kräften besetzen. Angela Davis sang und spielte die Eurydike, die gar nicht sogerne das Elysium in der Unterwelt verlassen will, mit intensivem Ausdruck in Stimme und Spiel, eine starke Frau, die genau weiß, was sie will. Und Cristina Piccardi verkörperte sehr glaubhaft mit glockenreinem Sopran den Gott Amor, der aus dem Publikum auf die Bühne steigt, im Handumdrehen alles ändern will, dabei aber scheitert.

Weil es nur drei Solopartien gibt, hat der Chor eine entscheidende Rolle, was sich schon in der namentlichen Nennung des gesamten Chors im Programmheft zeigt. Er stellt die Trauergemeinde dar, aber auch die Wesen der Unterwelt und das Gefolge Amors. Sein Gesang kam stark und überzeugend über die Rampe, szenische Darstellung und Einbezug in die Choreographie sind für ihn eine Selbstverständlichkeit. Besonders berührend war seine Rolle im 2. Akt, wenn er erst mit allen Mitteln den Eintritt des Orpheus in die Unterwelt verhindern will, dann aber durch dessen Gesang immer milder gestimmt wird. Eingebunden in die Dar-stellung waren auch acht Tänzerinnen und Tänzer des Hagener Balletts, oft in Handlungseinheit mit dem Chor, aber auch in selbständigen Auftritten mit z.T. rasanten Bewegungen.

 

Sängerinnen und Chor waren hörbar eng verzahnt mit dem Orchester, sichtbar im halb hochgefahrenen Graben sitzend, unter Steffen Müller-Gabriel. So wurden die emotionalen Aufs und Abs der Personen schon allein durch die musikalische Umsetzung sehr deutlich. Das wird bei vielen Besuchern noch lange nachklingen.

 

Insgesamt: Das Ineinandergreifen von Gesang, Musik, Ballett und Inszenierung war so dicht, dass der Gedanke an ein frühes „Gesamtkunstwerk“ nicht ganz fehl am Platze sein dürfte.

 

Ohne sinnvolle Durchdringung der Geschichte durch das Regieteam (Regie Kerstin Steeb, Bühne und Kostüme Lorena Diaz Stephens und Jan Hendrik Neidert) wäre es aber doch kein ganz gelungener Abend geworden. Der plötzlich angehängte positive Schluss, von Gluck und seinem Librettisten Calzabigi der Konvention geschuldet, kann nicht überzeugen. Unpassend, dass Amor mit einem Fingerschnippsen die Liebenden am Schluss doch wieder zusammenbringt, obwohl Orpheus seine Prüfung trotz großer Bemühungen wegen unerfüllbarer Bedinungen nicht bestanden hat.

 

Dieser gewaltsam herbeigeholte Triumph der Liebe spielt bei Kerstin Steeb keine Rolle, im Gegenteil. Sie geht davon aus, dass Eurydike schon am Anfang freiwillig in den Tod geht. Keine Schlange, eher eine tödliche, unheilbare Krankheit. Orpheus geht dann durch verschiedene Stationen der Trauer, kann seine Frau am Ende erst loslassen. Das führt dann im Finale der Oper zu einem dramaturgischen Kontrapunkt: zur fröhlichen Musik der Wiedervereinigung verlässt Eurydike mit den Geistern der Unterwelt wieder die Erde, diesmal lässt Orpheus sie auch ziehen. Dieses Bild bildet eine Klammer, kommt auch am Anfang schon vor, stürzt dort Orpheus aber in allergrößte Verzweiflung. In diesen beiden Szenen ist die Zusammenarbeit mit den Bühnenbildnern besonders spürbar: Eurydike geht durch einen dunklen, sich verengenden Tunnel ins Helle, wie Menschen mit einer Nahtoderfahrung das beschreiben.

Auch was zwischen diesen beiden Szenen passiert, ist sinnfällig, berührend, konsequent und folgerichtig inszeniert, dabei auch sehr aktionsreich angesichts der minimalen Handlung. Der Chor trägt im 1. Akt, in dem getrauert wird, lange schwarze Gewänder, im 2. Akt, in der Unterwelt aber auch weiße, tritt oft von der Seite auf die Bühne, durch einen Vorhang aus vielen schwarzen Gummibändern, flexibel, membranartig, fragil. Lange Tücher kommen auch sonst vor, Orpheus wird damit von den Furien umwickelt und gefesselt, ist in der Unterwelt trotz Amors Erlaubnis überhaupt nicht gern gesehen. Und mit einem weißen langen Tuch versucht Orpheus Eurydike aus der Unterwelt zu ziehen. Das Elysium, in dem sich Eurydike offenbar wohlfühlt, senkt sich für Orpheus bedrohlich herab, ist aber durchlässig, was die klaustrophobische Situation für ihn entschärft. Und beim Gang zur Erde zurück erweist sich Eurydike als starke Frau, die keineswegs nur gerettet werden will. Ihr langer Dialog mit Orpheus und ihr spektakulärer zweiter Tod werden präzise aus der Musik heraus inszeniert.

 

Und Amor? Sie, weiblich, steht zweimal plötzlich im Publikum auf, ist als einzige nicht schwarz-weiß gekleidet, sondern trägt alltagstauglichen rosa Flauschpulli und entert die Bühne. Sie verkündet leichter Hand beim ersten Mal die Bedingungen der Rückführung Eurydikes, mit penetrantem Dauerlächeln, wie eine Politikerin nach verlorenem Wahlkampf. In dieser Szene schon kann Orpheus es kaum glauben. Gewaltsam wird es nach Eurydikes zweitemTod: plötzlich findet sich diese doch wieder lebend auf der Erde wieder. Amor wird dann aber düpiert, weil sich Eurydike und dann auch Orpheus ihr nicht beugen, die Willkür der göttlichen Botschaft entlarven. Die ewig lächelnde Amor muss mit Gewalt ihre Mundwinkel hochziehen. Die Regisseurin verortet diesen Amor im Publikum, der Gesellschaft, bei den Menschen, die angesichts der fortschreitenden Tabuisierung des Todes sich ein glückliches Ende wünschen, authentische Gefühle der Trauer aber nicht zulassen wollen.

 

Ein ernster Abend, gewiss. Aber äußerst sinnfällig, zum Nachdenken anregend, auch ein Plädoyer für den selbstbestimmten Tod. Und musikalisch von allerhöchster Klasse!

 

Fritz Gerwinn, 1.2.2020

 

Weitere Vorstellungen: 7.3., 22.3., 27.3., 5.4., 11.4.,26.4. 21.6. 2020 Unterschiedliche Anfangszeite