Film: Les Misérables

Regie: Tom Hooper, 2012

 

Das Elend ist nah

Buchvorlage und Musical traten weltweit einen Siegeszug an. Die Erwartungen an den Musicalfilm „Les Misérables“ von Tom Hooper waren deshalb riesengroß.

Mit acht Nominierungen startete der Film in die Oscarverleihung. Die Hoffnung »Les Miserable« werde schnell zum Bestseller avancieren, schien keinesfalls illusorisch. Doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Der Musicalfilm musste sich mit drei Preisen begnügen. Als beste Nebendarstellerin empfing Anne Hathaway die begehrte Trophäe, zwei weitere gab es für Make-up/Frisuren sowie den Ton.

Als Highlight des Musicalfilms wird der Live-Gesang der Schauspieler gepriesen. Üblicherweise singen sie sonst nur Playback; in Hoppers Drama dagegen singen alle Darsteller live.

Die Exposition beginnt mit einem fantastischen Panorama im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Auf stürmischer See kämpfen Schiffe (historisch exakt nachgebaut) gegen meterhohe Welle.
 
Die Kamera schwenkt um auf eine Werft. Zahlreiche angekettete Sträflinge ziehen dort im Schweiße ihres Angesichtes ein gekentertes Segelschiff aus dem Wasser. Die beiden Hauptfiguren des Dramas treffen aufeinander: Jean Valjean (Hugh Jackmann) Sträfling Nummer 24601 und sein ewiger Verfolger, der brutale Polizeiinspektor Javert, (Rusell Growe).

Nach 19 Jahren Haft kommt Jean Valjean endlich aus der Gefangenschaft frei. Sein Vergehen: Nur ein Stück Brot hatte er gestohlen. Auch nach der Entlassung ist er nicht wirklich frei, Javert misstraut ihm immer noch und verfolgt ihn mit unerbittlichem Hass. Mithilfe eines Geistlichen gelingt es Valjean dennoch zu einem rechtschaffenen Bürger mit Wohlstand und Ansehen zu werden.  Fantine, eine junge, mittellose Frau mit einem unehelichen Kind kreuzt seinen Weg. Sie muss sich prostituieren um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ihr ganzer Lebensinhalt ist ihre kleine Tochter Cosette, die bei Wirtsleuten, dem Gaunerehepaar Thènardier, lebt. Als Fantine schwer erkrankt und auf dem Sterbebett liegt, verspricht Valjean sich um das Mädchen zu kümmern.

Anne Hathaway spielt die kranke, geschundene Fantine, der von der Gesellschaft übel mitgespielt wird, herzzerreißend. Ihre Rolle in Les Miserables ist zwar nur kurz, doch der Oskar ist hoch verdient.

Trotz durchweg guter schauspielerischer Leistungen: (Hugh Jackmann ist ein berühmter Theater-und Filmschauspieler, Rusell Growe bekam einen Oscar für den »Gladiator«), springt der berühmte Funke in les Miserables nicht so recht über. Das mag zum Teil an der Kürze des Films liegen. Der Regie blieb nur 160 Minuten, um den Klassiker Hugos, immerhin 1500 Seiten, filmreif zu transportieren. Vermutlich liegt es aber auch daran, dass fast nur gesungen wird. Und mit dem Gesang sind die Darsteller eindeutig überfordert. Dialoge gibt es so gut wie gar nicht, sondern nur Rezitative. Der Musicalfilm ist durchkomponiert, ähnlich wie bei einer Oper. Um es noch einmal zu betonen, der Live-Gesang ist kein Genuss.

Leider fehlt es einigen Figuren an Profil, Charaktere werden zu wenig ausgebildet. Cosette (Amanda Seyfried) beispielsweise bleibt blass. Mehr als einmal irritiert zudem die Dramaturgie: etwas passiert, ohne dass es im Handlungsverlauf entwickelt wurde.

Die Kameraführung ist gewöhnungsbedürftig. Die Gesichter der Akteure werden nah herangezoomt, manchmal einige Sekunden, manchmal auch länger. Es gibt keine andere Bewegung, die Kamera zeigt nur die Gesichter (im mittleren Teil des Films fällt das besonders auf) . Einige Szenen wirken dadurch statisch und langatmig. Darunter leidet das Bildgefühl.

Gänsehaut kommt bei den Massenszenen auf. Hier läuft das opulente Spektakel zur Höchstform auf, bietet alles auf, was an Emotionalität, Pathos, Ausstattung und Musikalität möglich ist. Wenn die blutjungen, fanatischen Revolutionäre die knallrote Trikolore schwenken und losstürmen gegen die hemmungslos feuernden Soldaten Louis Philippes I, ist die Tragik des Geschehens (historisch: Niederschlagung des Juniaufstandes 1832 in Paris), hautnah zu spüren. Ohne irgendeine Chance gehen sie sehenden Auges in den sicheren Tod.

Zum Schluss wird mächtig auf die Tränendrüsen gedrückt, wenn Cosette und Valjean sich endgültig Adieu sagen müssen.

»Les Miserable« lässt es spüren: das Elend der Menschen im nachrevolutionären Frankreich, die entsetzliche Armut und Hoffnungslosigkeit, letzten Endes ihr armseliges Dasein.

 

Roman: "Die Elenden von Victor Hugo", (1862)

Musical:  Les Misérables, Uraufführung, 17. September 1980, Paris

 

BUDDENBROOKS

 

Die Verfilmung der  „Buddenbrooks“  stellt hohe Anforderungen an das künstlerische Vermögen des Regisseurs. Immerhin sind 756 Seiten „Literaturinhalt“ zu verarbeiten. Der erfahrene Mann Kenner „Heinrich Breloer“ wagte sich an diese Aufgabe. Sein Mehrteiler „Die Manns“, den er 2001 für das Fernsehen produzierte, war ein großer Erfolg.

 

Thomas Manns Roman „Buddenbrook“ gilt als Jahrhundertroman. Er wurde in über 40 Sprachen übersetzt, rund 6 Millionen Mal verkauft und bekam den Literatur-Nobelpreis. Die Frage scheint berechtigt, ist dieses Mammutwerk für einen Film geeignet? 

Heinrich Breloer präsentiert die Familien Saga als ein opulentes Filmerlebnis in 151 Minuten mit schönen Kinobildern und perfekter Ausstattung. Die Epoche, in der die „Buddenbrooks“ agieren, kann man leicht nach empfinden. Dem ersten Teil des Buches schenkt Breloer keine Aufmerksamkeit, orientiert sich aber ansonsten an der Romanvorlage und lässt nur einige Nebenfiguren weg.

Die Handlung setzt ein mit Konsul Jean Buddenbrook, dem Patriarchen der Familie, gespielt von Armin Müller-Stahl, der das Familienunternehmen leitet. Seine Philosophie lautet: Geschäftliche Interessen besitzen Vorrang vor privatem Glück! Von seinen vier Kindern ist nur Thomas derjenige, der das Zeug hat, Firmenchef zu werden. Sohn Christian dagegen, exzentrisch und ein Hypochonder, führt das Leben eines Boheme und schockiert die Familie mit seinem unwürdigen Benehmen. Zur Tochter Toni, hat Jean Buddenbrook ein gutes Verhältnis, das hindert ihn aber nicht, sie zur Heirat mit dem ungeliebten Grünlich zu zwingen. Später wird dieser als Mitgiftjäger entlarvt. Tochter Klara stirbt nach der Heirat.

 

Der unaufhaltsame Verfall der Familie wird durch die Anlegung der Charaktere und ihrer Schicksalsschläge deutlich. Konsul Jean Buddenbrook stirbt plötzlich. Toni wird auch mit ihrem zweiten  Ehemann „Permaneder“ nicht glücklich und zieht wieder ins Elternhaus. Der Streit zwischen den Brüdern Christian und Thomas eskaliert. Zu allem Übel erfüllt „Hanno“, der Langersehnte Stammhalter nicht die Erwartungen seines Vaters. Er taugt nicht zum Kaufmann, seine Talente liegen auf einem anderen Gebiet, in der Musik. Charakterlich ähnelt er mehr der Mutter als dem Vater.

 

Die Sorge um das Unternehmen, finanzielle Verluste und die Bedrohung durch den Erzrivalen Hagenström, der ständig größer und mächtiger wird, lasten nach dem Tod des Vaters immer schwerer auf Thomas Schultern.

Der Film zeigt die Vorgänge im Hause Buddenbrook in einer chronologischen Abfolge, die immer schneller dem Ende zustrebt, dem Untergang des Hauses Buddenbrook. Dramaturgische Höhepunkte gibt es keine. Die Protagonisten feiern, lieben, heiraten und sterben in rasantem Tempo.

 

Die Aneinanderreihung der Episoden führen zu einer Oberflächlichkeit, die es unmöglich macht, sich den Figuren zu nähern oder sich in sie hineinzuversetzen. Der Blick auf sie wird gestattet- aber mehr auch nicht. Keiner der Figuren wird Zeit gegeben sich zu entwickeln, mit keiner ist es möglich sich zu identifizieren. Nichts von dem, was den Roman so einmalig macht, wird in dem Film gezeigt. Beispielsweise wird nicht klar, wie die Figur des Thomas überhaupt zu begreifen ist und wieso er nach einer Zahnextraktion verstirbt. Hannos sensibler Charakter tritt nur unwesentlich in Erscheinung. Auch wird nicht deutlich, wann die Liaison zwischen Toni und ihrem zweiten Mann, Permaneder, begonnen hat.

 

Die schauspielerischen Leistungen bleiben weit hinter den Erwartungen zurück. Nur Arnim Müller Stahl und August Diehl bilden da eine Ausnahme. Alle anderen Darsteller enttäuschen und können den brillanten Schauspielern der Buddenbrook-Verfilmung von 1959 nicht das Wasser reichen. Besonders bei Mark Waschke in der Schlüsselrolle des Thomas ist das auffallend. Es gelingt ihm nicht die Komplexität dieser Figur umzusetzen. Iris Berbens Spiel ist starr und matronenhaft, ihr wiederholtes „Wie beliebt“ wirkt eher lächerlich.

Auch Jessica Schwarz als Toni weiß die Tragik ihrer Rolle nicht überzeugend darzustellen.

 

Der Film punktet mit schönen Bildern und Glamour, wird aber Thomas Manns Jahrhundertroman nicht gerecht und bildet allenfalls eine Kulisse für das einmalige Werk. (U. Ha-K)

 

 

MARIA STUART

Maria Stuart

Züricher Schauspielhaus

Gesehen am 3. Oktober 2009

 

Das Züricher Schauspielhaus zeigt eine sehenswerte Aufführung des Trauerspiels  „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller. In einem Fernsehinterview des SWR-3-Fernsehens erläuterte die Regisseurin Barbara Frey – seit dieser Saison auch Künstlerische Direktorin des Hauses – dass ihr Interesse an diesem Stück sich hauptsächlich daran entzündet, dass alle handelnden Personen im Grunde gleichzeitig recht und unrecht haben. In der Tat lassen sich die vorgenommenen Kürzungen nur dadurch interpretieren und verstehen, warum etwa die Passage des letzten Akts, in dem Maria mit ihrem Beichtvater Melvil ihr irdisches Leben abschließt, völlig entfiel.

 

Die durchweg hervorragende Schauspieler-Riege agiert im Schiffbau-Theater. Eine ehemalige Schiffbau-Halle wurde für Theaterzwecke eingerichtet. Sie hat dem ehemaligen Industriegebiet zum aufsteigenden Szene-Viertel verholfen. Auf einer Zuschauertribüne sind etwas mehr als 300 Plätze in Längsrichtung der Halle angeordnet. Man erlebt die Schauspieler in intensiver Nähe mit Blick von oben auf die Spielfläche. Das Bühnenbild nutzt das in der Halle befindliche Röhrensystem und ergänzt es um weitere Röhren, aus denen die Schauspieler gelegentlich symbolhaft auf- oder abtreten. Es gibt weder Vorhang noch weitere Requisiten. Gerade durch dieses spartanische Ambiente ist es gelungen, eine intensive Darstellung des Ränkespiels um Macht und Einfluss zu entwickeln. Nichts lenkt ab vom Schiller’schen Text. Eindrücklich entwickelt sich das Spiel um die letzten Tage der schottischen Königin Maria Stuart, die in England Schutz suchte, aber von ihrer englischen Cousine Elisabeth I. seit 19 Jahren eingekerkert wird. Wer vertraut wem? Wer steht auf wessen Seite? Welcher (politische) Gesichtspunkt ist vorrangig? Hat Maria Stuart das Verbrechen, dessen sie beschuldigt wird, persönlich zu verantworten? Und unterliegt sie überhaupt der englischen Gerichtsbarkeit? Carolin Conrad als zögerliche, mit ihrem Gewissen ringende Elisabeth, Jördis Triebel als nach langem Kampf aufgebende, aber dennoch mit ungebeugtem Stolz als Königin in den Tod gehende Maria Stuart, Lambert Hamel als stets die Staatsräson vertretender Graf Burleigh gegen seinen Widerpart Talbot (Siggi Schwientek) führen uns hervorragend zusammen mit den ebenfalls gut besetzten Nebenrollen zum unweigerlichen Ende.

 

Eine wichtige Ergänzung erfährt das Schauspiel durch die Musik. Schottische Weisen aus der Zeit wurden interessant bearbeitet und interpretiert von Claus Boesser-Ferrari (Gitarre), ergänzt durch den Schotten Graham F. Valentine, der in Originalsprache und mit beeindruckendem Stimmumfang den Vokalpart bestreitet. Die beiden Musiker unterstreichen einerseits den Zeitgeist, in dem Schiller sein Trauerspiel angesiedelt hat, andererseits passt die Bearbeitung sehr genau in Barabara Frey’s modernisierte Auffassung.

Insgesamt eine sehenswerte Aufführung.

 

Informationen über  den Spielplan und Eintrittspreise über www.schauspielhaus.ch. Karten können ab 15. d. M. für den Folgemonat bestellt werden.

 

Für einen kürzeren oder auch mehrere Tage dauernden Aufenthalt bietet  Zürich eine sehenswerte Altstadt und viele attraktive Ausflugsmöglichkeiten. Oder stellen Sie Ihren Aufenthalt ganz auf Kulturelles ab: zahlreiche Ausstellungen und interessante Sammlungen im Kunsthaus, in der Kunsthalle und vielen – auch sehr speziellen – Museen warten auf Ihren Besuch. Wenn Sie eine „ZürichCARD“ (CHF 38,00) erwerben, können Sie Zürich 3 Tage lang mit Bus, Bahn, Straßenbahn und zu Schiff erkunden und haben freien oder reduzierten Eintritt in viele Museen. Weitere Infos unter www.zürich.com.  Darüber hinaus gibt es auch weitere interessante Kunstsammlungen, die nicht in diesem Programm enthalten sind; z.B. die Sammlung „Stiftung Emil G. Bührle“ – hier sind öffentliche Führungen allerdings nur zu bestimmten Terminen möglich; Informationen unter www.buehrle.ch.

(Gisela Baumann-Wagner)