SHOAH

Die Lichtburg in Essen zeigte am Sonntag (25. Januar 2015) in Anwesenheit des Regisseurs Claude Lanzmann und des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert den Film „Shoah“.
Ein außergewöhnliches Projekt, eines das Geschichte schreiben kann, so im Vorfeld die Veranstalter. Mit neun Stunden ist  „Shoah“ der längste Film der Filmgeschichte und eine Herausforderung für das Publikum. Lanzmann hat den Film zwischen 1973 und 1985 gedreht und dafür zahlreiche Preise erhalten. 2013 wurde er auf der Berlinale mit dem goldenen Bären für sein Lebenswerk geehrt.

Der lange Filmtag in der Lichtburg wurde durch Diskussionen, Kommentare, Gespräche und Pausen unterbrochen. Auffallend viele junge Menschen saßen im Kino um sich das Monumentalwerk anzusehen.


„Shoah“, thematisiert die Ermordung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung  in Europa zwischen 1941 und 1945. Mit seinen Dokumentationen und den Aussagen der Zeitzeugen stellt der Film schon heute ein Vermächtnis dar. Denn etliche Protagonisten, die im Film über Ausschwitz, Treblinka, Chelmno und Sobiko als Opfer, Täter oder Zeugen zu Wort kommen, leben nicht mehr.
Die Dokumentation verzichtet auf Archivbilder, Fotos von Leichenbergen werden nicht gezeigt. Der Regisseur wählte einen anderen Weg. Jahrelang suchte er nach Augen-und Zeitzeugen um sie über die Geschehnisse in den Vernichtungslagern zu befragen. Er fand sie in der Schweiz, in Israel, in New York und in Polen. Zu Wort kommen überlebende Opfer, Repräsentanten der Täter, Polen und Polinnen, die in der Nähe der Vernichtungsorte lebten und die Vorgänge dort beobachteten.

 

Die friedliche Landschaft zu Beginn wirkt idyllisch, fast poetisch. Ein Auftakt, den man so nicht erwartet. Simon Srebnik, ein Überlebender, unternimmt auf dem Fluss Narwa eine Bootsfahrt und singt dabei ein Lied. Es ist dasselbe Lied, das er als 13 jähriger, angekettet mit einer Fußfessel, regelmäßig einem SS Offizier vorsingen musste. Wegen seiner schönen Stimme kannten ihn die Dorfbewohner in Chelmno. Lanzmann hatte Srebnik in Tel Aviv aufgespürt und überzeugte ihn, mit ihm nach Polen zu reisen, um die Orte des Grauens aufzusuchen. Diese werden zu lebendigen Zeugen der Vergangenheit.


Die Opfer sind Überlebende des Sonderkommandos; Richard Glazar, Abraham Bomba, Rudolf Vrba und Filip Müller. Sie  berichten über ihr Martyrium und die Deportationen, über Abläufe und Geschehnisse in den Vernichtungslagern. Die SS wählten sie für den Arbeitseinsatz in den Konzentrationslagern in Treblinka und Ausschwitze aus. Ihre Berichte geben Zeugnis von den grauenhaften Taten der Nazis, konfrontieren mit qualvollen Schreien der Insassen, brutalen Schlägen der Aufseher und  Massenhinrichtungen, von Sonderzügen mit denen die Deportierten in völlig überfrachteten Waggons halbverhungert und verdurstet ankamen, den Selektionen an der Rampe, den Entkleidungen und Vorbereitungen für die Gaskammer. Abraham Bomba, ein Überlebender des Sonderkommandos, lebt heute in New York. Er gibt Auskunft über seine Arbeit in der Todesfabrik Ausschwitz.  Bomba gehörte der Gruppe von  Friseuren an, die den Frauen die Haare schneiden mussten, bevor sie in der Gaskammer starben. Seine Stimme versagt, als er sich erinnert, dass auch Mutter und Schwester eines Freundes unter den Frauen waren. Einer der emotionalsten Augenblicke in der Dokumentation.

Auch ein Täter kommt zu Wort. Franz Suchomel, Unterscharführer der SS. Er kam 1942 nach Treblinka und gehörte zur Wachmannschaft. Seine Aussagen werden mit versteckter Kamera gefilmt und verdeutlichen die Zeitabläufe im Lager. Sie folgten streng bürokratischen Regeln, um effizienz zu sein, Zwischenfälle sollten vermieden werden, damit der Betrieb nicht gestört wurde und keine Panik ausbrach.
Es  habe „Hochbetrieb“ geherrscht, sagte Suchomel, als er in Treblinka ankam.

Der Film ist ein Kunstwerk. Vergangenes wird in der Gegenwart bewusst gemacht und durchlebt. Das ist ein schmerzhafter Prozess. Nicht nur für die Protagonisten des Films, sondern auch für die Zuschauer. In vielen Szenen ist Henrik Gawkowski zu sehen, der Lokführer der Todeszüge. Er fährt die Lok noch einmal nach Treblinka.

Ästhetische Bilder erzeugen einerseits Distanz zum Geschehen, (wer vermutet schon in einer friedlichen Landschaft mit Wäldern und Flüssen ein Vernichtungslager), andererseits wirken sie durch ihre Unmittelbarkeit. Da sind ratternde Züge, die unaufhörlich in die Lager rollen, eine schwarze, bedrohlich wirkende Lok, die näher und näher kommt, vor der es kein Entrinnen zu geben scheint, die immer größer wird und schließlich die ganze Leinwand im Kino einnimmt. Auf dem Kirchplatz lässt Lanzmann Simon Srebnik posieren. Die Dorfbewohner werden gefragt, ob sie sich an den singenden Jungen  erinnern. Sie erkennen ihn. Der Regisseur will wissen, was sie über Juden denken. Ihre  Äntworten offenbaren ihre antisemitische Gesinnung.  Währenddessen öffnet sich das Kirchenportal und eine Prozession tritt heraus. An dessen Ende schreitet ein Priester. Der erhobene Arm umklammert fest eine Monstranz.


Auf die Frage nach dem "Warum der Judenverfolgung" gibt der Regisseur keine Antwort. Er hüllt sich in Schweigen.

 

Es gibt keine Antwort.


Das unbeschreibliche Leid der jüdischen Bevölkerung darf niemals vergessen werden.
„Jeder der heute einem Zeugen zuhört, der wird selbst ein Zeuge werden.“ Diesen Satz von Elie Wiesel sollten wir heherzigen.