Das rote Hemd: Blut wird fließen. Sie lassen ihn nicht mehr in Ruhe: die inneren Stimmen. Josef K. fühlt sich nicht schuldig und dennoch glaubt er sich rechtfertigen zu müssen. Fotos: Martin Kaufhold
Das rote Hemd: Blut wird fließen. Sie lassen ihn nicht mehr in Ruhe: die inneren Stimmen. Josef K. fühlt sich nicht schuldig und dennoch glaubt er sich rechtfertigen zu müssen. Fotos: Martin Kaufhold

Der Prozess

Nach dem Roman von Franz Kafka

 

 

Bühnenfassung und Inszenierung von Moritz Peters

Bühne: Lisa Maria Rohde

Kostüme: Christina Hillinger

Musik: Tobias Schütte

Videografie: Daniel Frerix

Dramaturgie: Anna-Sophia Güther

 

Premiere am 18. Oktober 2013 im Grillo-Theater, Essen

An seinem dreißigsten Geburtstag ist Josef K. verhaftet worden. Es erfolgt keine Anklage: sein Leben geht weiter wie bisher. Zunächst.

Schauspiel Essen. Um das Ende vorwegzunehmen: rhythmischer, langdauernder und begeisterter Applaus belohnt die fünf Schauspieler und ein junges, sehr kreatives Team für diese Adaption von Kafkas Roman.

Die Parabel „Der Prozess“ (geschrieben vor 1920, veröffentlicht nach seinem Tode 1925) beschreibt die Existenzbedingungen des Menschen als ein auswegloses Dasein. Der Mensch ist von Anbeginn zum Tode verurteilt. Gleich am Anfang der Inzenierung ist eine schöne Metapher zu sehen: die Menschen werden aus dem gleißenden Licht ins Leben geworfen und gelangen auf die schiefe Ebene des Lebens, die mit fortschreitendem Prozess immer kleiner wird.

Josef K. erfährt am Morgen seines 30. Geburtstages, dass er verhaftet ist. Es musste ihn jemand verleumdet haben, denn er hatte nichts Böses getan. Von nun an durchläuft er einen geheimnisvollen Prozess, während dessen menschliche Verhaltensweisen und Schwächen sein anscheinend unabwendbares Schicksal bestimmen. Alles was geschieht – und das ist laut Programmheft das eigentliche Thema dieser Aufführung –„ scheint sich K. zu entziehen, sich ihm und seiner Beharrlichkeit zu verweigern …. als ob diese Ereignisse nicht passieren dürften. Was geschieht, geschieht nur aufgrund des Tuns desjenigen, dem es geschieht.“ Josef K. kann sich zwar einerseits frei bewegen, muss aber andererseits versuchen, seinen Prozess zu beeinflussen, das drohende Urteil abzuwenden. Die Regeln, nach denen sein Leben abläuft, sind ihm nicht bekannt. Einem System von Über- und Unterordnung versucht er entgegen zu treten, aber anscheinend ohne jede Aussicht auf Erfolg. Jeder Versuch einer Richtigstellung verkehrt sich in ein nicht intendiertes Ergebnis: die relativ geringen Verfehlungen seiner Wächter werden zwar angezeigt, führen aber nur zu deren Bestrafung durch „den Prügler“: „ Ich bin zum Prügeln angestellt, also prügle ich!!!“ Willfährigkeit, Dienstfertigkeit, Unterwürfigkeit finden sich auf jeder Ebene des Rechtssystems, der wohlmeinenden Helfer und Unterstützer, der Kirchendiener, der im Dienste des nebulösen „Gesetzes“ stehenden Beamten und erschüttern Josef K.‘s Glauben in die Weltordnung nachhaltig.

Josef K. und Frl. Bürstner. Sie ist seine Nachbarin und interessiert ihn.
Josef K. und Frl. Bürstner. Sie ist seine Nachbarin und interessiert ihn.

Die Rollen der vielen symptomatisch auftretenden Gestalten werden von fünf Schauspielern bewältigt. Jörg Malchow in der Hauptrolle, sowie Johann David Talinski, Axel Holst, Thomas Büchel und Floriane Kleinpaß können durch ihre Mimik und Gestik begeistern und so manchen Lacher provozieren, der dem Zuschauer allerdings gleich anschließend im Halse stecken bleibt. Besonders Jörg Malchow imponiert in der Rolle des Prokuristen und Karrierebeamten Josef K., dem es an Selbstgefälligkeit und Arroganz zunächst nicht zu mangeln scheint. Das feine Nadelstreifen-Sakko assoziiert den korrekten Mitarbeiter der Bank. Authentisch gelingt es Malchow die typischen Charakterzüge und die Verhaltensweisen Josef Ks offen zu legen, ausgehend von der Verhaftung bis hin zur Demontage: Ehrgeiz, Profilierungssucht und Selbsttäuschung.

Man mag vielleicht darüber streiten, ob in dieser Bühnenfassung die meisten der im Roman enthaltenen Aspekte zur Geltung gekommen sind. Doch das Wesentliche zeigt die Inszenierung in vielen kreativen Bildern. Wer damit nicht zufrieden ist, sollte sich vielleicht die Mühe machen, den Roman ganz zu lesen. Es lohnt sch.

 

Weitere Aufführungen: 25. Okt./2. – 17. – 21. November 2013

 

20. Okt. 2013/ Gisela Baumann-Wagner

"Wie es euch gefällt" von William Shakespeare

 Premiere: 1. Juni 2013

 Schauspiel Essen

Inszenierung: Martin Schulze

Dramaturgie: Carola Hannusch

Rosalind (Silvia Weiskopf) und Celia (Laura Kiehne)
Rosalind (Silvia Weiskopf) und Celia (Laura Kiehne)

 

 

Zwei die sich lieben: Rosalind und ihre Cousine Celia.

 

Celia geht freiwillig mit Rosalind in die Verbannung.

 

 

 

 

 

Kostüme: Ulrike Obermüller

Bühne: Daniel Roskamp

 

 


alle Fotos: Diana Küster

Fotos vergrößerbar!

Rosalind als verkleideter Ganymed
Rosalind als verkleideter Ganymed

Ist unsterblich in Orlando verliebt und prüft ihn als Ganymed auf seine Verläßlichkeit: Rosalind.

Sie flüchtet in den Wald von Arden, wo schon ihr Vater ist.

Beide sind von Herzog Frederick verbannt worden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Die Welt als Bühne

Die Quelle für die Komödie „Wie es euch gefällt“ findet sich in dem 1590 erschienenen Schäferroman „As jou like it“ von Thomas Lodge. Shakespeare verknüpfte die Handlungsstränge kunstvoll und verlegte sie in den Ardenner Wald.

 

Das Paradies ist eine Utopie. Nach drei Stunden „Shakespeare“ im Grillo-Theater gibt es Gewissheit. Die Suche nach der schönen neuen Welt muss fortgesetzt werden.

 

„Die ganze Welt ist eine Bühne und ob Frau oder Mann sie sind nur Spieler“ so lauten die berühmten Worte des Melancholikers Jacques in „Wie es euch gefällt“. Das Spiel mit Identitäten und Geschlechterrollen, mit Adeligen und einfachen Bürgern, mit der Liebe und der Poesie nimmt seinen Anfang am Hofe des Herzogs Frederiks.

 

Auftakt

Regisseur Martin Schulze konstruiert im 1. Akt eine düstere, höfische Welt auf der Grillo Bühne. Eine karge Welt, in der von Freude und Heiterkeit nichts zu spüren ist. Bewusst verzichtet er auf überflüssige Requisiten und farbliche Akzente. Starre Konventionen und hierarchische Strukturen beherrschen die Szene. So fällt gleich zu Beginn der Handlung auf, dass der treue Diener "Adam" keine Achtung durch seine Herrschaft erfährt. (Beeindruckend in der Rolle Sven Seeburg, Ulrike Obermüller hat ein dickes Lob für die Kostüme verdient).

 

Die Menschen am Hof tragen klassisch geschnittene, schwarz-weiße Bekleidung, die stark bewegungshemmend ist. Schulzes Figuren erinnern eher an ferngesteuerte Roboter als an lebendige Menschen, wenn sie auf- und abgehen. Die metallisch klingende Musik von Dirk Raulf, die das Szenarium begleitet, verstärkt noch die bedrückende Atmosphäre. Da passt es dann ins Bild, wenn Rosalind (Silvia Weiskopf) und Celia (Laura Kiehne) schwarz-glänzende Roben tragen, die eher zu trauernden Witwen als zu lebenslustigen jungen Frauen passen. Obwohl doch Rosalind allen Grund zur Freude hätte, denn sie hat sich kurz vorher unsterblich in Orlando (Daniel Breitfelder) verliebt.

 
Orlando (Daniel Breitfelder) und Oliver (Jörg Malchow)
Orlando (Daniel Breitfelder) und Oliver (Jörg Malchow)

 

 

 

 

Blinder Hass und Rivalität zwischen den Brüdern:

Oliver und Orlando

 

 

 

Orlando ist dem Neid und Hass seines Bruders ausgesetzt.

Er muss zunächst um sein Leben fürchten.

 

 

Oliver sieht am Endes des Stückes sein Unrecht ein und versöhnt sich mit seinem Bruder.

 


alle Fotos: Diana Küster

 

 

 

 

Die Konflikte des Elisabethanischen Dramas

 

Die Inszenierung von Schulze zeigt zwei Handlungsstränge: Die Suche nach der einen, großen und wahren Liebe und die Feindseligkeiten zwischen den Brüderpaaren: dem alten Herzog und seinem Bruder Frederick sowie den Brüdern Orlando und Oliver. Der Herzog wird von seinem jüngeren Bruder Frederick in die Verbannung geschickt und Oliver will Orlando vernichten, weil er ihm die Beliebtheit neidet. (Kain-Abel Konflikt). Bis Rosalind und Orlando sich endlich finden, dauert es lange. Als Hauptakteurin des Gefühl-Verwirrspiels beeinflusst die Tochter des verbannten Herzog alle anderen Figuren.

 

 

Paradiesische Zustände

 

Während die höfische Welt die Unfreiheit menschlichen Lebens symbolisiert, wird mit dem Wald von Arden das Königreich der Natur und der Freiheit vorgestellt. Der mythische Ort, so verdeutlicht es die Regie, wird zur Begegnung für Verliebte und Verbannte, Adelige und Knechte, verfeindete Brüder, Narren und Melancholiker. Weit entfernt vom höfischen Leben und von der Zivilisation suchen die Menschen dort nach der großen Liebe und der eigenen Identität. Doch die angeblich bessere Welt stellt sich in der Inszenierung als Utopie heraus und wird als solche verspottet. Es gibt keine Idylle. Berge von Altkleidern fallen auf die Spielfläche. Der Zauberwald ist zur Müllhalde geworden.

Und deutlich wird: Die Freiheit ist auch hier nicht grenzenlos und nach paradiesischen Zuständen sucht man vergeblich. Frauen sind nicht leicht zu haben und längst nicht so willig, wie es sich die Männer erträumen. Stefan Diekmann als Narr Touchstone ist umwerfend komisch, wenn er sich bemüht, dass Landmädchen Audrey ins Bett zu bekommen. Dass die viel gepriesenen Früchte aus dem Garten Eden nicht mehr das sind, was sie einst waren, muss zudem Celia erkennen. Ein unangenehmer Duft strömt von ihnen aus. Wen wundert es da, dass die verbannte Hofgesellschaft erkennen muss: Mit der Gesellschaft in der Idylle steht es nicht zum Besten, längst herrschen kapitalistische Regeln.

 

So hat der Edelmann Jacques allen Grund zur Melancholie. Neben Rosalind ist die Figur des "Melancholikers" eine der interessantesten in der Inszenierung. Vor sich hinsinnend, Runde um Runde über die Bühne wandernd, lässt er das Publikum ab und zu an seinen hochgeistigen Ideen teilhaben. Tom Gerber erinnert in seiner Verkörperung des „Melancholikers“ stark an Caspar David Friedrich, der auf dem Kreidefelsen verharrt. Von einem Müllberg aus auf das Meer zu blicken, hätte den Maler allerdings bestimmt deprimiert.

Tom Gerber in der Rolle des Edelmanns Jaques
Tom Gerber in der Rolle des Edelmanns Jaques

 

Berühmte Worte von Jaques: "Die ganze Welt ist eine Bühne . Und Männer, Frauen, alle sind bloß Spieler".


 

Fast drei Stunden liefern sich die Protagonisten aufregende Rededuelle und spannende Dialoge. Bis zum Schluss hält die Regie Rosalinds Maskerade aufrecht (Silvia Weiskopf spielt den Ganymed voller Inbrunst). Erst dann wird das Verwirrspiel aufgedeckt. Rosalind und Orlando verlassen als Paar die Bühne.

 

Ob die drei anderen Paare zueinanderfinden oder auseinandergehen lässt die Regie offen - Celia turtelt total verliebt mit dem geläuterten Oliver (Jörg Malchow), Narr Touchstone und Landmädchen Audrey (Floriane Kleinpaß) scheinen in Sachen Liebe noch immer uneins und der liebeskranke Silvius (Tobias Roth) versucht weiter sein Glück bei dem spröden Schäfermädchen Phöbe (Bettina Schmidt).

 

Fazit

Eine fantasievolle Inszenierung mit viel Ironie und Spiellust, ungemein schlagfertigen Dialogen, ästhetischen Kostümen und wunderbaren Darstellern. Und mit sehr viel Stoff zum Nachdenken.

 

Nächste Vorstellungen:

05. Juni ’13 19:30 - 22:30 Uhr

16. Juni ’13 16:00 - 19:00Uhr

29. Juni ’13 19:30 - 22:30 Uhr

04. Juli ’13 19:30 - 22:30 Uhr 

11. Juli ’13 19:30 - 22:30 Uhr

13. Juli ’13 19:30 - 22:30 Uhr

 

 

 

 

Theater - Premieren

Kaspar Häuser Meer

Von Felicia Zeller

Premiere am 29. September 2012 im Grillo-Theater

Inszenierung:  Thomas Ladwig

Dramaturgie:   Judith Heese

Bühnenbild:      Ulrich Leitner

 

Felicia Zeller – 1970 in Stuttgart geboren, jetzt in Berlin lebend – hat das Stück als Auftragsarbeit für das Freiburger Theater geschrieben. Die immer wieder durch die Presse veröffentlichten grausamen Kinderschicksale wie das des 2006 in einem Kühlschrank tot aufgefundenen Kevin führten auch zu immer wiederkehrenden Debatten über die Versäumnisse der Jugendämter. Felicia Zeller stellte sich der Herausforderung, dieses Milieu zu beleuchten. Die Auftragsarbeit wurde in Freiburg im Januar 2008 uraufgeführt. Im gleichen Jahr erhielt das Stück den Publikumspreis bei den Mülheimer Theatertagen. Über ihre Arbeit sagt sie: „Scheitern beschreibt hier nicht einen Skandal, sondern ist auszuhaltender Teil der Arbeit: Helfen mit Risiko.“ Felicia Zeller hat sehr genau die Arbeit der Sozialämter analysiert. Ihr Blick und damit der des Zuschauers richtet sich auf den Alltag einer Sozialarbeit, der bestimmt ist von ständiger Überforderung und einer geringen gesellschaftlichen Anerkennung durch enge Begrenzung der zur Verfügung gestellten Mittel. Gerade durch diese Beschränkung der Sicht auf die eine Partei im fortwährenden Kampf gegen Kindesmisshandlung und Verwahrlosung gelingt die Zustandsbeschreibung an dieser traurigen Front bis zur Schmerzgrenze gut.

 

Drei Sozialarbeiterinnen, sowieso schon mit kaum zu bewältigenden Fallzahlen betraut, müssen nun auch noch die Fälle des durch „Björn-Out-Syndrom“ ausgeschiedenen Kollegen übernehmen – Aushilfen werden wegen des begrenzten Budgets nicht eingestellt. Sie sind auch „nur“ Menschen: da ist zum einen die erfahrene Kollegin Barbara, die eigentlich davon träumt, mal endlich in Urlaub fahren zu können und sich routiniert den Fallzahlen ergibt, da ist zum anderen die gerade von der Fachhochschule gekommene Annika, die sich durch Gründlichkeit gründlich im Wege steht, sowie Silvia, die ihre Überforderung bei Moorhuhn-Spielen und durch Alkohol abreagiert. Die drei erleiden ihren Alltag, der sie statt der angestrebten Sozialarbeit zu Fallmanagerinnen gemacht hat. Sie möchten eigentlich helfen und können nur verwalten. Nie haben sie Zeit, jeden Tag ertrinken sie in einer Flut von Anforderungen und zu dokumentierenden Zuständigkeiten. Die Abwägung zwischen elterlichen Rechten und ihrer von Staats wegen auszuübenden Pflichten zermürbt sie bis zur Verzweiflung – und manchmal kommt Hilfe eben auch zu spät. Die permanente Überforderung gebiert die Unfähigkeit, sinnvolle Handlungen zu steuern. Annika als alleinerziehende Mutter gerät dabei selbst ins Blickfeld des Jugendamtes. Das alles wird in einer eindringlichen Sprache erzählt: die Sätze jagen sich, können oft nur noch in Kurzform gesprochen werden. Die Amtssprache, der Duktus der Verwalter und der Verwalteten wechseln sich ab in hohem Tempo, oft in einem abgehackten Sprachrhythmus, manchmal einzeln, manchmal zu dritt – als Zuschauer ist man gefordert und gebannt. Das hoch Dramatische schlägt dabei manchmal ins absurd Komische um: es darf auch gelacht werden an diesem Theaterabend, auch wenn  das Lachen gleich anschließend im Halse stecken bleibt.

 

Felicia Zeller ist eine Meisterin der Sprache. Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat ihr dieses Jahr den Georg-Büchner-Preis verliehen.

 

Ingrid Domann, Barbara Hirt und Silvia Weiskopf bewältigen die sprachliche und schauspielerische Herausforderung glänzend. Sie agieren in einem Bühnenbild, das die Begrenzungen ihrer Situation sichtbar macht. Da sind über- und nebeneinander gestapelte Räume, in die man sich jeden Tag hineinzwängen und abends wieder hinauszwängen muss, angefüllt mit „Fällen“ und Endlospapier. Aus diesen Räumen und aus diesen Begrenzungen gibt es kein Entkommen.

 

Ein begeistertes Publikum belohnt das Ensemble mit lang anhaltendem Beifall.

 

1.10.12/GBW

 

Bunbury oder wie wichtig es ist, Ernst zu sein

Schauspielhaus - Kammerspiele - Bochum

Bunbury oder wie wichtig es ist, Ernst zu sein (7. April 2012) Eine triviale Komödie für ernsthafte Leute (Uraufführung. London 1895)

 

Die im Bochumer Schauspielhaus aufgeführte Komödie von Oscar Wilde ist die amüsante Geschichte von zwei jungen Männern, die fiktive Personen erfinden. Deren vermeintliche Existenz ermöglicht es ihnen, uneingeschränkt von den Regeln der Gesellschaft, ihren Wünschen und Schwächen nachzugehen.

So ist Jack Worthing auf dem Lande Jack; in der Stadt nennt er sich aber Ernst. Um von Cecily, seinem Mündel, das nichts von seinem ausschweifenden städtischen Leben wissen soll, respektiert zu werden, hatte er ihr vorgeschwindelt, dass in London sein Bruder Ernst lebe, der aber sehr übermütig und leichtfertig und daher kein guter Umgang für sie sei. Sein Freund Algernon Moncrieff gesteht ihm, dass er zu einem ähnlichen Trick gegriffen habe. Er habe einen erkrankten Verwandten mit Namen Bunbury erfunden, der ihm für vergleichbare Fälle als Ausrede diene.

Die absurden Situationen, die aus diesen und anderen Lügen, Täuschungen und Teilwahrheiten entstehen, werden noch verstärkt durch das Auftreten der Tante Algernons, Lady Bracknell, mit Gwendolin, deren Tochter, sowie Cecily und deren Gouvernante Miss Prism.

Cecily verliebt sich augenblicklich in Algernon, der sich als der Buder Jacks vorgestellt hatte und dessen angeblich leichtfertiges Leben in London schon vorher ihr Fantasie angeregt und Emotionen geweckt hatte.

Gwendolin macht Jack, als sie sich ineinander verlieben, klar, dass ihr absolutes Kriterium für eine Heirat ist, dass der Mann Ernst heisst.

Die beiden jungen Frauen scheinen darüber hinaus keine weiteren Interessen zu haben.

Lady Bracknell und Miss Prism stehen für die "Tugenden" der Gesellschaft, wobei sich später herausstellen wird, dass die als besonders hervorragende Erzieherin eingeführte Miss Prism auch ein dunkles Geheimnis hat.

 

Für die Inszenierung in Bochum hatte sich der Regisseur etwas Besonderes ausgedacht. Die Vorstellung fand auf zwei Ebenen statt. Es gab ein Kasperletheater (Theater imTheater), das den Hauptakteuren für ihre Turnübungen eine ordentliche Kondition abverlangte und den Zuschauern tiefe Einblicke gewährte. Insgesamt fühlte man sich als Zuschauer in ein bayerisches Bauerntheater versetzt. Es gab viel Klamauk. Es wurde geschrien, gesprungen, getrampelt und geprügelt wie auf dem Oktoberfest.

Selbst die Damen regelten ihr vermeintlichen Schwierigkeiten nicht nach dem Vorbild des Meisters des Dialogs sondern durch Handgreiflichkeiten und Prügeleien zum Teil mit archaisch aussehenden Knüppeln. Lady Bracknell, die streckenweise wie eine Walküre wirkte, bekam auch etwas mit einem Knüppel auf den Kopf, schien aber absolut unbeteiligt, egal ob sie geprügelt wurde oder Algernon immer mal wieder unter ihrem Reifrock hervorgekrochen kam. Darüber hinaus tauchten Männer in Frauenkleidern auf und Algernon tätschelte seiner Tante im Vorbeispringen auch mal die Brust. Um das Niveau zu heben, war Richard Wagner in Bild und Ton präsent.

 

Oscar Wilde, der Meister des Paradoxons lässt Lady Bracknell sagen: "Zum Glück bringt wenigstens in England die Erziehung keinerlei Erfolg hervor. Wenn sie es täte, würde sie sich als eine ernste Gefahr für die oberen Schichten erweisen und wahrscheinlich zu Gewaltakten ... führen."

 

Von der bei Tucholsky beschriebenen und hoch gelobten schwebenden Leichtigkeit der Form und des Witzes, leise und unaufdringlich und unerhört wirksam, war bei dieser Inszenierung wenig zu spüren. Der Regisseur hatte offenbar nicht verstanden, dass es gerade bei diesem Stück auf die "Sterne des Dialogs" ankommt.

 

Zum Schluss, als das ganze Lügengebäude zusammenbricht, auch das Theater im Theater, ist alles etwas weniger schrill. Es folgt keine Bestrafung der Lügen, sondern die vormaligen Lügen stellen sich in grotesker Weise als Wahrheit heraus. Jack heißt tatsächlich Ernst. Die Hochzeit kann also stattfinden. Auch seine bislang im Nebel der Vergangenheit ruhende Herkunft, sowie das damit verbundene Geheimnis um Miss Prism klären sich auf und Algernon ist tatsächlich der Bruder von Ernst (Jack).

 

 

Insgesamt ist festzuhalten, dass ein bisschen mehr der "feinen englischen Art" der Inszenierung gut getan hätte und sicherlich auch einige Längen erst gar nicht entstanden wären.

Die wunderbaren Dialoge Wildes verlieren durch das von der Inszenierung vorgegebene "Theater" an Wirkung.

Die trotz allem guten Leistungen des Ensembles konnten diese Mängel nicht ausgleichen. Schade.

(EKla)

 


Kabale und Liebe

Ein bürgerliches Trauerspiel

von Friedrich Schiller

Premiere: 24. März 2012

Schauspiel Essen

Inszenierung: Martina Eitner-Acheampong

 

"Kabale und Liebe" entstand am Ende der Sturm-Drang-Epoche, wenige Jahre vor Beginn der Französischen Revolution. Die Anzeichen für eine Krise hatten sich verstärkt, die alte Ordnung sollte es bald nicht mehr geben.

 

Schillers Werk nur auf Liebe und Intrige zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht. Die Verhältnisse im bürgerlichen Trauerspiel sind weitaus komplizierter. Es geht es um drei große Themenbereiche: Familienkonflikt, Standesprobleme und Absolutismuskritik.

 

Im 21. Jahrhundert greift Ferdinand zur  Gitarre und schmettert für seine Luise ein Liebeslied. Schillers Klassiker, in der Inszenierung von Martina Eitner-Acheampong, hat ein modernes Gewand bekommen. Im gläsernen Einkaufspalast (Jan Steigert) als Handlungsort mit Treppen und Drehtür, fahren die Protagonisten Treppen rauf und runter und springen mehr oder weniger schwungvoll über Brüstungen.

 

Bürgerliches Heim der Millers: Das war einmal. Die Regisseurin verlegt die Handlung gleich in der ersten Szene  in eine Bar. Vater Miller (Gerhard Hermann) hält sich dort auf und ist tief beunruhigt. Die Ordnung in seinem Haus ist gefährdet, denn seine Luise liebt den adeligen Ferdinand. Ihre Tugend ist damit in Gefahr. In der ständisch-patrialischen Welt ist für diese Liebe kein Platz.

 

Mutter Miller gibt es nicht mehr. Die Regie hat sie wegrationalisiert. Ersetzt durch eine Bardame. Eva Kurowski im Knall-roten Kleid beteuert wiederholt: „Luise, du bist zu etwas Höherem bestimmt".

 

Lisa Jobts "Luise" wirkt nicht naiv oder ängstlich. Die Regisseurin hat die Titelheldin als modernes selbstbewusstes Mädchen gezeichnet. Ihr weiß-violettes Blumenkleid ist eine Anspielung auf das Veilchen Zitat im ersten Akt des Dramas: „Dies Blümchen wäre es ein Veilchen und er träte drauf, und es dürfte bescheiden unter ihm sterben.“ Luise fällt der Intrige Wurms (David Simon) zum Opfer, da weicht die Inszenierung nicht vom Klassiker ab. Tod durch vergiftete Limonade ist ihr Schicksal.

 

In der temporeichen Inszenierung von Martina Eitner-Acheampong geht es in den ersten drei Akten turbulent zu. Die Figuren brüllen, lachen, telefonieren, greifen zu Musikinstrumenten und posieren vor laufender Kamera. Allen voran Jan Pröhl, der als Präsident Walter und Ferdinands Vater eine ungeheure Bühnenpräsenz besitzt. Er überzeugt als skrupelloser Machtmensch, der alle Register zieht, um Untergebene gefügig zu machen. Als Werkzeuge seines Machtstrebens dienen ihm Wurm und Hofmarschall Kalb.

 

Wurm ist längst nicht der Fiesling, wie Schiller ihn beschreibt. David Simon verleiht ihm durchaus sympathische Züge, die Hinterhältigkeit sieht man ihm nicht an. Eindrucksvoll porträtiert er den Grenzgänger höfischer und bürgerlicher Welten, dessen Kalkül es ist, Luise für sich zu gewinnen. Sein vergeblicher Versuch sich gegen den Präsidenten zu stemmen, erregt fast Mitleid.

 

Dem autoritären Gehabe des Präsidenten muss sich auch Hofmarschall Kalb beugen. Stefan Diekmann als schillernder Popstar karikiert die perfide Figur mit gestelztem Gang und flippiger Kleidung.

 

Johann David Talinskis "Ferdinand" läuft besonders in den letzten Akten zur Höchstform auf. Der adelige Rebell: sportlich ambitioniert, mit musikalischen Neigungen und Absolutheitsanspruch an Luise, widersetzt sich den Anordnungen seines Vaters.  Auch gegenüber den Verführungskünsten von Lady Milfford (Karin Moog) bleibt er  standhaft.

 

Schillers Sprache dient der Charakterisierung der Figuren und der Schichten, in denen sie zuhause sind. Ihre Bildhaftigkeit ist ein wesentliches Merkmal.

Eitner-Acheampong begegnet der Schillerschen Sprache selbstbewusst. In den ersten drei Akten kombiniert sie starke Bilder mit gestischem Reichtum. Manchmal schon zu dick aufgetragen drohen sie ins Klischeehafte abzurutschen. Während die beiden letzten Akte den Fokus auf die handelnden Personen und die Art ihres Sprechens legen. Unnötige Regiemätzchen fallen weg. Die Dramatik erreicht durch die Schillersche Sprachgewalt ihren Höhepunkt. Ferdinand legt sich mächtig ins Zeug und die Inszenierung erlangt emotionalen Tiefgang. Das tut ihr gut.

 

Es gab sehr viel Beifall für das gesamte Ensemble.

 

(HA-K)

 

www.theater-essen.de

Premiere im Grillo-Theater
24. März 2012

 

Weitere Vorstellungen:

  • 29. März ’12 19:30  » Tickets
  • 01. April ’12 19
  • 27. April ’12 19:30
  • 12. Mai ’  12 19:30
  • 20. Mai ’  12 19 -
  • 26. Mai ’  12 19:30 -
  • 03. Juni ’ 12 16 Uhr

 

Heim.Spiel.Essen.

Heim.Spiel.Essen.

Textfassung: Tom Gerber, Carola Hannusch, Susanne Nowack

Inszenierung und Bühne: Tom Gerber

Dramaturgie: Carola Hannusch

Off Stimme: Jakob Schmidt

Casa - Essen

Premiere: 23. März 2012

 

„Ich heiße Alfred. Ich bin der neue Bürgermeister von Essen. Dieser

Satz löste große Heiterkeit beim Publikum aus. Alfred gehört zu den Laiendarstellern, die ihre Lebensgeschichte am Freitagabend in der Casa präsentierten.

 

Es sind bewegende Geschichten über Menschen, die in Essen angekommen sind, die geblieben oder wieder gegangen sind. Die Texte beruhen auf Interviews, die 2010 für das Projekt "Winterreise" durchgeführt wurden. Die Produktion kam nicht zur Aufführung, künstlerische Differenzen zwischen Intendant und Regisseurin Bernarda Horres waren damals vorausgegangen.

 

Für Heim.Spiel.Essen hat Tom Gerber die Regie übernommen. Der Intendant des Schauspiels Essen, Christian Tombell,  hat ihn 2010 als Schauspieler engagiert. Seitdem gehört er zum festen Ensemble. Es ist seine erste Regiearbeit in Essen.

 

Vierzehn Laiendarsteller zwischen 25 und 85 Jahre alt wirken mit in der Produktion. Mit ihnen gemeinsam stehen die fünf Profi-Schauspieler: Frank Buchwald, Jannik Nowak, Sven Seeburg und Silvia Weiskopf auf der Bühne. Sie fungieren als authentische Double der Laien; das Zusammenspiel funktioniert hervorragend.

 

Auf der Bühne stehen verstreut Umzugskisten herum. Videoaufnahmen laufen. Zerstörte Häuser aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg sind zu erkennen. Ein anderes Bild zeigt hastende Menschen in überfüllten Einkaufsstraßen. Auf weiteren Aufnahmen sind einige Laien-Schauspieler in ihren Wohnungen zu entdecken.

 

Eine alte Dame in einem weißen Anzug wird mit dem Rollstuhl auf die Bühne geschoben. Es ist Ruth Ätzler. Sie fängt gleich an zu erzählen. Aus Königsberg stammt sie, musste in den Westen fliehen. Willkommen war sie dort nicht. In Essen hat sie schließlich eine neue Heimat gefunden. Ihr Traum war es Schauspielerin zu werden. Und dann ist da Theo; er schreibt leidenschaftlich gerne Kurzgeschichten und Gedichte. Theo mag die Ruhrgebietsstädte. Nicht nur Essen, auch Dortmund gefällt ihm besonders gut.

 

Von seinem Beruf als Rechtsanwalt berichtet Willi. Hart gearbeitet hat er, geht heute noch jeden Tag ins Büro. Er spricht von Gerechtigkeit und über seine Ehe. „Burn-out" das kannten wir früher nicht und zum Psychologen liefen wir auch nicht, lautet sein Kommentar. Wir haben uns durchgewurschtelt.

Aus dem Iran ist Pedram Dastyari nach Essen gekommen. Er hat hier studiert. Musik ist sein Leben. Er liebt den Stadtteil Rüttenscheid. Da ist immer etwas los, bekräftigt er.

Alfred erzählt von Altendorf. Dort lebt er jetzt. Der Stadtteil ist in Verruf geraten. Wegen des Drogenhandels. Früher hat er in der Potsdamer Str. in Essen-Frohnhausen gewohnt. Schon mit 35 Jahren konnte Alfred seinen Beruf nicht mehr ausüben. Wegen seines Alkoholkonsums. Er suchte Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern, leitete später selber eine Gruppe.

Rezo erzählt, wie seine Karriere als Schauspieler in Essen begann. Gelebt hat er in Tiflis, war dort als mehrfach ausgezeichneter Theater-und Kinoschauspieler sehr beliebt.

 

Heimat, das ist dort, wo das Herz ist, wo man zuhause ist. Wo Menschen leben, die einem nahe stehen. Ein kleiner Junge spricht emotionale Worte, Worte die ans Herz gehen, Worte die zu Fixpunkten einer berührenden und durchweg schlüssigen Inszenierung werden.

 

Mit den wunderbaren Darstellern (Laien und Profis) poetischen Texten, vielseitigen Aspekten und Videos gelingt eine Annäherung an den Begriff der "Heimat". Dass er in vielen Richtungen interpretierbar ist, versucht Tom Gerber mit seiner beeindruckenden Regiearbeit zu vermitteln.

(Ursula Harms-Krupp)

 

Große Begeisterung für das gesamte Ensemble.

 

Vorstellungen: 28. März, 13. April 2012

TicketCenter
II. Hagen 2
45127 Essen
Telefon: 02 01 81 22-200
Info-Hotline: 02 01 81 22-600
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