Theater

Claus Boesser-Ferrari und Hansa Czypionka
Claus Boesser-Ferrari und Hansa Czypionka

Lenz – Scapes

Mit Hansa Czypionka und Claus Boesser-Ferrari

Am 28. April 2013 im Schauspiel Bochum/Kammerspiele

 

2013 jährt sich Georg Büchners Geburtstag zum 200. Mal. Dies mag der Grund gewesen sein für einen Abend „Büchner – Total“ im Schauspielhaus Bochum. Während im Haupthaus der viel inszenierte „Woyzeck“ geboten wurde, gab es in den Kammerspielen ein Kleinod:

 

Der aus Bochum stammende Schauspieler Hansa Czypionka, der bereits früher am Schauspielhaus zu sehen war und durch etliche Fernsehrollen Bekanntheit erlangte, und der international renommierte Solo-Gitarrist Claus Boesser-Ferrari wählten die vom erst 22-jährigen Georg Büchner geschriebene Erzählung „Lenz“ für eine gemeinsam präsentierte Lesung.

Lenz wandert durch’s Gebirge aus einem zunächst unbekannten Grund und einem unbekannten Ziel zu. Doch schon bei dem Hinweis in einem der nächsten Sätze „… er spürte keine Müdigkeit, nur war es ihm unangenehm, dass er nicht auf dem Kopfe gehen konnte …“ ahnt der Zuhörer, dass er sich auf schwierige Gedankengänge wird einlassen müssen. Büchners reiche Sprache beschreibt im weiteren Verlauf neben den äußeren Gegebenheiten vor allem die an- und abschwellende innere Zerrissenheit eines Menschen, der von schweren Depressionen geschlagen verzweifelt den Weg zur Erlösung sucht, aber nicht findet. Er findet nicht einmal den Tod – er wird in die innere Leere getrieben „… und so lebte er hin.“

Büchners Erzählkunst wird deutlich durch Czypionkas kraftvolle, eindringliche Stimme, begleitet von sparsamer Gestik und Mimik, die das dramatische Geschehen und Lenzens Leiden an der Welt begreiflich machen. Kongenial begleitet wird er von Claus Boesser-Ferrari, der in seiner sehr eigenständigen Tonwelt das Geschehen interpretiert. Er schafft eindrückliche Klangbilder, ergänzt Melodien, die der Zuhörer wiedererkennen mag, wie etwa das Lied „Es geht ein dunkle Wolk‘ herein“ oder „Wir sind nur Gast auf Erden“. Hansa Czypionka ergänzt durch klagende Bandoneon-Töne oder auf der Autoharp. Die Zuhörer/Zuschauer danken dem Duo mit herzlichem Applaus und werden noch belohnt durch eine Zugabe des von Hansa Czypionka stammenden Liedes „Die Welt ist schön“, das die schwere Kost des Abends leichter verdaulich macht.

Man könnte sich gut eine Fortsetzung vorstellen.

 

30.4.13/GBW

 

 

"A Clockword Orange"

Foto: Martin Kaufhold
Foto: Martin Kaufhold

Eine Utopie über Aggression

 

Gewalt

 

Entfremdung

 

Menschenverachtung

 

Manipulation

 

Freier Wille

 

 

 

 

 

 

 

 

Author: Anthony Burgess

Inszenierung: Hermann Schmidt-Rahmer

Premiere: Schauspiel Essen, 7. April 2013

 

Grenzenlose Gewalt

 

Gewalt in der Familie, in der Schule, auf der Straße, Gewalt gegen Ausländer und Andersdenkende. Kaum ein Tag ohne Hiobsbotschaften. Wie geht die Gesellschaft damit um?

 

Der Klassiker

 

Anthony Burgess veröffentlichte 1962 seinen Roman „A Clockword Orange“ und wurde damit auf der Stelle berühmt. Darin geht es um Gewalt, Brutalität, Exzesse und um Gehirnwäsche. Eine Bande aggressiver Jugendlicher treibt ihr Unwesen und stürzt sich voller Hass und blinder Zerstörungswut auf wehrlose Opfer. Von ihren grausamen Gewaltorgien sind sie durch keinerlei Maßnahmen abzubringen.

 

Hermann Schmidt-Rahmer inszeniert „A Clockword Orange für das Schauspiel Essen. Die Inszenierung folgt der Struktur des Romans. Allerdings sind die Texte auf die heutige Zeit bezogen und stellen gesellschaftliche Probleme in aller Schärfe dar.

 

In sieben Szenen werden dem Publikum die Bannbreite menschlicher Gewaltfähigkeit vor Augen geführt und Erklärungsversuche abgegeben.

 

Glückshormon


Doch zunächst tritt ein „Wissenschaftler“ vor das Publikum. Der Nationalökonom Paul Zak (Daniel Christensen) preist in einer Performance die Bedeutung des Schwangerschaftshormon Oxcytocin. Auch als Moralmolekül deklariert, fördert es die Empathie und soll glücklich machen.

 

 

Foto: Kaufhold
Foto: Kaufhold

Handlung

 

Die Drehbühne (Thilo Reuther) zeigt ein gutbürgerliches Haus. Es schellt. Unter dem Vorwand „bitte ein Glas Wasser, meinem Bruder ist schlecht", dringt die Gang ins Haus ein. Täter und Opfer stehen sich gegenüber. Der Horror  beginnt.

 

Die sieben Schauspieler wechseln brillant ständig die Rollen; spielen Menschen mit Migrationshintergrund, mit ADHS, Missbrauchserfahrung, religiöse Fanatiker, vernachlässigte Wohlstandskinder, etc.

 

Auch das Publikum wird mit in die Handlung einbezogen. Wie ist den Tätern beizukommen? Wie reagiert die Gesellschaft? Müsste sie nicht endlich einschreiten, den Exzessen ein Ende bereiten, eine Grenze ziehen?, fragt Alex (Daniel Christensen) lautstark in Richtung Zuschauerraum.

 

Zeitbezug

 

Rahmer setzt den Romanstoff nicht eins zu eins um, sondern arbeitet ihn an Zeitfragen ab. Seine Protagonisten stehen unter ständiger Beobachtung, werden analysiert, müssen sich Experimenten unterziehen.

 

So fragt Bettina Schmidt wiederholt: “Ist dieses Kind noch normal?“ "Es beginnt also mit Drogen"? Das Marschmallow Experiment testet Kinder und legt die Frühindikatoren für Gewalt fest. Und "live" ist das Publikum dabei, wenn Gehirnchirurgen die "Deep Brain Stimulation" durchführen, um Alexander zu einem besseren Menschen zu machen.

 

Die Regie hat dazu ein großes Gehirn auf der Bühne platziert. Mit allerhand Lämpchen ausgestattet, werden die jeweilig betroffenen Gehirnfelder beleuchtet und während der "OP" angezeigt. Alexander wird auf einen Operationsstuhl festgeschnallt. Eine Elektrosonde kommt zum Einsatz. Das Geräusch des surrenden Bohrers ist zu hören, als er sich in Alexanders Schädel bohrt. Der neurobiologische Eingriff beinflusst Denken, Fühlen und Verhalten, behaupten die Wissenschaftler.

Das Experiment ist geglückt, die Programmierung erfolgreich, die Wissenschaftler sind zufrieden.

Die Manipulation des Gehirns, eine wünschenswerte Zukunftsvision? Nicht für Burgess. Er lehnt Gehirnwäsche kategorisch ab. Rahmer allerdings weiß um die Möglichkeiten der Neurobiologie, die ständig voranschreitet und schon heute zum Wohle von Patienten Veränderungen an der Gehirnstruktur vornehmen kann. Der freie Wille existiert für diese Wissenschaftler nicht.

 

Ein tolles Ensemble erhält nach zwei Stunden Spielzeit ohne Pause begeisterten Applaus.

 

 

Faust I und II

Von Johann Wolfgang von Goethe

Grillo-Theater, Essen

Gesehen am 2.3.13 (Premiere)

Stefan Diekmann, Jan Pröhl     .    Foto: Birgit Hupfeld
Stefan Diekmann, Jan Pröhl . Foto: Birgit Hupfeld

 

Es spielen: Jan Pröhl, Stefan Diekmann, Laura Kiehne, Andreas Maier, Sven Seeburg,

Tobias Roth, Thiemo Schwarz

Inszenierung: Christoph Roos

Bühne: Peter Scior

Dramaturgie: Vera Ring

Kostüme: Sonja Albartus

 

Gefangen in Rastlosigkeit

Den „Faust“ mit sieben Schauspielern bewältigen – was für ein Vorhaben: das Programmheft kündigt eine Strichfassung an – und der Zuschauer ist gespannt. Er sieht die radikale Beschränkung auf die Hauptfiguren Mephisto/Faust/Gretchen in Teil I und Mephisto/Faust/Helena in Teil II, jeweils begleitet von den allegorischen Figuren der Sorge, Not, Geist, Schuld, Mangel und jeweils im Wechsel dem Kaiser, Heermeister, Kanzler, Philemon und Baucis. Die von Goethe in vielen Szenen behandelten Sinnfragen (Auerbachs Keller / Walpurgisnacht / Schaffung des Homunculus etc.) sind gestrichen.

Regisseur Christoph Roos fokussiert seine Inszenierung konsequent auf die männliche Erlebniswelt. Faust ist ein Getriebener. Nachdem er vor Verzweiflung über die Unmöglichkeit weiteren Erkenntnisgewinns den Pakt mit Mephisto schließt und ihm für die Zufriedenheit des Augenblicks seine Seele verspricht, hetzt er durch ein Leben, in dem er mit Hilfe von Mephisto alles bekommt, was er begehrt. Da ist zunächst Gretchen, die er verführt, die er ins Unglück stürzt, die er zwar retten will aber nicht kann – sie entscheidet sich anders. Da ist auch die Schönste aller Frauen - Helena -, die ihm Mephisto zuführt, mit der er einen Sohn hat und die aus seinem Leben entschwindet, nachdem der Sohn tot ist. Er wendet sich dem persönlichen Erfolg zu und wird zum erfolgreichen Berater des Kaisers, verschafft ihm wirtschaftliche Erfolge und gewinnt Kriege, wird fürstlich belohnt und kann seine Vorstellungen in seiner von ihm geschaffenen Welt verwirklichen. Die fast leere Bühne verwandelt sich in eine moderne Plattenbausiedlung – eine interessante Metapher. Hemmungslos fällt die Hütte der beiden Alten Philemon und Baucis dem Fortschrittsglauben zum Opfer. Faust bleibt sein Leben lang ein Gefangener in einer Welt, die vermeintlich nur das Beste, Schönste und Fortschrittlichste zum Ziel haben muss.

 

Thiemo Schwarz, Sven Seeburg, Tobias Roth, Jan Pröhl, Andreas Maier,Foto: Birgit Hupfeld
Thiemo Schwarz, Sven Seeburg, Tobias Roth, Jan Pröhl, Andreas Maier,Foto: Birgit Hupfeld

Und mögen die Glocken aus einer anderen Sphäre noch so laut klingen – er schafft es, sie zu übertönen. Goethe hat diesen, wie er es nannte, veloziferischen Geist vorausgesehen und ihm ein Bild geschaffen.

Christoph Roos und seinem Team gebührt große Anerkennung dafür, diese Aspekte herausgeschält zu haben, großartig umgesetzt von einem Schauspielerteam, das die Zuschauer nach kurzer anfänglicher Unruhe in eine gebannt das Geschehen verfolgende Menge verwandelt. Besonders hervorzuheben sind Jan Pröhl als  Faust und Stefan Diekmann als Mephisto. Pröhl verleiht der Titelfigur lautstarke, männliche Präsenz und Diekmann stellt auch ohne Teufelsmaske durch Mimik und Gestik einen Mephisto dar, der glaubhaft imstande ist, Faust durch seinen luziferischen Geist zu steuern.

 

Begeisterter Applaus, auch stehend, bildet den würdigen Abschluss für einen durchweg lohnenden Theaterabend.

 

Weitere Aufführungen: 7./13./17./31.3./13./14./27.4.

 

 

 

3.3.13/GBW

"Kopenhagen"

Eine Frage – und nichts bleibt, wie es war

Geniales Kreuzverhör von Michael Frayn

in einer Aufführung der Studio-Bühne, Essen

Premiere am 6.11.11

 

Regie: Wolfgang Gruber

Bühne: Katrin Gerhäuser

 

Das Drei-Personen-Stück hat nach seiner Premiere im Jahr 1998 in London weltweite Diskussionen ausgelöst. Aufführungen in Paris und New York folgten. Das Stück erhielt mehrere wichtige Preise. Die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaftler für ihre Tätigkeit wurde und wird immer wieder gestellt. Michael Frayn hat die Geschichte der Herstellung der Atombombe aufgegriffen, die während des 2. Weltkriegs eine lebens- und überlebenswichtige Bedeutung hatte: wie weit ist die Entwicklung im jeweils gegnerischen Lager? Wie wird die Arbeit überhaupt politisch eingeschätzt und demzufolge gefördert? Welche Bereitschaft besteht, diese Waffe – wenn sie denn einsatzreif wird – auch einzusetzen? Und welche Verantwortung trifft den Wissenschaftler, der mit der Aufgabe betraut ist? Können und dürfen persönlicher Ehrgeiz und wissenschaftliche Meriten unter solchen Gegebenheiten eine Rolle spielen? Welche Charaktereigenschaften spielten eine Rolle, als Entscheidungen getroffen werden mussten?

Michael Frayn rekonstruiert in seinem Theaterstück eine geschichtsträchtige Begegnung der beiden Physiker Niels Bohr und Werner Heisenberg im Herbst des Jahres 1941 in Kopenhagen. Die beiden gehören zu den begabtesten und wichtigsten Wissenschaftlern der theoretischen Physik jener Zeit, beide erhielten den Nobelpreis für Physik. Sie begegnen sich nach ihrem Tod und rekonstruieren den Ablauf dieses folgenschweren Treffens, indem sie, zusammen mit Bohrs Ehefrau Margrethe, unterschiedliche Gesichtspunkte analysieren. Durch die Kriegsereignisse und ihre jeweilige persönliche Situation befinden sich beide in einer psychologisch hochgradig schwierigen Situation. Beide haben vor Hitlers Machtergreifung jahrelang zusammen gearbeitet und hatten auch persönlich eine Art Vater-Sohn-Verhältnis. Mittlerweile lebt Bohr als Halbjude unter Beobachtung der Deutschen in Kopenhagen, Heisenberg lebt und arbeitet in Berlin als Leiter des damaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts. Das „Uran-Projekt“ ist kriegswichtig, so dass die damit betrauten Wissenschaftler auch vom Kriegsdienst befreit sind. Sie gehören also gegnerischen Lagern an und wissen nicht mehr, wie weit sie einander vertrauen können. Was also wollte Heisenberg von Bohr? Könnten „patriotische Verpflichtungen“ eine Rolle spielen? Welches Spiel spielt Heisenberg – oder ist es tatsächlich der verzweifelte aber viel zu vorsichtig vorgebrachte Gedanke, die Wissenschaftler beider Lager könnten eine Art Moratorium vereinbaren? Missverständnisse türmen sich auf. Die Frage, wie weit der Gegner mit seinen Arbeiten vorankam, ist kaum zu klären. In mehreren Ansätzen werden Analyse-Möglichkeiten durchgespielt und Motive für das folgenschwere Verhalten der beiden Männer erwogen.

Die Studio-Bühne ist trotz der geringen Größe phantasie- und sinnvoll eingerichtet. Als Zuschauer erlebt man die erregten Diskussionen hautnah. Die Schauspieler bieten 120 Minuten lang eine konzentrierte Leistung und erhalten zu Recht lebhaften Beifall.

Das Theater ist mit seinem Amateurtheater-Ensemble seit über 20 Jahren in einem ehemaligen Schulgebäude in Essen-Kray untergebracht. Dort entstand eine anheimelnde Atmosphäre – man kann sich vorher oder nachher im „Wohnzimmer“ zusammenfinden und das Gesehene diskutieren. Eine schöne Kultureinrichtung in Essen!

Weitere Termine unter: www.studio-buehne-essen.de

 

8.11.11/GBW

 

 

"Ulrike Maria Stuart"

Königinnendrama von Elfriede Jelinek

Inszenierung: Hermann Schmidt-Rahmer

Bühne: Thilo Reuther

Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch

Dramaturgie: Carola Hannusch

 

mit: Stefan Diekmann, Ingrid Domann, Christian Kerepeszki, Bettina Schmidt, Sven Seeburg, Silvia Weiskopf

 

Elfriede Jelinek schreibt eigentlich keine Theaterstücke, sondern Texte ohne Zuordnung zu den handelnden Personen – hochartifizielle Sprachgebilde und Textwüsten, die dazu zwingen, Fragen zu stellen und Standpunkte zu hinterfragen. Sie schreibt provokativ und zeigt das Widersprüchliche, das Unethische und Hässliche in der Welt. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht nicht zuletzt die pessimistische Darstellung von Rollenklischees: „Die Frau ist eben nicht in der gleichen Weise in der Welt wie der Mann. Das ist es ja, was mich daran interessiert hat, wenn Frauen Geschichte machen wollen“, sagt sie über die Haupt-Akteurinnen des Geschehens und meint damit sowohl Ulrike M. und Gudrun E. wie auch die beiden Königinnen Maria und Elisabeth aus der Schiller’schen Feder. Was macht ein Regisseur mit solchen Vorlagen, die keine Handlung und keine Dialoge vorgeben und der berühmt gewordenen Jelinek’schen Anweisung „Macht damit, was ihr wollt!“? Er muss den Text ordnen, interpretieren, auf Brauchbarkeit hinsichtlich der Gegenwartsprobleme überprüfen. Und das tut Hermann Schmidt-Rahmer: er zeigt Jelineks pessimistische Grundüberzeugung hinsichtlich der feministischen Ziele, die sich mit privaten Machtspielen verquicken, macht sich Gedanken über heutige Vorstellungen der Kinder der RAF-Frontfrauen , fragt danach, woran die Revolution scheitert und wie weit man mit – speziell linken – Ideologien gekommen ist und auch danach, was wir machen würden, wenn wir die Einsicht in die Notwendigkeit von Veränderungen hätten: würden Sie Ihr Auto zur Verfügung stellen, wenn die Revolution es erfordert? Die verhaltene Reaktion des Publikums zeigt, dass wir darüber erst noch mal nachdenken müssen. Anhand aktueller Textauszüge wie etwa aus Stephane Hessels „Empört Euch“ oder aus „Der kommende Aufstand“ des französischen Unsichtbaren Komitees dürfen wir über die Sinnhaftigkeit von Gewaltausübung reflektieren. Und über allem schwebt damals wie heute das Banner „Kapitalismus ist Krise“!

 

Eine großartige Schauspielerriege bemächtigt sich souverän des Textes. Insbesondere die beiden Darstellerinnen der Gudrun E. (Silvia Weiskopf) und Ulrike M. (Bettina Schmidt) beeindrucken mit konzentrierter Sprechtechnik, die uns an der „Musikalität“ in der Sprache Elfriede Jelineks teilhaben lässt.

 

Langanhaltener Beifall für das Ensemble.

 

Gesehen am 28.10.11/weitere Aufführungen sh.

www.schauspiel-essen.de

GBW

 

"CORIOLANUS" VON WILLIAM SHAKESPEARE

"Gezähmter Held"

Inszenierung: Thomas Krupa

Dramaturgie: Vera Ring

Bühne, Kostüme und Video: Andreas Jander, Jana Findeklee, Joki Tewes

Musik: Simon Camatta

Das eher selten gespielte Shakespeare Drama „Coriolanus“ hatte in der Regie von Thomas Krupa im Grillo Theater in Essen Premiere. Die Parabel gilt als wohl politischtes Werk des Dramatikers. Es geht um Macht und Intrigen, aber auch um das Scheitern von Systemen und Eliten. Mit einem veränderten Raum- und Inszenierungskonzept hofft das Regieteam auf großes Interesse beim Publikum zu stoßen.

 

Rom im 4. Jahrhundert. Das Volk rebelliert. Lebensmittelknappheit und soziale Ungerechtigkeiten sorgen für enorme Spannungen. Insbesondere gegen den führenden General Gaius Martius erhebt sich der Volkszorn. Dieser verachtet das pöbelnde Volk und die Volkstribunen, die aufgrund von Demokratisierungsprozesses ins Amt gehoben wurden. Eine Eskalation ist zu befürchten. Doch plötzlich ergibt sich eine neue Situation, denn eine Invasion der Volsker droht. Coriolanus zieht in die Schlacht und kehrt als siegreicher Held zurück. Volumnia, seine ehrgeizige Mutter, sieht bereits den zukünftigen Consul in ihm. Doch das Volk lehnt ihn ab. Coriolanus ist tief verletzt. Seine Mutter fleht ihn vergebens an, sich diplomatisch zu verhalten. Coriolanus befolgt ihre Bitte nicht und wird verbannt. Er schwört auf Rache und verbündet sich mit seinem Erzfeind: Tullus Aufidius, um gegen Rom zu marschieren.

 

Die gut dreistündige Shakespeare Tragödie inszeniert Regisseur Thomas Krupa auf einer Raumbühne. Die Zuschauer sitzen sich gegenüber. Die Konzeption dieser Raumlösung ist mit Erinnerungen an das „Forum romanum“ verbunden. In den Foren fand das politische, kulturelle, religiöse und wirtschaftliche Leben statt. Ein breiter Fries, der als Projektionsfläche für Videosequenzen ((Jana Findeklee und Jokie Tewes) dient, zählt ferner zum veränderten Raum-Konzept. Weltgeschichte wird dort präsentiert. Zu sehen sind Kriegsschauplätze, Teile des berühmten Pergamon-Altars mit dem Kampf der Götter und Giganten sowie dessen Errichtung durch Künstler und Arbeiter, Schriftzüge und Kommentare, Szenen der Inszenierung sowie unablässig aufleuchtende Zahlenkolonnen. Komplett wird die Raumlösung durch ein Schlagzeug (Simon Camatta), das die Inszenierung atmosphärisch verstärkt.

 

Gleich drei Zeitebenen sind für die Inszenierung relevant: die Entstehungszeit des Dramas: (1608); zu diesem Zeitpunkt herrschten Hungersnöte in England. Viele Bauern waren enteignet worden. Das Volk bäumt sich gegen den Landadel auf und nahm die Getreidefelder gewaltsam in Besitz. Erste demokratische Prozesse wurden in Gang gesetzt, das Parlament entstand. Vermutlich inspiriert von den Ereignissen, verfasste Shakespare die Tragödie des „Coriolanus“. Er siedelte seine Erzählung in einer historisierenden Verkleidung an, Missstände offen auszusprechen, dazu war die Zeit noch nicht reif.

 

Die zweite Ebene: die Verlegung der Handlung ins 4. Jahrhundert v. Christus. Es ist die Zeit der Ständekämpfe und Volksaufstände in Rom. Erstmals wird dem Volk ein Gesicht gegeben. Im Drama tritt es auf mit einer Stimme als 1. Bürger, 2. Bürger.

 

Die dritte Zeitebene ist die Gegenwart: das Zeitalter der künstlichen Intelligenz, des Internets und der sozialen Netzwerke, der Medien und der Macht der Finanzwelt. Computer surren, Handys und Telefone sind im Einsatz, Zahlenkolonnen flimmern über die Projektionsfläche. Nach der Pause radikalisiert sich das Geschehen auf der Bühne. Mit Masken gekleidete Menschen am PC assoziieren anonymisierte Gruppen im Internet, die diktatorische Systeme stören bzw. zu Fall bringen. Symbolisch wird dadurch eine neue strategische Kriegsführung durch das Internet angedeutet.

 

Tom Gerber spielt den tragischen Helden „Coriolanus“, der hohe Anforderungen an sich stellt und an seinen Idealen scheitert. Obwohl als starrköpfig und uneinsichtig charakterisiert, wirkt er nicht unsympathisch. Die Züge eines grausamen Tyrannen kann man an ihm nicht entdecken. Er beeindruckt mit leidenschaftlichen Ausbrüchen. Gerber setzt die Figur des „Coriolanus“ perfekt in Szene und entwickelt sie im Laufe der Inszenierung stetig.

Laura Kiehne spielt Coriolanus Todfeind (Tullus Aufidius). Geheimnisvoll und sinnlich zu gleich versprüht sie als moderne Hexe ihr Gift und fesselt mit ihrer Darstellung das Publikum. Die Rolle der „Volumina“ ist als eine der stärksten Frauenfiguren bei Shakespeare angelegt. Ines Krug verleiht ihr überzeugende Stärke und Macht, aber auch Klugheit. Über Holger Kunkel als Junius Brutus kann neben aller Ernsthaftigkeit in der Darstellung auch geschmunzelt werden (Gewand). Mit Melanie Lüninghörner übernimmt wiederum eine Frau eine Männerrolle. Sie spielt den machtbesessenen Volkstribun Sicinitus Velutus (im schicken Kostüm) und Gerhard Hermann verkörpert den Menius Agrippa höchst würdevoll. Auch die übrigen Mitglieder des Ensembles überzeugen in ihren Rollen.

 

Hervorragende Menschenkenntnis und scharfe Beobachtungsgabe zählen zu Shakespeares unübertroffene Eigenschaften. Seine geniale Fähigkeit Figuren so zu charakterisieren, dass deren Handeln hautnah miterlebt werden kann, faszinierte schon Generationen. Bis heute haben seine Dramen nichts an Aktualität verloren. In seiner Tragödie Coriolanus, steht mörderisches Machtstreben im Zentrum der Handlung, die Inszenierung Krupas setzt noch weitere Schwerpunkte. Sie stellt Fragen in Bezug auf die Tragfähigkeit unserer Systeme. Inwieweit ist unsere Gesellschaft bereit sich an politischen Entscheidungs-Prozessen zu beteiligen, Verantwortung zu übernehmen und dort Widerstand zu leisten, wo es notwendig ist. Das Drama „Coriolanus" bildet den Auftakt einer Themenreihe, die sich mit „Widerstand“ beschäftigt. Fortgesetzt wird die Diskussion am Schluss der Saison mit dem Stück “Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss. Eine der Fragen könnte dann lauten: Welchen Beitrag können Kunst, Literatur und Theater im Hinblick auf politische Utopien leisten?

 

 

Viel Beifall für das gesamte Ensemble

 

(Ursula Harms-Krupp)

 

Vorstellungen:

7.10., 9.10., 15.10., 27.10., 1.11.,

www.theater-essen.de

 

 

Schauspiel Essen

Theater einmal anders: „Querdenken!“ in der „TrashKantine“

26. Mai 2011, 20.30 Uhr in der Heldenbar

von Nina Jung

 

Ist die Demokratie die beste aller Staatsformen? Denken nur Kinder und Geisteskranke, dass gute Dinge wahr werden, wenn man an sie glaubt – und schlechte Dinge verschwinden, wenn man sie nicht beachtet? Sollten wir einige Ideen als gefährlich betrachten? Erfordert es Mut, einem genialen Gedanken zu folgen? Was wäre, wenn…? Diese und viele weitere querdenkerische Fragen erwarteten die Besucher der fünften Folge der „TrashKantine“ unter dem Titel „Querdenken!“ am Donnerstag, dem 26. Mai um 20.30 Uhr in der Heldenbar - aufgereiht in einem Fragenwandteppich des unkonventionellen Denkens. Die TrashKantine ist das neue, schrillere Format des Schauspiels – und kam beim Publikum sehr gut an.

 

Auch im Ruhrgebiet gibt es sie – die Querdenker und Neugestalter, ausgestattet mit der nötigen Portion Eigensinn. Einige von ihnen nahmen auf dem roten Sofa von Gastgeber Marc-Oliver Krampe Platz. „Rosa“ und „Kratzbürste“ von der Katernberger Strickguerilla woben gemeinsam mit dem Publikum eines ihrer subversiven textilen Woll-Netzwerke, mit denen sie bunten Flausch in den grauen Alltag des Reviers bringen. Ausgeschmückt mit Zetteln voller querdenkerischer Fragen, die dem Publikum auf der Seele brannten, wurde das Maschenwerk anschließend im Treppenhaus des Grillo-Theaters angebracht. Normalerweise verschönern die kreativen NetzwerkerInnen den öffentlichen Raum jedoch anonym und aus dem Hintergrund – an Orten, wo man es nicht unbedingt erwartet. Ausgestattet mit ihren Markenzeichen- Wollmütze und Sonnenbrille - bringen sie die Strickkunstwerke zu unbelebten Zeiten auf öffentlichen Plätzen an. So leuchtete 2010 an einem Laternenpfahl am Limbecker Platz in der Essener Innenstadt an jedem Adventssonntag eine neue wollene Strickkerze auf textilem Adventskranz. Bänke, Pfosten, Bäume erhalten kunstvolle Verzierungen. Glückspilze finden ebensolche in textiler Form in der Straßenbahn. Wer genau hinsieht, kann auch vor dem Grillo-Theater eines dieser textilen Kunstakzente bewundern.

 

Einem weiteren eigensinnigen Querdenker verdankt das Ruhrgebiet eine kulturelle Plattform, die aus der Essener Innenstadt mittlerweile nicht mehr wegzudenken ist. Vor einigen Jahren kaufte Reinhard Wiesenmann ein altes Kloster in der Nähe des Limbecker Platzes und gründete das „Unperfekthaus“. Ein offenes „Kreativendorf“ mit 50 Ateliers, Arbeitsplätzen, Restaurant, Bühnen, Dachterrasse, Seminar- und Eventräume und sogar Übernachtungsmöglichkeiten auf 4000 qm, verteilt auf sieben Etagen. Für die Künstler ist die Nutzung der Ateliers kostenlos, sie müssen sich nur bei der Arbeit über die Schultern schauen lassen. Finanziert wird das Projekt durch die Eintrittsgelder der Besucher, denen dafür zudem sämtliche alkoholfreien Getränke kostenlos zur Verfügung stehen. Reinhard Wiesenmann ist sicherlich ein Querdenker, wie er im Buche steht. Auf seiner Visitenkarte steht einfach nur „Erfinder“, sein Studium der Elektrotechnik hat er nie beendet, stattdessen eine Firma für Computerzubehör gegründet. Grundlage für seine ungewöhnlich-geniale Idee sind die Tüfteleien seiner Kindheit und Jugend, in der seine Eltern ihn stundenlang in seinem Handwerkszimmer werkeln ließen. Ein ähnliches Kreativparadies hat er nun für viele andere Menschen geschaffen. Sein nächstes Projekt steht schon in den Startlöchern- das GenerationenKult-Haus, ein Haus in der Essener Innenstadt, in dem Alt und Jung unter einem Dach wohnen und arbeiten.

 

Musikalisch untermalt wurde dieser durchweg vergnügliche Abend vom Streichquartett der Essener Folkwang Musikschule sowie Stefan Diekmann und Lisa Jopt, Mitglieder des Schauspiel-Ensembles. Letztere verwöhnten die Gäste zudem mit einer Altdeutschen Biersuppe mit Rosinen, die eine recht quergeschmackliche Note auf dem Gaumen hinterließ.

 

Weitere Folgen der TrashKantine zu extravaganten Themen folgen in der nächsten Spielzeit.

 

Foto: Nina Jung

 

 

CHOKE

Das Theater als „Gedankenumschlagplatz“ der Stadt:

 

Choke

Deutschsprachige Erstaufführung in der Casa am 5. Februar 2011

Von Cathleen Rootsaert

Deutsch von Christiane Buchner

Inszenierung: Elina Finkel

Bühne und Kostüme: York Landgraf

Dramaturgie: Marc-Oliver Krampe

 

Der englische Begriff „choke“ bedeutet ersticken, aber auch würgen, abwürgen oder verstopfen. Die drei Familienmitglieder sind in ständiger Gefahr, an den Umständen zu ersticken:

Da ist zum einen die Mutter, die Ende der fünfzig noch immer voll im Berufsleben steht und das familiäre Zusammenleben finanziert und organisiert; zum anderen ihre beiden Söhne: "Dylan", der mit 30 noch nichts im Leben zustande gebracht hat und zuhause wohnt und der ältere "Greg", der zwar berufstätig ist, aber die Schwierigkeiten mit seiner Partnerin dadurch löst, dass er wieder zuhause einzieht. Beide schaffen den Spagat zwischen Vorstellungen und Realitäten nicht. Da geschieht das Unerwartete: die Mutter erleidet einen schweren Schlaganfall mit Lähmung und Aphasie. Fragen müssen gestellt und geklärt werden.

Der Entschluss, die Mutter zuhause zu pflegen hat Folgen für alle Beteiligten: für die Mutter, die mit ihrer plötzlichen Hilflosigkeit schwer zu kämpfen hat, für die Söhne durch ständige emotionale und organisatorische Überforderung.

Das Stück ist eine Tragikomödie, die einerseits einen durchweg vergnüglichen Abend bietet, andererseits aber durchaus zu Fragestellungen auffordern kann: was ist man bereit zu tun, wenn im familiären Umfeld „der Fall“ eintritt? Was ist man sich gegenseitig schuldig? In wie weit rückt man im Notfall zusammen? Welche Rolle spielt Geld?

Das Schauspiel Essen begründet mit dieser Produktion eine Partnerschaft mit der GSE Gesellschaft für Soziale Dienstleistungen Essen mbH, aus der Beratung und Hilfestellung bei der Umsetzung der Szenen erwuchs. Insbesondere Cornelia Niemann in ihrer Rolle als betroffene Schlaganfallspatientin zeigt eine intensive Darstellung. Aber auch Jens Ochslast als Greg und Sebastian Tessenow als Dylan geben uns das Gefühl, dieser antriebslosen, lethargischen Lebensauffassung vielleicht schon einmal begegnet zu sein.

Insgesamt trotz des ernsten Themas ein vergnüglicher Abend, der mit herzlichem Beifall belohnt wurde.

Karten unter Tel. 0201/8122200 oder www.theater-essen.de

 

07. 02. 11/GBW

 

 

25 SAD SONGS

Grillo Theater

25 Sad Songs

Premiere: 29. Januar 2011

In the Year 2525

 

Wir befinden uns im Jahr 2525- der große Traum der Menschheit ist in Erfüllung gegangen. Sie sind unsterblich geworden. Fluch oder Segen? Der Preis: Die Menschen sind zu Robotern geworden, kennen keine Gefühle mehr und keine Empathie.

Speziell mit Zukunftsvisionen hat sich Regisseur Thomas Krupa schon häufig auseinandergesetzt. Er wagt ein Experiment und blickt gemeinsam mit Komponist Ari Benjamin Meyers und 25 Sad Songs weit in die Zukunft.

 

Im Jahr 2525 gibt es keine Theater mehr und auch der Begriff der Kultur ist nicht mehr existent. Das Grillotheater liegt in Schutt und Asche. Gefunden wurden aber ein IPhon und Fragmente von 25 melancholischen Songs, die vor gut 500 Jahren, im Jahr 2011, in einer Musikrevue präsentiert werden sollten. Dazu kam es aber nicht.

 

Wissenschaftler fangen an zu recherchieren. „Was ist eine „Musikrevue“? Wie spielt man die Songs? Was versteht man unter „Melancholie“?. Die Forscher geben sich alle Mühe, Antworten auf ihre Fragen zu finden. Akribisch rekonstruieren sie das Grillotheater und die 25 Sad Songs, um zu erfahren, wie die Menschen waren, damals, als sie noch Gefühle hatten und Empathie besaßen.

 

Dazu steckt die Regie die Robotermenschen in graue Anzüge, lässt sie mit dem Tambourin schlagen, sie gestikulieren, stampfen und mit wilden Zuckungen agieren. Die Idee ist: Sie sollen die Kraft der Musik kennenlernen und ihre heilende Kraft entdecken.

Und darum geht es letztendlich in der Revue, zu demonstrieren, wie stimulierend Musik wirken kann, wie sie es schafft, Grenzen zu überwinden, zeitliche und soziale. Welchen Einfluss Musik auf affektive, kognitive und sensorische Vorgänge im menschlichen Körper hat.

 

Ein Greis (Ragna Guderian) mit Computerstimme schreitet die Bühne gemächlich ab und sinnt über die Vergangenheit nach. Als einziger kann er sich noch an frühere Zeiten erinnern, als die Menschen noch lachen und weinen konnten, als sie Auto fuhren, Essen und Trinken genießen konnten.

Da brennt einem sofort die Frage unter den Nägel; „Waren die Menschen damals glücklicher, als sie noch lieben, lachen und weinen durften“?

 

25 Sad Songs werden neu arrangiert und am laufenden Band gespielt. Das Repertoire geht von „Mr. Sandman“ über die „Boxer „ von Simon & Garfunkel, bis hin zu den Beatles mit „A Day in the Life“ und „Hallelujah“ von Leonard Cohen. Viele bekannte TOP-Hits sind darunter.

Zeitweise ist das recht unterhaltsam, denn es weckt Erinnerungen an Begebenheiten, Begegnungen und Situationen. Doch das schnelle Abspielen der 25 Titel hat auch seine Tücken. Die Interpretation der Songs  fällt in der Kürze, der zur Verfügung stehenden Zeit, doch relativ schwierig.

 

Die Dialoge sind zum Teil oberflächlich und geben nicht viel her. Auch der „Greis“ in einer „Schlüsselrolle“ überzeugt nicht wirklich, da seine Worte nicht in die Tiefe gehen, flach wirken. Gerade von diese Rolle hätte man sprachlich etwas anders erwartet. Es bleibt bei Plattitüden. Das ist schade.

 

Die Songs sind abgespielt, der alte Mann reißt sich zur Musik von Nirvanas „Rape me“ die Maske vom Gesicht. Zum Vorschein kommt eine junge Frau. Die Inszenierung ist beendet, die Frau kehrt zurück- in ihr altes Leben. Es war eben nur eine Inszenierung. Soll man es so interpretieren?

 

Immerhin: 25 Sad Songs animieren dazu, sich eine Horrorvision vorzustellen, nämlich ohne Theater leben zu müssen. Und vielleicht wird sich bei dem ein- oder anderen Zuschauer auch Melancholie eingestellt haben, angesichts düsterer Prognosen, die den Exodus vieler Theater vorhersagen. Denn dass daraus leicht ein Flächenbrand entstehen kann, ahnen wir nicht erst seit heute. Theater in der Krise, Theater vor dem Aus? Hoffentlich nur in Bewegung!

U. Harms-Krupp

 

 

 

Essen - Grillo Theater

Die kleine Meerjungfrau

Märchen von Hans Christian Andersen

nach der Bühnenfassung von Jörg Schade

 

Hans Christian Andersen schrieb mehr als 160 Märchen. Sein bekanntestes ist wohl die „Prinzessin auf der Erbse.“ Im Grillo Theater hatte jetzt die kleine Meerjungfrau Premiere. Ein zauberhaftes Märchen mit viel literarischem Tiefgang.

Regisseurin Martina Eitner-Acheampong inszeniert das Märchen nach der Bühnenfassung von Jörg Schade. Sie setzt auf moderne Technik, zauberhafte Bilder und viel Spaß. Mit stimmungsvollen Videoinstallationen illustriert sie die Meeres- und Menschenwelt und schafft fantasievoll ausgestattete Gestalten, die die Bühne bevölkern. Besonders der "Kugelfisch" bringt das Publikum immer wieder zum Lachen, wenn er sich aufbläht und danach kugelrund über die Bühne rollt. Die Meereshexe "Gunilla" im Glitzerlook topmodisch gestylt, kann man sich auch sehr gut im Musical vorstellen und Krabbe "Sebastian "wirkt mit seiner Performance so authentisch, dass man nur staunen kann. Holger Kunkel lässt ahnen, dass er als Meereskönig gar nicht so streng und unerbittlich ist, wie es zunächst den Anschein hat. Laura Maria Hänsel versteht es wunderbar, die Sehnsucht der kleinen Meerjungfrau nach dem Leben in der Menschenwelt zu verdeutlichen.

Obwohl es der Inszenierung manchmal an Tiefe fehlt, kommt sie beim Publikum sehr gut an. Dass mag zum Teil an den schönen Bildern liegen, liegt aber auch an der Heiterkeit und Leichtigkeit, mit dem der Stoff insgesamt präsentiert wird. Es wird nicht nur Musik gespielt und gesungen, es wird auch getanzt, so dass man gelegentlich den Eindruck hat,  in einem Musical zu sein. Einige Redewendungen in der Inszenierung sind für Kinder wenig geeignet, da sich ihr Sinn noch nicht erschliesst.

Viel Begeisterung bei den Zuschauern für das Ensemble am Schluss.

(Ha-K)

www.theater-essen.de

Die Grönholm Methode von Jordi Galceran

Deutsch von Stefanie Gerhold

Inszenierung: Jens Pesel

Premiere: 17. Oktober 10

Casa des Schauspiels Essen

 

Das wahre Ich ist chancenlos

 

In der Casa des Schauspiels Essen hatte die Grönholm Methode von Jordi Galceran Premiere. Das Stück wurde 2003 im Teatro Nacional de Catalunja uraufgeführt und basiert auf einer wahren Begebenheit. In einer Mülltonne in Madrid fand man Bewerbungsunterlagen, auf die der Personalchef einer Supermarktkette diskriminierende Äußerungen über Bewerber für eine Kassierer Stelle notiert hatte.

Die Grönholm Methode wurde 2005 am Badischen Staatstheater Karlsruhe erstmalig dem deutschen Publikum vorgestellt. Seitdem wurde das Theaterstück auf über 40 deutschen Bühnen mit großem Erfolg aufgeführt.

 

Drei Männer und eine Frau bewerben sich um einen hochdotierten Posten in einer international tätigen Möbelfirma. Drei Vorrunden haben sie bereits absolviert; nun geht es in die entscheidende Phase. Alle vier rechnen sich gute Chancen aus, doch klar ist auch, die Position wird nur einmal besetzt. Nahezu pathologisch anmutende Tests müssen die Probanden nun über sich ergehen lassen. Außerdem dürfen die Bewerber den Raum nicht verlassen, sonst sind sie raus aus dem Rennen. Absurderweise erhalten sie ihre Anweisungen nur schriftlich durch eine Klappe. Um die Perfidität der Situation noch zu verstärken, wird ihnen mitgeteilt, dass die Personalabteilung einen Psychologen eingeschleust hat.

 

Regisseur Jens Pesel hat die Bühne in kühlem Blau und ohne schmückendes Beiwerk ausgestattet. Nur vier moderne, Chrom-glänzende Bürosessel mit Beistelltisch sind aufgestellt. In dezentem Grau gekleidet und mit dem dazugehörigen Aktenkoffer ausgerüstet, betreten die Bewerber nacheinander das Assessmentcenter. Was sie erwartet, wissen sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie versuchen zunächst durch Beobachtung und vorsichtiges Taktieren ihre Mitbewerber einzuschätzen. Schnell ändert sich ihr Verhalten. Bereits mit der ersten Aufgabe wird das Misstrauen zwischen ihnen geschürt. Der Psychologe soll entlarvt werden. Es kommt zu verbalen Angriffen, die sich kontinuierlich steigern und in einen regelrechten Psychokrieg ausarten. Die gegenseitigen Attacken nehmen extreme Formen an. Die vier Darsteller: Fernando Porta (Sven Seeburg), Enrique Font (Wolfram Boetzle), Mercedes Degas (Ines Krug) und Carlos Bueno (Tom Gerber) offenbaren ihren Charakter durch heftige Wortgefechte. Selbst zu tätlichen Angriffen lassen sie sich hinreißen. In Gestik und Mimik verkörpern die vier Darsteller die Figuren im Stück so brillant, dass der Zuschauer glaubt, tatsächlich den Zyniker oder den Depressiven vor sich zu haben. Die bisweilen verwendete deftige Sprache führt immer wieder zur Situationskomik und zur Erheiterung der Zuschauer. Doch bleibt das Lachen buchstäblich im Hals stecken, wenn die vier bis an die Schmerzgrenze gehen.

Denn die psychologisch ausgefeilten Rollenspiele sind keine Utopie, sondern sie sind ein bedrückender Teil unserer Lebenswelt und gehören zu unserem Alltag, zum oftmals gnadenlos geführten Konkurrenzkampf in der Arbeitswelt. Für viele Menschen ist er mittlerweile grausame Realität geworden. Von daher ist das spannende Stück aktueller denn je und wirft viele Fragen auf. Die Frage nach der Menschenwürde ist nur eine von ihnen und betrifft jeden Menschen. Wie weit geht der einzelne, wenn es um Macht und Geld geht? Ist er bereit sich so zu verbiegen und zum Clown zu machen und damit letztendlich sein eigenes Ich zu verleugnen.

Bis zum Schluss wird der Zuschauer auf die Folter gespannt, bleibt das Spiel auf der Bühne einem Krimi vergleichbar, spannend und hochdramatisch.

„Wir suchen nicht einen guten Menschen, der nach außen ein Arschloch ist. Was wir suchen, ist ein Arschloch, das nach außen ein guter Mensch ist, “lautet das Resümee der Psychologen am Ende Stückes.

Eine Schreckensvision. Das Stück sollte man unbedingt ansehen. Ein begeistertes Publikum honorierte die überragenden Leistungen der Schauspieler.

 

 

 

 

Münster Städische Bühnen

39 Stufen

Witz, Spannung und super Schauspieler – all das bietet das Stück „Die 39 Stufen“ in der Aufführung der Städtischen Bühnen Münster, dass am 13. Oktober  Premiere feierte.

Als Grundlage für das Stück diente der gleichnamige Roman von John Buchan. 1935 drehte Alfred Hitchcock einen Thriller aus dem Stoff. Patrick Barlow bearbeitete die Story für die Bühne, indem vier Schauspieler 32 Rollen spielen. 2007 wurden die 39 Stufen mit dem Laurence Olivier Award für die beste neue Komödie ausgezeichnet.

Die Sehnsucht nach etwas Neuem und Spannung in seinem Leben treibt den Junggesellen Richard Hannay (Ilja Harjes) zu einem  Varietébesuch in die Vorstellung des Mr. Memory (Tim Mackenbrock), einem Gedächtniskünstler. Hier trifft er die junge Frau Annabella Schmidt (Julia Stefanie Möller), die während der Vorstellung einen Schuss abgibt und Mr. Hannay bittet, mit ihm nach Hause gehen zu dürfen. Von nun an kann der Junggeselle sich nicht mehr über mangelnde Spannung in seinem Leben beklagen, denn bei der  jungen Frau handelt es sich um eine Agentin. Auf mysteriöse Weise wird sie in seiner Wohnung ermordet. Richard Hannay erfährt von einem Spionagering, der sich die "39 Stufen nennt." Er macht sich auf den Weg, um dessen Machenschaften aufzudecken und sein Land zu retten. Er will  verhindern, dass geheime Informationen außer Landes gebracht werden. Gleichzeitig steht er unter Mordverdacht und muss vor der Polizei flüchten.

Der ständige Rollenwechsel der Schauspieler ist besonders bemerkenswert. Fast mühelos schlüpfen Julia Stefanie Möller, Ilja Harjes, Bernhard Glose und Tim Mackenbrock, unter der Leitung des Regisseurs Tobias Lenel, in 32 unterschiedliche Rollen. Jeder der vier Darsteller, spielt absolut überzeugend. Die Figuren werden überspitzt und sehr witzig wiedergegeben. Durch Slapstick wird zum Beispiel die Flucht von Richard Hannay vor der Polizei gezeigt. Mitten im Publikum stehen zwei Agenten mit Filzhut (Bernhard Glose und Tim Mackenbrock), die sich in typischer Agentenmanier hinter einer Laterne ducken. Selbst der Souffleur, Robert Heyn, wird in das Stück einbezogen, was zu kaum endenden Lachsalven bei den Zuschauern führt.

Für den unterhaltsamen Abend bedankte sich das Publikum mit viel Applaus.

 

Der Besuch der alten Dame

Nathan der Weise

Premiere, Grillo-Theater

15.05.2010, 19:30 Uhr

 

 

Das Warten hat ein Ende: Nachdem die für Dezember 2009 geplante Premiere von „Nathan der Weise“ aufgrund einer Erkrankung der Regisseurin Lisa Nielebock verschoben worden war, war es am Samstag nun endlich soweit. „Nathan“ hatte seinen "Auftritt"im Grillo Theater in Essen. Vor ausverkauften Haus wurde die altbekannte Geschichte Lessings neu erzählt. Auch nach Jahrhunderten verliert die Story dabei nicht an Aktualität. Die Idee von Toleranz zwischen den Religionen hat auch heute, insbesondere mit Blick auf immer wieder neue Schrecksmeldungen über Terroranschläge, besonders an  Bedeutung gewonnen.

 

„Nathan der Weise“ ist eine Geschichte über religiöse Toleranz. Bei Nathan verstricken sich die drei Weltreligionen: Seine Tochter ist adoptiert und eine Christin, sein Freund ist ein Muslim, er selbst ist Jude. Das Stück spielt in Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge. Nathan, der von seinem Volk „der Weise“ genannt wird, kehrt von einer Geschäftsreise zurück und erfährt, dass seine Tochter Recha von einem Tempelritter aus einem Hausbrand gerettet wurde. Recha verliebt sich in ihren Retter, doch der Christ weigert sich, die Jüdin wiederzusehen. Im Laufe des Stückes verstricken sich die Wege und Wurzeln der Protagonisten. Die von Nathan adoptierte Recha ist eigentlich die Tochter des verstorbenen Bruders des Sultans Saladin, ebenso wie der Tempelritter, dieser wuchs bei der christlichen Schwester seiner Mutter auf. Die beiden sind also Geschwister und jede Religion ist somit irgendwie mit der anderen verwandt – sie haben die gleichen Wurzeln.

 

Regisseurin Lisa Nielebock hat aus der Nathan-Geschichte eine schlüssige Inszenierung konstruiert. Besonders gelungen sind die immer wieder ineinander übergehenden, in sich verschmelzenden Szenen. Die Verstrickungen, die die Handlung bestimmen, werden von Nielebock geschickt auch in der äußeren Form des Stückes aufgenommen. So sind die Protagonisten, über die gesprochen wird, auch im Hintergrund zumeist visuell präsent. Das Bühnenbild ist schlicht und steril in weiß gehalten. Im Laufe des Stückes verstreuen alle Figuren Abfälle in Form von Obst, Spucke und Nüssen in die ansonsten reine Kulisse. Genauso streuen sie auch jeder für sich Zwiespalt in der Beziehung zwischen den Religionen und verhindern so ein friedliches Zusammenleben.

Die Leistung des Ensembles honorierte das Premierenpublikum mit langanhaltendem Applaus. (B-AH)

DIE GRÖNHOLM METHODE

Münster- Wolfgang Borchert Theater - 28. April 2010

 

Die Situation kennt jeder. Es ist das entscheidende Vorstellungsgespräch. Dreimal waren die Bewerber schon da. Dieses Gespräch soll die Entscheidung bringen. Doch es verläuft ganz anders als erwartet. Den Verlauf dieses ungewöhnlichen Vorstellungsgesprächs präsentiert das Wolfgang Borchert Theater Münster mit der „Grönholm-Methode“. Inszeniert wird das Stück von Monika Hess-Zanger.

 

Geschrieben wurde die „Grönholm-Methode“ von dem Spanier Jordi Galcerán. Uraufgeführt wurde das Stück im Jahr 2003 im „Teatre Nacional de Catalunya“. Die deutsche Übersetzung wurde von Stefanie Gerhold verfasst. Die Idee entsprang einer wahren Begebenheit. In einem Papierkorb fand jemand Unterlagen, in denen der  Personalchef einer Supermarktkette seine Eindrücke über Bewerber für eine Stelle als Kassiererin notiert hatte. Es fanden sich Bemerkungen wie „fette Kuh mit Hängetitten…“ oder „Piepsstimme, ist bestimmt dumm…“. Ein auf dem Stück basierender Kinofilm mit dem Titel „El methodo“ von Marcelo Pineyro kam 2005 in die spanischen Kinos.

 

Fernando Porta (Konrad Haller), der selbstbewusste Bewerber betritt als erster die Bühne. Er setzt sich und wartet. Nach und nach treffen auch die anderen Bewerber ein. Die erste Aufgabe wird verteilt . Einer der vier Bewerber ist ein Mogler und gehört zur Personalbteilung. Wer? Das sollen die Vier herausbekommen. Die Diskussion beginnt. Der locker, lustige Carlos Bueno (Florian Bender) und die zielstrebige Mercedes Degás (Nora Düding) kennen sich. Sie haben zusammen studiert. Die Aufgabe löst eine temperamentvolle Wortschlacht aus, bei der die Bewerber sich gegenseitig verdächtigen und beschuldigen.

 

Aber es kommt noch härter. Die Firma scheint das Privatleben der Bewerber auszukundschaften. Der biedere Enrique Font (Jens Ulrich Seffen) muss von seiner Affäre mit einer Sachbearbeiterin erzählen und davon, dass seine Frau ihn verlassen hat. Seine privaten Probleme haben Auswirkungen auf sein Berufsleben. Er machte Fehler. Und Carlos Bueno muss gestehen, dass er angefangen hat, Hormone für eine Geschlechtsumwandlung zu nehmen. Beide Geständnisse lösen heftige Wortgefechte aus. Besonders Fernando Porta bleibt hart.

 

Doch damit nicht genug. Die vier müssen sich zusätzlich in einen Bischof, einen Torrero, einen Clown und einen Politiker verwandeln. Der Sinn dieser Aufgabe besteht darin, die Anderen davon zu überzeugen, dass gerade ihre Verwandlungsfigur aus einem brennenden Flugzeug gerettet werden muss.

 

Psychisch werden die Bewerber immer stärker unter Druck gesetzt. Mercedes Degás bekommt zwei Anrufe. Ihre Mutter stirbt während des Gesprächs. Trotzdem beschließt sie, zu bleiben, denn gegen Fernando Porta will sie nicht verlieren. Carlos Buenos verlässt das Gespräch, er gibt auf. Enrique Font outet sich als Psychologe der Personalabteilung. Jetzt heißt es Degás gegen Porta. Jeder hat eine Aufgabe zu erfüllen. Porta gewinnt, er bringt Degás zum Weinen.

 

Am Ende stellt sich raus: Nur Fernando Porta war der richtige Bewerber. Alle anderen gehörten zur Personalabteilung. Doch den Job bekommt er nicht. Mercedes Degás unterzieht ihn einer letzten Prüfung, er verliert.

 

Das Stück überzeugt durch viel Witz und Humor. Die vier Schauspieler geben ihren jeweiligen Charakter überzeugend wieder, Florian Bender leicht und locker,  Konrad Haller selbstbewusst, Nora Düding zielstrebig und Jens Ulrich Seffen bieder. Von Anfang an ziehen die Vier das Publikum in dieses ungewöhnliche Vorstellungsgespräch hinein und lassen es bis zum Ende nicht mehr los. Der Zuschauer amüsiert sich über den Torrero, der all zu schnell aufgibt, hat Mitleid mit Carlos Bueno, der sein Privatleben so offen legen muss und ist erstaunt als am Ende alles ganz anders ist als gedacht. Das Publikum belohnte die Schauspieler mit lang anhaltendem Applaus.   

(LA-S))


UBU - Schauspiel Essen

UBU von Alfred Jarry und Simon Stephens
Als Koproduktion von Schauspiel Essen und Toneelgroep Amsterdam
Regie: Sebastian Nübling
Bühne und Kostüme: Muriel Gerstner

Musik: Lars Wittershagen
Gesehen am 17. April 2010

 

Eine großartige Darstellerriege nimmt uns mit in ein völlig überdrehtes Stück über hemmungslose Gewalt und Machtausübung. Blut/Farbe kommt reichlich zum Einsatz. Die Sprache als Mixtur aus Deutsch, Niederländisch, „Ubuisch" lässt, auch wenn man nicht alles versteht, keinen Zweifel am Geschehen. In Szenen von mitreißender Komik bleibt uns trotzdem das Lachen im Halse stecken.


„Ubuesque" ist eine auch heute noch gebräuchliche Vokabel der französischen Sprache mit der Bedeutung von „grotesk". In dieser Vokabel lebt der geistige Vater von Ubu weiter. Und dies ist auch das, was der 23-jährige Autor 1896 bei der Uraufführung seiner ‚Dramatischen Komödie‘ seinem Publikum vorsetzte: Ubu ist gemein, hinterhältig, grausam und habsüchtig. Er - und Ma Ubu nicht minder - lassen keine Obszönität aus. Er benutzt in schamloser Weise Menschen zu seinen Gunsten und weiß auch, wo man dafür den Hebel ansetzen muss: Gier und Machthunger. Der Putsch gelingt und führt gradewegs zu einem Terrorregime, unter dem keinerlei zivilisatorische Werte erkennbar sind. Das Stück wurde durch die hemmungslos übertriebene satirische, auch vulgäre Darstellung zum Vorläufer des Surrealismus und teilte das Publikum in das Lager derer, die in der Darstellung das Abgründige sahen und in diejenigen, die voller Entrüstung das Theater verließen. Auch 114 Jahre nach seiner Uraufführung erleben wir, dass Zuschauer das Theater verlassen. Diejenigen, die bleiben, verfolgen das bizarre Geschehen mit dem Wissen, was uns das 20. Jahrhundert gebracht hat und einer Vorstellung, was uns die Zukunft vielleicht noch bringen wird.

 

Simon Stephens, geb. 1971 in Stockport/England, ist einer der meistgespielten ausländischen Autoren der Gegenwart an deutschsprachigen Theatern. Ihn interessiert die Frage der Gerechtigkeit und der Blick zurück: er stellt Ubu vor das Sondertribunal der Vereinten Nationen in Den Haag. Hier erleben wir einen unsicheren Ubu, der nicht wirklich weiß, wessen man ihn anklagt. Wir verfolgen die detaillierte Anklage und die Gerissenheit der Verteidiger, die jeden Punkt mit Zynismus zerpflücken und können am Ende nicht sicher sein, dass sich das Geschehen nicht wiederholt. Ein kluge Überlegung - ein kluge Darstellung.

Viel Stoff für's Nachdenken: "sind die Menschen wirklich so"?

 

Es gibt viel Beifall für die hervorragenden Darsteller, einige scheinbar ratlose Zuschauer, verlassen rasch das Theater.


Weitere Vorstellungen: 17., 22., 23. April 2010, 10., 23. Mai 2010, 12., 13., 20. Juni 2010

www.theater-essen.de

(GBW)

 

LIEBE IST EIN HORMONELL BEDINGTER ZUSTAND

Marigold - Schauspiel Bochum - 21. Februar 2010

Wer eine anspruchsvolle Handlung und tiefsinnige Dialoge erwartet, der ist hier fehl am Platz. Das Musical will amüsieren und mit bekannten Songs der Beatles erfreuen. Wie schön es ist auf der Nostalgiewelle zu schwimmen. spürt das Publikum hautnah. Im Publikum sitzen viele Fans der Gruppe, begeistert gehen sie mit.

 

Am Moskauer Flughafen treffen der Amerikaner Chris, die Studentin Katharina und die Freunde Pawel und Iwan aufeinander. Der Bus mit dem sie in die Stadt fahren wollten, muss repariert werden. Sie befragen den Busfahrer, wann es endlich weiter geht. Draussen ist es bitterkalt. Bis der Bus startklar für die Magical Mystery Tour ist, wird es noch Stunden dauern.


Die Wodkaflasche macht die Runde und Chris fängt an zu erzählen. Er sucht nach Jana, seiner großen Liebe. Vor drei Jahren hat er sie in Moskau kennengelernt. Seine schriftstellerischen Ergüsse hat sie für ihn aufbewahrt.

Jana hat inzwischen den mächtigen Filmboss Semjon geheiratet. Bei einem Talentwettbewerb ist dieser ganz hingerissen von Katharina. Er gibt ihr die Hauptrolle in seinem Film „Marigold". Bald kommt heraus, dass die Idee zu dem Film nicht von ihm stammt. Jede Menge Turbulenzen sind die Folge.

Die tollen Beatles Songs von Back in the USSR, über Help, Michelle und I am a Walrus heizen die Stimmung unter den Zuschauern weiter an.

Fuliminant spielt Felix Vörtler den cholerischen Fimboss Semjon. Auch die anderen Darsteller sind großartig. Zum Schluss gibt es noch Zugaben. Bei der tänzerischen Akrobatik von Christoph Pütthoff kommt das Publikum so richtig in Fahrt.

 

 

DIE ZIEGE ODER WER IST SYLVIA? – Premiere – Grillo-Theater – 05.12.2009 – 19:30 Uhr

 

Aufgrund einer Erkrankung der Regisseurin Lisa Nielebock feierte am 05.12.2009 statt dem für dieses Datum vorgesehene Stück „Nathan der Weise“ „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“. im Grillo-Theater Premiere. Auch in diesem Stück spielt das neue Mitglied des Grillo-Ensembles Jürgen Hartmann, der auch den Nathan spielen wird, die Hauptrolle. Der Stararchitekt Martin Gray führt seit vielen Jahren eine glückliche Ehe mit Stevie, verliebt sich aber eines Tages in Sylvia.  Plötzlich ist alles anders. Es folgt ein Beziehungskrieg, der durch die Frage „Wer ist Sylvia?“ entbrennt.

 

Vier Jahrzehnte nach „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ erzählt Edward Allbee erneut vom Zerbrechen einer Ehe. Martin und Stevie stehen vor dem Scherbenhaufen ihrer eigentlich glücklichen Ehe. Und auch im Grillo trugen Scherben, in Form von zerschmetterten Vasen und Tischen, zu einem immer größer werdenden Chaos auf der Bühne bei. Bettina Engelhardt und Jürgen Hartmann spielen diesen Ehekrieg mit viel Herzblut. Eine Tragikomödie soll dieses Stück sein und in der Tat ist dem Zuschauer nicht ganz klar, in was für ein Genre er da geraten ist. „Die Ziege oder Wer ist Sylvia“ präsentiert sich in einigen Momenten ernst, an der Grenze zur Tragödie.  In anderen Momenten wiederum ist es geprägt von witzigen Szenarien und humorvollen Details, die hauptsächlich durch eine Fokussierung auf Sprache und durch die brillante Spielweise aller Darsteller entstehen. Gut gewählte Musikeinschübe lockern das zum Nachdenken anregende Stück stellenweise zusätzlich auf.  Die Inszenierung von Henner Kallmeyer ist in jeder Hinsicht gelungen. Das Premieren-Publikum bestätigte dies mit lang anhaltendem Applaus (Bernadette Ahmann)

 

 

Lewis Carroll: „ALICE“ im Bochumer Schauspielhaus

Aufführung vom 25. 10.2009 um 19 Uhr  (Premiere am 1.10.2009)

 

Anna Bergmann hat die Alice-Romane von Lewis Caroll „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ inszeniert, und zwar für Erwachsene. Alice – apathisch und verzweifelt dargestellt von Maja Beckmann -  steht inmitten einer verkorksten Familie. Die Mutter – stets krankhaft lächelnd – hat mehrfach abgetrieben und wirft ihrer Tochter vor, ihr ihre Jugend gestohlen zu haben. Dieser Mutter-Tochter-Konflikt wird bis zum Schluss nicht gelöst. Der Vater trinkt, bemitleidet sich und hält sich aus allem raus, während die Brüder überdreht und verrückt wirken – jeder auf seine eigene Weise. Man möchte meinen, Bergmann habe Rebecca Millers „Pippa Lee“ gelesen. In diesem Buch schildert die Tochter Arthur Millers eine ähnlich gestörte Familiensituation. 

In der Inszenierung von Anna Bergmann schlüpfen die Darsteller phasenweise in die Rollen der Figuren aus den Alice – Romanen. Die Mutter, gespielt von Martina Eitner-Acheampong, ist auch die Herzkönigin sowie die Schwarze Königin. Als liebevolle und am Ende verzweifelte Mutter kommen an einer Stelle im Stück ihre Aggressionen durch. Es scheint, als könne sie diese erst in der Rolle der despotischen Herrscherin - „Hackt ihr den Kopf ab!“ ausleben. Gewalt ist ein Thema in den Alice-Romanen. Bergmann zeigt , welche Folgen Gewalt in der Familie hat. Gewalt in der Familie – sehr bedrückend, düster und wahrhaft nichts für Kinder. Aufheiterung bieten die Songs, die von den Schaupielern gesungen werden, wie „Walking on Air“ von Martina Eitner-Acheampong. Sehr gut ist die Darstellung der Puppenspieler, die beispielsweise die  Schmeichelkatze und Alice als Kind gekonnt in die Handlung miteinbeziehen. Ablenkung von der bedrückenden, psychisch fordernden Aufführung bietet die Bühne, die als sich drehender Würfel verschiedene Bilder zeigt. In der Mitte befinden sich die Spiegel, in der Küche der Familie läuft im Fernseher die Verfilmung von „Alice im Wunderland“. Doch die dauert keine zwei Stunden – im Stück gibt es keine Pause – und am Ende zeigt der Bildschirm nur Schnee. Ein klares Bild kann auch die Inszenierung im Schaupielhaus nicht verschaffen, eher eine deprimierende Stimmung. (Anna Dettmer)

Termine im November: 8., 14. und 22. November 2009

 

DUNKEL LOCKENDE WELT

von Händl Klaus
Regie: Schirin Khodadadian
Essen

Grillo Theater

22.10.09

Alles könnte passiert sein, aber ebenso auch gar nichts. „Dunkel lockende Welt“ beginnt in der blitzblank geputzten Wohnung von Dr. Corinna Schneider, die ihrem Freund nach Peru folgen will. Corinna unterhält sich mit Vermieter Joachim Hufschmied, der sie nicht gehen lassen will. Nach einiger Zeit findet Joachim einen menschlichen Zeh, übersehen beim Putzen. Was macht dieser in der Wohnung? Ist Corinnas Freund vielleicht doch nicht in Peru? Eins ist auf jeden Fall klar: Corinna fährt nicht zu ihm, sondern zu ihrer Mutter Mechtild nach München. Diese soll für ihre Tochter den Zeh holen. In Leipzig bei Joachim angekommen, behauptet die Biologin, dass ihre Tochter gestorben sei. Joachim und Mechtild kommen sich näher und stellen fest, dass sie sich eigentlich schon kannten.

Händl Klaus entwirft eine Welt, in der viel Platz für die eigene Fantasie bleibt. Die dunkel lockenden Abgründe der Personen können nur erahnt werden. Das Stück ist etwas bizarr und bestückt mit langen und auch wiederkehrenden Dia- und Monologen. Grundvoraussetzung für den Zuschauer ist Fantasie, da viele Fragen ungeklärt bleiben.

(Bernadette Ahmann)

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Bochum

Schauspielhaus

Das weite Land (Arthur Schnitzler)
Im Schauspielhaus Bochum
Samstag, 4. April 2009
Regie: Dieter Giesing


Mit dieser „Tragikomödie“, wie Schnitzler sein Stück selbst bezeichnet, erlangt er internationalen Ruhm. Es wird 1911 gleichzeitig an neun bedeutenden deutschsprachigen Bühnen uraufgeführt. In seinem gesamten Werk richtet er sein Augenmerk immer wieder auf den Widerspruch zwischen Verstand und Gefühl, so auch hier. Die Auswirkungen des gesellschaftlichen Zustands auf das Individuum werden mit psychologischer Genauigkeit betrachtet. Wir erleben in „Das weite Land“ eine Gesellschaft, die sehr weitgehend nach außen hin den noch gültigen Konventionen folgt, aber keinerlei Wertvorstellungen damit verbindet. Ehebruch ist gängige Praxis, wird anscheinend allseits toleriert. Die individuellen Vorstellungen darüber, wer sich in welcher Situation aber wie zu verhalten hat, gehen weit auseinander. So unterstellt der Protagonist – Fabrikant Hofreiter, autoritärer Macher und Machtmensch – seiner Frau Genia, sie habe Schuld am Selbstmord des Künstlers Korsakow, weil sie ihn nicht als Geliebten nahm, sondern ihm treu blieb. Der Gedanke scheint unerträglich für ihn, er selbst nimmt sich jedes Recht, Frauen zu nehmen und fallen zu lassen, wie es ihm beliebt. So nimmt er auch sofort die Gelegenheit wahr, seinen Freund Dr. Mauer in die Berge zu begleiten, schließlich trifft man dort auch auf die blutjunge Erna, die seit Kindesbeinen für ihn schwärmt, sich aber ansonsten einen modernen Touch gibt. Dr. Mauer macht sich Hoffnungen auf Erna, aber Hofreiter nutzt rücksichtslos die Gelegenheit, sich Erna zu nähern. In einem Gespräch zwischen dem Hoteldirektor Aigner und Hofreiter über die emotionalen Erfahrungen des Ehebruchs, die im Falle Aigner zur sofortigen Trennung von der geliebten Frau und dem Sohn führten, wird deutlich, wie fremd ihm solche seelischen Befindlichkeiten sind (Burkhard Klaußner als Hofreiter mit großartiger Mimik). Die Seele ist für Aigner ein „weites Land“, für Hofreiter aber haben Menschen zu funktionieren – nach seinen Vorstellungen. Dass aber auch er Emotionen unterliegt, erweist sich im Gespräch mit dem Bankier Natter (Nomen est omen) und seiner verzweifelten Reaktion nach dem Duell-Mord an dem jungen Liebhaber seiner Frau, als er erkennt, dass er zwar die äußeren Verhältnisse manipulieren kann, nicht aber die inneren.
Wir sehen in Bochum eine Inszenierung, die sich weitgehend an der Originalfassung orientiert. Das Ensemble vermag durchgängig, die Charaktere des Wiener Großbürgertums um 1910 glaubhaft darzustellen. Besonders hervorgehoben werden müssen die beiden Hauptdarsteller Burkhard Klaußner als Hofreiter und Catrin Striebeck als seine Frau Genia, denn sie verstehen es emotionale Entwicklungen glaubhaft zu verkörpern. Marc Boysen als empfindsamer und zurückhaltender Dr. Mauer und Johann von Bülow als unterwürfiger, bauernschlauer Bankier Natter überzeugen mit ihrer Darstellung. Das Bühnenbild ist modern und schlicht, dabei auch zweckmäßig, denn  es bildet stets den geeigneten Rahmen für die Handlung. Die Aufführung ist, was sie sein soll: tragisch und komisch.
Insgesamt für Theaterfreaks eine Empfehlung!

(Gisela Baumann-Wagner)

Düsseldorf
Schauspielhaus Düsseldorf
Josef und seine Brüder" nach Thomas Mann
von John von Düffel
Inszenierung: Wolfgang Engel


Thomas Manns Monumentalwerk „Josef und seine Brüder" auf die Bühne zu bringen, stellt eine ziemliche Herausforderung dar. Denn das vierbändige Epos Thomas Manns ist alles andere als eine leichte Kost. Nach den Buddenbrooks nahm sich John von Düffel, der als Dramaturg am Thalia Theater in Hamburg tätig ist, nun auch dieses umfangreiche Werk vor. Für das Schauspielhaus in Düsseldorf schrieb er eine Bühnenfassung. Wolfgang Engel inszenierte die Erzählung.

Die Theaterbesucher haben sich an diesem Samstag auf einen langen Abend eingestellt. Bereits der Auftakt ist ungewöhnlich und mutet abenteuerlich an. Labyrinthartige Gange führen zur Bühne. Vorsichtig setzen die Zuschauer Fuß vor Fuß bis sie zu ihren Plätzen gelangen.
Die Bühne hat die Form eines Quadrates mit Podesten, die sich heben und senken lassen. Nur ein Mast mit einem einzigen Scheinwerfer ist dort aufgestellt, ansonsten ist sie kahl und ohne schmückendes Beiwerk. Das Publikum kann von vier Tribünen aus auf die Bühne herabblicken. Für die Darsteller gibt es keine Rückzugsmöglichkeiten, jede Handlung, jede Geste wird sichtbar. Nichts bleibt den Zuschauern verborgen. Mit der Offenheit der Bühne soll die Offenheit der Geschichte und die Schutzlosigkeit des Individuums assoziiert werden. Der Mensch wird in das Leben geworfen und ist für sich verantwortlich. Die vier Seitenwände des Quadrats symbolisieren die vier Himmelsrichtungen, innerhalb derer spielt sich das Leben ab, gibt es Orientierung. Der Blick von oben auf die Bühne des Lebens wird dieses Mal den Theaterbesuchern gewährt, nicht wie sonst üblich ist er Gott vorbehalten.

Ähnlich wie schon in Thomas Manns „Buddenbrooks" geht es auch in „Josef und seine Brüder" um die großen Themen der Menschheitsgeschichte, die uns nicht nur im Alltag, sondern auch in der Weltliteratur immer wieder begegnen: Liebe, Hass, Eifersucht, Betrug, Rache und Täuschung.

Die Handlung beginnt mit dem Auffahren der Darsteller aus der Tiefe auf die Bühne. Die Inszenierung legt damit gleich den Fokus auf ein zentrales Element des biblischen Mythos. Auf den tiefen Brunnen, in dem Josef von seinen Brüdern geworfen wurde.
Die alttestamentarische Familiengeschichte wird in zwei Teilen von acht Darstellern, sieben Männern und einer Frau erzählt. Gleich zu Beginn der Aufführung gerät man ins Staunen, als die Brüder ein Streitgespräch beginnen. Die Worte fliegen nur nur so hin und her zwischen den Erzählern, sie steigern sich in Wortgefechte, werden immer schneller und schneller und enden schließlich in einem Stimmengewirr. Bereits hier zeigt es sich, wie wunderbar Thomas Mann mit dem Wort umgehen konnte, seine sprachliche Vielfalt und die Virtuosität seiner Sprache.
Der erste Teil endet mit dem vermeintlichen Tod Josefs. Jakob wird das blutgetränkte Hemd seines Lieblingssohnes gebracht. Der zweite Teil spielt in Ägypten. Josef lebt im Haus des Potiphars und wird schnell dessen Vertrauter. Mut, Potiphars Frau, verliebt sich in ihn und stellt ihm nach. Josef, absolut gottesfürchtig und loyal gegenüber seinem Herrn widersteht ihren vehementen Verführungskünsten. Welche Kraft ihn das kostet, macht Michele Cucioffo durch sein hervorragendes Spiel klar. Denn Potiphars Frau, beeindruckend dargestellt von Janina Sachau ist eine schöne, leidenschaftliche Frau die alle Register zieht um Josef herumzukriegen. Sukzessive verliert sie dabei immer mehr den Boden unter den Füßen.
An dieser Stelle gibt die Inszenierung den Exzessen der Mut zuviel Raum, weniger wäre da mehr gewesen. Auf Umwegen kommt Josef schließlich an den Hof des Pharao. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten machen ihn dort schon bald unentbehrlich. Er gelangt zu Macht und Ansehen.

Die Schauspieler schlüpfen gleich in mehrere Rollen, auch in Frauenrollen. Feststehende Identitäten, das will die Inszenierung deutlich machen, gibt es nicht. Menschen verändern sich und mit ihnen die Geschichte. Bei Thomas Mann sind es nicht nur die Menschen, die Geschichte schreiben, sondern es sind auch die Werke selber.
Für seine Verkörperung des Josef wird Michele Cucioffo stürmisch gefeiert. Er überzeugt als unbekümmerter Jüngling, der anfangs naiv durch das Leben stolpert, genauso, wie als gebildeter Sklave und erfolgreicher Geschäftsmann. Am Schluss sind seine Haare ergraut. Das Leben hat Spuren hinterlassen. Doch der Protagonist ist über sich hinausgewachsen. Durchtrennt hat er die Kette von Hass, Betrug und Rache.

Damit öffnen sich die Augen für ein neues Humanitätsideal, womit wir dann wieder ganz nah bei Thomas Mann sind.

Das großartige Ensemble erhält viel Beifall. Nach Fünfstunden ist manch ein Zuschauer an seine Grenzen gestoßen. Die Schauspieler sind es nicht. Sie wirken auch nach der langen Spieldauer weder müde noch abgespannt. (Ha-K)

 

 

Krankheit der Jugend

Krankheit der Jugend

von Ferdinand Bruckner

Im Essener Grillo-Theater zu sehen am 11. und 18. 2. am 13. und 20. 3., sowie am 09.04.2009

 

Regie Nuran David Calis
Bühne Irina Schicketanz
Kostüme Silke Rekort
Musik Vivan Bhatti
Video Karnik Gregorian

 

Unter dem Pseudonym Ferdinand Bruckner schrieb Theodor Tagger 1926 dieses Schauspiel unter dem Eindruck der damaligen Zeit. Nuran David Calis hat die handelnden Charaktere grundsätzlich nicht verändert, aber Umgebung und Sprachstil in bemerkenswerter Weise unserer Zeit angepasst. Er übernimmt nur teilweise Bruckners Text, deutet mit modernisierter Sprache die Situation der heutigen jungen Erwachsenen.

Wir erleben Selbstfindungsprozesse von sieben jungen Menschen, zumeist Studierende. Sie sind geprägt durch Herkunft und Umwelt und müssen sich den Fragen von Ethik und Moral, des eigenen Standpunkts und Werts stellen. Da ist die realistisch denkende Marie, die begabte Desiree, die alles probiert, aber keinen Halt findet; Irene, ehrgeizig und zielsicher, aber fast menschenscheu; der empfindsame Schriftsteller Petrell; der an seinen Moralvorstellungen gescheiterte Arzt Alt; der intelligente, aber Verantwortung scheuende Freder und die von ihm skrupellos manipulierte einfache Lucy, die Putz- und Servierdienste leistet. Sie treffen auf einer Geburtstagsparty aufeinander und zeigen uns ihre Suche nach Liebe und Erfolg in ihren verschiedenen Ausprägungen, die Versuche, andere zu manipulieren in der verzweifelten Hoffnung auf eigenes Glück. Die Dialoge münden in dramatische Wendungen. Auf schmalem Grat befindlich kann sich das Schicksal für den Einzelnen zur einen oder anderen Seite neigen

 

Die jungen Schauspieler bringen die Charaktere

glaubwürdig auf die Bühne und zeigen eine geschlossene Ensemble-Leistung - sie erhalten zu Recht starken Beifall. Das in kühlem Weiß gehaltene Bühnenbild unterstreicht sehr gut die unpersönliche Atmosphäre der Campus-Umgebung. Als Zuschauer verlässt man das Theater mit der Frage nach den Ursachen der aufgezeigten Zustände.

(Gisela Baumann-Wagner)

 

 

"Don Carlos" von Friedrich Schiller

Essen

Grillo Theater

 

"Don Carlos"

(11. Dezember 2008)

„Geben Sie Gedankenfreiheit". Dieser Satz aus „Don Carlos" war 1781 als Schillers Drama entstand ganz ungewöhnlich. Denn noch hielten Adel und Klerus das Zepter der Macht fest in ihren Händen.

Doch das folgenreichste europäische Ereignis der Neuzeit stand schon vor der Tür. Die französische Revolution resultierte aus der Unfähigkeit des Ancien Régimes auf die geistigen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen im Land zu reagieren. Sie führte zu weitreichenden Veränderungen, von denen fast ganz Europa betroffen war.

Schiller schrieb „Don Carlos" im Spannungsfeld des Zeitalters von Absolutismus und der Periode von Sturm und Drang. Das Drama enthält viel Zündstoff und genauso viele Interpretationsmöglichkeiten. Dem Dichter geht es um die Selbstbestimmung des Menschen und um den uneingeschränkten Gebrauch der eigenen Vernunft. Marquis von Posa in "Don Carlos" ist eine Figur, die die Idee der Gedankenfreiheit in die Menschheit transportieren soll.

 

Wie geht nun Anselm Weber den komplexen Dramenstoff an? Der erfolgsgewohnte Regisseur des Grillo Theaters inszeniert „Don Carlos" in moderner Fassung mit Videoprojektionen. Er kreiert einen Überwachungsstaat, indem die Protagonisten in einem Netz von Intrigen, Verschwörungen und Misstrauen sich gegenseitig nicht trauen können. Wie dieser Staat funktioniert zeigen die Videoeinspielungen. Kameras spionieren das Leben der Menschen aus, folgen ihnen in Privaträume, zeigen leere Flure oder labyrinntartige Gänge.

Des Weiteren ist der Großinquisitor über alles was im Reich passiert unterrichtet. Jedes Individuum kann lückenlos beschattet werden.

Die Inszenierung zeigt die Konsequenzen der Überwachung. Die Falle schnappt am Ende zu. Es gibt kein Entrinnen, nicht für Carlos und nicht für den Marquis, der sich für seinen Freund geopfert hat.

 

Die perfekte Überwachung zeigt auf bedrückende Art und Weise, welche verheerenden Auswirkungen Intrigen, Bespitzelungen und Misstrauen im sozialen Gefüge der Menschen haben. Dort wo sie an der Tagesordnung sind, gibt es kein Vertrauen und nur selten wahre Freundschaft. Parallelen zur Stasi drängen sich auf, selbst enge Familienmitglieder wurden ausspioniert und der Willkür politischer Machthaber ausgeliefert. Auch in einer funktionierenden Demokratie wird der einzelne mehr und mehr zu einem gläsernen Mensch und hat mit Nachteilen zu rechnen, wenn seine Daten nicht der Norm entsprechen. In Don Carlos ist es der eigene Vater, der den Sohn ausspionieren läßt, der ihm die Geliebte ausspannt und und ihn ans Messer liefert, als er nach Flandern fliehen will. Das Ideendrama zeigt anhand dieser Problematik, aus welchen Motiven die handelnden Personen ihren Hass, verschmähte Liebe, Verzweiflung oder Freiheitsdrang ableiten oder in ihnen verstrickt sind. Auch ohne Vorkenntnisse des Werkes, kann die Inszenierung leicht nachvollzogen werden.

 

Mit Sicherheit liegt es auch an den hervorragenden Schauspielern,

 

dass die Aufführung so brilliant ist. Nicola Mastroberardino (Carlos) kann man sich nicht entziehen. Mit unglaublicher Bühnenpräsenz verkörpert er den jugendlichen, schlaksigen und unkonventionellen Regenten, bei dem man die üblicherweise vermuteten Attribute eines Monarchen vergeblich sucht.

Der Identifikation mit seinem Seelenzustand kann man sich nur schwer entziehen, so beeindruckend drückt sich sein emotionales Spiel in wütenden Artikulationen und wild gestikulierenden Gesten aus. Die innere Wandlung und der Verzicht auf das individuelle Glück, als sich "Carlos" in den Dienst des Freiheitsideals stellt, setzt Nicola Mastroberadino absolut authentisch um.

Barbara Hirt gibt der Elisabeth ein klares Profil. Es beinhaltet königliche Würde und Handeln aus Pflichtgefühl.

Roland Riebeling interpretiert überzeugend den Charakter des Marquis von Posa, der in der Gestalt des Idealisten auftritt und bereit ist einer übergeordneten Idee zuliebe, die eigene Wahrhaftigkeit zu opfern.

Andreas Grothgar versteht es vortrefflich der Gestalt Philipp des II. Kontur zu geben. Markante Wesenzüge des Herrschers, wie Angst, Eifersucht und Misstrauen macht er transparent.

Philipp beobachtet seine kleine Tochter per Videokamera während des Spielens. Ein interessanter Einfall der Regie, der mehr als Worte sagt und die Unnahbarkeit seines Wesens überaus deutlich macht.

 

Am Ende des Dramas kriecht der Herrscher winselnd über den Boden. Ob es Gewissenbisse sind, die ihn zu Boden werfen, bleibt offen..

 

So recht ins Bild passt diese Vermutung bei seinem Persönlichkeitsprofil allerdings nicht.

 

Begeisterung und lang anhaltender Applaus

 

(U. Harms.Krupp)

 

 

Alice im Wunderland

Effie Briest

Grillo Theater
Premiere 7. 11.2008


Theodor Fontane wandte sich in seinen Romanen und Novellen gegen die starren Konventionen seiner Zeit im ausgehenden 19. Jh. Wir haben diese Zeiten längst überwunden und andere Probleme zu bewältigen. Was also kann uns die Geschichte der Ehebrecherin Effi Briest heute noch sagen?

Effi ist ganz ein Kind ihrer Zeit und ihrer Schicht. Sie hält Wohlstand und gesellschaftliche Stellung für Lebensglück und akzeptiert 17-jährig einen Ehemann, der ihr dies zu garantieren scheint. Obwohl dieser sehr viel älter ist als sie selbst. Ihr Mann und weitere Personen, die in ihrem Leben eine Rolle spielen, fühlen sich an die gelernten Konventionen eng gebunden.

So ist es unvermeidbar, dass das Schicksal seinen Lauf nimmt. Ihr Ehemann erschießt ihren Liebhaber im Duell, obwohl der von ihm zufällig entdeckte Ehebruch mehr als 6 Jahre zurückliegt. Der mahnende Einwand von Freund und Sekundant Wüllersdorf: „Wenn Sie den Liebhaber totschießen, ist Ihr Lebensglück sozusagen doppelt hin, und zu dem Schmerz über empfangenes Leid kommt noch der Schmerz über getanes Leid." verfehlt zwar nicht seine Wirkung, doch letztendlich rückt Effis Ehemann nicht ab von seinem Vorhaben. Schließlich geht es um seine Ehre und um seine Wahrnehmung, die ihn nicht anders handeln lassen kann. „Man ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört dem Ganzen an, und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen, wir sind durchaus abhängig von ihm."

Cilli Drexel und Olaf Kröck zeigen die Geschichte in einer modern inszenierten Bühnenfassung, die die wesentlichen Elemente der literarischen Vorlage wiedergibt, teilweise in Prosa. Dem Ensemble gelingt es hervorragend die einzelnen Figuren des Stückes zu charakterisieren. Die sparsame Bühnenausstattung findet schöne, symbolische Bilder, die das Geschehen deutlich machen. Sehr subtil stellt Nadja Robinè die Wandlung von der glücklichen Kindfrau zur unglücklichen Ehefrau dar, die an den gesellschaftlichen Konventionen zerbricht. Zu Beginn der Inszenierung verbringt sie noch unbeschwerte Kindertage unter dem voll in Blüte stehenden Apfelbaum. Doch mit dem Abschütteln der rosa Blüten ist auch das Ende für Effi gekommen. Die heile Welt ist für immer dahin.

Die Welt der „Effi Briest" kann nur erahnt werden, denn die Protagonisten des Stückes sprechen wenig über ihr Seelenleben. Nur durch Beobachtung von Mimik und Gestik gelingt ein Annähern an die Personen. Pedantisch rückt Baron von Innstetten die Sessel zurecht und verwindet es kaum, dass Effi den Kaffee verschüttet. Werner Strenger verkörpert sehr authentisch die Rolle des übergenauen Ehemanns. Effi hat ein inniges, vertrauensvolles Verhältnis zu ihrer Mutter und auch diese scheint ihrer Tochter sehr zugetan. Vorsichtig bereitet sie Effi auf das zukünftige Leben vor. Ihren Andeutungen kann man entnehmen, dass es keines falls so rosig aussehen wird, wie ihr bisheriges. Judith von der Werff zeigt die Mutter-Tochter-Beziehung äußerst differenziert.

Die seelische Erstarrung der Handelnden, ihr Verharren in gesellschaftlichen Konventionen arbeitet die Inszenierung sehr deutlich heraus. Die Verwendung von Masken als sichtbares Zeichen für eine Welt, in der das eigene Selbst versteckt und verhüllt wird um dem gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen, kann als weiteres Indiz zur Darstellung gesellschaftlichen Zustände gewertet werden. Effi ist zur Außenseiterin geworden, von der Gesellschaft geächtet. Zum Schluss hebt sie die letzten zartrosa Blüten auf. Der Baum steht nur noch als Gerippe dar.

Besser hätte man es nicht ausdrücken können.

Ein lohnender Theaterabend! Lang anhaltender Beifall für das großartige Ensemble

 

 

"Was ihr wollt"
von William Shakespeare
Regie: David Bösch
Premiere: 10.10.2008

Illyrien in Essen (Anna Dettmer)
Das Leben ist eine Baustelle


"Illyrien", ein Schauplatz großer Liebessehnsüchte in Shakespeares „Was ihr wollt", wird gerade umgebaut. Warum? Regisseur David Bösch verrät es nicht.

Den Ort „Illyrien" inszeniert David Bösch symbolisch als eine große Welle, die einen mitreißt, so wie die Liebe, wenn sie einen plötzlich und unerwartet trifft. Patricia Talacko und Dirk Thiele illustrieren dieses Bild wunderschön auf der Bühne. Eine Welle spült Viola, herzerweichend gespielt von Sarah Victoria Frick, an den Ort, an dem Herzog Orsino seit langem seiner unerwiderten Liebe zur Gräfin Olivia frönt. Wenn er den Bühnenmeister auffordert, sein Liebeslied noch einmal zu spielen, scheint es, als genieße er seinen Zustand der Hoffnung, des Wartens und der Verzweiflung.

Mit seinen langen Haaren erinnert er an einen Hippie auf einer einsamen Insel, der das Motto „Peace, Love and Harmony" perfektioniert hat. Der Narr, glänzend in Szene gesetzt von Günter Franzmeier, sieht dem Herzog ähnlich. Die Allegorie reizt zum Nachdenken: Ist der ein Narr, der ewig auf die unerreichbare Liebe hofft? Olivia, die um ihren toten Bruder trauert, wird erst wieder durch die Liebe zu Viola, alias Cesario, zum Leben erweckt. Verzweifelt, weil auch diese Liebe unerwidert bleibt, sucht sie die Schuld typisch weiblich in ihrem Aussehen. Grandios, wie sie mit einem Lippenstift die Vorarbeit eines Schönheitschirurgen an ihrem Körper vollzieht.

Regisseur David Bösch hat Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" als einfallsreiche, bunte und junge Inszenierung nach der Übersetzung von Thomas Brasch auf die Bühne gebracht. 2 ½ Stunden produziert die Inszenierung nicht nur jede Menge Gags und Einfälle, sondern auch viel Komik und jede Menge bissigen Humor. Dabei gibt es immer wieder Kabarettistische Einlagen und Effekte zu sehen, in denen Elemente der modernen Welt identifizierbar sind.

In der zeitlosen Aufführung spielt das gesamte Ensemble hervorragend, insbesondere Sarah Viktoria Frick als Viola bringt Schwung in die Handlung und begeistert mit ihrer Darstellung.

Karsten Riedel. vermag es, mit seiner Musik die tragikomischen Momente eindrucksvoll zu unterstreichen.

Wieder ein großer Erfolg. für Regisseur David Bösch und das Ensemble des Grillo.

Tosender Applaus.

 

 

Essen:
Grillo Theater
Die „Orestie" von Aischylos


Regie : Roger Vontobel
Bühne: Claudia Rohner
Kostüme: Nadine Grellinger
Video: Immanuel Heidrich

Premiere: 13.09.08

Jugend in der Revolte

Die »Orestie« des Aischylos ist die einzige vollständig erhaltene Trilogie des antiken griechischen Theaters und gilt als eines der berühmtesten Dramen der Antike. Erzählt wird die Geschichte der Atriden. Der siegreiche König Agamemnon kehrt aus Troja zurück. Mitgebracht hat er Kassandra, die Seherin, als Kriegsbeute. Klytaimestra, Gattin Agamemnons, inzwischen mit Ägisth liiert, plant dessen Ermordung. Elektra und Orest rächen den Tod Argamemnons. Kassandras düstere Prophezeiungen sind eingetroffen.
Roger Vontobel, der bereits erfolgreich Grillparzers „Das goldene Vlies" und „Eldorado" von Marius von Mayenburg in Essen inszenierte, brachte nun die „Die Orestie" im Essener Grillo Theater auf die Bühne. Die Inszenierung in moderner Fassung und mit einem jungen Ensemble wurde vom Publikum sehr positiv aufgenommen.
Dröhnende Rockmusik zum Auftakt und ein Orest, der unaufhörlich rennt, dabei aber auf der Stelle tritt, stolpert, fällt und dann keuchend auf der Bühne liegen bleibt. Schließlich taucht er ab in den Zuschauerraum. Der Chor tritt auf und hämmert die Worte: tun, leiden, lernen, vehement und sich ständig in der Lautstärke steigend in Richtung Zuschauerraum. Die zentrale Bedeutung dieses Slogans als ein Leitmotiv des Stücks wird schnell deutlich, denn im Laufe der gut dreistündigen Aufführung wird er häufig wiederholt.
Die Protagonisten präsentieren sich im modernen Outfit und einer leicht verständlichen Sprache. Vontobel orientierte sich an der modernen Übersetzung von Peter Stein, wobei er im 2.Teil zusätzlich Texte aus Sophokles „Elektra" (deutsch von Peter Krumme) verwendet. Das Bühnenbild ist nüchtern, in grau bis schwarz gehalten. Weißes Papier vom Boden bis zur Decke hinreichend markiert den Eingang in den Palast. Moderne Videotechnik und Applausverstärker aus der Retorte werden eingesetzt.
Thematisch geht es in der Inszenierung um Krieg, Kindermord, Gattenmord, Muttermord, Rache, Heuchelei, Täuschung, Lüge und blindem Hass. Damit wurde nicht nur der Mensch in der Antike konfrontiert, auch in der Lebenswelt des modernen Menschen finden sich genügend Beispiele für Affekte, gibt es Exzesse und Gräueltaten.
Aischylos Tragödien spiegeln die historische Zeit und zeigen das Leben der Menschen zwischen dem Glauben an die Götter und der eigenen Bewältigung des Daseins. Der Tragödiendichter kämpfte selber gegen die Perser und erlebte die Reformation Athens zur Demokratie mit.
Roger Vontobel geht mit seiner Inszenierung neue Wege. Der klassische Stoff der Orestie wird im modernen Gewand präsentiert und problematisiert „Bindungslosigkeit, jugendliche Rebellion und Blutrache". Aussehen und Charakter der Figuren stimmen mit der herkömmlichen Vorstellung antiker Tragikfiguren nur bedingt überein. Agamemnon (Werner Strenger) tritt als gebrochener Mann in Erscheinung, wie ein strahlender Held wirkt er nicht. Der Regisseur verleiht ihm „menschliche Züge", vermutlich trägt er schwer an seiner Schuld, die Schlacht hat ihn gekennzeichnet, Blut ist in Strömen geflossen und er opferte seine Tochter, „Ipheginie" für den Sieg in Troja. Nadja Robinè in der Rolle der Kassandra wirkt liebenswürdig und schutzbedürftig.
Klytaimestra, (Judith von der Werff) legt sich bei Agamemnons Rückkehr mächtig ins Zeug und verfasst Lobeshymnen auf ihren Gatten, die voller Phrasen und Heuchelei sind. Obgleich sie seine Ermordung schon lange beschlossen hat. Judith von der Werff wirkt in ihrer Darstellung so authentisch, dass Assoziationen an Ereignisse unserer Zeit sich spontan aufdrängen. Jonas Gruber in der Rolle ihres rücksichtslosen Geliebten Aigisth, kann man sich sehr gut als einen eiskalt berechnenden Buisnessmann vorstellen.
Und schließlich Elektra (Barbara Hirt). Würde strahlt sie nicht gerade aus, eher iist sie emotionsgeladen, jugendlich unbesonnen, draufgängerisch und starrköpfig. Barbara Hirt zeigt jedoch hervorragend, wie der Rachegedanke mehr und mehr von ihr Besitz nimmt und sie keinen Argumenten mehr zugänglich ist. Sie rebelliert gegen alles und jedens Wütend schlägt sie gegen die weiße Papierwand, die sie selber mit „Welcome Agamemnon" beschriftet hat. Dahinter vergnügen sich nun Klytaimestra imd Aigisth. Draußen vor dem Tor des Palastes hausend, sieht Elektra in der Mutter nur noch die Herrscherin und sinnt unaufhörlich auf Rache, die sie aber Orest überläßt. Jegliche Kommunikation zwischen Mutter und Tochter scheint abgebrochen. Orest ist der einzige, zudem Elektra noch eine Bindung hat. Den Verlust der Eltern kann er ihr aber nicht ersetzen. Sie benutzt ihn, um die Mutter zu töten. Ihre Worte: tun, leiden, lernen klingen wie Peitschenhiebe, als sie ihm die Axt zur Tötung der Mutter reicht. Mathias Eberle versteht es ausgezeichnet den Orest gleichermaßen jugendlich, unbekümmert, hilflos, ratlos aber auch rebellisch darzustellen.
Mit Blut wird nicht gespart. Tote treten als blutbeschmierte Rachegötter "Eumeniden" auf und werden zu Richtern über Orest. Die Gerichtsverhandlung ist eine Farce, soll aber die Einmaligkeit des Geschehens verdeutlichen. Denn Orest wird als Muttermörder angeklagt, der Lenkung der Staatsgeschäfte unwürdig. Erstmals ist damit das antike Rechtverständnis ein anderes geworden und hat den Rachegedanken als einen nie endenden Prozess in der Kette von Gewalt und Vergeltung unterbrochen. Damit entstehen neue Dimensionen, die eine Gesetzgebung möglich machen. Ein weltliches Gericht hat Recht gesprochen, eine von der menschlichen Gesellschaft eingesetzte objektive Instanz, Götter werden nicht mehr benötigt.
Ob Orest etwas gelernt hat- oder noch immer auf der Stelle tritt und auf der Suche nach sich selber ist, bleibt ungewiss. Er entschwindet in die Dunkelheit, alleine mit seiner Schuld.
Die Rachetriologie lässt den Schluss offen, ein „Lernprozess" nicht unbedingt in Sicht. Doch eines scheint sicher, nur im Diesseits kann der Mensch Hilfe erwarten, können Antworten auf existentielle Fragen gefunden werden. Das Jenseits verweigert sie.
Karten: 0201-8122 200
tickets@theater-essen.de

 

Oberhausen

Die Ratten (11.04.2008)
Tragikomödie von Gerhardt Hauptmann
Theater in Oberhausen
Inszenierung: Johannes Lepper

Selbst im Himmel gibt es keine Gerechtigkeit

 

Gerhardt Hauptmanns Tragödie „Die Ratten" hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Uraufgeführt wurden die „Ratten" 1911 im Lessing Theater in Berlin. Das Stück wurde damals mit Unverständnis aufgenommen, denn es war seiner Zeit weit voraus. In Oberhausen wurde die Tragikömodie von Johannes Lepper inszeniert. Im Zentrum der Handlung steht Frau John, deren Sohn an einer Krankheit gestorben ist Sie lernt Pauline kennen, ein schwangeres, einfältiges Mädchen, die ihr Kind nicht haben will und alles daran setzt es loszuwerden. Frau John macht einen Deal mit ihr und gibt Paulines Kind als ihr eigenes aus. Als Pauline ihr Kind zurückhaben will, kommt es zur Auseinandersetzung und die Tragödie nimmt ihren Lauf. Vordergründig ist es das tragische Schicksal der Frau John, die sich nimmt, was ihr nicht gehört und daran zugrunde geht. Doch Hauptmann ging es um viel mehr. Es sind komplexe gesellschaftliche Konflikte, die sich am Handlungsort abspielen. Der liegt in einer alten, schäbigen Mietskaserne, duzende Familien hausen hier. Auch Frau John und der Theaterdirektor Hassenreuter haben hier ihre Wohnungen. Die beiden repräsentieren zwei soziale Welten. Es sind die Welt der Herrschenden und Besitzenden und die Welt der Proletarier und der Besitzlosen.
Im 19 Jahrhundert kam es zu gewaltigen Umbrüchen in der Gesellschaft. Industrialisierung und Verstädterung zogen Elend und Armut in weiten Kreisen der Bevölkerung nach sich. In seinen Stücken prangert Hauptmann Missstände an und zeigt die Dekadenz der Gesellschaft. Das Rattenmotiv erfüllt von daher eine doppelte Funktion, da es auf das tatsächliche Vorhandensein der Ratten im maroden Gebäude hinweist und gleichzeitig die innere Gegensätzlichkeit des menschlichen Daseins versinnbildlicht.
Die Protagonisten in Leppers Inszenierung zeigen Verhaltensmuster und Verstrickungen, für die Lebenslüge, Egoismus und Beziehungslosigkeit bezeichnend sind. Sie sind nicht in der Lage miteinander zu kommunizieren. Das Versagen der sprachlichen Kommunikation weist auf die Vereinsamung des vollkommen isolierten Individuums hin. Ein weiterer auffallender Aspekt ist die Interesselosigkeit, mit denen die Figuren auf der Bühne ihre Umwelt wahrnehmen. Sie erkennen nicht, welche Tragödie sich direkt vor ihren Augen abspielt. Parallelen zur heutigen Zeit sind somit unverkennbar. Alle Rollen im Stück sind hervorragend besetzt. Otto Schnelling als Harro Hassenreuter überzeugt als ehemaliger Theaterdirektor mit einer Mischung von Arroganz und Imponiergehabe, Klaus Zweck ist der ahnungslose Ehemann Paul John, der nur ganz allmählich spürt, dass etwas Dunkles, Verhängnisvolles sich anbahnt. Claudia Fritzsche beruft sich auf Gottes Gerechtigkeit und fordert als diskriminiertes Dienstmädchen Pauline Piperkarcka ihr Kind von Frau John zurück. Dass die Idee der Gerechtigkeit nicht im Himmel anzusiedeln ist, macht Frau John ihr an dieser Stelle aber ganz deutlich klar. Marek Jera charakterisiert die Figur des unheimlichen und abstoßenden Bruno vortrefflich, Obwohl es schwierig ist ihn akustisch zu verstehen, kann man leicht nachvollziehen, was er verbal sagen möchte.
Ein ganz großes Lob gehört Sabine Wegmann. Wie sie in die Rolle der Henriette John schlüpft und sich deren Charakter in Sprache und Gestik zu eigen macht, ist schlichtweg brillant. Ihr Ausdrucksvermögen fesselt von der ersten bis zur letzten Minute. Viele Zuschauer kommentieren es mit Bedauern, dass sie nicht noch einmal alleine auf die Bühne kommt, um den Beifall des Publikums entgegenzunehmen.
Das gesamte Ensemble wird mit viel Beifall bedacht.

 

 

Grillo Theater

ANTIGONE
von Sophokles

Premiere am 29.03.2008

Nach der sehr erfolgreichen „Woyzeck" Inszenierung wartete nun mit „ Antigone" eine neue Herausforderung auf Regisseur David Bösch. Antigone ist vermutlich im Jahr 442 (v.Ch.) zum ersten Mal in Athen aufgeführt worden und seitdem in zahlreichen Inszenierungen auf der Bühne zu sehen gewesen. Dabei wurden interschiedliche Akzente gesetzt, politisch motivierte Aufführungen waren ebenso zu sehen, wie Inszenierungen, die den Geschlechterkampf in den Mittelpunkt stellten. Wie nähert sich Bösch nun der antiken Tragödie? Bei ihm heißt es zunächst Verzicht auf ein opulent ausgestattetes Bühnenbild, stattdessen der Einsatz einer Videoinstallation. Nicht nur die Kindergesichter von Eteokles, Polineykes, Ismene und Antigone werden auf die Leinwand projiziert, sondern auch einstige Idole, wie beispielsweise Janice Joplin oder James Dean. Dröhnende Rockmusik tönt in den Zuschauerraum. Auf der rot ausgelegten Bühne räsoniert Kreon über Theben und Antigone brüllt ihm unter den Zuschauern sitzend Propaganda, Propaganda entgegen. Was ist geschehen? Eteokles und Polineykes, beide Brüder der Antigone regieren in Theben und geraten in Streit. Sie erschlagen sich gegenseitig mit dem Schwert. Kreon, Antigones Onkel und Schwager des Ödipus übernimmt daraufhin die Herrschaft in Theben. Antigone will Polineykes begraben, doch Kreon verbietet es kategorisch. Sie akzeptiert sein Verbot nicht und übertritt damit das Gesetz. Kreon lässt sie ins Verlies werfen. Durch Sigmund Freud wurde die Ödipus Sage berühmt. Sie stellt genau betrachtet aber nur einen Ausschnitt aus einem größeren mythologischen Erzählzusammenhang über das Geschlecht der Labdakiden, dessen Stammvater Lapdakos war, dar. Mehrfach brüstet sich Antigone: „Ich bin Antigone, aus dem Geschlecht der Lapdakiden." Das Duo Lukas Graser und Nikola Mastroberadino, beide Mitglieder des Ensembles am Essener Grillo Theater, übernehmen gleich mehrere Rollen in der Tragödie und sind darin fulminant. Sie fungieren als Erzähler, klären das Publikum über die Oedipus Geschichte auf und übernehmen den Part der (toten) Brüder Eteokles und Polineykes. Sprachlich brillant und In eindrucksvollen Dialogen wird die Handlung vorangetrieben und die Konflikte der Protagonisten vorgeführt. Kreon und Antigone schenken sich nichts. Zwar versucht Kreon zunächst mäßigend auf Antigone einzuwirken, verpasst ihr dann aber doch eine Ohrfeige als sie respektlos los schreit und ihn mehrfach anspuckt. Holger Kunkel als Kreon läuft hier zur Höchstform auf und ist rhetorisch und mimisch ein absolut ebenbürtiger Kontrahent für Sarah Viktoria Frick (Antigone). Böschs Antigone ist nicht so sehr als Heldin konzipiert, eher vermag man eine Rebellin in ihr sehen. Sie wendet sich mit ihrem Handeln gegen den Staat und verstößt gegen rechtsstaatliche Prinzipien Die Regie lässt sie ein Pappschild mit den Worten „Politisch Gefangene seit 2 Tagen" präsentieren.Erinnerungen an die Schleyer Entführung und die Periode der RAF Bedrohung stehen ganz plötzlich wieder im Raum.

Sarah Viktoria Frick ist eine unglaublich wandlungsfähige Antigone. Kindlich trotzig und mit einer ungeheuren Bühnenpräsenz opponiert sie in den verschiedensten Posen gegen ihren Widersacher Kreon. Die mahnenden Worten von Schwester Ismene schlägt sie in den Wind. Dramaturgisch geschickt stattet Bösch die Schwestern mit ganz unterschiedlichen Charaktereigenschaften aus. Auch in der Figur des Kreon legt er neue Maßstäbe an. Kreon entspricht sogar nicht dem Bild eines Tyrannen, Aussehen und Gestik erinnern eher an einen linientreuen Parteifunktionär. Sein Pferdeschwanz, ein Relikt aus der Vergangenheit soll wohl die Wandlung seines Charakters vortäuschen. Schließlich war auch er einmal jung und modern. Kreons Geisteshaltung offenbart sich in der Auseinandersetzung mit Haimon (Martin Vischer), seinem Sohn. Kompromisslos beharrt er auf seinem Standpunkt, selbst um den Preis, den eigenen Sohn dadurch zu verlieren. Bösch Inszenierung thematisiert aktuelle Konflikte in der Gesellschaft Mit Kinderzeichnungen und spielerischen Einlagen spricht er auf das Drama des Erwachsenenwerdens an und weist auf den Konflikt zwischen den Generationen hin. Antigone, wie auch Kreon, glauben das Recht auf ihrer Seite zu haben. Ignorant sind beide, denn einer wie der andere verschließt sich einer Überprüfung ihrer starren Positionen. Sie erkennen nicht, dass das Leben als ein fortschreitender Prozess zu begreifen ist, bei dem nichts bleibt, wie es ist, sondern notwendigerweise die Weichen für das Miteinander immer wieder neu gestellt werden müssen.
Zum Schluss betrauert Kreon seinen Sohn. Von Polinykes und Etokles in die Mitte genommen tanzen die drei den Sirtaki. Der „große Grieche" ist auf einmal ganz klein und einsam geworden.
Auch für Antigone ist das Glück unbeschwerter Kindertage endgültig dahin. Die Zukunft sieht düster aus,
denn ihr Leben hängt an einem seidenen Faden. Ismene (Barbara Hirt) hat es ihr orakelt.
Irgendwann einmal wird man von ihrer Story hören , vielleicht sogar einen Film daraus machen.
Die Regie führt dann aber ein anderer (Bernd Eichinger , Guido Knopp) und nicht mehr David Bösch.
Viel Beifall für das gesamte Ensemble. Auffallend viele junge Leute verfolgten mit großem Interesse und Begeisterung das Geschehen auf der Bühne.

 

Essen:

Grillo Theater

Premiere: (1.11.07)

Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter

Inszenierung: Kaschig, Mathias

 

Am 14.11.2007 hätte Astrid Lindgren ihren 100 Geburtstag gefeiert (sie starb 2002). In Essen wurde jetzt die Premiere von „Ronja Räubertochter" gefeiert. Viele kleine Zuschauer kamen ins Grillo Theater und freuten sich über die mutige, tapfere und liebenswerte Ronja, bravourös gespielt von Barbara Hirt.

In einer stürmischen Gewitternacht kommt Ronja zur Welt. Ihre Eltern leben auf der Mattisburg und sind Räuber. Mattis (Werner Strenger), ihr Vater, ist dort sogar der Räuberhauptmann. Er liebt seine Tochter heiß und innig, verstößt sie aber dennoch als er merkt, dass sie sich mit Birk (Lukas Graser), Borkas Sohn und seinem Erzfeind trifft. Ronja und Birk gehen gemeinsam weg und hausen im Wald, in einer Bärenhöhle, wo sie viele Abenteuer bestehen müssen. Beispielsweise begegnen sie dort auch dem unheimlichen Wilddruden.

Die phantasievolle Inszenierung von Mathias Kaschig kam beim Publikum sehr gut an. Barbara Hirt als Ronja ist sicher eine Glücksbesetzung. Wie sie mit großen Sätzen über den Abgrund springt, mutig allen Gefahren trotzt und dabei auch noch ihrem Vater den moralischen Finger zeigt, ist höchst sehenswert. Aber auch die übrigen Rollen sind bestens besetzt, den Schauspielern ist anzumerken, wie viel Freude ihnen das Spiel bereitet. Wunderschöne Kostüme, ein abwechslungsreiches Bühnenbild, Musik, die das Ganze gekonnt unterstreicht und viele lustige Gags runden die vergnügliche Aufführung ab.

Georg Büchner „Woyzeck"

Inszeniert von David Bösch

Mit Spannung wurde im Essener Grillo Theater die Premiere von Büchners „Woyzeck" unter der Regie von David Bösch erwartet. Seit der Spielzeit 2005/2006 ist Bösch als Regisseur in Essen verpflichtet. Zuletzt inszenierte er mit großem Erfolg „Liliom" von Franz Molnàr.Büchner starb 1837 mit nur 23 Jahren an Typhus. Die Story um „Woyzeck" geht auf einentatsächlich stattgefundenen Mordfall in Leipzig zurück. Das Dramenfragment wurde von Büchner in nur 5 Wochen geschrieben.

Woyzeck und Marie haben ein gemeinsames Kind, sind jedoch nicht verheiratet. Um den kargen Verdienst aufzubessern, stellt sich Woyzeck für medizinische Experimente zur Verfügung und darf sich über einen längeren Zeitraum nur von Erbsen ernähren. Daneben pflegt er noch einen verkrüppelten Hauptmann, der einen bösartigen und zynischen Charakter hat und ihm moralische Vorhaltungen macht, weil Woyzeck ein uneheliches Kind hat. Als Marie sich in den Tambourmajor verliebt und mit ihm ein Verhältnis beginnt, gerät Woyzecks Welt völlig aus den Fugen. Er wird von dem Doktor und dem Hauptmann verspottet und der Tambourmajor schlägt ihn brutal zusammen. Immer stärker wird er von inneren Stimmen heimgesucht, die ihm befehlen er solle Marie töten.

Dass es ein großer Theaterabend werden würde, bereits der Auftakt ließ es vermuten. Eine große männliche Gestalt, die eine Lichterkette um den Körper geschlungen hat, bläst Zigarettenrauch in den Zuschauerraum mit den Worten: "Meine Herren! Sehen Sie die Kreatur, wie sie Gott gemacht." Woyzeck, verkabelt und bekleidet mit einem silbrig glänzenden Overall, der die Assoziation eines Astronauten weckt, steht im Zentrum der Bühne. Sierk Radzei spielt den Woyzeck und ist in der Rolle überragend. Er ist die erbarmungswürdige Kreatur, die dem Zynismus und den Perversitäten des Experimentators gnadenlos ausgeliefert ist. ("Woyzeck, er hat die schönste aberratio mentalis partialis, zweite Species, sehr schön ausgeprägt. Woyzeck, er kriegt Zulage.")

Düstere Erinnerungen werden geweckt, Parallelen zu den menschenverachtenden, grausamen Experimenten des KZ Arztes Mengele, während des Nazi Regimes können gezogen werden..

Bösch konstruiert seinen Titelheld als einen Menschen mit liebenswürdiger und warmherziger Ausstrahlung und fast kindlicher Naivität. Maries Abwendung von ihm, stürzt beide in die Katastrophe. Nicht 30 Silberlinge sind es, für den sie ihn verrät, sondern sie betrügt Woyzeck für ein Paar glitzernde Ohrringe mit dem glatzköpfigen, gewalttätigen und gefühlslosen Tambourmajor (Nicoloa Mastroberadino). Nadja Robin ist als Marie absolut überzeugend und anrührend. Perfekt in Mimik und Gestik, besonders glaubhaft sind ihre Bemühungen dem Tambourmajor Zärtlichkeit beibringen zu wollen.

Woyzeck ist immer wieder wegen seiner Modernität gelobt worden. Das Stück zeigt das Leiden des Menschen in einer unmenschlich gewordenen Welt und weist hin auf eine Wirklichkeit, die von der fundamentalen Einsamkeit des modernen Menschen gekennzeichnet ist. Um dies zu verdeutlichen, schafft der Regisseur eindrucksvolle Bilder, z.B. das Sterntaler Märchen. Kann sich der Mensch aus Isolation und Trostlosigkeit befreien? Sonne, Mond und Sterne als metaphysische Trostspender werden jedenfalls als Illusion entlarvt.

Das gesamte Ensemble bietet eine hervorragende Leistung und wird vom Publikum mit lang anhaltendem Beifall bedacht.

 

Tennessee Williams,
„Endstation Sehnsucht"

Essen, Premiere:

Grillo Theater,

7.09.07

 

Das Grillo Theater in Essen eröffnete mit der Premiere des Dramas „Endstation Sehnsucht" von Tennessee Williams jetzt seine neue Spielzeit. Das Stück wurde 1947 uraufgeführt und brachte den endgültigen Durchbruch für den Schriftsteller. Bis zu diesem Zeitpunkt hielt sich Williams, der sein Studium der Publizistik und Theaterwissenschaft abgebrochen hatte, mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. International bekannte wurde er mit seinen Stücken „Endstation Sehnsucht" und „Die Katze auf dem heißen Blechdach." Für diese Werke wurde er mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet.

In Endstation Sehnsucht geht es um das Scheitern einer menschlichen Existenz, um Weltanschauungen und Lebensentwürfe, die mit der Realität nicht übereinstimmen. Schirin Khodadadian inszenierte das Sozialdrama in Essen und ließ es in der Jetztzeit spielen. Nach 10 Jahren besucht Blanche (Julia von der Werft) ihre Schwester Stella (Katharina Lindner) und sucht Zuflucht bei ihr. „Belrev", der Familienbesitz der beiden Schwestern ist wirtschaftlich ruiniert und Blanche hofft bei ihrer Schwester einen Neuanfang machen zu können. Stella lebt in einer engen, bescheidenen Wohnung und ist inzwischen mit Stanley, einem ungebildeten polnischen Einwanderer verheiratet. Von Anfang an kommt es zu Spannungen zwischen Blanche und ihm. Er misstraut seiner Schwägerin und verabscheut ihr vornehmes Getue. Blanche wiederum zeigt offen ihre Abneigung gegen den groben, zur Gewalt neigenden Mann, der ihre Schwester schlägt. Als sich Mitch, Stanleys Pokerfreund in Blanche verliebt, zieht er Erkundigungen über sie ein und zerstört die Verbindung der Beiden.

Wie die Regisseurin, die unterschiedlichen sozialen Welten, die zunehmende Spannungen zwischen den einzelnen Figuren, ihre Hoffnungslosigkeit und Entfremdungen in Szene setzen würde, darüber herrschte gespannte Erwartung.

Khodadadian versetzt die Handlung in die Jetztzeit und lässt Stanley im unverkennbaren Ruhrpottslang agieren. Das Bühnenbild: eine Wohnung mit Podesten und großen Fenstern, die den Blick offenhält auf die Personen und eine geschmacklose Einrichtung, ein Sammelsurium von Polstermöbeln mit zahlreichen Lampen und kitschigen Dekorationen.

Julia von der Werft gibt dem zunächst nur Andeutungsweisen Bild von Blanche im Laufe der Handlung immer schärfere Konturen. Sie liefert sich nicht nur mit Stanley, sondern auch mit Stella spannungsgeladene Dialoge und macht mit Sprache und Gestik deutlich, was es heißt in alten Traditionen verwurzelt zu sein und sich nicht auf die Wirklichkeit einstellen zu können. Andreas Grothgar als Ruhrgebietspole ist in der Rolle des Stanleys absolut authentisch. Er demonstriert Blanche, wie es ist, einen Kowalski zum Gegner zu haben. In der Auseinandersetzung mit ihr wächst er über sich hinaus, steigert seinen Hass gegen den Eindringling und motiviert seine Schritte gegen sie. Dabei gelingt es Grothgar vortrefflich die Charakterzüge des „Macho Stanley" und dessen Ambivalenz in emotionalen Dingen herauszuarbeiten. Tennessee Williams ordnet ihm durchaus auch positive Eigenschaften zu.

Stella wird von (Katharina Lindner) bestens dargestellt. Glaubhaft stellt sie deren Zufriedenheit in einem Milieu da, welches bei ihrer Schwester nur blankes Entsetzen hervorruft. Bei Khodadadian ist Stella kein abhängiges „Weibchen" sondern weiß was sie will, zeigt nur da Schwäche, wo sie der Brutalität des Mannes unmittelbar unterliegt. Werner Strenger als Mitch reflektiert perfekt das Bild des in Konventionen steckenden Menschen und dessen Entlarvung als Muttersöhnchen, der seine Heiratsabsichten aufgibt.

Mit viel Beifall wurde diese gelungene Inszenierung vom Publikum belohnt.

 

Essen: Grillo Theater

Premiere: 11.05.07

Henri Ibsen: Hedda Gabler


Henrik Ibsen (1828-1903), ist einer der ganz Großen der Weltliteratur und wird als Vater des modernen Dramas betrachtet. Seine Dramen thematisieren Alltagssituationen und besitzen auch heute noch große Aktualität. Dabei wirft Ibsen einen kritischen Blick auf die bürgerliche Gesellschaft, greift Tabus auf und stellt moralische Werte zur Disposition.

1890 schrieb er in München das psychoanalytische Drama „Hedda Gabler." In Essen wurde jetzt die Produktion des Schauspiels Hannover unter der Regie von Christina Paulhofer aufgeführt.

Paulhofer konstruiert Hedda Gabler als eine vielschichtige Persönlichkeit, als eine Frau; die nicht wirklich weiß, was sie will und was sie kann. Als Tochter eines Generals übernimmt sie Wertvorstellungen und Konventionen einer privilegierten Gesellschaftsschicht und scheut jeden Skandal. Als Ehefrau des Wissenschaftlers Jorgen Tesmann wird sie mit der kleinbürgerlichen Welt konfrontiert, die sie aber strikt ablehnt. Genauso hält sie es mit familiären Bindungen. Als Merkmal seiner Kleinbürgerlichkeit zeigt die Inszenierung Tesmanns bestickte Pantoffel, die seine Tante ihm nach Hause bringt. Auch Tante Jule ist in die Kategorie „Spießbürgerlichkeit" einzuordnen. Selbst der moderne Hut ändert da nichts dran. Hedda hält Distanz zu ihr, will sie auch nicht duzen.

Die Abhängigkeit vom Vater lässt die Regisseurin auf verschiedene Weise deutlich werden, Hedda spielt mit Pistolen (wichtiges dramaturgisches Requisit), sie marschiert in der Generalsjacke auf und ab und handelt strategisch, als es um die Zerstörung des Verhältnisses von Thea und Levborg geht. Mit ihrem provokanten Tun assoziiert sie ihren Machtwillen. Sie will Macht über ein Menschenschicksal haben und sie will Levborg als Sieger sehen: „Mit Weinlaub im Haar."Als ihr dies nicht gelingt erschießt sie sich. „Sie will in Schönheit sterben."

Heddas Welt ist eine Glitzerwelt, in der sie sich langweilt und auf der Suche nach Identität ist. Das Bühnenbild zeigt einen modernen Showraum mit hellen Sitzkissen, einem beleuchteten, weißen Baldachin, einem überproportionalen großen Leuchtspiegel und einem Kleiderständer mit Exklusiv Garderobe. Es sind Statussymbole, die in einer modernen Gesellschaft anzutreffen sind, in der es um die Devise mehr „Schein als Sein" geht.

Die Inszenierung arbeitet Ibsens Figurenkonstellation und die Typisierungen der Charaktere detailgetreu heraus und zeigt auch die Widersprüche in Heddas Charakter sehr deutlich.

Hedda als gescheitete, aristokratische Ästhetizistin, Tesmann, als ehrgeiziger Wissenschaftler, der aber durchaus über positivistische Eigenschaften verfügt, sein Gegenspieler Levborg, für den Normen und Konventionen keine Rolle spielen und Thea Elvsted, die zunächst hausbacken wirkt, dann aber emanzipiert ihren Weg geht. Richter Brack, ein kalter Zyniker, der Hedda erpresst, weil sie seine Vorstellung einer Dreiecksgeschichte nicht teilt.

Die Regie lässt sich zum Schluss etwas Besonderes einfallen. Merry Christmas Klänge für die blutbesudelte Hedda, die im Leben nicht lieben konnte, wie übrigens auch die anderen Figuren des Stückes zu keiner Liebe fähig sind. Hedda ist nun angekommen und ein neues (geistiges) Kind wird geboren, das Buch von Thea und Levborg.

Das vollkommene Desinteresse an Heddas Tod, lässt auf bedrückende Weise, Parallelen zu aktuellen Ereignissen in unserer Gesellschaft wach werden.

Die Rollen sind hervorragend besetzt und arbeiten die Charaktere der Figuren in ihrer Abstimmung aufeinander bis in die kleinste Nuance exakt heraus, so dass man keinen Darsteller besonders herausgreifen möchte.

Das Publikum dankt dem Ensemble mit lang anhaltendem Beifall

 

 

Premiere: „My Fair Lady” nach Bernhard Shaws “Pygmalion”

01.09.07

Musik: Frederik Loewe

Deutsch von Robert Gilbert

Theater:  Dortmund

 

Vor fast ausverkauftem Haus feierte die Neuinszenierung von My fair Lady in

Dortmund Premiere. Das Erfolgsstück schrieben Frederick Lowe (Musik) und Alan Jay Lerner (Text) nach der Romanvorlage „Pygmalion“ von George Bernhard Shaw. Unter der Regie von Herman Levin fand 1956 die Uraufführung am Broadway statt.

Mit über 2717 Vorführungen in nur fünf Jahren brach das Musical alle Rekorde.

Die Verfilmung 1964 mit Audrey Hepburn und Rex Harrrison in den Hauptrollen

machte „My fair Lady“ weltweit bekannt. Das Werk erhielt zahlreiche Preise,

darunter alleine acht Oskars. Was macht nun die Faszination dieses Musicals aus? Es ist die Mischung von Unterhaltung und Satire in Verbindung mit den hinreißenden Songs, die fast jeder kennt, weil er sie schon

einmal gehört oder mitgesungen hat.

 Die Sprache formt den Menschen, die Herkunft macht es nicht. So lautet die

These von Prof. Higgins, dem eingefleischten, frauenfeindlichen Junggesellen, der sich mit Phonetik beschäftigt.

Mit Eliza, einem einfachen Blumenmädchen mit vulgärer Sprache und Berliner Dialekt wagt er ein Experiment. In nur 6 Monaten will er sie zu einer Lady ausbilden, die akzentfrei spricht und sich in der aristokratischen Gesellschaft sicher bewegen kann. Rücksichtslos und unerbittlich paukt er mit ihr die Lektionen. Als der Erfolg auf sich warten lässt, verhält er sich wenig kultiviert.

Er traktiert sein "Objekt" mit Schimpfworten und behandelt sie würdelos. Schließlich macht Eliza doch Fortschritte und wird in die Gesellschaft eingeführt. Glänzend besteht sie die Probe.Doch Lob erhält sie nicht, die Lorbeeren ernten Higgins und Pickering.  Der temperamentvollen, überwiegend klassischen Inszenierung von Michael Jurgons fehlt es nicht an sozialkritischen Bezügen. Die hervorragende Besetzung der Rollen lässt die

Tiefe der Figuren mit den unterschiedlichen Charakteren begreifen, lässt deren

Distanz und Einsamkeit aufspüren. Martina Schilling als Eliza besticht durch ihre klare, natürliche Stimme, perfekt ist sie in der Wandlung vom schnoddrig sprechenden Blumenmädchen zur bezaubernden, gebildeten Lady der upper class. Jürgen Uter interpretiert absolut überzeugend, die Charakterzüge des Professor Higgins: Selbstüberheblichkeit, emotionale Kälte, aber 

auch Hilflosigkeit. Vortrefflich ins Genre passt Andreas Becker als Vater Dolittle. Beim Anstimmen des Hochzeitsliedes gerät er richtig in Fahrt und animiert das Publikum zum Mitklatschen. Helga Uthmann als "Higgins Mutter“, die ihrem Sohn elegant Paroli bietet, ist die Grande Dame

schlechthin und Tansel Azeybek als glühender Verehrer und Drahtseilakrobat „Freddy“ singt mit soviel Inbrunst und schöner Stimme für die Angebetete, dass ihm sogar Flügel dabei wachsen.  

Begeisterung beim Publikum mit Standing Ovation und Zugaberufe für ein hervorragendes Ensemble und die Dortmunder Philharmoniker.

 

Premiere

Schauspiel Essen, 21.04.07

Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

Von Edward Albee

Nicht Angst, sondern Begeisterung für "Virginia Woolf

 

Das 1962 entstandene Stück von Edward Albee zählt bis heute zu den meistgespielten Klassikern der Nachkriegszeit und hat auch fast 4 Jahrzehnte nach der Uraufführung nichts an Brisanz verloren. Weltberühmt wurde „Wer hat Angst vor Virginia Woolf" durch die Verfilmung mit Elisabeth Taylor und Richard Burton.

In Essen feierte das Stück jetzt eine viel umjubelte Premiere. Das Publikum verfolgte fasziniert den gnadenlosen Beziehungskampf zwischen Martha und George, die am laufenden Band Bosheiten, Gemeinheiten und schlimmste Demütigungen produzieren. Mit einem nicht enden wollenden verbalen Schlagabtausch demonstrieren sie die Abgründe ihrer zerrütteten Ehe, die von Einsamkeit, existentieller Abhängigkeit und gegenseitigen Lebenslügen geprägt ist. Das ganze Ausmaß des Elends wird deutlich als Martha zum Schluss des Stückes sagt: „Ich wäre so gerne glücklich, kann es aber nicht sein."

Die Inszenierung von Anselm Weber zeigt ein sparsames Bühnenbild. Rechts und links außen ein blauer Sessel, ein Teppich und im Zentrum der Bühne ein Kühlschrank, gefüllt mit Flaschen voller Alkohol. George und Martha trinken viel und fast ununterbrochen, auch noch um 2 Uhr morgens als sie Besuch von Putzi und Nick, dem jungen Biologiedozenten bekommen. Sabine Orleans als Martha ist ein Vollblutweib, von der ersten Minute an Raumfüllend und im Gegensatz zur superschlanken Putzi, (Barbara Hirt), hüftstark. Ihrem Spiel kann man sich bis zum Schluss nicht entziehen, denn sie dominiert als Martha die Handlung auf der Bühne, kommandiert und schikaniert George und macht ihm unmissverständlich klar, wie es mit seiner Rolle in der Ehe bestellt ist.

Der einstige Kronprinz ihres Vaters ist in ihren Augen tief gefallen, ein elender Versager, der nach ihrer Pfeife zu tanzen hat und den sie am Boden liegen sehen will. Vor einigen Jahren hat sie ihn bereits während eines privaten

Boxkampfes mit einer Linken zu Boden gestreckt. Und dort soll er auch bleiben.

Andreas Grothgar versteht es phantastisch den Charakter Georges mit all seinen Facetten bloßzulegen. Überaus sehenswert sein Versuch, Martha zu stoppen, um den Unausweichlichem zu entgehen und einen letzten Rest von Selbstwertgefühl zu behalten. Auch Putzi und Nick werden Opfer des grausamen Treiben ihrer Gastgeber .

Ihre scheinbar heile Welt zerbröckelt schnell. Schritt für Schritt werden sie demaskiert .Barbara Hirt spielt die naive, zickige Putzi absolut überzeugend, Dominic Oley als Nick offenbart die Wandlung vom zunächst farblosen Wissenschaftler zum rücksichtlosen Karrieremenschen auf exzellente Weise.

Nach fast 3 Stunden ist der Alptraum zu Ende. Das Spiel ist aus.

Nichts mehr ist so, wie es war. Oder doch?

Wuppertaler Schauspielhaus, 30.03.07

Mathias Richling.

Kabarettist Mathias Richling als Einstein mit Perücke und Kittel wendet die Relativitätstheorie an, um zu neuen Erkenntnisse über das politische Leben in unserem bundesdeutschen Staat zu gelangen. Die Bühne als globale Baustelle: schwarz, rot, gelbe Zäune, im Gerüst hängt ein silbrig glänzender Globus, eine Schubkarre mit Gartenzwergen, eine Sitzecke mit Tisch, eine Mülltonne, die als Rednerpult für Politiker dient.

Von der ersten Minute an fesselt Richling das Publikum mit seiner überzeugenden Bühnenpräsenz und schießt mit scharfer Munition auf die Politik in unserem Land. Er kommentiert, parodiert und wechselt ständig die Rollen. Parteien und Politiker kriegen gleichermaßen ihr Fett weg. Allen voran Angela Merkel, die auf Dr. Freuds Couch landet und eine tiefenpsychologische Analyse über sich ergehen lassen muss.

Natürlich sind auch Müntefering, Kurt Beck und Stoiber mit von der Partie. Beck als Verlegenheitslösung der Partei redet während des Interviews viel, sagt aber wenig. Stoiber gefällt sich in Eigenlob und gibt einen politischen Tatenbericht ab. Peer Steinbrück wird als „Das neue Ungeheuer von Loch Berlin" bezeichnet.

Ulla Schmid, die mit Gipsfuß über die Bühne humpelt, gibt uns einen heißen Tipp, wie wir bei der Praxisgebühr sparen können. Rational damit umgehen ist ihre Devise: „Erst dann den Beinbruch behandeln lassen, wenn der Herzinfarkt hinzu gekommen ist". Zur Höchstform läuft Richling auf, als er Ursula von der Leyen als schwangeres „Schneewittchen der großen Koalition" parodiert und als Dolmetscher Wladimir Putins fungiert, der mit einem unaufhörlichen Redeschwall deutlich macht, wie man in der Politik auf höchstem Niveau aneinander vorbeireden kann. Der bedauernswerte Zustand der SPD wird ebenso zum Thema, wie der politische Werdegang der Grünen. „Ach, wer war denn gleich Joschka Fischer"?

Aber auch das Publikum kommt nicht ungeschoren bei Richling weg, denn auch wir haben betrogen. Wir haben nämlich die Politiker gewählt, obwohl wir wussten, dass sie lügen. Nach knapp 2 Stunden ist die Analyse der politischen Gegenwart beendet. Ein überragender Richling, der seine satirischen Beiträge sprachlich brillant und in einer pausenlosen Abfolge punktgenau platziert, reißt das Publikum immer wieder zu Beifallsbekundungen hin. Trotz des spaßigen Abends: Wir haben sie gehört, die mahnenden Worte über unser "armes Deutschland"

 

Essen

Grillo Theater

"Liliom" (Franz Molnàr)

Premiere (17.03.07)

Liliom, ein Hallodri und Taugenichts arbeitet auf einem Rummelplatz und verliebt sich in die junge, hübsche Julie. Frau Muskat, die resolute Chefin des Rummelplatzes und Besitzerin des Ringelspiels ist darüber äußerst erbost, denn sie hat selber ein Auge auf ihn geworfen. Verärgert wirft sie Liliom hinaus. Das stört Liliom zunächst nicht, denn er hat ja seine Träume. Träume von Amerika, Träume von einem Vergnügungspark, Träume von einem besseren Leben mit Julie.

Regisseur David Bösch verlegt den Schauplatz des Stückes auf eine Müllhalde. Und nicht nur das, Berge von Wohlstandsmüll, in denen einzelne Objekte: hässliche Stofftiere, ein roter Kinderwagen oder alte Stühle herausragen glühen, leuchten und verzaubern den ansonsten trostlosen Ort, wenn Liliom und Julie sich sehr nahe kommen. David Bösch lässt die Liebenden für eine kurze Zeit in einem ausrangierten Wohnwagen inmitten von Müllbergen hausen und zunächst auch glücklich sein. Doch lange währt das Glück nicht. Die Illusion eines gemeinsamen Lebens wird Stück für Stück zerstört und stattdessen das menschliche Dasein mit all seinen Facetten: Liebe, Hoffnung, Verzweiflung und Ausweglosigkeit vorgeführt.

Kein Job, kein Geld und mit der Freiheit geht es auch zu Ende. Wie sich Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit auf eine Beziehung auswirken kann, zeigt die Inszenierung auf eindringliche Art und Weise. Ultimativ verlangt Julie von Liliom, die Tätigkeit als Hausmeister aufzunehmen. Doch Liliom will sich nicht integrieren lassen in eine bürgerliche, spießige Welt. Er verliert die Beherrschung, schreit, brüllt und schlägt Julie. Trotzdem: "Böschs Liliom" ist kein brutaler Typ. Es gibt sie bei ihm, stille Momente von Glück und Zärtlichkeit. Es sind seine Hilflosigkeit, seine Ängste und Verzweiflung und die Sehnsucht nach einem besseren Leben, die ihn immer wieder ausrasten lassen.

Dass Liliom auf eine Katastrophe hinsteuert, ist von Beginn an in der "Figur Liliom" angelegt. Die menschliche Existenz kann scheitern, ist aber nicht grundsätzlich dazu verurteilt. Menschsein bedeutet sich seiner Verantwortung zu stellen, sinnlos ist es davonzulaufen vor den Fragen, die das Leben stellt, versucht das Stück zu sagen. Dass der Mensch der Baumeister seines eigenen Lebens ist, wird an Liliom sichtbar. Spätestens als Julie schwanger wird, muss er, wie auch immer zu Geld kommen. Dass er dies nicht auf legalem Weg beschaffen will, ist nicht weiter verwunderlich.

Gunter Franzmeier spielt den Liliom mit all seinen Facetten so glaubhaft und faszinierend, dass man bis zur letzten Minute von seiner Ausdrucksstärke in den Bann gezogen wird. Sarah Viktoria Frick als Julie ist absolut überzeugend, mal kokett und forsch und großartig in Mimik und Gestik.

Bösch und seinem Ensemble gelingt es hervorragend, Liliom als ein sozialkritisches Stück mit aktueller Brisanz vorzustellen. Die Romanze von Julie und Liliom spielt in einer Welt, die von Armut, Perspektivlosigkeit und dem Kampf ums Überleben geprägt ist. Es ist eine Welt, wie wir sie heute häufig vorfinden, in der der Einzelne zusehen muss, wie er zurecht kommt, in der das Recht des Stärkeren gilt und wahre Freundschaft nur selten vorhanden ist. Eine Welt für Kinder ist es nicht.

Am Ende bleibt doch noch ein Hoffnungsschimmer übrig. Es gibt sie, die Chance auf Umkehr und damit auf ein besseres Leben. Ein begeistertes Publikum mit minutenlangen Ovationen feierte diese beeindruckende Inszenierung.

Termine: 30.03., 5.4., 15.4., 3.05.

 

Wuppertal

Andorra" (Max Frisch) Premiere: (28.02.07)

Schauspielhaus Wuppertal

Im Publikum sitzen viele junge Leute und Schulklassen, die interessiert der Aufführung folgen. Besonders Frederik Leberle, als Witzerzählender und tanzender Andri, kommt bei ihnen gut an. Andorra ist überall, weil es überall Menschen gibt, die denken und handeln, wie die Andorraner es tun und es Menschen gibt, die darunter zu leiden haben und sogar getötet werden, so wie es mit Andri geschieht.

Andorra ist das Drama eines Außenseiters. Es ist die Geschichte des jungen Andri, der als der „Andere", als „Jude" stigmatisiert wird. Sein Alltag ist geprägt von Demütigungen, schlimmsten Erniedrigungen und Ausgrenzungen. Mit seinen Versuchen durch Anpassung an die Umwelt, sowie durch Leistung Anerkennung und damit Aufnahme in die Gesellschaft zu erreichen, scheitert er. Andri liebt Barblin, die Tochter seines Pflegevaters, des Lehrers und will sie heiraten. Doch dieser verweigert vehement die Zustimmung, denn Andri ist in Wahrheit sein leiblicher Sohn. Er muss schließlich seine größte Lebenslüge beichten, obwohl er Wahrhaftigkeit stets als oberste Maxime menschlichen Handelns gepredigt hatte.

Andri, der nie ein Außenseiter sein wollte, der um jeden Preis dazu gehören wollte, der aber immer ein Gehetzter war, hört nicht auf seinen Vater, als dieser verzweifelt beteuert: „Andri glaub mir doch, du musst es mir glauben, ich sage dir die Wahrheit, du bist mein Sohn, du bist kein Jude". Die Wahrheit, die Wahrheit, wie viele Wahrheiten habt ihr denn? bricht es aus Andri heraus Er nimmt die Rolle an, die ihm die Gesellschaft auferlegt hat. Andri will fortan Jude sein.

Kathrin Sievers verlegt Andorra in die Gegenwart. Historischer Judenhass und Migrationsproblematik. treffen aufeinander. Türkenwitze und dröhnende Heavy Metal Musik bilden den Auftakt der Inszenierung. An den Wänden die Wortpaare, Innovation, Tradition, Lebensqualität, und Sicherheit.

Das Podest auf der Bühne mit den weißen Wohnzimmermöbeln weckt die Assoziation eines Ausstellungsraumes, in dem etwas vorgeführt werden soll und vorgeführt werden die Andorraner. Sie symbolisieren eine Gesellschaft, die sich von ihren Vorurteilen nicht lösen kann, die nichts dazu gelernt haben, denn jeder der auftretenden Personen zeigt auf typische Weise Merkmale eines ideologischen verengten Bewusstseins.

Mit den Musikeinspielungen, ohrenbetäubend laut, dann wieder leise einschmeichelnd, verstärkt Sievers klangvoll den Eindruck einer Gesellschaft, in der Aggressivität, Brutalität und Fremdenfeindlichkeit zunehmen und das Verständnis füreinander abnehmen.

Ältere Menschen und Jugendliche sind gleichermaßen begeistert von der Aufführung. Standing Ovation für das Ensemble.Wie es hier gezeigt wird, so ist es in unserer Gesellschaft wirklich, bemerkte ein Schüler während der Pause.Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

 

 

 

 

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