Essen

Der gute Mensch von Sezuan

Die Welt ist schlecht – und keine Lösung weit und breit. Unerfreuliche Vorahnungen dieser Art beschleichen den Besucher bereits an der Garderobe, wenn die fürsorgliche Dame sich danach erkundigt, ob man denn auch warm genug angezogen sei, es regne schließlich die nächsten drei Stunden auf der Bühne, was für Kühle im Zuschauerraum sorgen dürfte. In der Tat hat Bertold Brechts Analyse der Zeitläufte, die 1943 in Zürich zur Uraufführung kam, kaum an Aktualität eingebüßt:

 

Die Götter haben es schwer, wenigstens einen guten Menschen auf Erden zu finden.

 

Die Prostituierte Shen Te entspricht schließlich doch noch ihren Vorstellungen und darf fortan mit einem Tabakladen ihre Existenz sichern. Sie kann aber nicht „nein“ sagen und versucht auch weiterhin, allen zu helfen, die bei ihr um Hilfe nachsuchen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen und sie muss einsehen, dass sie mit dieser Haltung alles aufs Spiel setzt. Der (von ihr erfundene) Vetter Shui Ta, der ihr mit kühlem Durchsetzungsvermögen und kapitalistischen Methoden hilft, bringt sie aber auch in ein Dilemma, das sie am Ende  beklagen muss: „Ich weiß nicht wie es kam: gut sein zu anderen und zu mir konnte ich nicht zugleich“. Und so regnet es (nicht nur symbolisch)  ohne Unterlass . Die Welt ist bevölkert von Egoisten, Heuchlern und Lügnern. Die Menschen finden keine Mittel, sich aus ihrem unglücklichen Dasein zu befreien. Die Welt scheint durch individuelle Güte nicht veränderbar. Der Abgleich mit den gegenwärtigen Verhältnissen lässt sich zwar leicht ziehen, die persönliche Konsequenz aber ist das Dilemma der Shen Te alias Shui Ta. Der ethische Widerspruch kann letztlich auch nicht aufgelöst werden, sondern wird dem Zuschauer mit auf den Weg gegeben. Brecht kann sehr aktuell sein.

 

Das Ensemble des Grillo-Theaters meistert die vielen Charaktere des Stückes in wechselnden Rollen hervorragend. Hervorzuheben ist dennoch Stephanie Schönfeld in der Hauptrolle, die in Sekundenschnelle den Habitus von Shen Te und Shui Ta wechseln kann. Anrührend auch Sven Seeburg, der als Wasserverkäufer Wang wenig Chancen hat, sein Ware bei strömendem Regen loszuwerden und so zum Symbol für vergebliche Mühen wird.

 

Nach fast drei Stunden verläßt ein begeistert klatschendes Publikum das Haus: „Ach, es regnet noch immer“, sagt die Sitznachbarin draußen.

 

Gesehen am 29.4.2016  (Premiere)

 

GBW

 

Weitere Aufführungen entnehmen Sie bitte dem Spielplan unter http://www.schauspiel-essen.de/