Utopisten in Wuppertal

 

Die neue Opernsaison unter dem neuen Intendanten Berthold Schneider ist gerade mal drei Monate alt, und schon ist jede Menge passiert. Drei Stücke hatten Premieren, fast alle Vorstellungen sind ausverkauft. Oper in Wuppertal ist wieder spannend und aufregend. Doch der Intendant will mehr. Auf keinen Fall soll die Oper als Hochkultur über der Stadt schweben und alles andere unter sich lassen, sondern Mittelpunkt einer Stadtkultur sein, die alle möglichen kulturell tätigen Menschen und Gruppen einbezieht und dabei selbstverständlich auch neue Zuschauer gewinnen will. So hat das Educationprojekt „Pulcinella“ mit vielen Schülern begonnen, zu dem wieder aufgenommenem „Don Giovanni“ (jetzt aber mit Darstellern aus dem neuen Ensemble besetzt) gibt es „OperPlus“, d.h. eine gekürzte und kommentierte Fassung für Opernneulinge mit allen Solisten und vollem Orchester, und aus ausgewählten Vorstellungen darf sogar gepostet werden.

 

Und jetzt sind sogar Utopisten nach Wuppertal gekommen. Was hat es damit auf sich? Berthold Schneider hat ein Projekt aufgelegt, „Sound of the City“, das alle möglichen Wuppertaler Musiker und Musikgruppen in Verbindung bringen und über drei Jahre laufen soll.

 

In jedem Jahr ist ein anderer Kurator zuständig. In dieser Saison ist das Thomas Fiedler, Regisseur aus Berlin, Mitglied der Künstlergruppe „Kommando Himmelfahrt“. Diese Künstlergruppe will eine Wuppertaler Sektion des „Bundes der Utopisten“ gründen und bezieht sich dabei auf den Roman „Utopia“ von Thomas Morus. In dieser Spielzeit bringt diese Künstlergruppe „vielfältige musikalische Gruppen und Spezialisten aus Wuppertal zusammen, um in Life-Veranstaltung die Vision einer utopischen Stadt entstehen zu lassen.“ Diskutiert werden Fragen und Probleme, die alle angehen, aber aus spezifisch Wuppertaler Perspektive. Die erste Veranstaltungsreihe mit vier Abenden findet im November 2016 statt, eine zweite im Mai 2017. Alles wird aufgenommen, und daraus wird eine „Goldene Schallplatte“ erstellt, die per Fesselballon nach Utopia geschickt wird.

 

Man kann gespannt sein. Das Programm der ersten vier Veranstaltungen folgt.

 

Fritz Gerwinn, 14.11.16

 

 

PROGRAMM NOVEMBER 2016

 

15.11.2016 – 20.00 Uhr

 

Foyer des Alten Schauspielhauses – Wuppertal

 

DER BUND DER UTOPISTEN

 

Mit dem BUND DER UTOPISTEN formiert sich in Wuppertal vielschichtige Vereinigung, die sich der gewaltigen Übermacht des Alternativlosen, Dokumentarischen und bloß Gegenwärtigen entgegenstemmt und Visionäres, Utopisches und Alternatives befördert.

 

Gemeinsam mit Oberbürgermeister Mucke, dem Direktor des Wuppertal Instituts, Christian Hampe von UTOPIASTADT, dem Sinfonieorchester Wuppertal, Partita Radicale, dem Wuppertaler Opernchor, den SängerInnen Anna Luca, Lucia Lucas, Jan Röttger und vielen Wuppertaler Bürgern wird der BUND DER UTOPISTEN im Rahmen des Programms SOUND OF THE CITY eröffnet.

 

Das außergewöhnliche Musiktheaterprojekt der Künstlergruppe Kommando Himmelfahrt erforscht das Tal und bringt seine vielfältigen Träumer, seine kraftvollen Musikgruppen, seine Spinner und Eskapisten zusammen zu einer farbenreichen musikalischen Collage voll fantastischer Ideen und konkreter Pläne.

 

mit: Lucia Lucas, Thomas Braus, Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Oberbürgermeister Andreas Mucke, Christian Hampe, Jan Röttger, Anna Luca, Partita Radicale, Thomas Leboeg

 

Opernchor der Wuppertaler Bühnen

 

Sinfonieorchester Wuppertal, Musikalische Leitung: Johannes Pell

 

 

 

18.11.2016 – 20.00 Uhr

 

UTOPIASTADT im Mirker Bahnhof

 

ERNÄHRUNG / ARBEIT / LANDWIRTSCHAFT

 

Was essen wir in Zukunft? Wie fühlen sich Maschinen, wenn sie unsere Arbeit übernehmen? Womit verbringen wir unsere Mußestunden, wenn die Feldarbeit getan ist?

 

Der BUND DER UTOPISTEN macht sich an die Arbeit und präsentiert in UTOPIASTADT, dem Kraftzentrum aller Wuppertaler Eskapisten Entwürfe für einen kommenden Lebenswandel. Neue Nahrungsketten zwischen Foodsharing und Thermomix, Produktionsabläufe zwischen Maschinenmusik und Mandolinenorchester und ein Feierabend mit tanzwütiger Blasmusik.

 

mit: Ralitsa Ralinova, Simon Stricker, Dorothea Brandt, Achim Konrad, Almrausch, Anja Fichtel, Beatrix Gärtig, Jonathan Ries, Niklas Brandau, Makoge – Mandolinen Konzertgesellschaft

 

 

 

19.11.2016 – 20.00 Uhr

 

Orchesterproberaum im Opernhaus Wuppertal

 

BEZIEHUNG / FAMILIE / FORTPFLANZUNG

 

Ist das klassische Familienbild tatsächlich die Lösung? Wäre ein Eingriff in unsere Erbanlagen nicht hilfreich? Würde ein Algorithmus mir einen besseren Partner bescheren?

 

Der BUND DER UTOPISTEN untersucht an diesem Abend Visionen, die unsere intimsten Beziehungen betreffen: zu Familienmitgliedern, zu Geliebten und zu uns selbst. Zwischen Reproduktionsmedizin, Erziehungsproblemen, Liebesglück und Genderfragen spannt sich ein Bogen, der unsere eigene Herkunft in Frage stellt.

 

mit: Lucia Lucas, Ariana Lucas, Kinderchor der Wuppertaler Bühnen, musikalische Leitung: Markus Baisch, Chor der jüdischen Gemeinde, musikalische Leitung: Rokella Rachel Verenina, M x M (Maik Ollhoff und Maria Basel) mit Mitgliedern des Sinfonieorchesters Wuppertal, Prof. Dr. med Stefan Dieterle, Kinderwunschzentrum Dortmund/Wuppertal

 

 

 

20.11.2016 – 11.00 Uhr

 

Café Ada

 

UTOPISCHES FILM-FRÜHSTÜCK

 

Wie sieht es in Utopia wirklich aus? Nach der Gründung des BUND DER UTOPISTEN und seinen ersten drei Forschungsabenden in Wuppertal, ist es an der Zeit die Grundlagen zu überprüfen. Beim „Utopischen Filmfrühstück“ wird der fantastische Musikfilm „Utopia“ zu sehen sein. Der 30minütige Film erzählt die Geschichte des Raphael Hythlodeus, dem einzigen Europäer, der je die sagenumwobene Insel „Utopia“ betreten hat. Eine einmalige Gelegenheit, die beste aller möglichen Welten zu erahnen und ihre Vorteile mit Experten zu erörtern.

 

 

 

 "Den Zeitkäfig sprengen. 68 als Ereignis und Symptom“

 Prof. Dr. Dan Diner, Jerusalem/Leipzig

Alte Synagoge, Essen

23.06.2016

Einführung:

Prof. Dr. Claus Leggewie,

Kulturwissenschaftliches Institut, Essen.

 

 
Dan Diner beschäftigte sich in seinem Vortrag in der Alten Synagoge in Essen mit dem Phänomen der »68er«. Die Bedeutung dieser Zeit sei noch nicht richtig erkannt worden, stellte er gleich zu Beginn fest. Die Zeit sei uns zu nah.

»68« ist eine Ikone, so Diner. Über die »68er« sei viel geschrieben worden, sowohl in der Sozial- als auch in der Zeitgeschichte. Ihn interessiere, wie »68« zu verstehen sei, wie die Zeit kulturhistorisch einzuordnen ist.

68 – das ist die Zeit des Kalten Krieges. Politisch betrachtet ist der Kalte Krieg der ideologische Gegensatz zwischen Ost und West, zwischen liberaler westlicher Freiheit und der Vorstellung einer Ideologie buchstäblicher Gleichheit, erklärt er. Und weiter: Der Kalte Krieg als globales Phänomen habe einzelne Länder durchzogen, sowie Gemeinwesen. Es sei notwendig, »68« in einen kulturhistorischen Kontext zu stellen.

Seinen Blick richtet er nicht nur auf Deutschland, sondern auch auf Frankreich, Polen, die Tschechoslowakei und Israel. In den 40er, 50er und 60er Jahren veränderte sich das Leben der Menschen radikal, führt er aus. Es kommt, so Diner, einerseits zu einer unglaublichen Beschleunigung der Lebenswelt (technischer Fortschritt, das Auto wird zur Ikone für Beschleunigung), andererseits zu einem Stillstand (Entschleunigung) durch den Kalten Krieg, durch nukleare Bedrohung und der damit verbundenen möglichen Apokalypse. »Beschleunigung« und Entschleunigung« seien zwei Zeitmomente, die gegeneinander laufen. Die Beschleunigung bemerkt er, habe keinen Ausgang, kein Telos und keine Geschichtsvorstellung.

Menschen, die in dieser Zeit aufwachsen, empfinden das. Es ist das Empfinden in einem Zeitkäfig gefangen zu sein. Das Bild des »Zeitkäfigs« habe er für seinen Vortrag gewählt, weil es ihm treffend für die Situation der Menschen erscheint. Das Gefühl den Zeitkäfig sprengen zu müssen, führt schließlich auf das Ereignis 68. Es kommt zu Unruhen und Protesten. Der Begriff der »Jugendkultur« wird geprägt.
Der Blick der Menschen richtet sich nach vorne. Es gibt wieder eine Vorstellung von Utopie. Indem sich Utopie ausbildete, so Diner, war es möglich der Vergangenheit näher zu treten. Weimar als Metapher für Veränderungen trat in den Diskurs ein. Die Rhetorik in der BRD hatte sich bisher nur auf die Vergangenheit bezogen und auf die Fragen: »Wie war der Nationalsozialismus möglich? Was hätte in Weimar anders sein müssen, um ihn zu verhindern?«

Für den Historiker stellt das Jahr 68 eine Explosion zur Befreiung von Geschichte da.
Diners These: »68« erlaubt die Wiederkehr von Geschichte verbunden mit utopischen Denken. Wenn man glaubt zu wissen, wohin man geht, muss man wissen, woher man kommt. Geschichte tritt wieder ein«.