Foto:Thilo Beu
Foto:Thilo Beu

„Caspar Hauser“ feierte am 4. Dezember Premiere in der Casa des Schauspiels Essen

 

Als im Jahre 1828 plötzlich ein etwa sechzehnjähriger Junge in Nürnberg auftaucht, der nichts weiter als gerade so seinen Namen schreiben und dazu kaum sprechen kann, stehen die Bewohner der Stadt vor einem Rätsel: Wer ist dieser Junge, der sich „Casper Hauser“ nennt, wo kommt er her, was ist ihm zugestoßen? Ein Brief, den er bei sich trägt, enthält die Information, dass der Junge sein ganzes Leben lang in einem dunklen Versteck eingesperrt gewesen sei und nie Kontakt zu anderen Menschen gehabt habe.

Diese wahre Geschichte eines Findelkindes erregte nicht nur unter den Zeitgenossen großes Aufsehen, sie wirkt bis heute nach. Denn das Rätsel um die Herkunft und Vergangenheit des Jungen konnte nie gelöst werden und gab somit Stoff für verschiedenste Vermutungen, Legenden und Mythen.

In Essen feierte nun die Inszenierung des Kollektivs polasek&grau, bestehend aus der Regisseurin Jana Milena Polasek und der Bühnenbildnerin Stefanie Grau, Premiere. Als Vorlage diente Jakob Wassermanns Roman „Casper Hauser oder die Trägheit des Herzens“ von 1908. Das Stück zeigt Hauser als kindlich zurückgebliebenen Jungen (dargestellt von Silvia Weiskopf), der in Nürnberg zunächst das Interesse des Gymnasialprofessors Daumer weckt. Dieser nimmt den Unbekannten zu sich und beginnt mit dessen Erziehung. Casper lernt schnell sprechen, lesen, schreiben und Fragen über das Leben und die Welt zu stellen. Ebenso schnell lässt jedoch die Faszination des Lehrers für seinen Schüler nach und von nun an wird der Junge unter Aufsicht des Bürgermeisters sowie des Staatsrates weitergereicht. An den britischen Lord Stanhope und schließlich an den Lehrer Quandt. Sie alle sind fasziniert von dem sonderbaren Jungen, sie entwerfen Thesen und formulieren Behauptungen über seine Herkunft und sein Schicksal. Und sie alle verlieren das Interesse, sobald Casper ihre Erwartungen einer phantastischen Überraschung nicht mehr erfüllt. Dargestellt werden die verschiedenen Personen von lediglich zwei Schauspielern (Stefan Diekmann, Jens Winterstein) und einer Schauspielerin (Ines Krug). Das ist nicht nur beeindruckend, sondern auch einleuchtend, denn im Grunde bleibt es immer dieselbe Sensationsgier und Lieblosigkeit, mit der dem Jungen begegnet wird.

Caspar Hauser bleibt ein Kuriosum außerhalb der Gesellschaft, ohne Herkunft, ohne Vergangenheit. Seine zurückgebliebene Entwicklung macht ihn zu etwas Besonderem und grenzt ihn aus. Doch sobald er lernt, sich seiner Umwelt anzupassen, wird er uninteressant und doch kein Teil der Gesellschaft. Man behandelt ihn nicht als Mensch, ihm werden keine Gefühle, Träume oder Rechte zugesprochen – wie ein Gegenstand wird er weitergereicht. Über die gesamte Dauer des Stückes ist keine Liebe, keine Menschlichkeit zu spüren. Das Bühnenbild und damit die neue Umwelt, in der Casper sich bewegt, ist dabei genauso düster und trostlos wie man sich das Verließ, in welchem er die ersten Jahre seines Lebens gefangen gehalten wurde, vorstellen mag. Der Junge selbst sehnt sich indessen nach nichts anderem als seiner Mutter und damit nach Anerkennung, Geborgenheit und Liebe. Dies bleibt ihm versagt und so endet seine traurige Geschichte mit seiner Ermordung durch einen unbekannten Attentäter.

(Madeline Schütte)

 

Kommende Vorstellungen in der Casa:

11.12.2015 – 19 Uhr

23.12.2015 – 17 Uhr

08.01.2016 – 19 Uhr

30.01.2016 – 19 Uhr

Karten: 0201 8122 200