"Das Prinzip Jago"

 Nach Motiven aus „Othello“

 Von William Shakespeare

 Von Volker Lösch, Oliver Schmaering und Ulf SchmiD

 Dramaturgie Vera Ring, Ulf Schmidt

 

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt

Besser hätte die neue Saison für das Schauspiel Essen nicht beginnen können. Volker Löschs Theaterstück „Das Prinzip Jago“ begeisterte bei der Premiere.

 

Lösch gehört zu den gefragtesten Theaterregisseuren der Gegenwart. Er kann auf mehr als 80 Inszenierungen zurückblicken. Aktuelle politische Themen interessieren ihn besonders. Für sein neues Stück startete er ein Experiment: im ersten theatralen Writers’Room im deutschsprachigen Raum verfasste er mit den Autoren: Oliver Schmaering, Ulf Schmidt und Vera Ring, Dramaturgin am Schauspiel Essen, den Text für das "Prinzip Jago". Im  "Writers Room" arbeiten mehrere Autoren über einen längeren Zeitpunkt intensiv in einem Raum zusammen und kreieren die Handlung. Bekannte amerikanische Quality Serien (Beispiel: House of Cards), die sich durch beeindruckende Sachkenntnis und verblüffende Komplexität auszeichnen, entstehen auf diese Weise.

 

„Das Prinzip Jago“, ruft zwar Erinnerungen an Shakespeares „Othello, - der Mohr in Venedig", wach, doch spielt die Handlung im Jahr 2016. Jago, die berühmteste Figur der Weltliteratur wird in Löschs Inszenierung zu Nick und ist nicht nur Intrigrant und Manipulant, sondern auch »Zerstörer« auf eine spezielle Art.

Er ist ein Demagoge, der gewissenlos andere Menschen manipuliert, um sie als Werkzeug für seine üblen Machenschaften zu nutzen. Talentiert Schwächen schnell zu erkennen, setzt er kaltblütig und zielsicher den Hebel an, um sein Vorhaben perfekt durchzuführen. Er zerstört um der Zerstörung willen.

 

In Löschs Inszenierung geht es um brisante Themen, die aktuell im Fokus des Interesses stehen: die Flüchtlingsproblematik, das Erstarken einer rechtsextremen Partei (AfE), die Beschimpfung von Journalisten, die sich der Bedrohung durch Rechtsradikale ausgesetzt sehen und als Lügenpresse diffamiert werden, um den Islam, um Hass und Hetze in den sozialen Netzwerken. Und es geht um die Situation der Medien, deren Wahrheitsgehalt und Objektivität auf dem Prüfstand stehen.

 

Die Handlung ist eingebettet in den neu gegründeten, fiktiven TV Sender West 1. Im Studio des Senders, ausgestattet mit einem riesigem Stehtisch vor durchgängig grüner Wand, herrscht beste Stimmung. Das Team um Chefredakteur Ulrich Büchel freut sich sehr über den gewonnenen Preis für investigativen Journalismus. Ein willkommener Anlass für Büchel den neuen Chef vom Dienst bekannt zu geben. Nick hofft den Job zu bekommen, denn Büchel und er sind lange schon freundschaftlich verbunden. Doch der Chefredakteur übergeht ihn bei der Beförderung. Stattdessen erhält eine Frau: Susanne Weibel (Ines Krug) den begehrten Posten. Vollkommen unakzeptabel für Nick. Während die neu ernannte Chefin noch per Green-Screen-Technik die Nachrichten vorliest, denkt Nick bereits über eine Intrige nach.

 

Zu Hilfe kommt ihm eine Protestaktion von Asylbewerbern auf dem Essener Kennedyplatz. Nick: glänzend verkörpert von Stefan Diekmann, nutzt den Protest für seine üblen Zwecke. Sein wichtigstes Instrument für die Intrige: die Sprache. Mit Smartphone, Twitter und Facebook streut er Tweets, manipuliert und täuscht. Der journalistische Ethos seines Chefredakteurs, der streng auf ordentliche Recherche und überprüfbare Quellen achtet, interessiert ihn nicht. Um sein Ziel zu erreichen, schreckt Nick selbst vor der Entführung Laras, einer Tochter seines Kollegen, nicht zurück. Das Verschwinden des Kindes instrumentalisiert er und lastet es den Flüchtlingen an. „Zerstören verjüngt, weil es die Spuren des Alterns aus dem Weg räumt. Weil ich aber überall einen Weg sehe, habe ich auch überall aus dem Weg zu räumen“, bemerkt Nick mephistophelisch.

 

Mit Videoprojektionen, Liveschaltungen, Interviews und Kommentaren wird die Eskalation (ein Flüchtlingsheim steht in Flammen), in Szene gesetzt und voran getrieben. Mehrfach wendet sich Bürgermeister Baecker (Jan Pröhl), mal cholerisch aufbrausend, dann wieder restlos überfordert wirkend mit dem Satz „Wir Essener schaffen das“ an die Bürger.

Nick arbeitet derweil nicht nur fleißig an der Demontage seiner Chefin, er sägt mit seinem perfiden Tun auch permanent am Stuhl des Chefredakteurs.

 

Ständig in Bewegung tritt er als provokanter Moderator im Zuschauerraum auf und stellt dem Publikum bohrende Fragen: "Kennen Sie eigentlich Ihre Frau? Sind sie sicher, dass sie nicht fremd geht?" Zahlreiche Filmsequenzen und Kommentare werden von der Regie realistisch eingespielt und verstärken den multimedialen Charakter der Inszenierung. Darunter Bilder bekannter Persönlichkeiten, Facebook Kommentare von Neo-Nazis und Video Einspielungen von Passanten, die ungeniert rassistische Äußerungen von sich geben. Reporter vor Ort schalten sich von bekannten Plätzen und Straßen aus Essen zu und berichten live. Ein von Nick inszeniertes Interview mit Petra Bolz (Sylvia Weiskopf), live gesendet, endet in einem Desaster. Denn die AfE Chefin kann ungebremst ihre Parolen verbreiten. Quintessenz: der vor Wut schäumende Chefredakteur feuert die Chefin vom Dienst.

 

Fazit: Nick ist ein Mensch der Gefallen daran findet, zu zerstören. In ihm hat sich das Prinzip des Bösen manifestiert. Dass Bösewichte oft jegliche Schuld von sich weisen, keine Verantwortung für ihr Tun übernehmen, sich als Befehlsempfänger oder lediglich Mitläufer charakterisieren, ist hinreichend bekannt. Bei Nick trifft das nicht zu. Er ist bewusst Akteur mit dem Willen Menschen Schaden zuzufügen.

Die Inszenierung will auf Gefahren populistischer Beeinflussung aufmerksam machen; sie zeigt Mechanismen, die beweisen, Manipulationen per medialer Technik funktionieren an (fast) jedem Ort und zu jeder Zeit. Von wirtschaftlichen Zwängen getrieben, bleibt der Qualitätsjournalismus in den Redaktionen häufig auf der Strecke, da für ordentliche Recherche die Zeit fehlt. Gerüchte werden als Wahrheit verkauft, aus Emotionen Schlagzeilen gemacht und mit Mutmaßungen Biografien vernichtet.

 

Nach fast dreieinhalb Stunden geht ein ereignisreicher Abend im Grillo Theater zu Ende. Das Publikum feierte begeistert das großartige Ensemble und Regieteam.

 

(Ursula Harms-Krupp)

 

Nächste Vorstellungen

09. Oktober 2016 16 - 19:20 Uhr

Eine Kinderbetreuung wird angeboten

Anmeldung bis 7.10., 12:00 Uhr, Tel. 02 01 22 22 29 der Theatergemeinde Essen.

28. Oktober 2016 19:30 - 22:50 Uhr

20. November 2016 16 19 - 22:20 Uhr

 

 

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