Essen

Fotos: Birgit Hupfeld
Fotos: Birgit Hupfeld

Der gute Mensch von Sezuan

 

Parabelstück von Bertold Brecht

mit Musik von Paul Dessau, bearbeitet von Tobias Schütte

 

Inszenierung:                     Moritz Peters

Bühne:                              Lisa Marie Rohde, Moritz Peters

Kostüme:                          Christina Hillinger

Dramaturgie:                      Florian Heller

 

Premiere:                           29. April 2016

Die Welt ist schlecht – und keine Lösung weit und breit. Unerfreuliche Vorahnungen dieser Art beschleichen den Besucher bereits an der Garderobe, wenn die fürsorgliche Dame sich danach erkundigt, ob man denn auch warm genug angezogen sei, es regne schließlich die nächsten drei Stunden auf der Bühne, was für Kühle im Zuschauerraum sorgen dürfte. In der Tat hat Bertold Brechts Analyse der Zeitläufte, die 1943 in Zürich zur Uraufführung kam, kaum an Aktualität eingebüßt:

 

Die Götter haben es schwer, wenigstens einen guten Menschen auf Erden zu finden.

 

Die Prostituierte Shen Te entspricht schließlich doch noch ihren Vorstellungen und darf fortan mit einem Tabakladen ihre Existenz sichern. Sie kann aber nicht „nein“ sagen und versucht auch weiterhin, allen zu helfen, die bei ihr um Hilfe nachsuchen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen und sie muss einsehen, dass sie mit dieser Haltung alles aufs Spiel setzt. Der (von ihr erfundene) Vetter Shui Ta, der ihr mit kühlem Durchsetzungsvermögen und kapitalistischen Methoden hilft, bringt sie aber auch in ein Dilemma, das sie am Ende  beklagen muss: „Ich weiß nicht wie es kam: gut sein zu anderen und zu mir konnte ich nicht zugleich“. Und so regnet es (nicht nur symbolisch)  ohne Unterlass . Die Welt ist bevölkert von Egoisten, Heuchlern und Lügnern. Die Menschen finden keine Mittel, sich aus ihrem unglücklichen Dasein zu befreien. Die Welt scheint durch individuelle Güte nicht veränderbar. Der Abgleich mit den gegenwärtigen Verhältnissen lässt sich zwar leicht ziehen, die persönliche Konsequenz aber ist das Dilemma der Shen Te alias Shui Ta. Der ethische Widerspruch kann letztlich auch nicht aufgelöst werden, sondern wird dem Zuschauer mit auf den Weg gegeben. Brecht kann sehr aktuell sein.

 

Das Ensemble des Grillo-Theaters meistert die vielen Charaktere des Stückes in wechselnden Rollen hervorragend. Hervorzuheben ist dennoch Stephanie Schönfeld in der Hauptrolle, die in Sekundenschnelle den Habitus von Shen Te und Shui Ta wechseln kann. Anrührend auch Sven Seeburg, der als Wasserverkäufer Wang wenig Chancen hat, sein Ware bei strömendem Regen loszuwerden und so zum Symbol für vergebliche Mühen wird.

 

Nach fast drei Stunden verläßt ein begeistert klatschendes Publikum das Haus: „Ach, es regnet noch immer“, sagt die Sitznachbarin draußen.

 

Gesehen am 29.4.2016  (Premiere)

 

GBW

 

Weitere Aufführungen entnehmen Sie bitte dem Spielplan unter http://www.schauspiel-essen.de/

Premieren-Ankündigungen

"Der gute Mensch von Sezuan"

Der gute Mensch von Sezuan - Parabelstück von Bertolt Brecht mit Musik von Paul Dessau. Die Musik von Paul Dessau wurde für die Aufführung des Schauspiel Essen
bearbeitet von Tobias Schütte.
Premiere: 29. April 2016, 19:30 Uhr, Grillo-Theater


Nach Jahren des Wartens kommen drei der obersten Götter in die Provinz Sezuan – und keinen kümmert’s, niemand von den Einheimischen interessiert sich sonderlich für sie. Der Wasserverkäufer Wang hat es schwer, überhaupt eine Bleibe für die hohen Gäste zu finden. Einzig die Prostituierte Shen Te erklärt sich bereit, den Göttern Obdach zu gewähren. Zum Dank statten diese den einzigen guten Menschen, der ihnen begegnet ist, mit Startkapital aus, und bald eröffnet die nun Ex-Prostituierte einen kleinen Tabakladen. Doch damit fangen die Probleme erst an, denn Shen Te ist eben nicht nur Göttern gegenüber großzügig. Auch dreiste Schnorrer, überteuerte Handwerker und die halsabschneiderische Vermieterin haben leichtes Spiel mit ihr. Sie kann einfach nicht „Nein“ sagen, und schnell wird es finanziell eng für den kleinen Laden und seine Besitzerin. Da erscheint als Retter in der Not Shui Ta, der angebliche Vetter Shen Tes, der sich im Gegensatz zu ihr hervorragend nicht nur auf das „Nein“, sondern auch auf das „Ja“ des Wirtschaftens versteht. Was die Leute nicht wissen bzw. erkennen: Shui Ta ist die verkleidete Shen Te selbst. Ausgestattet mit Durchsetzungsvermögen, Skrupellosigkeit und dem sicheren Instinkt für den eigenen Vorteil macht der „Vetter“ reinen Tisch. Doch was bleibt nach der Teilzeittransformation zum Kapitalisten schlussendlich noch übrig vom vormals „guten Menschen“?
„Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist?“, fragt Shen Te. – Bertolt Brechts 1943 uraufgeführte Parabel über die Schizophrenie des Menschen im Alltag kapitalistischer Konkurrenz ist heute ungebrochene Realität. Seine Analyse der Verhältnisse beschränkt sich allerdings nicht nur auf moralische Kategorien, zielt nicht nur auf die Frage, ob ein Mensch gut ist, sondern auch darauf, ob er real zur Besserung der Verhältnisse beiträgt.
Regie führt Moritz Peters, der am Schauspiel Essen bereits sehr erfolgreich Franz Kafkas „Der Prozess“ in einer eigenen Bühnenfassung (eingeladen zum NRW-Theatertreffen 2014) sowie die Uraufführung „Eine Jugend in Deutschland – Krieg und Heimkehr 1914/2014“ in Szene gesetzt hat. Im Bühnenbild von Lisa Marie Rohde und Moritz Peters sowie den Kostümen von Christina Hillinger erleben Sie Floriane Kleinpas, Ines Krug, Thomas Meczele, Philipp Noack, Stephanie Schonfeld, Sven Seeburg, Jens Winterstein; Maximilian Immendorf, Maximilian B. Schmid/Phil Tonder. Musiker: Bastian Ruppert, Tobias Schutte, Hajo Wiesemann. Musikalische Leitung: Tobias Schütte; Dramaturgie: Florian Heller. (üpM)