Foto: Klaus Lefebvre
Foto: Klaus Lefebvre

Molières TARTUFFE in Wuppertal

Schauspielensemble erobert das Opernhaus

 

Premiere 9.4.2016

 

Zum ersten Mal zeigte sich das Schauspielensemble im großen Opernhaus statt im kleinen Theater am Engelsgarten und eroberte es mit höchster Spielfreude und Qualität. Schon in den ersten Szenen gab es mittendrin Zwischenbeifall, geklatscht wurde nach jeder Szene, und der Beifall am Schluss wollte gar nicht mehr aufhören.

 

Die Intendantin Susanne Abderedis hatte das richtige Stück ausgesucht: Molières „Tartuffe“, die Komödie über einen betrügerischen religiösen Heuchler. Auch mit der Übersetzung von Wolfgang Wiens hatte man einen guten Griff getan, verwendet sie doch Verse und Reime, mischt aber gekonnt und publikumswirksam verschiedene Sprachebenen. Gespielt werden konnte in den Kostümen der Entstehungszeit mit einigen modernen Zutaten, denn was den Inhalt angeht, hat sich seitdem so gut wie nichts geändert. Heuchler und Betrüger treten zwar nicht mehr im priesterlichen Gewand auf, doch in anderen, meist feinen, gibt es immer noch mehr als genug. Dass kaum eine Woche vorher die Panama-Papers veröffentlicht worden waren, erhöhte ungeplant die Aktualität des Stücks.

 

Zu loben sind zuerst einmal alle Schauspieler, die sieben des Ensembles und drei Gäste. Sie zeigten hohe Sprechkultur, denn jedes Wort war bis in die letzte Reihe zu verstehen, dazu kam eine beachtliche Modulationsfähigkeit. Am deutlichsten wurde dies bei Miko Greza, dem Darsteller des Tartuffe. Er brachte das Devote, Unterwürfige, Schleimige des Frömmlers allein durch seine Sprachverwendung ebenso exzellent heraus wie auf der anderen Seite das Gewalttätige, Geile des Verführers und Betrügers.

 

Dazu kam noch etwas, wofür wohl der Regisseur, Mark Priebe, verantwortlich war. Die Sprache war sozusagen rhythmisiert, merkbar vor allem dann, wenn zwei oder mehrere Personen sprachen. Dann griffen die Dialoge ineinander, wirkten wie choreographiert und erhöhten das Vergnügen des Publikums. Dem entsprach die Gestik, gleichzeitig mit den Dialogen oder in deren Pausen, mit bedeutungsvollen Blicken und gehäuftem Umfallen, auch dann, wenn die handelnden Personen gerade nichts zu sagen hatten. Einige Szenen wirkten komisch, weil sie so gestelzt gespielt wurden, in anderen wurde dagegen heftig agiert. Höhepunkt in dieser Hinsicht war die Verführungsszene vor, hinter, auf und unter dem Tisch: Slapstick auf den Punkt gebracht.

 

Eine sehr sorgfältige Personenregie also, gestützt dadurch, dass alle Typen genau und sofort erkennbar getroffen waren und alle Schauspieler dies voll und lustvoll ausspielten. So der Hausherr Orgon (Stefan Walz), den fast nichts von seinem Irrtum abbringen kann, sein wutschnaubender Sohn Damis (Alexander Peiler) und sein vermittelnder Schwager Cléante (Thomas Braus), aber auch Orgons Mutter Madame Pernelle (Anke Hartwig), die im frommschwarzen Witewengewand offensichtlich bis zum Schluss dem Schurken Tartuffe glaubt. Auch die drei anderen Frauen wurden hervorragend dargestellt und erzeugten viele Lacher: Tinka Fürst als kluge Zofe Dorine, Philippine Pachl als Orgons Frau Elmire mit einem grandiosen Auftritt in der Verführungsszene, und schließlich Julia Reznik als Orgons willenlose Tochter Mariane, die ständig umfällt und mit den Augen klappert. Die Komik wird dadurch noch erhöht, dass der Liebhaber der kleinen Mariane, der schon ohnehin große Valère (Lukas Mundas) in hochhackigen goldenen Schuhen steckt, so dass bei einem Kuss größere Entfernungen überbrückt werden müssen. In der letzten Szene gibt es ein Wiedersehen mit Bernd Kuschmann, einem Urgestein der Wuppertaler Bühnen, der als königlicher Kommissar alles zum Guten wendet.

 

Bühnenbild und Kostüme stammen von Susanne Maier-Staufen und unterstützen die Arbeit des Regisseurs in jeder Hinsicht. Dabei war das Bühnenbild sehr einfach: eine rechteckige Spielfläche, hinten ein Cembalo, nach rechts wurde in den Orchestergraben gesprungen, nach links gegangen. Der Clou war ein Vorhang aus goldenen Fäden, der die Bühne nach hinten begrenzte. Nur für die Schlussszenen werden ein Tisch und ein Kronleuchter von Bühnenarbeitern (!) hereingetragen. Die Kostüme betonen die Typisierungen der handelnden Personen, die aber ansonsten, wie in der commedia dell´arte, alle weiß geschminkt sind. Gelegentlich, wenn die Wahrheit durchscheint, wird auch mal eine Perücke abgenommen. Besonders entzückend fand ich die Kostüme der Chordamen.

 

Mehrfach trat der Chor auf (auch Chorleiter Jens Bingert spielte das Cembalo exzellent im Kostüm), auch von der Seite und von der Empore, griff auch gestisch ins Geschehen ein, alle Mitglieder sangen und schauspielerten hervorragend. Vorgetragen wurden Stücke von Zeitgenossen Moliéres, Rameau, Lully und Goudimel, und zwar in französischer Sprache. Der Zusammenhang mit der Handlung war am Ende der beiden Teile eindeutig, auch dann, wenn er einen frommen Choral sang. Wenn am Anfang aber der Chor giggelnd und etwas verlegen die Bühne betritt und seinen ersten Song abliefert, hätte ich schon gerne den Text verstanden und gewusst, was er mit dem Stück zu tun hat. Vielleicht hätte man zum besseren Verständnis die Texte mit Übersetzung im Programmheft abdrucken sollen.

 

Eine hervorragende Inszenierung also. Helle Freude beim Publikum bei den Rechtfertigungen des Heuchlers Tartuffe, z.B. wenn er sagt: „Eine Sünde, die man nicht sieht, ist keine Sünde.“ Aktueller geht es kaum.

 

Gut, dass nicht alle Aufführungen in Serie in kurzer Zeit abgewickelt werden. Die Aufführungsserie geht bis zum 23. Juni. Mit dem Kauf der Karten sollte man aber nicht lange warten. Es lohnt sich!

 

Fritz Gerwinn, 10.4.2016

 

Weitere Aufführungen: 13.4., 14.4., 20.5., 21.5., 14.6., 15.6., 22.6., 23.6.2016