Opernchor, Bettina Ranch (Carmen), Luc Robert (Don José) (v.l.) Foto: Matthias Jung
Opernchor, Bettina Ranch (Carmen), Luc Robert (Don José) (v.l.) Foto: Matthias Jung

"Carmen"

 Aalto-Theater-Essen

Opèra Comique in 4 Akten von Georges Bizet

Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halèvy nach der Novelle von Prosper Mèrimèe

Premiere: 13.10.2018

Carmen. Der Inbegriff der Weiblichkeit, der Schönheit, der feurigen Leidenschaft. Bizets Oper feierte Premiere im Aalto Theater. Musikalisch eine Glanzleistung, die szenische Umsetzung gefiel weniger.

Georges Bizet starb im Alter von nur 36 Jahren nach der Uraufführung der Carmen. Den Auftrag für die Oper hatte der Komponist von der Opèra comique erhalten. Er begann mit den Arbeiten 1872 und beendete sie 1874. Danach folgte eine langwierige Probenzeit. Die Besetzung der Titelpartie gestaltete sich schwierig (die Rolle galt als unmoralisch). Die Forderung Bizets, der Chor solle schauspielerische Leistungen erbringen, rief heftigen Protest hervor, die Librettisten wiederum fielen durch mangelnden Arbeitseifer auf. Nach der Uraufführung der Carmen 1875 hagelte es Kritik und Bizet zog sich verbittert zurück. Sein früher Tod wurde letztendlich mit dem Misserfolg in Verbindung gebracht.

 

Der Siegeszug der Carmen ließ sich dennoch nicht aufhalten. Die Oper gehört heute zu den meist gespielten Werken. Fast jeder kennt die Ohrwürmer, kann sie mit summen oder singen. In der Ouvertüre vereinigen sich bereits alle Motive, die das Werk so berühmt gemacht haben: das Stierkampfmotiv, das Toreolied und das Schicksalsmotiv. Die weltberühmte Habanerarie mit der Carmen ihren großen Auftritt hat, basiert auf dem rhythmischen Ostinato der Kontrabässe. Das Stück stammt jedoch nicht von Bizet, sondern vom spanischen Komponisten Sebastiàn de Yradier.

 

Bühnenbild und Kostüme

 

Eine leere Bühne ohne Requisiten. Ein kreisrunder Boden, senfgelb, hydraulisch steuerbar, wird zur Arena, zum Schauplatz für den Stierkampf. Die einzige Abwechslung: Ab und zu taucht die Bühne in farbiges Licht.

 

Einheitskostüme für Männer und Frauen, Nichts was das Auge entzückt.

 

Die andere Carmen

 

Simone de Beauvoirs berühmter Satz: „Man wird nicht als Frau geboren man wird es", hat Lotte de Beer ins Programmheft schreiben lassen.

 

Ihre Sicht auf Carmen: "Das Geschlecht als Zuschreibung", wird gleich zu Beginn deutlich, wenn verhüllte Frauen ihr Kopftuch wegwerfen oder sich von ihren Röcken befreien und plötzlich als Männer in Hosen dastehen. Immer wieder gibt es solche Verwandlungsszenen in der Inszenierung. Ganz klar, die Regisseurin bevorzugt einen feministischen Blick auf die Titelheldin. Und dieser Blick zieht sich konsequent durch die gesamte Inszenierung. Jede Art von Klischees, beispielsweise Zigeunerromantik, vermeidet sie strikt. Für sie ist Carmen nicht die verführerische "Femme fatale", sondern eine Frau, die sich nimmt, was sie will, die Konventionen und Tabus bricht, eine selbstbestimmte Frau, die keine Rechenschaft abgibt über ihr Handeln. Freiheit ist ihr Lebensmotto, das zentrale Motiv des Librettos.

 

Dass diese Freiheit nicht ohne Kampf zu erreichen ist, illustriert de Beer mit dem Bild des Stierkampfes. Er wird zum Symbol für den Geschlechterkampf, der von Beginn an auf ein böses Ende zusteuert. In blutbesudelten Gewändern stehen sich am Schluss die Akteure gegenüber, jeder kämpft gegen jeden, auch Kinder beteiligen sich. Apropos Kinder, während der gesamten Handlung tauchen sie immer wieder auf der Spielfläche auf, mal als Torero kostümiert oder auch als Carmen und Jose. Selbst über Lautsprecher hört man Kinderstimmen, was allerdings störend wirkt. Als Handlanger bei der Ermordung Carmens wirken sie ebenso mit.

 

Wer bin ich? Und wohin will ich? Traumverloren irrt Carmen durch die Menge, so als wisse sie nicht, wohin sie wolle. Auf die Forderung zu tanzen, reagiert sie nur mit müden Bewegungen. Ihre innere Welt bleibt verborgen. Wer Carmen ist, offenbart die Inszenierung nur über ihre Verehrer.

 

Musikalisch ein Genuss

 

Die Essener Philharmoniker unter dem großartigen Dirigat von Sébastien Rouland begeistern mit ihrer Interpretation der Carmen. Packend und mit hinreißender Dynamik führt Rouland die Philharmoniker durch die Partitur.

Der bestens disponierte Opernchor, Extra- und Kinder Chor beeindruckt mit starker Leistung.

Jessica Muirheads als verschmähte Micaëla beklagt mit Inbrunst und feinstem Timbre ihre verlorene Liebe. Luc Roberts versteht es den unglücklichen Jose mit lyrischem Schmelz gefühlvoll wiederzugeben und an Alma Svilpas raumergreifende Interpretation des Escamillo kommt nun wirklich niemand vorbei. Dass Bettina Ranch kein leidenschaftliches Porträt der Carmen abgibt und ihr Mezzosopran die unterschiedlichen Gefühlsebenen der Figur nur wenig herausarbeitet, ist wohl von der Regie so gewollt.

Die weiteren Rollen sind hervorragend besetzt.

Viel Applaus vom Publikum für das exzellent spielende Orchester, die wunderbaren Solisten und den Chor.

 

gesehen: 27.10.2018 (HA-KRU)