Wuppertal

 

Puccinis Tosca

Regie Stefano Poda

 

Premiere am 5. September 2014

 

Das Licht geht aus, der Dirigent und neue Opernintendant Toshijuki Kamioka hat sich ungesehen an seinen Platz geschlichen, deshalb kein Eröffnungsbeifall für ihn,  dann erklingen die unheilverkündenden ersten vier Akkorde der Oper. Schon hier ist unüberhörbar, dass Kamioka sein Orchester exzellent vorbereitet hat und auch das Orchester sozusagen auf der Stuhlkante sitzt und alles gibt. Seht gut nachvollziehbar ist die differenzierte Arbeit mit den Lautstärken; kaum zu glauben, wie viele plötzliche Piani Puccini komponiert hat. Aber auch die lauten, dramatischen Stellen kamen punktgenau und trotzdem noch transparent, ebenso die satten Streicherkantilenen. Vor allem waren die Leitmotive so deutlich und farbenreich herausgearbeitet, dass selbst Menschen, die nicht so oft Opern besuchen, die daraus entstehende musikalische Vernetzung aufging. Höchste Konzentration im Orchester, kein einziges Mal wurden die Sänger übertönt.

Das war sicher auch einer der Gründe, warum die Sänger, vom Orchester so hervorragend getragen, sich in dieser Premiere zu Bestleistungen steigern konnten. Zu loben sind in gleicher Weise die Sänger der drei Hauptrollen. Der polnische Bariton Mikolaj Zalasinski meisterte seine Rolle mit Bravour, betonte der Regie folgend auch darstellerisch in drastischer Weise eher männliche Geilheit als Bösartigkeit. Mikhail Agafonof, der Sänger des Caravadossi, betörte vor allem durch seine strahlenden Spitzentöne, konnte dabei sicher sein, nicht forcieren zu müssen, weil das Orchester ihn in jeder Lautstärke unterstützte und nicht übertönte. Miriam Tola überzeugte mit schönen Kantilenen, zeigte aber andererseits in den dramatischen Ausbrüchen, dass die Wahrhaftigkeit der dramatischen Handlung manchmal wichtiger ist als Stimmschönheit. Gefordert wird sie auch von der Regie, weil sie ihre berühmte Arie „ Vissi d`arti“ auf Scarpias Tisch liegend singen muss.

 

Stefano Poda hatte als Regisseur, Lichtdesigner, Bühnen- und Kostümbildner in Personalunion eine intelligente und nachvollziehbare Arbeit mit eigenen Akzenten abgeliefert, legte dabei mehr Wert auf ästhetische Bilder als auf den politischen Hintergrund. Fast das ganze Stück inszeniert er als düsteres Nachtstück (auch den 1.Akt, in dem der Maler Cavaradossi für seine Tätigkeit ja eher Licht braucht, und im 2. Akt bilden nur Toscas rotes Kleid und die Grablichter an den Seiten einen Kontrast), um am Ende die überraschende gleißende Helle umso deutlicher hervortreten zu lassen. Eine wichtige symbolische Rolle spielt das Untergeschoss: unter der Bühne liegen die Seitenkapelle, in der sich Angelotti versteckt, der Folterkeller, der Erschießungsort – Cavaradossi wird danach wieder per Aufzug auf die Vorderbühne gefahren. Auch Tosca verschwindet, nachdem Scarpia sie gegen Ende des 1. Aktes schon in der Hand hat und sie per Libretto eigentlich schon längst die Bühne verlassen hat, per Aufzug im Untergrund.

 

Großen Wert legt Poda auf die Darstellung der Heuchelei Scarpias und der Einheit und Zielgleichheit von Polizei und Kirche. Er und seine Schergen tragen Priestermäntel, verbergen darunter nackte Oberkörper, hemmungslose Geilheit wird unter Kutten nur unzureichend versteckt. Eine latent gewaltsame homoerotische Atmosphäre wird beschworen, die dann nahtlos in die Unterwerfung Toscas durch Scarpia übergeht. Die Bischöfe beim Tedeum mit den vielen Kreuzen wirken wie bedrohliche Dunkelmänner, die Chorkinder wie aus einem Frankensteinfilm entsprungen, dazu kommt das in den Boden gerammte Riesenkreuz im 1. Akt. In diesem Zusammenhang steht wohl auch die Bedeutung des Anfangs des dritten Aktes, der Darstellung der Morgendämmerung über der Engelsburg: Hier steht eine nackte Hirtin mit einer Art Dornenkrone auf dem Kopf und Dornengebüsch in den Händen ängstlich zusammengekauert neben der Drehbühne, auf der eine Horde von Bischöfen sozusagen Karussell fährt, später abgelöst von Scarpias Schergen, die sich im weiteren Verlauf immer wieder dem Mädchen bedrohlich nähern. Die Funktion dieser Szene im Gesamtzusammenhang erschloss sich mir nicht ganz, ebenso wurde nicht immer klar, aus welchen dramaturgischen Gründen und zu welchen Zeitpunkten sich die oft verwendete Drehbühne in Bewegung setzte.

 

Innerhalb des düsteren Gesamtscenarios kam der Lichtregie eine wichtige Bedeutung zu, das wurde überzeugend gelöst, in einer Szene im 3. Akt sogar besonders gut: Als Tosca und Cavaradossi ihre scheinbare Befreiung feiern, fällt das Licht von hinten auf das über ihnen hängende Holzgewirr – dadurch erscheint auf dem Gazevorhang ein Gefängnisgitter. Eine absolut einleuchtende Interpretation! Der spektakuläre, ins Utopische weisende Schluss war dann besonders sinnfällig und überraschend. Kein Wunder, dass Solisten, Dirigent und Regisseur langanhaltend gefeiert wurden.

Eine Frage bleibt aber: Wie neu war diese Wuppertaler Aufführung tatsächlich, die erste unter neuer Intendanz? Der Verdacht, dass die Klagenfurter Inszenierung Podas von 2012 mehr oder weniger übernommen wurde, ging im Sommer schon durch die Presse, als die Bühnenbilder aus der Klagenfurter Produktion angeliefert wurden. Die Gemüter wurden damals vorerst durch die Erklärung Podas beruhigt, die Wuppertaler Inszenierung werde in der Tat eine Neuproduktion, auch wenn seine eigene Handschrift natürlich dieselbe bliebe.

Wie nah bzw. wie unterschiedlich die beiden Aufführungen sind, ist zumindest teilweise nachprüfbar, indem man die Bilder von Klagenfurt (www.stefanopoda.com) und die der Wuppertaler Bühnen vergleicht. Nach meiner Einschätzung hat sich aber nur wenig geändert. Die Bühnenbilder aller drei Akte sind in vielen Aspekten gleich, so das Riesenkreuz im ersten Akt (hier ist das Bild Caravadossis aber immerhin anders plaziert), der lange Tisch im zweiten und das hängende Holzgewirr im dritten. Auch auffällige Regieeinfälle sind geblieben, so die Liegestütze des Mesners beim Angelus-Gebet und die düstere Bischofsprozession mit den vielen Kreuzen. Und der überraschende Schluss, die fallende Wand, führte in Klagenfurt bei der Generalprobe sogar zu Prellungen der Hauptdarstellerin, so dass sie ersetzt werden musste. Neu (oder neu überlegt) könnte die Führung der Personen sein, die in einer Klagenfurter Besprechung als zu statisch kritisiert wurde, denn in Wuppertal war sie stimmig und lebendig. Schön wäre es gewesen, wenn man einige Hinweise bekommen hätte, was denn in Wuppertal neu war, im Interview des Regisseurs im Programmheft hätte man das kurz und knapp darstellen können.

 

Wie auch immer: Hingehen sollte man, es wird ein gelungener Abend.

 

Fritz Gerwinn (7.9.2014)

Weitere Aufführungen (Stagione-Prinzip, nur September und Oktober):    

7./10./12./13./14. September, 3./4./5./10./11./12. Oktober 2014