Intelligent und witzig: Mozarts Zauberflöte im theaterhagen

 

Premiere am 26.9.2015, besuchte Vorstellung am 30.9.2015

Noch einmal ein Zauberflöte? Kann es da noch Überraschungen geben? Ist nicht alles schon gesagt?

 

Nein, keineswegs! Der Regisseurin Annette Wolf gelingt im theaterhagen eine neue, faszinierende Deutung. Der bisher meist favorisierte Kampf Gut gegen Böse, Hell gegen Dunkel wird umgedeutet. Hauptthema ist jetzt, wie junge Menschen sich gegen scheinbar übermächtige Erwachsene und Institutionen behaupten, um eine eigene Lebensperspektive zu gewinnen.

 

Dabei geht es vor allem den Eingeweihten an den Kragen. Das sind keine freimaurerischen Lichtgestalten mehr, sondern graue, langweilige, museal wirkende Herren in einer strengen Hierarchie mit steifen Hüten und festgehämmerten Ansichten, die bei Streitfragen mit roten und grünen Karten abstimmen. Auch heftiger Streit kommt in diesem Männerbund vor. Aber selbst diese Herren erschrecken über die willkürlichen Entscheidungen ihres Meisters Sarastro. Und wenn dieser seine Arie „In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht“ singt, hört man die Schreie des verprügelten Monostatos. Immerhin bekommt Sarastro bei seinen extrem frauenfeindlichen Äußerungen heftigen Gegenwind von Pamina und den Damen des Chores.

 

Auch das Reich der Königin der Nacht funktioniert von oben nach unten. Ihre drei Damen und ihre Tochter haben ihr strikt zu gehorchen. Die Schlange, vor der sonst Tamino von den drei Damen gerettet wird, fungiert hier als Erziehungsmittel. Die Königin verwandelt sich selbst in eine Schlange, und die Damen müssen mit Schlangenköpfen Tamino bedrohen, bevor sie so tun, als hätten sie die Schlange erlegt und damit Tamino gerettet. Durch diese Täuschung gelingt seine Instrumentalisierung für ihre Zwecke. Die drei Damen sind als dauerbeschäftigte Befehlsempfängerinnen offenbar erotisch so ausgehungert, dass sie Tamino, der das durchaus genießt, so oft es geht umarmen und sich sogar hand- und fußgreiflich intimen Stellen nähern. Sie sind, ähnlich darin den Herren des Männerbundes, konservativ bis museal gekleidet, in Kostümchen und Abendkleid mit hochtoupierten Haaren. Der Konflikt zwischen den Reichen Sarastros und der Königin der Nacht, die sich in herkömmlicher Lesart diametral gegenüberstehen, hat sich deutlich reduziert, weil beide versuchen, junge Leute in ihre konservative Erwachsenenwelt zu ziehen.

 

Tamino und Pamina bilden diese Gegenwelt, beeinflusst von Papageno, der ganz im Hier und Jetzt lebt. Sie lassen sich eine Zeitlang auch auf die Welten Sarastros und der Königin der Nacht ein, verweigern diesen musealen Kräften am Schluss aber die Gefolgschaft, um ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Das zeigt sich schon an ihrer Kleidung (Kostüme Yvonne Forster), sie tragen Kapuzenpulli, Baseballkappe, Leggings. Zwar ziehen sie zwischendurch, freiwillig oder gezwungen, Abendkleid und Anzug an, legen dies aber schließlich als für sie nicht passend wieder ab.

 

Diese Positionen der konservativen Kräfte werden durch große Bilder deutlich gemacht (Bühnenbild Jan Bammes). Die erste Begegnung Taminos mit der Königin der Nacht findet in einer Bildergalerie statt: diese steht in einem Caspar David Friedrich-Bild mit antikem Rahmen und tritt dann als Schlange aus diesem heraus. Ebenso erscheint Sarastro zuerst auf einem offenbar aus dem 19. Jahrhundert stammenden Porträt. Und am Schluss steht ein großer leerer Rahmen auf der Bühne, darin als lebendiges Bild Tamino und Pamina in angepasster Kleidung vor dem Eingeweihten-Männerbund. Es scheint, als sei ihre konservative Sozialisation doch erfolgreich gewesen. Das täuscht aber: von Papageno und Papagena gelockt, verlässt zuerst Pamina den begrenzenden Rahmen, dann folgt ihr Tamino. Sie legen die klassischen Kleider ab und wenden sich ihrem eigenen Leben zu.

 

Auch zwischendurch erscheinen immer wieder Anklänge an Kunstwerke: als z.B. Pamina von wilden Tieren bedroht wird, erscheinen diese im naiven Stil von Henri Rousseau auf einem Video, und Paminas Bett ist eine zum Schlafen doch recht ungemütliche weibliche Plastik im Stil von Niki de Saint-Phalle.

 

Die drei Knaben, dargestellt von jungen Solistinnen des Kinder- und Jugendchors des theaterhagen, stehen eher auf der Seite der jungen Leute, bringen am Anfang Tamino in die richtige Spur, indem sie ihn auslachen, als er sich nicht mit Namen, sondern als Prinz vorstellt, als ob es auf den Status ankäme. Zu bewundern ist, wenn die drei in einer Szene singend auf Schaukeln in mehreren Metern Höhe auf die Bühne gefahren werden.

 

Der Regisseurin gelingt es in ihrer Inszenierung (und die DarstellerInnen folgen ihr dabei offensichtlich mit großem Vergnügen), das Ganze leicht, luftig und spannend darzustellen. Bei jeder Arie passiert etwas Passendes, aber Unerwartetes, ungewohnte Requisiten wie Rührei, Zahnbürsten, Donuts werden gegessen und benutzt, Slapstick-Elemente kommen vor und viele Bewegungen korrespondieren genau mit dem Rhythmus der Musik. Das Publikum hatte hörbar seinen Spaß.

 

Diesen Faden nimmt das Orchester unter Florian Ludwig auf. Bemerkenswert ist nicht nur der schlanke, singspielhafte Klang, es gibt sogar noch einige Besonderheiten: Fermaten werden länger als sonst üblich gehalten, den Dirigenten interessiert der satte Klang weniger, stattdessen hebt er Vorhalte, Akzente, Dissonanzen hervor. So rauhen deutlich hervorgehobene Sforzati das Klangbild schon in der Ouverturenfuge kräftig auf.

 

Bleiben noch die Gesangssolisten des Hagener Ensembles und der Chor, die alle die gewohnt exzellente Qualität zeigen und dazu noch besondere Lust an der Darstellung haben. Den beiden Tenören des eingespielten Ensembles, Kejia Xiong als Tamino und Richard van Gemert ale Monostatos, merkt man die Freude an, in umfangreicheren Partien glänzen zu dürfen. Dorothea Brandt aus dem von Toshiyuki Kamioka abgewickelten Ensemble der Nachbarstadt Wuppertal als gar nicht sanfte, sondern selbstbewusste und aufmüpfige Pamina gefällt mit sehr schönen Tönen und fügt sich dem eingespielten Ensemble grandios ein. Szenenbeifall gab es für Cristina Piccardi als Königin der Nacht für ihre beiden Arien mit perfekten blitzenden Koloraturen.

 

Als die Inszenierung in einer Gemäldegalerie begann, musste ich an die auch im Fernsehen gezeigte „Troubadour“-Inszenierung von den diesjährigen Salzburger Festspielen mit Anna Netrebko und Placido Domingo denken, die auch in einem solchen Raum spielte. Die fiel dann aber vollkommen auseinander, wurde beliebig und ließ jegliche nachvollziehbare Stringenz vermissen. In Hagen war das anders: Alles passte, war nachvollziehbar, ideenreich, vergnüglich, gab aber auch dem Hirn etwas zu tun und bot neue Aspekte. Vielleicht ein weiterer Beweis der Tendenz, dass weiterführende Inszenierungen nicht unbedingt mehr an den klassischen Orten wie Bayreuth, Salzburg, Mailand stattfinden, sondern in sogenannten kleineren oder mittleren Theatern, wo die Karten auch noch bezahlbar sind.

 

Fazit: Unbedingt hingehen!

 

Fritz Gerwinn, 2.10.2015

 

Weitere Vorstellungen: 10.10., 23.10., 5.11., 23.11., 27.12.2015; 3.2., 20.3., 27.3.2016

 

 

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