Gelsenkirchen

 

Die Liebe zu den drei Orangen

Oper in vier Akten und einem Vorspiel

Nach einem Märchenspiel von Carlo Gozzi

 

Text und Musik von Sergej Prokofjew

Uraufführung: 30. Dezember 1921, Auditorium Theater Chicago

Regie/Bühne: Elmar 'Gehlen

Musikalische Leitung: Rasmus Baumann

 

Eine zauberhafte Inszenierung erlebte das Opernpublikum im Musiktheater-im-Revier. Elmar Gehlen brachte Prokofjews Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ auf die Bühne. Fantasievolle Kostüme, stimmungsvolle Bilder, schneller Szenenwechsel, die Zuschauer freuten sich über eine kurzweilige Aufführung.

 

Sergej Prokofjew bekam 1919 einen Kompositionsauftrag von der Chicago-Opera. Als Grundlage für sein Werk wählte er das Märchenspiel „L`amore delle tre melacarace“ des Schriftstellers Carlo Gozzi aus dem Jahr 1761. Das Märchen erzählt die Geschichte von den drei Mädchen, die in Früchte verwandelt werden. Gozzi wurde als Reformator der Commedian dell`Arte, bekannt. Das „Volkstheater“, das „Theater der Masken,“ war in der Zeit der Renaissance bei der italienischen Bevölkerung sehr beliebt. Das Volk amüsierte sich über die derben Späße der Komödianten und empfand großes Vergnügen bei den Aufführungen.

 

Prokofjew interessierte sich für diese Kunstform, weil er sich von den zeitgenössischen Komponisten absetzen wollte und gegen Ironie und grotesken Witz protestierte. Ihm schwebte eine neue Form der komisch-fantastischen Oper vor. Dazu schöpfte er aus dem Fundus der Operngeschichte. „Die Liebe zu den drei Orangen“ ist eine Persiflage auf die komisch-romantische Oper und die durchkomponierte Oper Richard Wagners. Besonders berühmt wurde die Oper durch den "Marsch durch die Wüste" im dritten Akt.

 

Im Theater gibt es Streit zwischen fünf Gruppierungen. Die Vertreter der verschiedenen Theaterrichtungen: Tragiker, Lyriker, Komische, Hohlköpfe und Lächerliche debattieren über eine geeignete Theaterform. Die Tragiker wollen eine Tragödie aufführen, die Komödianten lieber ein Stück aus der Commedian dell Arte. Die Gruppe der „Lächerlichen“, modisch gekleidet in grauen, schicken Kostümen, ergreift beherzt die Initiative und kündigt die Inszenierung: „Die Liebe zu den drei Orangen“ an. Das Bühnenbild, von Regisseur Elmar Gehlen selbst geschaffen, besteht aus einem großen, weißem Element mit ausladenden Treppenstufen. Es assoziiert ein antikes Theater. Das Theater im Theater kann beginnen.

 

Die Handlung vollzieht sich auf drei Ebenen: Da ist zum einen die „Unterwelt", in der die böse Zauberin "Fata Morgana" und und ihre Helfer hausen, zum anderen die Ebene des „Märchenhaften“ mit König Treff, dem Prinzen, den Prinzessinnen und dem Gefolge, sowie die „Ästhetische“, in der der Chor in die Handlung eingreift, sie manipuliert und als Meinungsmacher fungiert. Alle drei Ebenen sind eng miteinander verwoben.

 

Die kurzen Szenen und scharfen Kontraste, die Prokofjew verwendet, erinnern dramaturgisch an eine Filmmontage. Prokofjew wurde auch als Filmkomponist bekannt. „Iwan der Schreckliche,“ aus dem Jahr 1945, ist wohl sein bekanntester Film.

 

Der Königssohn leidet an hypochondrischer Schwermut. Nur Lachen könnte ihm helfen, diesen elenden Zustand zu überwinden. Sein Vater, König Treff, ist ratlos und lässt den Spaßmacher Truffaldino zu sich kommen. Ein Fest wird organisiert, der Prinz soll endlich zum Lachen gebracht werden. Doch selbst die drolligsten Späße können dem Prinzen kein Lachen entlocken. Erst als die böse Zauberin Fata Morgana, (Majken Bjerno) ganz unvermittelt stürzt, bricht der Prinz in ein Gelächter aus. Zunächst leise, dann immer lauter. An dieser Stelle setzt die Musik zunächst sehr zart ein, die Streicher spielen verhalten, dann immer impulsiver, das Lachen des Königssohnes scheint sich in der Musik zu entladen.

 

Lars Oliver Rühl schlüpft so selbstverständlich in die Rolle des tieftraurigen Prinzen, räkelt sich und klagt endlos über Langeweile, dass man keinen Zweifel an seiner "Krankheit" hat. Und Nikolai Miassojedov mimt den behäbigen und ratlosen König Treff, der in großer Sorge um seinen Sohn ist, absolut authentisch. Geschickt versteht es Regisseur Elmar Gehlen, die Commedian dell`Arte Figuren in das Geschehen auf der Bühne einzubinden, durch die Aufstellung schräg gestellter Spiegel wird gleichzeitig die Illusion einer Scheinwelt symbolisiert. Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, schlagen Kapriolen oder sind auf einem, wie es scheint, endlosen Marsch durch die Wüste unterwegs.

William Saetre in der Rolle der Commedian dell`Arte Figur „Truffalgino"versteht es perfekt, den Charakter des                              "Harlekin"wiederzugeben. Mal Spaßmacher, der seinen Herrn aufheitern will, dann wieder ein Angsthase, der vor der garstigen Köchin mit dem riesigen Kochlöffel Reißaus nimmt. Joachim C. Maas mit Bassstimme, opulent kostümiert, ist umwerfend witzig in der Rolle der Kochmamsell.

 

Doch auch nachdem der Prinz endlich wieder lachen kann, ist das Ende des Märchen noch immer nicht in Sicht. Denn der Königssohn hat bei der Zauberin verscherzt, weil er sich über sie lustig gemacht hat. Aus Rache belegt sie ihn mit dem Fluch, sich sofort in drei Orangen zu verlieben. Damit noch nicht genug, muss er sich auch noch gegen Intriganten im Palast zur Wehr setzen. Die Nichte des Königs, Prinzessin Clarice (Gudrun Pelker) paktiert mit dem Bösewicht Leander (Dong-Won Seo) beide wollen die Macht im Staat an sich reißen und haben es auf den Thron abgesehen. Auch diese Rollen sind überzeugend besetzt.

Mit Truffaldino an seiner Seite macht sich der Prinz unverzüglich auf den Weg durch die gefährliche Wüste. Der lange Marsch wird von der wunderbaren Musik eingeleitet und stimmungsvoll mit schönen Bildern in Szene gesetzt. Die Schritte der beiden Wüstendurchquerer glaubt man in der Rhythmik der Musik wahrzunehmen. Der Prinz raubt die drei Orangen, aus denen drei liebreizende Prinzessinnen schlüpfen.

Doch nur Ninette überlebt (bestens besetzt mi Alfia Kamalov, die mit leuchtendem Sopran singt). Die beiden anderen Schönen verdursten. Der Prinz will Ninette sogleich zu seiner Gemahlin machen, doch dem Happy End steht noch einiges im Weg.

Ninette wird in eine Ratte verwandelt. Und wieder mischt sich der Chor ein, hält die Zauberin gefangen. Die Karten werden sozusagen neu gemischt, damit sich doch noch alles zum Guten wendet. Und wie es im Märchen so üblich ist und auch in der Inszenierung von Elmar Gehlen, die "Bösen" erhalten am Schluss ihre gerechte Strafe, die "Guten" bekommen ihre Belohnung. In diesem Fall: der Prinz ist von seiner Schwermut geheilt und bekommt endlich seine Prinzessin.

 

Es gibt viel Beifall für Rasmus Baumann und die neue Philharmonie, sowie  für das gesamte Ensemble. (HA-KRU)