Wuppertal

 

Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“


Premiere am 29. Oktober 2016

 

Großes Vergnügen mit Tiefgang

 

Am Schluss steht der arme Prinz wieder alleine vor dem Vorhang. Seine Braut ist volltrunken, der Hofstaat handyverrückt und sensationsgeil. Soll er bei dem Spiel mitmachen oder sich wieder in seine Depression zurückziehen?

 

Das Ende ist wirklich überraschend. Man hätte eigentlich ein dickes happy end erwartet. Vergnüglich war es trotzdem, Riesenbeifall, und zum Nachdenken gebracht werden kann man ja auch durch pralle Komödien.

 

Eine unglaublich tolle Überraschung war die Musik Prokofjews, den man sonst fast nur durch „Peter und der Wolf“ kennt. In dieser Oper, 1921 geschrieben, verwendet er zur Charakterisierung von Personen und Situationen alle denkbaren Stilmittel sicher und zielgenau. Das passiert von Moment zu Moment wechselnd, sozusagen fließend, aber immer haarscharf passend, und ergibt so ein buntes, aber letztlich homogenes musikalisches Gesamtbild. Da erklingen der amerikanischen Unterhaltungsmusik entlehnte Passagen, andererseits gibt es aber auch klassisch gefärbte Entwicklungen, herrliche (Holzbläser-)Soli, blechgepanzerte Dissonanzen, eine Männerchor-Parodie, und immer wieder einen Marsch, der einige Jahrzehnte später für die Filmmusik von „Star Wars“ geklaut wurde, alles kräftig gewürzt mit Ironie und Sarkasmus, die Doppelbödigkeit der Handlung aufgreifend und grell beleuchtend.

 

Dass ein Orchester diese Musik toll findet und gerne spielt, ist dann schon fast selbstverständlich. Wenn dann noch ein Dirigent diese gut koordiniert, die kompositorischen Highlights zum Glänzen bringt, dem Orchester aber doch genügend Freiheit lässt, kann das nur zu einem hervorragenden Ergebnis führen. Dieser Dirigent war der junge Johannes Pell, neuer Kapellmeister der Wuppertaler Oper, mit seiner ersten Produktion im Tal. Er wirkte fast ein wenig überrascht, als sich der ohnehin riesige Beifall für ihn und das Orchester bei seinem Erscheinen auf der Bühne noch einmal kräftig steigerte.

 

Das Regieteam, angeführt von Sebastian Welker, nahm die Doppelbödigkeit von Handlung und Musik in jeder Hinsicht auf. Die Grenzen zwischen Probe, Theater, Leben, Wirklichkeit wurden ständig überschritten, wie auch die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum. So mischten sich die kostümierten Darsteller (Doey Lüthi, für die Kostüme verantwortlich, konnte hier in die Vollen greifen) schon vor der Vorstellung lautstark unter die Zuschauer, warfen im Parkett Konfetti von den Balkonen, und auch später spielten sich einige Szenen im Zuschauerraum ab. Auch das Bühnenbild (Rifail Ajdarpasic) war nicht stilistischer Einfachheit und Sparzwang geschuldet, sondern zeigte sich bunt und üppig, mit großen Buchstaben, je dreimal H und A. Schließlich geht`s ja ums Lachen.

 

Das Regieteam hatte die komplizierte Handlung entrümpelt, gestrafft und an einigen Stellen intelligent und publikumswirksam verändert. So wurde der Inhalt, für den das dtv-Opernlexikon vier eng bedruckte Seiten gebraucht, im Programmheft verständlich und nachvollziehbar auf anderthalb Seiten präsentiert. Trotzdem muss man immer noch genau aufpassen, um die Handlung mit ratlosem König, egozentrischem Hofpersonal, Zauberern, Hexen, Thronräubern, verdurstenden Prinzessinnen, einer mit Suppenkellen schlagenden männlichen Köchin mitzubekommen, die zudem immer wieder gebrochen wird und auf unterschiedlichen Ebenen spielt. Sehr hilfreich waren dabei die Übertitel, obwohl auf Deutsch gesungen wurde. So brauchte man nicht den Großteil seiner Energie, um den Text zu verstehen, sondern konnte sich auf die Feinheiten der Musik und der Regie konzentrieren und durfte zusätzlich noch den schmissigen und lustigen Text (neue Übersetzung von Werner Hintze) genießen.

 

Von den schon im Libretto vorkommenden, aber nicht entscheidenden vier Gruppen der Tragiker, Komödianten, Lyriker und Hohlköpfe werden drei deutlich reduziert, die Gruppe der Hohlköpfe dagegen hervorgehoben und aktualisiert. Sie sind „Smombies“, verstehen zwar nie etwas, machen davon aber ständig Selfies. Passend dazu erscheint Clarice, die Konkurrentin des Prinzen um den Thron, als Revue-Showgirl, die überall auftaucht, sobald nur ihr Name genannt wird.
Auch wird das Kartenspiel zwischen Zauberer Tschelio und Hexe Fata Morgana, das dramaturgisch folgenlos bleibt, umgedeutet in ein Vorsingen, zudem in einer Probensituation innerhalb der Aufführung. Hier, wie auch an anderen Stellen, wird das Switchen zwischen unterschiedlichen Situationen, Leben, Theater, Probe fürs Theater besonders deutlich, zeigt sich aber auch, wenn jemand bei eigentlich tragischen Stellen lacht und damit zeigt, dass alles nur Spiel ist.
Der Prinz wird auch nicht durch die nach einem Gerangel am Boden liegende und die Beine hochstreckende Fata Morgana zum Lachen gebracht. Stattdessen kippt ihr Hofnarr Truffaldino einen Topf Spagetti über den Kopf. Vorher hatte er bei der Aufgabe, den Prinzen zum Lachen zu bringen, kläglich versagt.
Die Ratte, in die die Prinzessin Ninetta verwandelt wird, ist keine, sondern wird als verführerische Frau dargestellt. Vorher war sie die Krankenschwester, die dem Prinzen scheinbar nur Gutes tun will, aber auf der Seite der Thronräuber steht. Und schließlich ist die Prinzessin Ninetta gar nicht die heißersehnte und passende Gattin, sondern gibt sich ohne Verzug dem oberflächlichen Hofzeremoniell und dem Alkohol hin. Kein Wunder, dass der Prinz da lieber allein bleibt, wenn auch ratlos. Bei aller Buntheit gibt es also doch etliche kritische Töne, die Nachdenken auslösen sollten.

 

Das neue Wuppertaler Ensemble schlug sich bravourös, zeigte spielend und singend hervorragende Leistungen. Mir sind vor allem die leise beginnende und sich dann immer mehr steigernde Lacharie des Prinzen und im 2. Teil der nur aus dem Wort Farfarello bestehende Auftritt des Zauberers Tschelio (Lucia Lucas mit starkem Bass) in Erinnerung geblieben. Aber auch alle anderen Darsteller gaben ihr Bestes. Stellvertretend für alle seien Sebastian Campione als König und Köchin, Catriona Morison und Simon Stricker als Thronräuber, Mark Bowman-Hester als Truffaldino und Vikant Subramanian u.a. als Pantalone genannt. Vor allem: alle sind Mitglieder des neuen Ensembles und freuten sich sichtlich, dass sie beim Wuppertaler Publikum so gut ankommen. Als einziger Gast war für die Hauptrolle des Prinzen Sangmin Jeon verpflichtet worden. Ein stimmlich starker, variationsreicher Tenor, sehr wortverständlich, der auch darstellerisch, am Anfang sogar mit Emoticon auf einer Plastiktüte, absolut überzeugte.
Auch der Wuppertaler Chor (unter neuer Leitung: Markus Baisch) hatte viel zu tun, einige Mitglieder waren auch mit solistischen Aufgaben betraut. Alle zeigten sich in hervorragender sängerischer Form und sehr spielfreudig. Etliche Chormitglieder mussten nicht nur singen und spielen, sondern sich auch öfters in Rekordzeit umziehen.

 

Nach den „Three Tales“ und „Hoffmanns Erzählungen“ wieder ein Riesenerfolg für alle Beteiligten, vor allem aber für den neuen Intendanten, Berthold Schneider. Vielleicht lässt sich nach dem dritten Stück schon ganz vorsichtig eine Tendenz der Wuppertaler Oper unter neuer Intendanz erkennen: Es wird etwas gewagt, Spaß und Kulinarik kommen nicht zu kurz, werden aber verbunden mit Nachdenklichkeit und gesellschaftlichem Anspruch. Und: Publikum und Stadt werden mit einbezogen. Weiter so!

 

Fritz Gerwinn
31.10.2016

 

Weitere Aufführungen:
1.11.,30.11., 14.12., 15.12., 26.12.2016
zum letzten Mal am 22.1.2017