Foto: Jörg Landsberg
Foto: Jörg Landsberg

Hagen

Freischütz als Häschenschule. Neu entdeckte Facetten
Premiere im Hagener Theater am 4.2.2023
Dass Regisseur und Intendant Francis Hüsers in seiner Inszenierung den „Freischütz“ mit der „Häschenschule“ in Verbindung bringt, war zunächst überraschend, irritierend bis verstörend. Der Zusammenhang wurde im Verlauf des Abends aber immer klarer. Hüsers und sein Team haben beide Werke genau gelesen. Auch wenn er zu dem Schluss kommt, dass vor allem das Libretto des „Freischütz“, aber auch die darauf aufbauende Komposition ein „restauratives Bekenntnis zum Feudalismus und als Anerkennung der in alle Lebensbereiche hinein wirkende Macht von Fürst und Kirche“ verstehen kann, so bringt er das doch in einer „Liebeserklärung an Webers Freischütz“ unter, liefert aber durch die Verbindung zur 1924 entstandenen „Häschenschule“, deren Moral eine ebenso „restaurative Eindeutigkeit“ zeigt, eine neue, nachdenkenswerte Facette. Besonders wichtig sind ihm die Worte des „Freischütz“-Schlussjubels, die „exakt der Moral der Häschenschule“ entsprechen:
„Der rein ist von Herzen und schuldlos von Leben,
Darf kindlich der Milde des Vaters vertrau`n.“
In seiner Interpretation holt er sich Rückendeckung u.a. von Elke Heidenreich, die 2006 bei der Neuvorstellung des Buches in einer Fernsehsendung das so zusammenfasste: Es ist „eines der schauerlichsten Kinderbücher überhaupt, aber ich liebe es bis heute.“
Wie hat Hüsers das mit seinem Team nun umgesetzt? Einige Schwerpunkte:
Wenn der Vorhang sich öffnet, hat der Bauer Kilian gerade den Vogel abgeschossen (kein Knall, er sagt nur „Peng“), der erfolglose Max steht mürrisch häschenschnitzend an der Seite. Alle auf der Bühne tragen Häschenohren. Die Verspottung des unterlegenen Max ist dann so obszön (kollektives Hinternwackeln des weiblichen Chores dem Schützen gegenüber), dass der hinzutretende Oberförster Kuno seiner Tochter Agathe die Augen zuhalten muss. Auch was der Chor dann mit der Flinte anfängt, ist nicht zu verachten. Immerhin hat Kuno ja kurz vorher „Leid oder Wonne, beides ruht in deinem Rohr“ gesungen, zur Entstehungszeit bestand offensichtlich noch kein Verdacht der Zweideutigkeit. Danach verwandelt sich die Bühne in eine Schulklasse, alle Häschen nehmen Platz und werden von Oberförster Kuno belehrt, wie die Geschichte mit dem Probeschuss zustande kam. Die „Klasse“ ist dabei sehr munter, einer muss sogar am Ohr gezogen werden. Das ist fast eine Originalszene aus der „Häschenschule“, köstlich dargestellt. Hier, wie auch in anderen Massenszenen, zeigt sich, mit welchem Ideenreichtum Choreograph Francesco Vecchione den Regisseur unterstützt hat. In der dann folgenden zentralen Arie des Max, in der dieser seine vergangene schöne Zeit und sein augenblickliches Leid schildert, geht bei der Stelle „Lebt kein Gott?“ das Licht im Zuschauerraum an (offensichtlich eine Frage, die auch heute noch aktuell ist) und in der ersten Zuschauerreihe erhebt sich lächelnd ein bebrillter Herr im Anzug, wohl Samiel, der Teufel. Mit dessen Hilfe gelingt es Kaspar, dem anderen Jägerburschen, Max zu überreden, mit ihm um Mitternacht in der Wolfschlucht Freikugeln zu gießen.
Anschließend schiebt sich ein kleines Häuschen in die Szene, in dem sich Agathe und Ännchen aufhalten. Als Max schließlich erscheint, aber gleich wieder gehen muss, weil er ja Freikugeln gießen will, erhebt sich ein äußerst heftiger Streit zwischen ihm und Agathe. Kaum ist er verschwunden und das Häuschen weggefahren, wallt Nebel herein: Wolfschlucht. Die sieben Freikugeln, riesige Granaten, werden schließlich gegossen, dabei nähert sich bedrohlich ein Geisterchor, der natürlich keine Ohren trägt, wie auch Samiel in der ersten Zuschauerreihe. Das Bühnenbild (Mathis Neidhardt, auch für die Kostüme verantwortlich), das einen grünen Wald darstellt, bricht dabei vollkommen zusammen. Am Schluss der Szene werden sogar starke Scheinwerfer in den Zuschauerraum gerichtet.
Nach der Pause herrscht erst weiter Chaos auf der Bühne, was auch an Agathe und Ännchen nicht vorübergegangen ist, müssen sie doch erst eines ihrer Ohren wieder reparieren und aufsetzen. Um Agathe aufzumuntern, schleppt Ännchen einen Bratscher, auch er ein Hase, aus dem Orchester herein (Aleksandar Jordanovski), der bei der Geschichte vom Kettenhund und der folgenden Arie nicht nur ein fantastisches Solo spielt, sondern auch so überzeugend agiert, dass er auch Schauspieler hätte werden können. Beim Lied vom Jungfernkranz zieren sich die vier Solistinnen erst, schubsen sich dann aber bei ihrem Einsatz gegenseitig weg. Der Brautkranz wird dann zum Vergnügen des Publikums in Sekundenschnelle gebunden, nachdem der eigentlich vorgesehene mit einer Totenkrone verwechselt wurde. Dann erst wird das zusammengebrochene Bühnenbild repariert, und zwar vom Hasen-Jäger-Männerchor. Das signalisiert wohl, dass nach der schrecklichen Wolfsschluchtnacht wieder alles in Ordnung ist oder wenigstens sein soll. So fügt sich das gesamte Bühnenbild dann auch wieder zusammen. Im Finale wird dann Agathe scheinbar und Kaspar tatsächlich erschossen, Samiel – der nette Herr im Anzug ohne Ohren – taucht wieder auf und zieht Kaspar die Ohren aus. Der wird nach der Aufforderung „Werft das Ungeheuer in die Wolfsschlucht!“ dann einfach weggerollt. Nach dem Schuldeingeständnis von Max taucht der nette Herr wieder auf, aber jetzt als Eremit – als offenbar austauschbarer Vertreter höherer Mächte – die Geschichte zu einem „guten“ Ende (s.o.). Allerdings ist bei seiner Aufforderung zum gemeinsamen Dankgebet ein leises Murren der Menge nicht zu überhören. Um auch die Parallelität von Freischütz und Häschenschule noch einmal zu betonen, wird dazu eine Tafel heruntergelassen, auf der steht, dass die Häschenschule jetzt aus ist. So wird am Schluss noch einmal die restaurative Haltung beider Stücke ins Bewusstsein gerufen.
Diese Offenlegung von Schichten, die bisher offenbar nicht so im Vordergrund standen, wurde vom Orchester unter Rodrigo Tomillo hervorragend unterstützt. Schon die Ouvertüre wurde fulminant gespielt, genussvoll die lyrischen Passagen, aufgeraut die auf Gefährliches und Bedrohliches hinweisen. Vorwärtstreibend und schmissig kamen die Jubel- und Marschelemente aus dem Orchestergraben, besonders im „Bauernmarsch“. Hörbar gemacht war aber auch die „Doppelbödigkeit“ der Weberschen Musik, die vertrauten Instrumenten durch „Ausnutzung besonderer, bisher nicht gebräuchlicher Lagen und Register“ neue Klangfarben und Wirkungen entlockt. Viele Solisten (Oboe, Cello, Bratsche) zeichneten sich durch sensibles Spiel aus, und die Blechbläser, vor allem das Hornquartett, waren ein Genuss. Auch der durch den Extrachor verstärkte Chor verdient hohes Lob.
Auch Sängerinnen und Sänger füllten ihre jeweiligen Partien voll aus. Alexander Geller, mit eher dunkel timbrierten Tenor, erreichte auch die hohen Töne mühelos, Angela Davis als Agathe und Dorothea Brand als Ännchen sangen und spielten makellos. Oliver Weidinger als Oberförster Kuno genoss im ersten Akt in allerköstlichster Weise seine Rolle als Hasenlehrer. Dazu kamen die sonoren, raumfüllenden Stimmen von Insu Hwang als Kaspar und Dong-Won Seon als Samiel und Eremit.
Schließlich sei noch das Programmheft genannt. Hier finden sich hochwertige, aber gut lesbare Texte, die die Konzeption der Regie erklären und unterfüttern sowie weitere Horizonte öffnen, Ganz hervorragend!
Das Hagener Publikum war begeistert und klatschte lange im Stehen.

Fritz Gerwinn, 6.2.2023
Weitere Vorstellungen: 11.2., 9.3., 26.3., 12.4., 19.4., 3.6.2023