Uraufführung
Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital
Das Märchen von der sozialen Gerechtigkeit von Christine Lang und Volker Lösch
frei nach Mark Twain

 

Volker Lösch inszeniert für das Grillo-Theater in Essen das Stück „Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital". Es geht um soziale Ungleichheit und um den Traum von einer besseren Welt.

 

Lösch zählt zu den profilisiertesten Regisseuren des Gegenwartstheaters und genießt internationale Anerkennung. Für das Grillo-Theater inszenierte er u.a. das Ruhrgebiets-Epos „Rote Erde“. In seiner Arbeit beschäftigt er sich häufig mit Randgruppen der Gesellschaft. Insbesondere das Thema der sozialen Ungleichheit treibt den Regisseur um. In der Stadt Essen sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich besonders signifikant. Nördlich der A40 lebt die ärmere Bevölkerung (40 % Hartz IV Empfänger), südlich davon Wohlhabende und Superreiche. Zwischen Nord und Süd gibt es eine scharfe Grenze. Menschen, die im Süden leben, oft über mehrere Generationen, wollen nicht in den Norden ziehen, meiden ihn. Bewohner des Nordens dagegen können sich teure Wohnungen in den südlichen Stadtteilen meistens nicht leisten.


Basierend auf Marc Twains Märchen „Der Prinz und der Bettelknabe“ von 1861, entwickelte Lösch gemeinsam mit Dramaturgin Christine Lang das Theaterstück und startet im Grillo ein Experiment: Schülergruppen aus dem Norden und dem Süden von Essen erzählen wechselseitig und meistens im Chor aus ihrem Leben. Sie stützen sich in ihren Texten auf Interviews, die vorher mit Lehrern, Sozialarbeitern, Eltern oder Schülern geführt wurden. Die Nord-Süd Trennung vollzieht das Regieteam konsequent. So ist im Grillo Theater eine Mauer installiert, die den Zuschauerraum in zwei Hälften teilt. Die linke Seite steht für Süd, dort sitzen Zuschauer und Jugendliche auf Stühlen, rechts ist der Norden platziert und es gibt nur den kalten Boden als Sitzmöglichkeit. Die Mauer verstellt den Blick auf die jeweils andere Seite, nur über Monitore kann verfolgt werden, was gerade dort passiert. Plätze auf dem Rang betrifft das nicht, der freie Blick auf die Handlung ist hier während der gesamten Aufführung möglich.

Nicht nur räumlich, auch optisch setzt die Inszenierung auf Trennung. Mit sportlicher Kleidung rücken die Jugendlichen aus dem Norden nah ans Publikum heran und berichten von diskriminierenden Erlebnissen, Schulversagen oder von Freunden, die im Knast sitzen. Die Gruppe der Süd-Jugendlichen dagegen präsentiert sich in feinen Anzügen und erzählt von Urlaubsreisen mit den Eltern, schönem Haus mit Haushaltshilfe und gleich mehreren Autos, die zur Verfügung stehen.


Im Märchen tauschen Prinz und Bettelknabe die Kleidung. Da sie sich wie eineiige Zwillinge gleichen, fällt es niemanden auf. Sie schlüpfen in die Rolle des Anderen und lernen dessen Welt kennen. Der Prinz kehrt an seinen gewohnten Platz zurück, der Bettelknabe wird zum Edelbedienstesten erhoben. Hierarisch steht er noch immer unten – doch er profitiert von der Verbesserung seiner Situation. Das Märchen dient als Vorgabe für die Handlung, der schmucke Barockrahmen, mit dem die Bühne umspannt ist, deutet das an.

In der Inszenierung wird der König zum reichsten Mann von Essen mit einem gigantischen Vermögen von 39,5 Milliarden €uro. Sein Sprössling, das „Königskind“, gerade geboren, wird Alleinerbe des Konzerns „DIAL" (verschlüsselt) und vom Patriarchen bei seiner Geburt mit „alles dran“ als OK befunden.
Schauspieler des Grillo Theaters übernehmen gleich mehrere Rollen. Lisa Lantin agiert als temperamentvolle Erzählerin, Vermögensverwalterin und Managerin, die ununterbrochen Zahlen und Fakten herunter rattert. Als engagierte Schulleiterin einer Essener Gesamtschule beklagt sie die fehlende Zukunftsperspektive ihrer Schüler: "Alles bekannt, doch ändern tut sich nichts", lautet ihr Resümee.

Für Geiz und Marotten ist der übermächtige DIAL-Patriarch (Jan Pröhl) bekannt. Bei Tisch wird im Takt aus firmeneigenen Konservendosen gelöffelt. Pröhl spielt auch den fiesen Filialleier, der seine Angestellte, alleinerziehende Mutter aus dem Norden, mobbt und zum Aufhebungsvertrag drängt.Thomas Büchel klärt über die Vorzüge der Elite Schule im Essener Süden auf. Am Schluss überwinden die Jugendlichen die Mauer und tauschen, wie im Märchen die Kleider. Die Mauer bleibt bestehen, Geldscheine rieseln von der Bühne. Lautstark verkünden die Jugendlichen, was mit so viel Geld alles möglich ist. Letzendlich versammeln sich Jugendliche und Publikum auf der Bühne und tragen Utopien für eine bessere Welt vor.


Die Inszenierung liefert Denkanstöße und spricht eine Vielzahl gesellschaftlich relevanter Themen an, ohne sich in Details zu verlieren. Die empfundene Ungleichheit hinterlässt zwar deutliche Spuren bei den Jugendlichen, aber keine Bitterkeit. Noch haben sie Visionen, hoffen auf eine bessere Zukunft, auf eine gerechtere Umverteilung, jenseits extremen Reichtums mit explodierenden Finanzmärkten. Ob die Hoffnung sich verfüllt? In keiner anderen Stadt ist die Kluft zwischen Arm und Reich so groß wie in Essen. Rund 100 000 Menschen leben mittlerweile von der Grundsicherung, Tendenz steigend. Sozial Experten warnen seit langem vor dem Auseinandertriften der Gesellschaft. Solange es nur bei einem Aufschrei bleibt und Wenige Macht und Vermögen unter sich aufteilen, keine Konzepte vorliegen, die für eine soziale Gerechtigkeit sorgen, werden sich die Verhältnisse nicht ändern. Die Schere zwischen Arm und Reich wird noch größer, die Mauer in den Köpfen nicht beseitigt.

(Ursula Harms-Krupp)


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Nächste Vorstellung am 15. März 2018