Oper mit Smartphone und Tablet
„LIBERAZIONE“ von Francesca Caccini sca Caccini als Installation im Opernhaus Wuppertal
Premiere am 20.4.2018

 

 

Nach der Neuinszenierung von Martinus „Julietta“, selten genug aufgeführt, konnte sich das
Wuppertaler Publikum wieder auf eine besondere Aufführung freuen, auf die erste von einer Frau geschriebene Oper der Musikgeschichte, „Liberazione, La Liberazione di Ruggiero dall`isola d`Alcina“ von Francesca Caccini. Besonders interessant war die Ankündigung, dass diese Oper nicht im herkömmlichen Sinne aufgeführt werden sollte, sondern als Installation auf der Bühne des Opernhauses.

 

Selten beginnt eine Oper so: Gleich zu Beginn sollte man eine App auf Smartphone oder Tablet laden und sich dann mit dem Internet verbinden, durfte dann im Zuschauerraum Platz nehmen. Nach der italienischen Begrüßung durch zwei Sänger wurden die Zuschauer über einen Steg auf die Bühne geführt und gruppierten sich, durch ein Geländer abgetrennt, um ein tiefer liegendes Labyrinth mit vielen Vorhängen, in denen sich, mehr oder weniger sichtbar, schwarz gekleidete Personen mit federartigen schwarzen Kopfbedeckungen bewegten. Währenddessen spielte das Orchester schon, der Chor sang, war aber im Gegensatz zum Orchester nicht sichtbar. Auch der Gesang der Solisten war nur hörbar. Nach einiger Zeit, wohl nach dem ersten der beiden Akte, wurde das untere Geschoss hochgefahren, das Geländer entfernt, so dass die Zuschauer sich ebenfalls innerhalb der Vorhänge bewegen und Aktionen der Darsteller beobachten konnten, auch auf Sängerinnen und Sänger stießen. Spätestens hier war allen Smartphone- und Tabletbesitzern wohl klar, dass sie die Aktionen der Hauptpersonen verfolgen konnten, auch wenn sie diese nicht direkt vor sich sahen, indem man auf seinem Gerät eine von mehreren Kameraperspektiven anklickte. Nur auf den Geräten waren auch die Untertitel zu verfolgen. Wer ohne Technik ins Opernhaus gekommen war, hatte keine Chance. Gegen Ende der 70minütigen Vorstellung wurden auch die Vorhänge hochgezogen, die Darsteller agierten auf der nackten Bühne. Und ganz zum Schluss saß den Zuschauern auf der Bühne der Opernmännerchor im Zuschauerraum gegenüber, sang und beklatschte Darsteller und Zuschauer, als seien diese Teil der Vorstellung geworden.

 

Die Oper „Liberazione“ stammt aus dem Frühbarock, geschrieben von der Komponistin Francesca Caccini, wurde 1625 uraufgeführt. Was die Handlung angeht, geht es um die Zauberin Alcina. Alle Männer, die ihr gefallen, lockt sie auf ihre Insel, um ihnen alle sinnlichen Freuden lustvoll zu gewähren. Ist sie ihrer aber überdrüssig, verwandelt sie sie kurzerhand in Steine oder Pflanzen. Zu Beginn der Oper ist ein gewisser Ruggiero ihr Lover. Dessen Verlobte Melissa hat die Insel erreicht, um Ruggiero zurückzuholen. Der will auch mitgehen, möchte aber, dass die anderen Verzauberten zurückverwandelt werden und ebenfalls entkommen können. Das führt zu etlichen Turbulenzen und in der Wuppertaler Inszenierung zu einem nicht ganz klaren Schluss. Jedenfalls ist am Ende niemand richtig glücklich.

 

Die vielen Vorhänge, auf die man erst herabsah und durch die man dann gehen konnte, stellten ein Labyrinth dar, passend zur Zauberinsel Alcinas, auf der nur die Zauberin selbst alles überblickt. Die Orientierungslosigkeit wurde durch einen weiteren Effekt verstärkt, den sich das Regieteam mit dem Namen AGORA wohl gut überlegt hatte ( Benjamin David, Anna Brunnlechner, Regie, Valentin Köhler, Bühne/Kostüme). Sängerinnen, Sänger und Chor waren immer deutlich zu hören, aber nicht zu lokalisieren, es sei denn, man stand direkt daneben oder der Zufall kam einem zu Hilfe. So war zum Beispiel die Stimme des Tenors Sangmin Jeon auf der Bühne deutlich zu hören – der stand aber im Zuschauerraum in der 10. Reihe. Auch wurden neben der allgegenwärtigen Technik auch die unterschiedlichen Höhen des Bühnenturms für räumliche Effekte ausgenutzt.

 

Die Akteure, alle mit Mikroports versehen, spielten an unterschiedlichen Stellen zwischen den Vorhängen, kommunizierten also meist nicht miteinander, sangen ihre Parts alleine, oft in die aufgestellten Kameras hinein. Dazwischen bewegten sich die Zuschauer mit Smartphones und Tablets. Jeder konnte sich durch Anklicken der verschiedenen Kameraperspektiven sozusagen eine eigene Fassung des Stücks zusammenstellen, musste aber aufpassen, um nicht über am Boden liegende oder sich bewegende Darsteller zu stolpern.

 

Das waren für den gut beschäftigten und brillant eingeprobten Chor (Markus Baisch) und vor allem die Sängerinnen und Sänger sicher schwierige Bedingungen.  Sie mussten ihre Einsätze inmitten der Zuschauer ohne Hilfe des Dirigenten finden, ein Blick auf die beiden Monitore hoch im Bühnenturm war kaum möglich. Chor und das Wuppertaler Ensemble schlugen sich hier bravourös. Ralitsa Ralinova und Simon Stricker sangen und spielten die Hauptrollen als Alcina und Ruggiero. Aufhorchen ließ Joyce Tripiciano als Melissa, einziger Gast der Besetzung. In meist mehreren Rollen glänzten Sangmin Jeon, Mark Bowman-Hester, Nina Koufochristou und die Chormitglieder Ja-Young Park, Kathrina Greis und Angelika März.

 

Das Wuppertaler Sinfonieorchester unter dem Barockspezialisten Clemens Flick lieferte den instrumentalen Soundtrack, mit Instrumenten wie Blockflöten, Zinken und Theorbe. Der Dirigent selbst spielte selbst noch eins der vier Tasteninstrumente, Studienleiter Michael Cook die drei anderen, darunter eine Orgel mit handbetriebenen Blasebalg, die sogar festliche Trompetentöne erzeugte. Das Wort Soundtrack mag bei der exzellenten Orchesterarbeit despektierlich erscheinen. Nach meinem Eindruck gehörte die Aufmerksamkeit des Publikums aber erst in zweiter Linie dem Orchester und der wunderbaren Musik Francesca Caccinis, weil viele zu sehr damit beschäftigt waren, die technischen Möglichkeiten ihrer Geräte auszuloten, immer wieder die App zu aktualisieren, aus der Vielzahl der Perspektiven erst einmal die Handlung zu realisieren und sich im Labyrinth nicht zu verirren. Kein Wunder, dass sich in der zweiten Halbzeit fast die Hälfte der Zuschauer stehend vor dem Orchester einfand, um diesem und den aus allen Richtungen kommenden Stimmen zuzuhören. Diese Haltung entspricht ja auch der Meinung des Regieteams: „Wer will, kann sich frei bewegen und wer lieber in einer Ecke sitzt, kann dies auch tun.“ Das letztere war allerdings schwierig, weil es kaum Sitzplätze gab.

 

Langer Beifall für alle am Schluss, auch das Regieteam wurde heftig beklatscht. Auch der kräftige Applaus bei der Premierenfeier zeigte, dass die neuen Wege von AGORA von vielen akzeptiert werden konnten. Ging es ihnen doch um nichts weniger als den „Versuch, sich von gewohnten Wahrnehmungsmustern beim Anschauen eines Stückes zu befreien“ und somit um eine „erweiterte Wahrnehmung und Erfahrung beim Zuschauen“. Etliche Zuschauer sind in diesem Sinne mitgegangen und fanden die vorgeführte Lösung gelungen, spannend, interessant, anregend.
Dass andererseits Zuschauer diese Art der Umsetzung problematisch fanden und finden, ist überhaupt nicht verwunderlich. Weil jeder Zuschauer sich seine eigene Fassung zusammenstellen musste, war die Gefahr der zerstreuten Aufmerksamkeit nicht ganz von der Hand zu weisen. Viele der vielfältigen Einzelaktionen, von der Regie genau überlegt und eingeprobt, konnten so auch nur von einem Bruchteil der Zuschauer gesehen und in den Gesamtzusammenhang eingefügt werden. Weil bei vielen die Rekonstruktion der Handlung volle Aufmerksamkeit forderte, schien mir das in der Oper avisierte Nachdenken über die Mehrdeutigkeit von Freiheit (s. Programmheft: „Gibt es eine Freiheit ohne Gefängnis?“) kaum in den Blick zu geraten. Dass Fokussierung dann doch manchmal notwendig und sinnvoll ist, schien auch dem Regieteam wichtig zu sein, indem es die letzte Szene für alle sichtbar auf der offenen Bühne spielen ließ.

 

Die Wuppertaler Oper hat mit dieser Installation wieder eine Aufführung auf die Beine gestellt, die hoffentlich überregionale Beachtung finden wird. Und auch, wenn die Meinungen hierbei besonders gegensätzlich sind: Jeder sollte sich sein eigenes Urteil bilden. Denn was kann es Besseres geben als eine Operninszenierung (oder in diesem Fall Operninstallation), über die heftig diskutiert wird. Schließlich hat schon Richard Wagner gesagt, als man ihn fragte, ob man beim Alten bleiben solle oder nicht: „Kinder, schafft Neues!“

 

Leider wird „Liberazione“ nur noch dreimal gespielt: 29.April., 16.Juni. und 14.Juli 2018

 

Fritz Gerwinn, 22.4.2018