Essen

 

Kopenhagen

Geniales Kreuzverhör von Michael Frayn

in einer Aufführung der Studio-Bühne, Essen

 

Premiere am 6.11.11

Regie: Wolfgang Gruber

Bühne: Katrin Gerhäuser

 

Das Drei-Personen-Stück hat nach seiner Premiere im Jahr 1998 in London weltweite Diskussionen ausgelöst. Aufführungen in Paris und New York folgten. Das Stück erhielt mehrere wichtige Preise. Die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaftler für ihre Tätigkeit wurde und wird immer wieder gestellt.

 

Michael Frayn hat die Geschichte der Herstellung der Atombombe aufgegriffen, die während des 2. Weltkriegs eine lebens- und überlebenswichtige Bedeutung hatte: wie weit ist die Entwicklung im jeweils gegnerischen Lager? Wie wird die Arbeit überhaupt politisch eingeschätzt und demzufolge gefördert? Welche Bereitschaft besteht, diese Waffe – wenn sie denn einsatzreif wird – auch einzusetzen? Und welche Verantwortung trifft den Wissenschaftler, der mit der Aufgabe betraut ist? Können und dürfen persönlicher Ehrgeiz und wissenschaftliche Meriten unter solchen Gegebenheiten eine Rolle spielen? Welche Charaktereigenschaften spielten eine Rolle, als Entscheidungen getroffen werden mussten?

 

Michael Frayn rekonstruiert in seinem Theaterstück eine geschichtsträchtige Begegnung der beiden Physiker Niels Bohr und Werner Heisenberg im Herbst des Jahres 1941 in Kopenhagen. Die beiden gehören zu den begabtesten und wichtigsten Wissenschaftlern der theoretischen Physik jener Zeit, beide erhielten den Nobelpreis für Physik. Sie begegnen sich nach ihrem Tod und rekonstruieren den Ablauf dieses folgenschweren Treffens, indem sie, zusammen mit Bohrs Ehefrau Margrethe, unterschiedliche Gesichtspunkte analysieren. Durch die Kriegsereignisse und ihre jeweilige persönliche Situation befinden sich beide in einer psychologisch hochgradig schwierigen Situation. Beide haben vor Hitlers Machtergreifung jahrelang zusammen gearbeitet und hatten auch persönlich eine Art Vater-Sohn-Verhältnis. Mittlerweile lebt Bohr als Halbjude unter Beobachtung der Deutschen in Kopenhagen, Heisenberg lebt und arbeitet in Berlin als Leiter des damaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts. Das „Uran-Projekt“ ist kriegswichtig, so dass die damit betrauten Wissenschaftler auch vom Kriegsdienst befreit sind. Sie gehören also gegnerischen Lagern an und wissen nicht mehr, wie weit sie einander vertrauen können. Was also wollte Heisenberg von Bohr? Könnten „patriotische Verpflichtungen“ eine Rolle spielen? Welches Spiel spielt Heisenberg – oder ist es tatsächlich der verzweifelte aber viel zu vorsichtig vorgebrachte Gedanke, die Wissenschaftler beider Lager könnten eine Art Moratorium vereinbaren? Missverständnisse türmen sich auf. Die Frage, wie weit der Gegner mit seinen Arbeiten vorankam, ist kaum zu klären. In mehreren Ansätzen werden Analyse-Möglichkeiten durchgespielt und Motive für das folgenschwere Verhalten der beiden Männer erwogen.

Die Studio-Bühne ist trotz der geringen Größe phantasie- und sinnvoll eingerichtet. Als Zuschauer erlebt man die erregten Diskussionen hautnah. Die Schauspieler bieten 120 Minuten lang eine konzentrierte Leistung und erhalten zu Recht lebhaften Beifall.

 

Das Theater ist mit seinem Amateurtheater-Ensemble seit über 20 Jahren in einem ehemaligen Schulgebäude in Essen-Kray untergebracht. Dort entstand eine anheimelnde Atmosphäre – man kann sich vorher oder nachher im „Wohnzimmer“ zusammenfinden und das Gesehene diskutieren. Eine schöne Kultureinrichtung in Essen!

Weitere Termine unter: www.studio-buehne-essen.de

 

8.11.11/GBW