Wuppertal

 

Die Fledermaus im Wandel der Zeit

Operette in drei Akten von Johann Strauss Sohn

Text von Richard Genée nach der Komödie Le Réveillon

Von Henri Meilhac und Ludovic Halévy

Regie: Johannes Weigand

 

Premiere: 27. September 2013

 

"Fledermaus“ in Wuppertal

 

Lauter und lang anhaltender Beifall, als Gefängniswärter Frosch den Verdacht äußert, der neue Obermusikrat wolle nur mit teuren Leihinstrumenten spielen. Wer gemeint ist, dürfte klar sein, der zukünftige Opernchef, Toshiyuki Kamioka, der mit offenbar schon ausgesprochnen Kündigungen und bis dato unklaren oder gar widersprüchlichen Plänen das Ensemble und das kulturell ohnehin gebeutelte Wuppertal kräftig verunsichert hat.

 

Vorher hatte schon die (anwesende) Stadtspitze ihr Fett wegbekommen, und danach kam sogar Angela Merkel dran. Alle drei Pointen trafen genau ins Ziel.

Das war bezeichnend für die gesamte Inszenierung, die hervorragend war und keine Schwachpunkte hatte. Entsprechend feierte das Wuppertaler Premierenpublikum sein Ensemble, das wohl komplett in einem Jahr gehen muss, ebenso wie der Opernintendant und Regisseur dieser Aufführung, Johannes Weigand. Und alle zeigten, was sie können, und das mit leichter Hand. Nicht nur, dass die Sänger zu großer Form aufliefen, sie bewiesen auch, und zwar ohne Ausnahme, dass sie erstklassige Schauspieler sind, gestisch hervorragend und verständlich bis in die letzte Reihe. Das Publikum wollte mit dem Beifall gar nicht mehr aufhören, zum Schluss gab es sogar standing ovations. Weiß der neue Operndirektor wirklich nicht, was für tolle Leute er schon im Haus hat? Immerhin hat er mit einigen von ihnen 2005 ja schon einmal eine „Fledermaus“ dirigiert.

 

Und die neue „Fledermaus“ im Opernhaus lohnt sich wirklich! Auch wer die Handlung nicht kennt (die sich ja aus der am Anfang nicht bekannten Vorgeschichte ergibt), geht nicht ratlos aus dem Haus, sondern weiß sehr schnell, dass es sich um die gelungene Rache der „Fledermaus“ Dr. Falke handelt, denn darauf wird immer wieder Bezug genommen.

Längen kommen nicht auf, die Inszenierung steigert das Vergnügen durch zügiges Tempo, die gesprochenen Szenen hüten sich vor Überlänge, auch der in anderen Inszenierungen oft ausufernde Monolog des Gefängniswärters Frosch wird nicht übermäßig ausgedehnt, sondern entfaltet seine Wirkung, weil er knapp und knackig ist (formuliert vom Dramaturgen Johannes Blum).

Das Orchester unter Florian Frannek befand sich offensichtlich auch in konzentrierter Sektlaune, die Abstimmung mit Sängern und Chor war perfekt, aber nicht nur bei durchgängig temporeichen, rasanten Stellen, sondern auch bei plötzlichen Tempowechseln oder wenn es innerhalb eines Stückes langsamer oder schneller wurde. Auch interessante Instrumentalfarben wurden herausgestellt (man beachte z.B. die Rolle der Piccoloflöte im Vorspiel zum 3. Akt!)

Im 1.Akt wird deutlich, dass es mit dem Adel nicht weit her ist, nicht nur, was das gegenseitige Fremdgehen angeht. Eine enge, spießige Wohnung wird gezeigt, immerhin mit einem Flügel, der aber nur einmal zum Klavierspielen benutzt wird, ansonsten dient er als Liebesort oder Abfalleimer für Hähnchenschenkel. Ein Hirschgeweih dient als Garderobe, und Eisensteins Essmanieren sind auch nicht die besten. Die Regie macht sehr deutlich, dass alle so tun als ob, während sie ganz andere Ziele haben (Eisenstein und das Dienstmädchen Adele wollen auf Orlofskys Fest, aber mit durchaus unterschiedlichen Motivationen, Eisensteins Gattin Rosalinde freut sich dagegen auf das Tete-a-tete mit ihrem früheren Liebhaber, dem Tenor Alfred, bei dessen hohem B sie zuverlässig dahinschmiltzt). Als Gefängnisdirektor Frank erscheint (alt und grau, ein Meisterstück der Wuppertaler Schminkkunst!) und Alfred anstelle des Hausherrn mitnimmt und ins Gefängnis bringt, hat dieser sogar Nachtkleid und Mütze des Hausherrn angezogen. Das führt im 3. Akt zu weiterem Unmut bei Eisenstein, ehe er vollständig entlarvt wird.

Im 2. Akt dagegen Weite, ein Palast mit Buchsbaumbüschen, vier muskulöse Diener sorgen vor allem bei Eisenstein für unablässigen und zwangsweisen Alkoholnachschub schon am Anfang. Orlofsky ist dick und behäbig, muss immer von zweien seiner Diener aufs Podest gehoben werden und begibt sich wegen seiner Unbeweglichkeit gegen Ende des Aktes sogar in einen Fesselballon, um das unter ihm tanzende gesamte andere Personal nicht beim Walzer zu stören. Köstlich der Dialog zwischen Monsieur Renard (Eisenstein) und Monsieur Chagrin (Frank), die beide als Franzosen vorgestellt werden, die sich herzlich begrüßen müssen, weil sie sich nach langer Zeit wiedersehen, sich aber weder kennen noch ein Wort Französisch können. Unvergesslich auch die Episode, als Eisenstein seine als ungarische Gräfin verkleidete Frau anbaggert und behauptet, seine Frau sei alt und hässlich.

Nach der Weite des 2. Aktes hörbare Überraschung beim Publikum, als sich nach der Pause der Vorhang wieder öffnet. Es ist noch enger als im 1. Akt, oben zwei Luken, durch die man die jeweils Ankommenden schon sehen kann, man hat Blick aufs 00, das immer wieder als Rückzugsort dient, rechts zwei Zellen, so könnte der Vorraum eines Gefängnisses ja tatsächlich aussehen. In einer der Zellen Alfred, der ständig singt, einmal sogar einen falschen Tamino, und erst aufhört, als Frosch Gesangskenntnis zeigt und ihn korrigiert. Der Schnaps, der im Gegensatz zu anderen Inszenierungen hier nur dezent fließt, steht hinter dem Kaiserbild. Das wissen alle, auch die, die noch nie in diesem Raum waren. Und tatsächlich kommen nacheinander alle, die in der Nacht vorher bei Orlofsky gefeiert haben, mehr oder weniger derangiert an. Das ist lustig und spritzig gemacht, die nahe liegende Überspitzung durch Klamauk hält sich in Grenzen, auch wenn ein voller Nachttopf durch mehrere Hände geht.

Dass die Inszenierung hervorragend war und auch vom Publikum begeistert aufgenommen wurde, wurde schon gesagt. Sehr wichtig außerdem: dies scheint nicht nur das Werk des Leitungsteam zu sein (Johannes Weigand, Regie, Moritz Nitsche, Bühne, Judith Fischer, Kostüme), sondern ein Gemeinschaftswerk des gesamten Opernensembles, in dem alle uneingeschränkt ihr Bestes gaben. Deshalb sollen  auch nicht einzelne Sänger hervorgehoben werden, sondern einfach nur ihre Namen (in der Premierenbesetzung): Kay Stiefermann, Banu Böke, Elena Fink, Olaf Haye, Joslyn Rechter, Christian Sturm, Miljan Milovic´, Boris Leisenheimer, Annika Boos. Einen einzigen Gast gab es doch, der war aber aus dem Wuppertaler Schauspielensemble: Gregor Henze, ein Super-Frosch. Nicht zu vergessen: neben dem schon gelobten Orchester unter Florian Frannek ein sängerisch und auch darstellerisch brillanter Chor, von Jens Bingert einstudiert.

 

Nach diesem fulminanten Saisonanfang werden sich viele gefragt haben, ob so hervorragende Kräfte wirklich komplett gekündigt werden müssen. Dass und wie sie mit dem Wuppertaler Theater verwachsen sind, zeigte Intendant Johannes Weigand in der Premierenfeier auf, indem er die Rollen aufzählte, die die SängerInnen in Wuppertal schon gesungen haben. Bei einigen waren es fast 40! Kann man auf solche Qualität verzichten?

 

Fritz Gerwinn

 

Karten/Info:

www.wuppertaler-buehnen.de

 

weitere Aufführungen 29.9., 6.10., 20.10., 24.10., 15.11., 8.12., 14.12., 26.12.2013