REGIONALE BERICHTE

HALDENSAGA

Ruhr 2010, Projekt: Haldensaga
Ruhr 2010, Projekt: Haldensaga

Unsere Redakteurin war dabei - trotz Regen und Sturm - hat sie durchgehalten!

 

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Nachtwanderung für Städtebewohner

Ein Erfahrungsbericht von Nina Jung

Wir machen die Nacht zum Tag!

 

 

17:30 Einchecken in die „Haldensaga“ – die geführte „Nachtwanderung für Städtebewohner“ zu und zwischen verschiedene Halden in der Metropolregion Ruhr. Acht Halden des Ruhrgebiets standen zur Auswahl: In Neukirchen-Vluyn, Moers, Bottrop, Essen, Gelsenkirchen, Herten, Recklinghausen und Bergkamen. Wir haben uns für zwei Halden in Bottrop entschieden. Auf der Wiese hinter dem Museumszentrum Quadrat in Bottrop tummeln sich schon etliche Besucher rund um die Zelte für die Anmeldung. Ferienlagerstimmung. Die meisten der rund 350 Wanderer sind ausgerüstet mit festem Schuhwerk, Rucksäcken voller Proviant – und Regencapes. Denn Tief Otto verspricht starken Regen und Wind für diese Nacht, in der wir von 18 Uhr abends bis 6 Uhr morgens zwei Ruhrgebiets-Halden erklimmen und 14 km wandern wollen. Ein argwöhnischer Blick zum Himmel zeigt fürs erste noch stellenweise blauen Himmel, aber die Regenfront kündigt sich schon an. Der Veranstalter Ruhr.2010 verteilt vorsorglich Regenponchos. Dazu gibt’s kleine, knallbunte UKW-Empfänger fürs angekündigte „Radioballett“. Tanzen werden wir also auch noch in dieser Nacht.

 

18.00 Es geht los. Nacheinander setzen sich die Gruppen mit jeweils um die 30 Teilnehmern in Bewegung. 3500 Menschen starten in diesem Moment zu ihrer ganz persönlichen Haldensaga zu acht Halden des Ruhrgebiets – rund ein Viertel der vom Veranstalter erwarteten 12.000 Teilnehmer. Oliver Scheytt, der Geschäftsführer der Ruhr.2010, wandert auch mit. Durch die Nacht führt uns Christa, eine pensionierte Lehrerin, die während des Kulturhauptstadtjahres schon als Volunteer im Einsatz waren.

 

Halde Haniel – unsere „Sonnenuntergangshalde“

 

Durch den dichten Bottroper Stadtwald wandern wir zur Halde Haniel, unserer „Sonnenuntergangshalde“. Einmal mehr staunen wir, wie grün das Ruhrgebiet ist. Nach einer Stunde ragt der Förderturm der Steinkohlezeche Prosper Haniel vor uns auf– erstes Anzeichen von Bergbau auf dieser Tour. Gleich nebenan die 159 m hohe Halde, eine der höchsten des Ruhrgebiets. Auch sie im unteren Teil begrünt.

 

Christa gibt uns bereitwillig Nachhilfe in Sachen Ruhrgebietsbergbau. Von 1963 bis 2002 wurde die Halde Haniel mit dem Abraum der nahe gelegenen Zeche „geschüttet“. Weil der Abraum noch einen hohen Anteil an Kohle enthält und der Kohlestaub sich leicht entzünden kann, ist Rauchen auf der Halde verboten. Am Fuße der Halde macht uns Christa auf den Kreuzweg aufmerksam, dessen 15 Stationen uns auf dem Weg nach oben begleiten werden. Kupferplatten - von Bergleuten eingeätzt - zeigen Rohrfederzeichnungen der Ordensfrau und ehemaligen Journalistin Tisa von der Schulenburg. Zusätzlich sind an jeder Station Elemente aus der Arbeitswelt des Bergbaus zu finden, die beim Aufstieg für eine gehörige Portion Ruhrgebietsromantik sorgen. Am Ende des Kreuzwegs begrüßt uns ein riesiges Gipfelkreuz, das einst von Ausbildern und Auszubildenden der Zeche Haniel anlässlich eines Papstbesuches angefertigt wurde. Beliebt scheint die Halde bei Crossfahrern zu sein, die uns während des Aufstiegs entgegen kommen.

 

20.30 Ankunft auf der Kuppe der Halde, die hier einer Mondlandschaft ähnelt. Oben weht ein scharfer Wind. Je höher wir steigen, desto eisiger wird er.

 

Atemberaubend ist dafür der Blick über das Ruhrgebiet in der Abenddämmerung – die City von Duisburg, Essen, Oberhausen, dazwischen rauchende Industrieschlote und grüne Oasen. Erkennbar auch der leuchtende Tetraeder auf der Halde Beckstraße. Dort geht´s heute Nacht auch noch hin. Auf der anderen Seite der Halde Wald, so weit das Auge reicht: das Naturschutzgebiet Hielsfelder Wald zeigt sich hier in seiner ganzen Pracht. Einen faszinierenden Anblick bietet auch die „Bergarena“, ein Amphitheater mitten auf der Halde für bis zu 800 Theaterbesucher.

 

Auf der Kuppe der Halde kündet die Installation „Totems“ des baskischen Malers und Bildhauers Agustín Ibarrola vom Paradigmenwechsel, den das Ruhrgebiet in den letzten Jahren vollzogen hat, von der Industrielandschaft hin zum Kulturgebiet. Im Halbrund ragen über einhundert bunte Eisenbahnschwellen in den Himmel. Ein idealer Ort für das erste Picknick, mitgebrachte Isomatten werden ausgerollt, Brot und Tee ausgepackt.

 

Radioballett zwischen Himmel und Erde

 

21:15 Es geht los mit dem Radioballett „Serenade“ von Ligna. Alle zücken ihre UKW-Empfänger und lauschen den säuselnden Stimmen der Künstlergruppe aus Hamburg. Die Radiostimme fordert uns auf, Blickkontakt zu einem anderen Teilnehmer aufzunehmen. Wie ferngesteuert gehen wir aufeinander zu, tauschen unsere Namen aus, umkreisen einen selbst gewählten Haldenstein und tanzen zu elektronischer Musik. Als die freundliche Stimme „Legen Sie sich auf den Boden“ haucht, machen allerdings nicht mehr ganz so viele mit, zu kalt ist der Boden. Der Rest träumt sich rein in die Halde, folgt der Spur ihrer Steine durch Millionen von Jahren. Am Ende mag nur der Sonnenuntergang nicht so recht mitspielen- er bleibt verborgen hinter einer dicken Wolkendecke

 

Nachtwanderung, Nachtdozenten, Nachrastplatz

 

22.00 In der Dunkelheit müssen erst Mal alle ihre Gruppe wieder finden. Unsere Gruppe ist mittlerweile um acht Teilnehmer geschrumpft. Gemeinsam treten wir den Rückweg durch die Nacht an. Ein letzter Blick über das Ruhrgebiet, das in der Dunkelheit wunderschön leuchtet- und das gleich in mehreren Farben. Zurück im Wald ist es dann aber stockduster und wir sind froh, dass wir Lampen mitgenommen haben. Entlang des Bottroper Friedhofs wird es noch mal richtig gruselig. Gegen Mitternacht erreichen wir unsere „Nachtdozenten“, die uns „ihre“ Geschichten aus dem Ruhrgebiet erzählen – von Fußball und Kultur, Geomantie und Architektur des Bottroper Stadtwaldes. Es fängt an zu regnen und wir blicken in die ersten gähnenden Gesichter.

 

00:30 Zurück auf dem Rastplatz hinter dem Museum Quadrat. Viele geben jetzt auf und fahren nach Hause. Zu nass, zu kalt, zu müde. Der Rest harrt in den bereitgestellten Zelten aus und trotzt dem Dauerregen. Durchhalten heißt jetzt die Parole.

 

Halde Beckstraße – unsere „Sonnenaufgangshalde“

 

2:00 Durchgefroren starten wir zur nächsten Etappe. Es regnet mittlerweile in Strömen. Von unseren über 30 Gruppenmitgliedern sind nur noch acht übrig, kein Problem – die Gruppen werden zusammengelegt. Alle wollen zügig weiter, und so geht es schnellen Schrittes durch die Nacht zur Halde Beckstraße. Schon bald erkennen wir den leuchtenden Tetraeder in der Dunkelheit. Bei eisigem Wind und peitschendem Rege erklimmen wir zunächst die zum Glück nur 80 m hohe Halde und anschließend gleich den schwankenden Tetraeder – und sind froh, dass die Höhe in der Dunkelheit nicht so recht erkennbar ist. Assoziationen zu einer Ölbohrinsel in der peitschenden Nordsee werden wach. Belohnt werden wir mit einem wunderschönen Nachtrundblick über das Ruhrgebiet.

 

Danach heißt es warten – auf das zweite Radioballett zum Sonnenaufgang und die Busse, die uns zurück zum Startpunkt bringen sollen. Im Zelt übermüdete Gesichter, die sich nur noch mühsam wach halten können. Die meisten machen ein Nickerchen, es ist kalt und wir sind durchnässt. Nur unser Guide Christa ist noch zum Tanzen aufgelegt, wo nimmt sie bloß diese Energie her? Am Radioballett auf der Halde Beckstraße nehmen nur noch eine Handvoll Menschen teil, der Rest bleibt lieber in den trockenen Zelten und hört sich die Performance dort an, dieses Mal ohne mitzutanzen. Kaum ist Ligna mit ihrer Performance „Aubade“ am Ende, strömen alle die Halde hinab zu den Bussen. Nass, zum Umfallen müde, frierend- aber doch glücklich. Und auch ein bisschen stolz, zum harten Kern zu gehören, der schließlich durchgehalten hat. Immerhin sind von 3500 Startteilnehmern 350 bis zum Ende geblieben. Trotz Tief Otto: Es hat sich gelohnt! Schön, dass es den Organisatoren und den vielen ehrenamtlichen Helfern wieder einmal gelungen ist, den Teilnehmern das Ruhrgebiet auf eine ganz besondere Weise nahe zu bringen!

 

(23.07.11)