Essen

Der Glöckner von Notre-Dame – Aalto-Theater Essen

Choreographie Armen Hakobyan

Musik Wolfram-Maria Märtig

Premiere 15.11.2025

gesehen 23.11.2025

 

Mit "Der Glöckner von Notre-Dame" präsentiert Armen Hakobyan, Co-Ballettintendant des Aalto-Theaters, seine erste abendfüllende Uraufführung – ein Werk von großer Emotionalität, ästhetischer Geschlossenheit und eindrucksvoller visueller Kraft. Das Publikum dankte dem Ensemble mit langanhaltendem Applaus und Standing Ovation.

 

Hakobyans Choreografie basiert auf Victor Hugos berühmten Roman Notre-Dame de Paris. 1482, aus dem Jahr 1831. Für seinen Roman erkundete der Dichter nächtelang die Kathedrale auf der Ile de la Cité in Paris. Die Kathedrale und die Stadt Paris sind nicht nur Schauplätze des Romans, sondern auch Protagonisten des Werkes. Im Mittelpunkt stehen die tragischen Verstrickungen zwischen der Tänzerin Esmeralda, dem missgestalteten Quasimodo und dem von fanatischer Leidenschaft getriebenen Dompropstes Frollo. Quasimodo gehört sicherlich zu den bekanntesten Figuren der Weltliteratur.

 

In der Inszenierung lässt Hakobyan autobiografische Erfahrungen sozialer Ausgrenzung mit einfließen. Sein Quasimodo ist kein körperlich deformierter Mensch, sondern ein psychisch verletzter Außenseiter – ein Mensch, der von seiner Isolation gekennzeichnet ist. Seine schweren, manchmal unkontrolliert wirkenden Bewegungen verdeutlichen das. Er kennt die Gesellschaft nicht, nicht deren Verhalten. Aus der Ferne beobachtet er das Treiben, vergnügt sich mit Wasserspeiern und Glockenseilen. Nur seine Gestik enthüllt ein verborgenes empfindsames Ich. Der Choreograph schafft mit Quasimodo eine zeitlose Figur, deren Erfahrung sozialer Maskierung auf viele Menschen unserer Gegenwart zutrifft.

 

Ein Höhepunkt des abends ist der innige Pas de deux zwischen Quasimodo und Esmeralda. Ihre Umarmungen und fließenden Bewegungen verschmelzen zu einem organischen Ganzen. Quasimodo lässt sie in seinen Armen schwingen, als Metapher für die Glocken Notre-Dames beeindruckend.

 

Auf die choreografische Gestaltung der Frollo-Figur legte der Intendant besonderen Wert. Die Ambivalenz – das Spannungsfeld zwischen Macht, geistlicher Würde und zerstörerischer Besessenheit durchzieht die Gesamtinszenierung. Abrupte, kantige Bewegungen offenbaren seine inneren Kämpfe. Beklemmend intensiv wirken die Momente, in denen er scheinbar mit der Finsternis der Kathedrale verschmilzt und in seinem eigenen Schattenreich verschwindet, eins mit der dunklen Seite seiner Seele.

 

Esmeralda bildet den schillernden Gegenpol zu beiden männlichen Figuren. Leicht, frei, voller Sinnlichkeit und Lebensfreude, zieht sie ihre Umgebung in den Bann. Mit ihrem Tanz vermittelt sie die pulsierende Lebendigkeit des Volkes und sorgt für emotionale Höhepunkte

 

Bühnenbild

Hakobyan konnte den renommierten Bühnenbildner Ramon Ivars für die Gestaltung des Bühnenbildes gewinnen. Die monumentale Nachbildung der Kathedrale Notre-Dame fasziniert, kombiniert mit mobilen Elementen, beeindruckenden Lichtspielen und kunstvollen Schattenräumen, wird eine sakrale Atmosphäre erzeugt. Das Bühnenbild bleibt stets in Bewegung, Figuren tauchen aus der Dunkelheit auf und verschwinden wieder. Besonders Frollos Verschwinden in der Schwärze des Raums hinterlässt einen starken Eindruck.

 

Ensemble

Das Ensemble des Aalto -Balletts verleiht dem Abend eine enorme Dynamik und Vielfalt. Mit hoher Ausdruckskraft und präziser Körperlichkeit gelingt es den Tänzerinnen und Tänzern tiefste emotionale Konflikte sowie Lebensfreude sichtbar zu machen. Neben lebhaften Gruppenszenen sind Momente tiefster Verzweiflung zu sehen.

 

Musik

Die musikalische Gestaltung trägt maßgeblich zum Erfolg des Abends bei. Dramatische spätromantische Klangräume mit Werken von Korngold, Rachmaninow und Schostakowitsch unterstreichen die Figurenkonstellationen und tragen zur Intensivierung der Atmosphäre bei. Für Esmeralda komponierte Wolfram-Maria Märtig ein eigenes Musikstück, nachdem trotz intensiver Recherche keine passende Musik für sie gefunden werden konnte.

 

Fazit:

Ein eindrucksvoller Ballett-Abend mit einem hervorragend tanzenden Ensemble - auch den Schüler: innen des Werdener Gymnasiums ist zu danken. Ein Abend, der noch lange nachhallt – alle, die Tanz, Dramatik und die Magie großer Geschichten lieben, dürfen den „Glöckner von Notre-Dame“ keinesfalls versäumen.

 

Ursula Harms-Krupp

25.11.2025